Glättli Balthasar · Nationalrat · 2025-03-11
Glättli Balthasar · Nationalrat · Zürich · Grüne Fraktion · 2025-03-11
Wortprotokoll
Die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält, ist eine spannende, eine wichtige Frage. Diese Initiative gibt uns die Gelegenheit, darüber zu sprechen, dass in einer Gesellschaft nicht nur Arbeit geleistet wird, die entlöhnt ist, sondern ebenso wichtige Arbeit geleistet wird, die nicht entlöhnt wird. Das führt auch dazu, dass wir über unsere Rollen sprechen müssen, dass wir nicht nur "Bourgeois", sondern auch "Citoyens" sind. Darum heisst die Initiative ja "Service-citoyen-Initiative".
Wir hatten schon früh, lange vor der Parlamentsdebatte, eine Diskussion bei uns in der Grünen Fraktion. Was mich an der Vertretung der Initianten und Initiantinnen, die versuchten, uns die Initiative näherzubringen, begeisterte, war, mit welcher Überzeugung sie vom Wert der freiwilligen Arbeit sprachen. Aber die gleiche Begeisterung hat mir auch das stärkste Argument gegen diese Initiative gegeben, denn Freiwilligkeit ist Freiwilligkeit, und Freiwilligkeit lässt sich nicht verordnen. Gemeinsinn kann man den Leuten nicht gesetzlich einpflanzen oder auferlegen. Genau das ist es aber, was eigentlich die Vision ist. Vielleicht ist es im positiven Sinne der Glaube, okay, wir können gemeinsam mehr machen. Aber es ist dann eben auch eine sehr negative Grundhaltung drin, die davon ausgeht, es passiere nichts, wenn man es nicht staatlich verordne.
Das Gegenteil ist der Fall. Mein Vorredner, Fabien Fivaz, hat es gesagt, er hat aufgezählt, wie viele Millionen und Abermillionen von Stunden Menschen, Männer und Frauen, heute freiwillig in die Gesellschaft investieren, sei es bei Sport, Kultur, Umwelt, sei es - in vielen Fällen als Politikerinnen und Politiker auch quasi fast oder ganz für Gotteslohn - in den Parteien, NGO, Komitees oder sei es bei der Unterstützung von Verwandten oder Bekannten, Nachbarinnen mit gesundheitlichen oder sozialen Problemen. Ja, in der Care-Arbeit, darüber wird man heute sicher noch länger sprechen, wird ein grosser Teil der Stunden unbezahlt geleistet: Von den 2,8 Milliarden Stunden werden zwei Drittel von den Frauen erbracht, davon vier Fünftel unbezahlt.
Vielleicht sollten wir uns, bevor wir Freiwilligkeit verordnen, überlegen, wie wir diejenigen, die sich eben schon freiwillig in die Gemeinschaft einbringen, besser unterstützen, wie wir das vielleicht stärker ermöglichen können. Das ist der indirekte Gegenvorschlag, der sagt, dass Zeit für nicht bezahlte Arbeit freizuräumen ist, und davon ausgeht, dass wir so diese Arbeit auch fairer zwischen Männern und Frauen aufteilen können. Es ist nicht so, dass Männer übers Ganze gesehen weniger Freiwilligenarbeit leisten. Es ist aber natürlich schon so, dass es in anderen Rollen ist und verbunden mit einer auch gesellschaftlich anderen Anerkennung. Bei der klassischen Rollenteilung ist es dann sehr oft die Frau, die das macht, was sie "natürlich" macht, nämlich zu anderen Menschen, seien es Kinder oder Eltern, zu schauen.
Ich muss Ihnen schon sagen, bei aller Faszination für die Debatte und die Fragestellungen, die aufgeworfen wurden: Für mich ist das eritreische Modell des Zwangsnationaldienstes am Ende sicher keine Option, zu der wir Grünen Ja sagen können. Wir glauben vielmehr, dass wir in dieser Gesellschaft so liberal sein müssten, dass wir an Freiwilligenarbeit[NB]glauben,[NB]weil[NB]sie eben aus innerem Antrieb, aus Verantwortungsbewusstsein und nicht als gesetzliche Pflicht geleistet wird.
Es gibt noch ein paar andere Probleme. Die ganze Freiwilligkeit ist am Schluss eben doch hierarchisiert, auch in der Initiative. Man kann sagen, es ist faktisch eine Initiative, die primär dafür sorgt, dass alle Bedürfnisse der Armee gedeckt sind. Diese Hierarchisierung ist nicht unbedingt diejenige, die wir machen würden, wenn es denn ein Ja zur Initiative gäbe. Die Initiative leistet aus meiner Sicht auch keinen Beitrag, um dann eben die freiwillige Freiwilligenarbeit zu stärken. Wenn ich mir eine Gesellschaft vorstelle, in welcher der Gemeinsinn aufoktroyiert ist, dann kann ich mir schwer vorstellen, dass es danach mehr und nicht weniger Leute gibt, die in wirklicher Freiwilligkeit zu unserem Gemeinwesen beitragen.
Sagen Sie Nein zu dieser zwar spannenden, aber irreführenden und falschen Initiative, und geben Sie ein Zeichen für echte Freiwilligenarbeit. Es wird nicht durchkommen. Ich sage sonst immer, wir sollten hier nicht Zeichen setzen, sondern Entscheide fällen. Ich glaube aber leider, der Entscheid für mehr Arbeitsbefreiung wird heute nicht stattfinden - sollte er stattfinden, würde es uns freuen -, aber zeigen Sie wenigstens, dass Freiwilligkeit eben Freiwilligkeit bedeuten sollte.
In diesem Sinne: Sagen Sie Nein zur Initiative und Ja zum indirekten Gegenvorschlag.