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Barandun Nicole · Nationalrat · 2025-03-19

Barandun Nicole · Nationalrat · Zürich · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2025-03-19

Wortprotokoll

Zuerst möchte ich den Initiantinnen und Initianten der Service-citoyen-Initiative meine Anerkennung aussprechen. Ihr Anliegen ist verständlich und berechtigt. Sie wollen den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und das Milizsystem neu beleben. Der Gedanke, dass alle Bürgerinnen und Bürger zum Gemeinwohl beitragen sollen, ist grundsätzlich unterstützenswert und gut. Doch gerade aus der Perspektive der Frauen und der Arbeitswelt sehe ich auch erhebliche praktische Probleme.

Ich habe mich stets für gleiche Rechte und Pflichten eingesetzt. Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist für mich eine Grundüberzeugung, die ich in meiner politischen Arbeit immer vertreten habe. Doch hier habe ich auch persönlich erst einmal ein Problem. Diese Initiative führt nicht zu echter Gleichstellung, sondern zu neuen strukturellen Nachteilen für die Frauen, auch wenn ich gleichzeitig anerkennen muss, dass die Wehrpflicht ausschliesslich für Männer eine Ungleichheit darstellt. Aber diese Ungleichheit hat ihr Korrelat in der Mutterschaft. Diese Initiative würde Frauen nicht nur in die Dienstpflicht einbinden, sondern gleichzeitig ihre Mehrfachbelastung verschärfen. Frauen, das wissen wir, leisten bereits heute den Grossteil der unbezahlten Care-Arbeit, sei es in der Kinderbetreuung, der Pflege von Angehörigen oder bei anderen familiären Aufgaben. Eine allgemeine Dienstpflicht könnte dazu führen, dass Frauen neben Beruf und Familie eine zusätzliche Verpflichtung übernehmen müssten, ohne dass diese unbezahlte Arbeit, die sie sowieso schon übernehmen, in gleicher Weise anerkannt würde. Das gilt ganz besonders für alleinerziehende Mütter.

Ein weiterer kritischer Punkt betrifft die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, und das gilt nun für alle, Männer und Frauen. Schon heute kämpfen viele Branchen mit Personalmangel. Die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht würde noch mehr Menschen aus dem Berufsleben herausnehmen, und das in einer Zeit, in der Fachkräfte dringend benötigt werden. Der Spengler in der Pflege, der Lehrer bei der Waldpflege - wieso setzen wir diese Menschen nicht dort ein, wo sie auch ihr Fachwissen einbringen können? Statt eine starre Dienstpflicht einzuführen, sollten wir uns vielmehr überlegen, wie wir das freiwillige Engagement attraktiver gestalten und den Einsatz von Menschen dort fördern, wo er wirklich gebraucht wird.

Schliesslich stellt sich auch die Frage der Vereinbarkeit mit der Mutterschaft. Wird die Mutterschaft als gleichwertiger Beitrag anerkannt, oder sehen wir hier eine erneute Benachteiligung? Frauen werden wohl erst nach der Erfüllung der Dienstpflicht Mutter werden. Das bedeutet, dass sie erst während des Service citoyen im Beruf und im Studium fehlen und anschliessend allenfalls während der Schwangerschaft und dann im Mutterschaftsurlaub nochmals. Das führt dazu, dass Frauen insgesamt häufiger aus dem Erwerbsleben herausfallen, was sich wiederum negativ auf Karriere und Einkommen auswirkt.

Es scheint mir zudem ein Paradox zu sein, dass eine Initiative, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Engagement stärken möchte, dies durch Zwang erreichen will. Wahres freiwilliges Engagement entsteht aus Überzeugung und nicht aus Pflicht. Die Gefahr besteht, dass die Aufgabe nur aus Pflichtgefühl statt aus Motivation erfüllt wird. Das ist eigentlich genau das Gegenteil dessen, was die Initianten eigentlich beabsichtigen.

Der Service citoyen würde wohl auch dazu führen, dass diese verpflichtende Dienstpflicht die wahre freiwillige Arbeit entwerten würde. Wer sich jahrelang in der Pfadi, in der Jugendarbeit oder in sozialen Projekten engagiert, tut dies aus Überzeugung und oft auch schon in sehr jungen Jahren.

Wir brauchen mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt, ja. Aber wir sollten weder zusätzliche Hürden für Frauen schaffen noch den Arbeitsmarkt schwächen. Stattdessen sollten wir bestehende Strukturen stärken, freiwilliges Engagement gezielt fördern und die Menschen dort einsetzen, wo sie tatsächlich einen Unterschied machen können.