Rechsteiner Thomas · Nationalrat · 2025-12-17
Rechsteiner Thomas · Nationalrat · Appenzell I.-Rh. · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2025-12-17
Wortprotokoll
Die Ernährungs-Initiative mit dem schönen, aber etwas verklausulierten und umständlichen Titel "Für eine sichere Ernährung - durch Stärkung einer nachhaltigen inländischen Produktion, mehr pflanzliche Lebensmittel und sauberes Trinkwasser" tönt eigentlich recht gut. Sie sieht die Stärkung der Selbstversorgung vor und verlangt unter anderem, dass die Land- und Ernährungswirtschaft vermehrt auf die Produktion und den Konsum von pflanzlichen statt tierischen Lebensmitteln ausgerichtet wird. Warum empfehle ich Ihnen trotz dem verführerischen Titel die Ablehnung dieser Volksinitiative? Es sind vor allem vier Gründe.
1.[NB]Die Schweiz ist ein Grasland, ein Land von Milch und Kühen - wir pflegen dieses Image auch im Tourismus - und daher für die Milch- und Fleischproduktion geradezu prädestiniert. Eine zu hohe pflanzliche Produktion ist aus volkswirtschaftlicher Sicht wenig sinnvoll und viel zu teuer. Die Nachteile wären im Vergleich zum Ausland wesentlich grösser. Die von der Volksinitiative verlangte Verlagerung von der tierischen[NB]zur[NB]pflanzlichen[NB]Produktion[NB]ist[NB]daher abzulehnen.
2.[NB]Eine Schwächung der tierischen Produktion betrifft vor allem die Randregionen und die Berggebiete, die aus klimatischen und topografischen Gründen nur beschränkt in der Lage sind, auf den Pflanzenbau zu setzen. Dies gilt auch ganz[NB]besonders für meinen Kanton, den Kanton Appenzell Innerrhoden, mit dem schweizweit prozentual höchsten Beschäftigtenanteil in der Landwirtschaft. Unsere Bauern leben primär von der Milch- und Fleischproduktion und können nicht einfach auf den Pflanzenbau ausweichen. Weder Topografie noch Bodenbeschaffenheit noch die klimatischen Verhältnisse in der voralpinen Hügelzone mit den vier Jahreszeiten sprechen für den Beginn einer Anbauschlacht im Pflanzenbau.
3.[NB]Zu viel Staat: Wie der Bundesrat in seiner Botschaft ausführt, wären die Ziele der Initiative nur mit noch mehr staatlichem Interventionismus erreichbar. Für die verlangte Steigerung des Selbstversorgungsgrads von heute 46 auf mindestens 70 Prozent bei gleichzeitiger Realisierung der Umweltziele für die Landwirtschaft bräuchte es massive staatliche Eingriffe in die Produktion und den Konsum von Lebensmitteln. Wollen wir wirklich noch mehr Vorschriften für die Bauernfamilien, die bereits unter der Agrarbürokratie leiden, und eine Gängelung der mündigen Konsumentinnen und Konsumenten? Ich will das jedenfalls nicht.
4.[NB]Die Massnahmen sind schon in Arbeit. Der Bundesrat wird voraussichtlich bereits im nächsten Jahr Massnahmen zur Stärkung der Wertschöpfung in der Land- und Ernährungswirtschaft sowie zur dringend notwendigen administrativen Entlastung der landwirtschaftlichen Betriebe vorschlagen. Das ist die perfekte Gelegenheit und auch viel effizienter, um berechtigte Teilaspekte der Ernährungs-Initiative auf Gesetzesstufe im Rahmen der Weiterentwicklung der Agrarpolitik ab 2030 aufzunehmen, ohne unsere Bundesverfassung ändern zu müssen.
Aus all diesen Gründen ersuche ich Sie, dem Bundesrat zu folgen und die Ernährungs-Initiative Volk und Ständen ohne direkten Gegenvorschlag zur Ablehnung zu empfehlen. Ich und viele Innerrhoderinnen und Innerrhoder, die von dieser Initiative in unserem starken Agrarkanton besonders negativ betroffen wären, danken Ihnen herzlich dafür.