Gutjahr Diana · Nationalrat · 2026-04-29
Gutjahr Diana · Nationalrat · Thurgau · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2026-04-29
Wortprotokoll
Dieses Postulat, das ich, wie erwähnt, von der ehemaligen Kollegin Bircher übernommen habe, verlangt weder einen Ausbau des Bundes noch neue Programme. Es erteilt einen klar begrenzten Prüfauftrag: Soll die frühe Sprachentwicklung ergänzend als Teil der Gesundheitsförderung betrachtet werden?
Heute begleiten wir Kinder im Rahmen der Vorsorge sehr eng. Bei kinderärztlichen Untersuchungen werden Grösse, Gewicht, motorische Entwicklung und allgemeine Entwicklungsmeilensteine erfasst. Ziel all dieser Massnahmen ist die Früherkennung, damit Eltern frühzeitig Hinweise erhalten, wenn sich ein Kind nicht altersgerecht entwickelt. Die berechtigte Frage lautet daher, weshalb dieses präventive Prinzip nicht auch für die sprachliche Entwicklung gilt, ist Sprache doch eine zentrale Voraussetzung für Lernen, soziale Beziehungen und eine erfolgreiche Schullaufbahn. Der Grund liegt darin, dass Sprachförderung historisch der frühkindlichen Bildung zugeordnet wurde und damit vor allem in die Zuständigkeit der Kantone fällt, während die Gesundheitsförderung bundesweit koordiniert wird. Dadurch gerät ein zentraler Entwicklungsbereich heute zwischen die Zuständigkeiten. Die Folgen zeigen sich zunehmend deutlich.
Gemäss Begründung des Postulates weisen immer mehr Kinder bereits im Vorschulalter sprachliche Defizite auf. Als Gründe werden unter anderem der steigende Anteil von Kindern ohne Landessprache sowie ein übermässiger Medienkonsum bei Kleinkindern genannt. Der Medienkonsum ist zwar Teil der Gesundheitsförderung, wird jedoch kaum im Zusammenhang mit der Sprachentwicklung thematisiert. Die Forschung ist eindeutig: Sprachförderung hat den grössten Einfluss auf die kognitive Entwicklung eines Kindes. Studien zeigen, dass Kinder aus sprachlich anregenden Umfeldern bis zum Alter von drei Jahren bis zu 45 Millionen Wörter hören, während Kinder aus spracharmen Umfeldern oft nur rund 15 Millionen Wörter hören. Diese Differenz von rund 30 Millionen Wörtern ist keine Randnotiz, sondern wirkt sich direkt und langfristig auf die Schullaufbahn, die Ausbildungschancen und letztlich auf die gesellschaftliche Integration aus.
Besonders wichtig ist mir dabei eines: Dieses Postulat entbindet die Eltern nicht von ihrer Verantwortung, sondern stärkt sie. Eltern entscheiden, wie sie mit ihren Kindern sprechen, welche Sprache sie fördern und wie viel Medienkonsum sie zulassen. Diese Verantwortung liegt unbestritten bei den Familien. Damit Eltern ihr gerecht werden können, benötigen sie jedoch klare, einheitliche und faktenbasierte Informationen. Heute erhalten sie von Ärzten, Beratungsstellen oder Betreuungseinrichtungen teilweise widersprüchliche Empfehlungen, etwa zur Sprachwahl oder zum frühen Mediengebrauch. Der Wert des frühen Erwerbs einer Landessprache vor dem Eintritt in den Kindergarten wird nach wie vor unterschätzt.
Ein Blick in die Kantone zeigt, dass das Problembewusstsein vorhanden ist. Auch im Kanton Thurgau wird vor dem Schuleintritt abgeklärt, ob Kinder sprachlich ausreichend vorbereitet sind. Diese Abklärungen erfolgen jedoch häufig erst kurz vor dem Kindergarten, also zu einem Zeitpunkt, an dem wichtige Entwicklungsjahre bereits verstrichen sind.
Das Postulat will nichts ersetzen, sondern ergänzen. Wenn Sprache als Teil der Gesundheitsförderung mitgedacht wird, geht es um Sensibilisierung, Koordination und frühe Orientierung, nicht um neue Vorschriften. Entscheidend ist dabei: Bei einer Annahme bleiben die kantonalen Zuständigkeiten vollständig gewahrt; es erfolgt keine Verschiebung zum Bund.
Wenn Kinder zunehmend mit sprachlichen Rückständen ins Schulsystem eintreten, ist dies ein klares Frühwarnsignal. Wenn wir Grösse und Gewicht erfassen, um gesundheitsrelevante Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, ist es nur konsequent, auch die sprachliche Entwicklung präventiv mitzudenken, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Ich bitte Sie deshalb, diesem Postulat zuzustimmen.