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Kälin Irène · Nationalrat · 2026-06-09

Kälin Irène · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2026-06-09

Wortprotokoll

Ich komme aus dem Kanton Aargau, dem AKW-Kanton, der mit Beznau 1 das älteste AKW der Welt beherbergt. Beznau 1 läuft seit 1969 - 1969! 1969 schien Atomkraft die Zukunft zu sein. In jenem Jahr liefen die ersten Kassettenspieler vom Band, heute gibt es keine Kassetten mehr. Das Telex war modernste Unternehmenskommunikation, heute kennt es kaum noch jemand. Der Dia-Abend, das Familienalbum seiner Zeit, wurde inzwischen längst abgelöst von etwas Besserem. Alle diese Technologien galten damals als Fortschritt, und dann kam etwas Neues. Nur bei der Atomkraft sollen wir innehalten und sagen, nein, hier bleiben wir, hier drehen wir sogar zurück, trotz aller Risiken, trotz aller Kosten. Das ist keine Energiepolitik, das ist gefährliche Nostalgie.

Doch genau das will die Blackout-Initiative: zurück in die Vergangenheit - in der irren Hoffnung, dass eine neue AKW-Generation die Probleme der Zukunft dereinst lösen kann. Die Initiative behauptet, sie wolle Versorgungssicherheit erreichen. Wer Jahrzehnte plant, Jahrzehnte baut und Jahrzehnte wartet, der plant nicht für die Zukunft, der plant für die Vergangenheit; es würden Milliarden investiert in Kraftwerke, die frühestens in den 2050er-Jahren Strom liefern werden, falls überhaupt. Bis dann ist die Energiewende längst vollzogen, denn die Sonne scheint schon, der Wind weht schon, das Wasser fliesst schon. Wir müssen diese Energien nicht einmal erfinden, wir müssen sie nur endlich konsequent nutzen.

Und der Gegenvorschlag? Der Gegenvorschlag setzt die Ziele der Initiative um, einfach ohne die Initiative. Er hebelt das Neubauverbot aus, das die Schweizer Bevölkerung in mehreren Abstimmungen bestätigt hat. Er dreht die Energiestrategie 2050 zurück, er tut so, als hätten wir nichts entschieden. Aber wir haben entschieden, das Volk hat entschieden, mehrfach und zu Recht, denn neue Atomkraftwerke sind teuer; Finnland, England und Frankreich zeigen es. Deshalb tun wir uns wohl auch so schwer damit, einen Preis zu nennen oder überhaupt kennen zu wollen. Denn der Preis, der ist offen, offen nach oben.

Selbst unter idealen Baubedingungen würden die AKW zu spät stehen; bis sie stehen, hat die Energiewende längst stattgefunden, hat sie längst stattfinden müssen. Und sie schaffen neue Abhängigkeiten von Uranlieferanten, von autoritären Staaten, von Lieferketten, die wir nicht kontrollieren können. Das ist keine Versorgungssicherheit, das ist keine Unabhängigkeit, das ist Selbsttäuschung. Echte Versorgungssicherheit sieht anders aus: Solar-, Wind- und Wasserkraft, Speicher und Effizienz; Investitionen in eine Energie, die uns wirklich gehört, die niemand abschalten kann, und vor allem in eine Energie, die keinen Atommüll hinterlässt. AKW produzieren Strom für Jahrzehnte; Atommüll strahlt während Jahrtausenden. Und bis heute gibt es keine endgültige Lösung für radioaktive Abfälle.

Ja, ich komme aus dem Kanton Aargau, ich komme aus dem AKW-Kanton, und gerade deshalb weiss ich: Atomkraft ist keine Zukunftsvision. Atomkraft ist das Versprechen aus dem letzten Jahrtausend. Denn die Frage ist nicht, welche Energie gestern funktioniert hat, die Frage ist, welche Energie morgen trägt. Die Antwort liegt nicht im Reaktor, sie liegt auf unseren Dächern, in unseren Tälern, in unseren Flüssen und Seen und in den Speichern.

Darum sage ich Nein zur Initiative, darum sage ich Nein zum Gegenvorschlag - und damit sage ich Ja zu einer Energiezukunft für unser Land und für die kommenden Generationen. Denn ja, ich komme aus dem AKW-Kanton, aber unsere Kinder sollen nicht aus der AKW-Schweiz kommen, sie sollen aus einem Land kommen, das den Mut hatte und weiterhin hat umzusteigen.

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