Wyss Ursula · Nationalrat · 2000-06-05
Wyss Ursula · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2000-06-05
Wortprotokoll
Als aufmerksame und verantwortungsbewusste Repräsentantinnen und Repräsentanten haben Sie in den letzten Wochen und Tagen bestimmt alle Diskussionen zum Pro und Kontra Stimmrechtsalter 16 in den Medien ausgiebig verfolgt. Sie haben zudem ein sehr umfassendes Argumentarium des Komitees Stimmrecht 16 der Jugendorganisationen und der Jungparteien zugeschickt bekommen.
Ich will meine knappe Zeit darum darauf konzentrieren, zu zeigen, warum der Einbezug der jungen Generation für die ganze Gesellschaft von grosser Bedeutung ist. Bei der Forderung Stimmrechtsalter 16 geht es mir nämlich keineswegs [PAGE 495] nur um die Absenkung der Altersgrenze. Diese Forderung ist auch deshalb wichtig, weil es dabei um die gefährdete Kontinuität in der Generationenfolge geht. Wer wie unsere schnelllebige Gesellschaft kontinuierlich auf Innovationen angewiesen ist, darf den Funkkontakt zu den Heranwachsenden nicht verlieren. Es ist symptomatisch, dass der amerikanische Präsident in Fragen der Datensicherheit den Rat von Schülern und Studenten einholt, weil er sich von seinen ergrauten Beamten wenig Zukunftsweisendes erhoffen kann.
Mit der Befürwortung dieser Forderung signalisieren wir der jungen Generation: Ihr werdet gebraucht, Eure Stimme und Meinung zählen, es geht um Eure Sache, um Eure Zukunft. Ein wenig seltsam mutet es schon an, wenn sich nun alle Welt Gedanken um die politische Reife und Urteilskraft der Jungen macht, während wir Erwachsene es als geradezu unanständig empfänden, wenn man bei uns ebensolche Zweifel anbringen würde.
So manche Stammtische vor Augen, kommt mir der Verdacht, dass hier mit allzu unterschiedlichen Messlatten gemessen wird. Wie steht es mit jenen Berufsgruppen, die sich bei Wahlen und Abstimmungen nur dem Tellerrand ihres engen Eigeninteresses verpflichtet fühlen? Fast schon liegt der Umkehrschluss nahe, dass gerade die Jungen die Einzigen zu sein scheinen, die die Welt noch nicht ausschliesslich durch die Brille ihrer Berufs- und Besitzstandängste sehen, sondern sich gelegentlich noch den Luxus von Visionen und Idealen für eine bessere und solidarischere Gesellschaft leisten.
Sicher gibt es jene, die anderes im Kopf haben, die nicht abstimmen gehen. Wir sollten aber jene ermutigen, bei denen das im Staatskundeunterricht Erlernte noch frisch ist und die sich die Mühe nehmen, sich sachkundig zu machen, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Wir sollten ihnen Bühnen zur Teilnahme am öffentlichen Leben bieten.
Wenn in der politischen Berichterstattung auf keinem Foto junge Gesichter auftauchen, in denen sie sich wiedererkennen können, und wenn allein die Mitfünfziger mit Bauchansatz und einem Kranz grauer Haare das Bild beherrschen, sollte es uns nicht wundern, wenn die Jungen den Eindruck gewinnen, dass sie in der Politik nichts verloren haben und weder gefragt noch gemeint sind. Durch Appelle und Sonntagsreden ist dieser Eindruck nicht zu korrigieren, wohl aber durch ein effektives Angebot zur Mitwirkung: Schwimmen lernt man im Wasser, Verantwortung tragen durch die Übernahme von Verantwortung.
Wenn Sie dem Anliegen Stimmrecht 16 zustimmen, kommen Sie nicht nur einem modischen Jugendanliegen nach, Sie nehmen darüber hinaus die Chance wahr, etwas Entscheidendes für den gesellschaftlichen Zusammenhalt über die Grenzen der Generationen hinweg zu tun. Wodurch könnte man die Gesprächsfähigkeit zwischen den Generationen besser fördern als dadurch, jenen das Stimmrecht zu verleihen, auf deren Stimme es morgen so sehr ankommen wird?