Hollenstein Pia · Nationalrat · 2000-06-06
Hollenstein Pia · Nationalrat · St. Gallen · Grüne Fraktion · 2000-06-06
Wortprotokoll
Mein Einzelantrag erübrigt sich, weil er mit dem Minderheitsantrag Hess Peter identisch ist. Ich beantrage Ihnen im Namen der grünen Fraktion, dem Minderheitsantrag zuzustimmen und damit den Betrag von 1 Million Franken für die Swissmetro-Abklärung nicht zu sprechen. Es gibt zu viele Gründe, die gegen das sinnlose Swissmetro-Projekt sprechen. Was keinen Sinn macht, braucht nach verschiedenen Projektabklärungen nicht weiter abgeklärt zu werden.
Wieso verdient die Swissmetro die Unterstützung des Bundes nicht? Schon vor zwei Jahren brachte es Professor Brändli, Verkehrsplaner an der ETH Zürich, in der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Ständerates auf den Punkt: "Vor knapp 40 Jahren scheiterten gute Ideen oft an der Machbarkeit, und heute scheitern neue Produkte oft am Markt, weil zur schönen Lösung kein adäquates Problem zu finden und damit die Zweckmässigkeit auch nicht gegeben ist. Denn die Geschwindigkeitsvorteile einer Swissmetro kommen nur bei grossen Haltepunktabständen zum Tragen, und das Luftschloss Swissmetro ist nicht kompatibel mit dem übrigen Verkehrssystem." So kommt denn auch ein Bericht vom Sommer 1999 zuhanden der nationalrätlichen KVF zum Schluss: "Die technische Reife des neuen Verkehrsmittels Swissmetro ist bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht nachgewiesen."
Ausser in Comicstrips gibt es auf der ganzen Welt kein wirtschaftlich genutztes Vakuum-Verkehrssystem - und darum handelt es sich beim Swissmetro-Projekt. Die in den USA in den Siebzigerjahren unternommenen Versuche wurden [PAGE 533] wegen der prohibitiven Kosten und wegen der sehr hohen potenziellen Risiken aufgegeben. Wenn ein solches Projekt im Land der tausend Möglichkeiten scheitert, wie soll dann in unserem dicht besiedelten Land, wo ein Zughalt alle paar Kilometer Sinn macht, ein unterirdisches Highspeed-System je zu realisieren sein?
Wir müssen einsehen, dass sehr hohe Geschwindigkeiten nur über lange Distanzen sinnvoll sind, also nur bei über 100 Kilometern zwischen den Halten, nicht aber bei mittleren Entfernungen von etwa 60 Kilometern von Stadt zu Stadt. Die Konzeption der Swissmetro würde dazu beitragen, die rentabelsten Verkehrsströme, den Personenverkehr von Stadt zu Stadt, an sich zu ziehen, und die weniger rentablen Verkehrsströme, den Güterverkehr und den regionalen Personenverkehr, auf dem klassischen Netz zu belassen. Dieses Absahnen hätte für die Gesamtheit des schweizerischen Eisenbahnsystems verheerende Folgen. Es macht auch keinen Sinn, an einem Verkehrssystem zu forschen, das nicht europakompatibel ist.
Unsere Nachbarn, die in Europa und in der ganzen Welt höchst leistungsfähige Eisenbahntechnologien vermarkten, sind daran nicht interessiert. Es könnte als Zeichen helvetischer Isolation betrachtet werden, wenn die Schweiz eine nicht europakompatible Technologie wie die Swissmetro wählte.
Noch kurz zum Aspekt der Sicherheit: Das Prinzip der Swissmetro, deren Fahrzeuge die Tunnelröhre restlos ausfüllen, macht ein Flucht- und Evakuationskonzept für die Passagiere überall im Tunnel unmöglich. Sollte ein Brand oder eine Explosion eine Swissmetro-Komposition mitten im Tunnel zum Stillstand bringen, müsste den Passagieren über die Bordinformation mitgeteilt werden, dass sie sich unglücklicherweise weder in einer Untergrundbahn noch in einem Eisenbahnzug, sondern in einer Rakete ohne Fallschirm und ohne Fluchtwege befinden, so Professor Bovy, Planungsexperte an der ETH Lausanne.
Die Swissmetro wirbt für ihr Projekt mit dem Slogan: "Die Schweiz braucht Visionen." Natürlich braucht die Schweiz Visionen, aber nicht Planungsleichen. Die Schweiz verfügt bereits heute über das dichteste Verkehrsnetz der Welt. Auch punkto Verkehrsleistung nimmt die Schweiz einen Spitzenplatz ein. Die Strecke von Zürich nach Genf unterirdisch in 57 Minuten zurückzulegen: Ist es wirklich das, was Menschen brauchen, um glücklich zu sein? Ist es wirklich eine Lebensverbesserung, als "High-Speed-Maulwurf" in einer Vakuumröhre raketenartig von A nach B zu gelangen?
Wenn ein Projekt wie die Swissmetro Sinn macht, dann zweifelsohne nur in internationalen Dimensionen. Wenn schon geforscht werden soll, muss das Projekt europäische Dimension bekommen. Dies bedeutet aber klar eine Mitfinanzierung durch Brüssel. Denn ein System, wie es die Swissmetro werden soll, ist auf grosse Distanzen angewiesen. Wieso nicht von Brüssel nach Mailand eine Metro-Verbindung? Dann könnte allenfalls eine Rentabilität in Aussicht gestellt werden, und wenn die Rentabilität gegeben ist, werden sich genügend private Investoren finden lassen.
Nach den Grundsatzentscheiden für "Bahn 2000", für die Neat, den Lärmschutz und die Anschlüsse ans europäische Hochgeschwindigkeitsnetz sind Forschungsgelder in die Swissmetro unzumutbare Geldverschwendung, auch wenn es sich hier nur um eine Million Franken handelt.
Ich bitte Sie, die vorgesehene Million nicht zu sprechen und den Antrag der Minderheit Hess Peter zu unterstützen, sich aber für das beschlossene ÖV-Konzept einzusetzen.