Nabholz Lili · Nationalrat · 2003-06-19
Nabholz Lili · Nationalrat · Zürich · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2003-06-19
Wortprotokoll
Sie alle kennen den etwas lockeren, in diesem Haus kursierenden Spruch, der besagt: Wenn ein italienischsprachiges Ratsmitglied etwas durchbringen will, spricht es Deutsch, wenn es will, dass es mindestens angehört wird, spricht es Französisch, wenn es im Tessiner Fernsehen kommen will, spricht es Italienisch. Das mag ja ein lustiger Spruch sein, aber er verbirgt eine etwas traurige Wahrheit, nämlich dass die dritte Amtssprache, die nach der Verfassung mit den beiden anderen Amtssprachen, Deutsch und Französisch, gleichberechtigt ist, in diesem Rat ein sehr stiefmütterliches Dasein fristet. Gestern hat Herr Ständerat Dick Marty dies im Ständerat zu Recht hervorgehoben, indem er sagte: "Wenn ich in meiner eigenen Landessprache, in meiner eigenen Muttersprache eine Debatte verfolgen will, dann kann ich das eigentlich nur im Europarat tun, wo die Voten automatisch simultan auch ins Italienische übersetzt werden."
Ich denke, wir haben alle mit Überzeugung dem Sprachenartikel in der Bundesverfassung zugestimmt. Es ist darum eine Verfassungswidrigkeit, dass in diesem Rat nur auf Deutsch und Französisch simultan übersetzt und das Italienische einfach als Quantité négligeable angesehen wird.
Selbstverständlich ist das kein neuer Gedanke, den ich hier mit meinem Antrag einbringe, sondern es ist eigentlich ein politischer Ladenhüter. Jedes Mal, wenn dieser aufgetischt wird, kommt sofort das Argument, das koste zu viel. Wir alle wissen aber, dass es in unserem Land gewisse Eckpfeiler gibt, die zu seiner Identität gehören und auf die wir stolz sind. Dazu gehört die Mehrsprachigkeit. Bald ist wieder der 1. August, und viele unter uns werden durch die Lande ziehen und in ihren Sonntagsansprachen die Viersprachigkeit, die Gleichberechtigung der drei grossen Kulturen lobpreisen. Wir sollten das jetzt einmal auch umsetzen, was wir in der Theorie als richtig und für dieses Land - als Faktor des Zusammenhaltes - als wichtig erachten.
Leider muss festgestellt werden, dass unsere italienischsprachigen Kolleginnen und Kollegen das Opfer ihrer eigenen Sprachtalente und ihrer eigenen Bemühungen sind, sich in den anderen Landessprachen und Amtssprachen verständlich zu machen. Sie lesen Dokumente in diesen Sprachen, sie argumentieren und votieren in einer Sprache, die nicht ihre Sprache ist. Das fällt nun auf sie selbst zurück. Ich denke, das ist ein Fehler. Es ist aber auch ein Fehler gegenüber all den interessierten Bürgerinnen und Bürgern, die heute via Internet unsere Ratsdebatten praktisch zeitgleich mitverfolgen können. Von all diesen Bürgerinnen und Bürgern kann man nicht erwarten, dass sie automatisch in allen Landessprachen gleich bewandert sind. Damit können sie die Überlegungen, die Voten, die Argumente, die unsere italienischsprachigen Kollegen in einer anderen Landessprache vorbringen, nicht verstehen, weil sie dieser Sprache nicht mächtig sind.
Die Technik ist heute so weit fortgeschritten, dass man ohne weiteres über Zweikanalton auch die anderen, simultan übersetzten Voten mithören könnte. Ich denke, wir sind es nicht nur unseren Kolleginnen und Kollegen, sondern auch unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern schuldig, dass das, was die Verfassung will, auch in diesem Rat geachtet wird.
Ich bitte Sie deshalb, diesen kleinen Schritt zu tun und der Simultanübersetzung auch in Italienisch zuzustimmen.