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Müller Geri · Nationalrat · 2005-06-16

Müller Geri · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2005-06-16

Wortprotokoll

Es müssen mehr Lehrstellen geschaffen werden. Ich nehme das Votum von Ursula Wyss gerne auf. Es muss mehr getan werden in der Frage der Berufsbildung, der Lehrstellen usw. Ich bin damit vollkommen einverstanden.

Aber wir müssen aufpassen bei den Rufen nach mehr. Wir müssen genau bleiben; wir müssen korrekt bleiben; wir müssen verschiedene Dinge voneinander unterscheiden.

1. Da ist zuerst einmal der Unterschied zwischen Jugendarbeitslosigkeit und Lehrstellenkrise. Ich muss darauf hinweisen, dass dies zwei verschiedene Dinge sind. Wir haben Lehrlinge, die einen Lehrabschluss gemacht haben, aber keine Arbeit finden. Das ist genauso wenig gut wie Jugendliche, welche die Schule abgeschlossen haben und keine Lehrstelle finden. Die Problematik ist aber eine komplett andere. Und diese Problematiken müssen wir voneinander unterscheiden.

2. Da ist die Frage der Lehrstellenkrise. Es ist eine Tatsache, dass wir für Lehrstellen keinen Markt mehr haben. Wir haben ungefähr so viele Lehrstellen, wie wir Lehrstellensuchende haben. Aber wie gesagt: Das grosse Problem ist, dass wir von beiden Seiten, von den Jugendlichen und von den Lehrstellenanbieterinnen, extrem hohe Flexibilität verlangen würden, wenn wir das zu einem 1:1-Ding machen würden. Machen wir uns nichts vor: Viele von ihnen wären nicht bereit, beispielsweise durch die ganze Schweiz zu reisen oder eine Lehrstelle in einer komplett anderen Branche anzunehmen als in jener, an der sie interessiert sind. Ich habe gestern gesagt, ich kenne die Situation aus persönlichen Gründen sehr gut. Ich habe sehr viele Lehrstellenabbrecher zu betreuen, die im falschen Beruf angefangen haben. Das ist auch ein schlechter Anfang. Die Idee ist nicht: Hauptsache, man macht irgendetwas.

Deshalb sind die Akteure auf verschiedener Ebene verschieden gefordert. Sie müssen verschiedene Dinge machen. Bei der Batterie von Vorstössen, die vorliegen, muss man ganz genau differenzieren: Es geht meines Erachtens ganz klar um eine Bundesaufgabe, wenn man sagt, der Bund soll dafür sorgen, dass internationale Firmen Lehrstellen anbieten. Ich nehme an, dass Kollege Randegger nachher auf die Problematik hinweist, was die internationalen Firmen von den Lehrlingen fordern. Er kommt dabei sicher auf die Sprache Englisch zu sprechen.

Ich finde, die Motion 04.3104 muss unbedingt angenommen werden, denn es handelt sich zwingend um eine Bundesaufgabe, die sicherlich im Verbund mit den Kantonen umgesetzt werden kann.

Ich möchte auch die Motion 05.3189 "Ausschöpfung der vorhandenen Mittel zugunsten junger Arbeitsloser" unterstützen, wenn sie in dem Sinne verstanden wird, dass die Bundesgelder, die im Bundesgesetz für Berufsbildung vorgesehen sind, für die Lehrstellen gesprochen werden; dann ist es okay. Der Anwendungsbereich der Mittel darf aber auf keinen Fall wiederum auf eine neue Gruppe von jungen Arbeitslosen ausgeweitet werden; das steht auch anders im Text drin. Sonst haben wir dort eine Zerstreuung der Mittel. Wie gesagt müssen Leute, die eine Lehre abgeschlossen haben, andere Formen der Unterstützung erhalten als Leute, die keine Lehrstelle gefunden haben.

Das Postulat Hofmann Urs ist meines Erachtens auch zu unterstützen; es greift die Frage des Übergangs von der Volksschule zur Berufsschule auf. Das ist aber eine Frage, welche ganz dezidiert mit den Kantonen bearbeitet werden kann. Da kann der Bund eine Leadership übernehmen und die Kantone sanft dazu zwingen, dort auch verbindliche Vorgaben zu machen. Es hat keinen Sinn, wenn wir nur aus der Sicht der Arbeitgeber und des Bundes über die Lehrstellen diskutieren. Wir müssen uns auch einmal Gedanken darüber machen, was aus der Volksschule heraus entsteht, und müssen schauen, welche Kantone beispielsweise bei der Lehrstellenbesetzung erfolgreicher sind als andere. Da gibt es riesige Unterschiede, und da könnten wir voneinander profitieren.

Zur Forderung nach einem Bericht zur Lehrstellensituation (Postulat 03.3621): na ja. Ich werde mich nicht dagegen wehren, aber der Bund hat schon verschiedenste Berichte gemacht. Mit Berichten schaffen wir keine Lehrstellen, wir schaffen höchstens weitere "Berichtsstellen". Aber wir müssen einfach einmal sehen, dass das Problem eigentlich erkannt ist; verschiedene Leute wissen das, und wir müssen die Massnahmen umsetzen.

Abschliessend zu den Basislehrjahren: Das Anliegen der Motion 05.3190 liegt mir am Herzen, und zwar aus einem anderen Grund als jenem, den Kollegin Galladé vorgestellt hat. Das grosse Problem bei den Lehrstellensuchenden sind die Leute, die in ihrer Karriere eine Schwierigkeit haben. Das sind rund 85 Prozent der Jugendlichen, die ohne Lehrstelle dastehen. Wir müssen für sie Situationen schaffen, damit sie die Chance für eine Lehrstelle erhalten. Das fängt vor allem beim ganz direkten Kontakt auf regionaler Ebene an. Das können wir nicht mit einem Beschluss machen, in dem wir in unspezifischer Art und Weise verlangen, dass die Arbeitgeber Basislehrjahre schaffen. Wir haben das probiert und damit keinen Erfolg gehabt, weil die Unternehmer ganz klar wissen, was sie bezüglich der Lehrlinge wollen. Auch die Lehrlinge wissen es! Es ist nicht so, dass dann die Lehrlinge einfach eine andere Lehre wählen, wie im Beispiel betreffend die Lebensmittelbranche gesagt worden ist. Wir verschliessen dort auch die Möglichkeit, nach neuen Bedingungen zu schauen. Die Artikel 54 und 55 des Berufsbildungsgesetzes geben uns Möglichkeiten, dort aktiv zu werden. Dort ist vorgesehen, dass der Bund Gelder spricht, und dort soll es auch gemacht werden. Wir sollten also nicht die erfolgreichen Basislehrjahre ausweiten, die vielleicht für ein ganz spezielles Segment gedacht sind.

Hinter dieser Motion kann ich nicht stehen.