Hutter Markus · Nationalrat · 2005-06-17
Hutter Markus · Nationalrat · Zürich · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2005-06-17
Wortprotokoll
Ich möchte zunächst meine Interessenbindung bekannt geben: Mein Unternehmen bildet 23 Lehrlinge aus, und ich präsidiere die Stiftung einer höheren Fachschule mit über 6000 Studierenden in der Berufsbildung. Dennoch beantrage ich Ihnen als Direktbetroffener ganz klar, diese Motion betreffend Basislehrjahre abzulehnen. Ich stelle allerdings fest, dass wir Direktbetroffenen - die wir nicht einfach Lehrstellen fordern, sondern solche tatsächlich schaffen und uns täglich dafür einsetzen, dass unser duales Berufsbildungssystem weiterhin eine zentrale Ressource der Schweiz bleibt - wenig zu sagen haben angesichts der wohlklingenden populistischen Forderungen, die das saturierte Parlament aus dem sommerlichen Bundeshaus an unseren Werkplatz stellt.
Wir bilden zwar tagtäglich rund 142 000 Lehrlinge aus, müssen uns hier aber sagen lassen, wie passiv und ungenügend wir unsere Aufgabe erfüllen. Wir müssen uns das sagen lassen von Vertretern notabene, die entweder keine Lehrplätze ausweisen können oder nicht einmal in der Lage sind, die Anzahl ihrer eigenen Lehrlinge zu nennen.
Die Wirtschaft, die KMU und unsere Berufsverbände, brauchen keine vom Parlament diktierten flächendeckenden Basislehrjahre und auch keine in Beamtenstuben entworfenen neuen Bildungsangebote. Um die Berufslehre attraktiver zu machen, dürfen wir aber nicht mehr länger die qualitative Komponente einfach ausblenden und müssen endlich anerkennen, dass sich die Schere zwischen den Ausbildungsinhalten und den Bedürfnissen der Wirtschaft weiter öffnet.
Die Schule hat sich nach den Bedürfnissen der Wirtschaft auszurichten und nicht umgekehrt. Wenn wir das nicht ernst nehmen, sondern uns mit unrealistischen Forderungen nach von den Betroffenen nichtgewollten Basislehrjahren beschäftigen, werden immer weniger Betriebe bereit sein, Lehrlinge auszubilden. Dies können weder Berichte noch Basislehrjahre auch nur im Ansatz ändern. Die bestehenden, bewährten, wenn auch noch optimierungsfähigen Brückenangebote rundweg als wenig sinnvoll abzuqualifizieren, um dann terminologisch unklar wenig präzise und ohne klare Vorstellungen ein neues, völlig unrealistisches Brückenangebot unter anderem Namen zu fordern, vermag der Sache nicht zu dienen.
Stellen Sie sich Folgendes vor: Jugendliche ohne Lehrstelle sollen ein Basislehrjahr in jener Branche absolvieren können, in welcher sie einen Ausbildungsplatz suchen. Gut und schön, niemand hat etwas gegen diesen frommen Wunsch. Nur werden weder Gerichte noch Gesetze je in der Lage sein, diese schlicht unmögliche Forderung zu erfüllen. Selbst wenn die unbezahlbare Übung gegen den Willen der dafür Zuständigen durchgeführt würde - die Absolventinnen und Absolventen solcher Basislehrjahre hätten keine besseren Chancen, eine Lehrstelle zu finden, ganz im Gegenteil. Es würde einfach noch eine zusätzliche Klasse von Lehrstellenbewerbern geschaffen, neben denjenigen, welche direkt eine Lehre antreten, und allen anderen, welche die bestehenden Brückenangebote nutzen. Dies wird nicht geeignet sein, um die Berufslehre attraktiver zu machen.
Ich muss Sie in aller Deutlichkeit daran erinnern, dass Berufsbildung ein Kooperationsauftrag von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt ist. Was Frau Kollegin Galladé schönfärberisch damit beschreibt, dass der Bund eine aktivere Rolle spielen müsse, heisst im Alltag nichts anderes, als dass ein Partner, nämlich der Bund, die bewährte Koordination und Kooperation aufkündigen soll, wogegen wir uns mit allen Mitteln wehren werden. Solidarität und Berufsstolz waren und sind im Gewerbe und in der Wirtschaft seit je die Hauptpfeiler der beruflichen Aus- und Weiterbildung. So wenig wir diese Hauptverantwortung an den Staat delegieren wollen, so wenig lassen wir uns neue Formen aufzwingen.
Die Folge solcher verfehlter Schritte wäre eine Emigration der Unternehmen aus der Berufsbildung. Je mehr der Staat regulierend eingreift, umso mehr wird die Ausbildungsbereitschaft in der Wirtschaft zurückgehen und umso mehr werden sich die Organisationen der Arbeitswelt aus der gemeinsamen Aufgabe zurückziehen und sich von ihrer Verantwortung verabschieden. Das wäre in der Tat fatal. Ohne gesunde Wirtschaft wird es auch keine gesunde Berufsbildung geben, und ich bin gespannt, ob wir von dieser Seite, die jetzt zusätzliche Basislehrjahre fordert, dann Unterstützung spüren, wenn es darum geht, die Rahmenbedingungen für all jene Betriebe, die ausbilden, zu verbessern, damit diese wachsen und neue Lehrlinge anstellen können.
Ich bitte Sie, diese Vorstösse abzulehnen.
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