Kuprecht Alex · Ständerat · 2005-06-06
Kuprecht Alex · Ständerat · Schwyz · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2005-06-06
Wortprotokoll
Ich gehe davon aus, dass Sie beim Lesen dieses Postulates einen unsportlichen, ja sogar einen dem Sport schlecht gesinnten Standeskollegen vor sich gesehen haben. Das wäre Ihnen auch nicht übel zu nehmen. Wer sonst würde es wagen, dieses Thema aufzugreifen und die Wirksamkeit des Sportunterrichts in den Berufsschulen zu hinterfragen?
Sollten Sie allenfalls derartige Gedanken gehabt haben, so muss ich Sie enttäuschen. Als ehemaliger Leistungssportler, Oberturner und Präsident eines Turnvereins habe ich meine Sektion zweimal erfolgreich an das Eidgenössische Turnfest geführt. Als Trainer und Jugend+Sport-Leiter habe ich mich während Jahren aktiv im Sport engagiert und tue dies mit Begeisterung als OK-Präsident für das im nächsten Jahr in meinem Kanton stattfindende Kantonalturnfest auch heute noch. Zudem habe ich einen Sohn, der als Kunstturner ebenfalls Leistungssport betreibt und den ich in seinen Bemühungen immer unterstütze. Sie sehen: Der Sport liegt mir sehr nahe - von Sportfeindlichkeit also keine Spur.
Im Rahmen meines berufspolitischen Engagements war ich aber auch während 16 Jahren Berufsschulrat einer kaufmännischen Berufsschule und hatte in dieser Funktion auch regelmässig und intensiv mit Fragen der Berufsbildung zu tun. Während dieser Zeit musste ich feststellen - ich war wohl nicht der Einzige, der derartige Feststellungen gemacht hat -, dass die schulischen Leistungen, insbesondere im Lesen, in der Rechtschreibung und bei den Mathematikkompetenzen, kontinuierlich abgenommen haben. Die Resultate der Pisa-Studie haben auch auf dieser Stufe ihren Niederschlag gefunden, und die Ergebnisse der Berufsweltmeisterschaft dürfen uns nicht über diese Tatsache hinwegtäuschen.
Zahlreiche Gespräche mit Lehrmeistern, vor allem auch in handwerklichen Berufen, haben immer wieder gezeigt, dass viele Lehrlinge leider kaum mehr imstande sind, zwei, drei Sätze ohne Fehler zu schreiben oder in Arbeitsrapporten Wörter ohne Fehler zu notieren. Das sind erschreckende Erkenntnisse, die schon heute und vor allem in der Zukunft negative Auswirkungen hinsichtlich Arbeitsqualifikation, Arbeitslosigkeit und damit noch grössere Probleme bei der Suche nach einem Arbeitsplatz nach sich ziehen werden.
Kommt hinzu, dass die Wirtschaft in Zukunft nicht tiefere Anforderungen stellen wird. In diesem Punkt stimme ich mit der Antwort des Bundesrates überein. Ich gehe davon aus, dass sich die Anforderungen in Zukunft weiter erhöhen werden. Insbesondere die berufliche und fachliche Qualifikation der jungen Berufsleute wird immer mehr an Bedeutung gewinnen. Es nützt meines Erachtens nichts, wenn man sozial- und methodenkompetent ist, die fachlichen und allgemeinbildenden Kompetenzfaktoren aber zu wünschen übrig lassen. In diesem Punkt scheint mir deshalb die Antwort des Bundesrates zu akademisch und zu blauäugig zu sein.
Als Mitglied der SGK bin ich mir der Probleme im gesundheitlichen Bereich aber auch durchaus bewusst. Es ist erschreckend, dass viele Jugendliche bereits im Kindesalter Mankos im motorischen Bereich haben. Es stimmt mich nachdenklich, wenn Primarschüler nicht mehr imstande sind, auf dem Velo die Hand auszustrecken, und gefährlich wackeln, wenn es darum geht, eine Kurve zu fahren. Das sind alarmierende Anzeichen, denen wir unbedingt begegnen müssen. Hier ist der Sportunterricht in den Grund- und Oberstufenschulen ganz besonders gefordert. Derartige Probleme lassen sich aber im Lehrlingsalter nicht mehr lösen. Die Wirksamkeit des Lehrlingsturnens scheint mir hier fraglich zu sein. In diesem Alter muss meines Erachtens die Priorität dringender auf die Berufsausbildung gelegt werden, Rückstände schulischer Natur müssen behoben werden.
Das sind meine Interessenabwägung und meine Prioritätensetzung. Die Berufsbildung, basierend auf dem Lehrmeisterprinzip, ist nach meiner Auffassung nach wie vor wegweisend. Sie kann aber durchaus in Gefahr geraten, wenn ein weiterer Ausbau der Berufsschullektionen auf zwei oder gar zweieinhalb Tage die praktische Ausbildung am Arbeitsplatz stark tangiert und das Interesse von Lehrmeistern an der Erhaltung von Lehrstellen schwindet. Die Berufsmaturität, die ich übrigens begrüsse, geht bereits in diese Richtung. Die Lektionentafeln in den Berufsschulen sind deshalb weiter zu optimieren. In diesem Zusammenhang habe ich mir die Frage der Zeitgemässheit des Berufsschulturnens gestellt.
Ich bin der Überzeugung, dass z. B. die Lektionen des Berufsschulturnens - und es handelt sich während einer Lehre immerhin um etwa 150 bis 200 Lektionen - für schwächere Berufsschüler besser in der Form von Nachhilfe- und Stützunterricht eingesetzt würden als für teilweise eher mässige und von Spielen dominierte Stunden, die grösstenteils oder mindestens teilweise eher lustlos abgespult werden.
Ich hoffe, dass meine Darlegungen zu diesem Postulat etwas differenzierter wahrgenommen werden können als die Darlegungen im Text. Ich bin mir bewusst, dass ich damit wohl kaum grosse Unterstützung für mein Postulat erhalten werde. Ich bin aber sportlich im Geist und fair mit Ihnen - die [PAGE 500] Zeit naht -; ich hoffe jedoch, dass dreissig Jahre nach Einführung des Berufsschulturnens gewisse Dinge wieder einmal hinterfragt werden dürfen.
Ich ziehe deshalb mein Postulat zurück und freue mich, wenn Sie noch zu einer vernünftigen Zeit zu Ihrem Abendessen kommen.