Günter Paul · Nationalrat · 2000-09-18
Günter Paul · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2000-09-18
Wortprotokoll
Hanf wird von alters her in der Schweiz angebaut und ist ein Gewächs, das hier sehr gut wächst. Cannabis helvetica war über Jahrhunderte berühmt, und zwar nicht nur für die Herstellung von Gewandungen, sondern es wurde auch damals schon von den Bauern in die Pfeife gestopft und abends geraucht. Seine Qualität wurde schon im Mittelalter - so habe ich beim Schriftsteller Sergius Golowin nachgelesen - gerühmt. Die bernische Regierung hat schon damals in Edikten, z. B. an die Brienzer Bauern, versucht, diesen das Hanfrauchen abzugewöhnen. Auch damals ohne Erfolg.
Herr Bortoluzzi, ich weiss nicht, ob Sie, wenn Sie nach Bern hineinfahren, auf die Balkone schauen und sehen, was dort so an Gewächsen gedeiht. Was Sie uns hier vorschlagen, ist eine Beschäftigungstherapie für Polizei und Verwaltung.
Ich bin nicht für Süchte. Cannabis macht ein wenig "high" und ist infolgedessen nicht etwas, das man Kindern empfehlen sollte. Eines müssen wir aber mit Klarheit feststellen: Es macht weniger süchtig als das Nikotin der Zigaretten, und es verursacht im Endeffekt weniger schlimme Schäden als Alkoholismus.
Wir sind eine Gesellschaft, die die Dinge relativ sieht. Hanf ist auch krampflösend. Ich habe mit Interesse von einem ganz hohen Beamten gehört, dass er auf einem Hanfkissen schläft und seither nachts weniger Atemstörungen hat. Hanf ist muskelrelaxierend, was für viele Patienten günstig ist.
Eine vernünftige Anwendung von Hanf müsste im Interesse unserer Bauern liegen. Es besteht ein riesiger Markt. Ich sehe das Seltsame: Man hat lange den Tabakanbau gestützt, man stützt auf alle möglichen Weisen den Weinbau. Hanf soll nun plötzlich etwas ganz Schlimmes sein, und man schreit nach dem Staat. Die Kämpfer für den freien Markt schreien nach dem Staat. Wenn wir aber über Steuern für Tabak oder Alkohol sprechen, sind die Herren Bortoluzzi & Co. nicht dabei. Wenn es darum geht zu schauen, dass die Leute nicht via Fernsehen zu mehr Medikamentenkonsum verführt werden, höre ich nichts von Ihnen, Herr Bortoluzzi.
Die Ultrarechten fordern hier plötzlich den Nachtwächterstaat: mehr Repression, mehr Polizei, mehr Vorschriften, mehr Kontrolle. All dies ist angezeigt, wenn es darum geht, einen Menschen vor einem anderen Menschen zu schützen. Alle diese Dinge sind Unsinn, wenn es darum geht, den Menschen vor sich selber zu schützen. Es nützt einfach nichts, es ist Beschäftigungstherapie.
Wenn wir etwas machen wollen in Bezug auf Suchtverhalten, dann im Bereich Erziehung, Vorbilder, Aufklärung. Da kann man etwas tun - vielleicht auch durch Stressabbau, damit die Kinder nicht süchtig werden müssen, weil sie sonst die Gesellschaft nicht aushalten. Für die Erwachsenen gilt das ebenfalls.
Wenn wir etwas tun wollen: Sprechen wir mehr Kredite im Erziehungswesen, mehr Kredite zur Integration von Randgruppen usw., aber schaffen wir keine neue Bewilligungspflicht. Und: Schluss mit dieser Sündenbock-Politik! Hanf wird hier indirekt zum Sündenbock für viele Dinge gemacht, die einem an dieser Gesellschaft nicht gefallen.
Die Probleme unserer Gesellschaft sind da, sie sind real - ich denke nur an Rechtsextremismus und andere Dinge -, aber sie liegen nicht beim Hanf. Keine neue Beschäftigungstherapie für die Verwaltung für etwas, das sowieso nichts nützt!
Ich möchte Sie bitten, den Vorstoss auch nicht als Postulat zu überweisen.