Widmer Hans · Nationalrat · 2006-03-14
Widmer Hans · Nationalrat · Luzern · Sozialdemokratische Fraktion · 2006-03-14
Wortprotokoll
Die SP-Fraktion wird sowohl der Rückweisung zustimmen als auch die Kommissionsmotion annehmen.
Was die Rückweisung betrifft, ist Folgendes zu bemerken: Zwar ist sie von der Sache her nicht recht nachvollziehbar, denn auch die Mehrheit des Ständerates befürwortet die Stiftungsform, weil die Mehrheit des Ständerates genauso wie wir auch keine engere Anbindung des Landesmuseums an die Verwaltung will. Auch für uns - das ist eine erste Kernaussage - gehört das Landesmuseum in den dritten Kreis. Trotzdem stimmen wir der Rückweisung zu, weil wir möglichst rasch eine neue Vorlage wollen, was überhaupt nicht möglich wäre, wenn es noch ein Hin und Her zwischen dem Ständerat und uns gäbe.
Eine zweite Kernaussage: Die Rechtsform der Stiftung ist für eine gute, zeitgemässe, zukunftsweisende Museumspolitik sehr wichtig. Warum? Sie lässt die Anzahl der einzelnen Museen, die in ihrem Rahmen untergebracht werden können, offen. Dann lässt sie es auch offen, dass die Politik die nötige Kontrolle ausüben kann, aber aus der erforderlichen Distanz. Sie ist auch geeignet, dem Sponsoring den nötigen Rahmen zu geben, weil die Direktion vor Ort ist und damit natürlich der oft mühsame Marsch durch die Vorzimmer von Bundesämtern erspart bleibt. Die bauliche Erweiterung - damit komme ich zur Motion - darf auch nicht länger aufgeschoben werden, Handlungsbedarf besteht, Vorarbeiten sind geleistet. Dann müssen Drittmittel beschafft werden können, und schliesslich muss die Standortvertretung ernst genommen werden.
Noch ein Wort zur Museumspolitik überhaupt: Wir sind da nicht nur interessegeleitet, wir sind nämlich meistens für zentralistische Lösungen - aber doch nicht hier! Warum nicht? Weil das ganze Kulturerbe auf dem ganzen Terrain im ganzen Land eben zuerst wahrgenommen werden muss; das ist eine Angelegenheit, für welche die Zentrale nicht unbedingt die nötige Sensibilität aufweist, weil sie die Nähe nicht hat. Deswegen darf eine Museumspolitik von der Sache her auf keinen Fall zentralistisch sein, sonst bestünde die Gefahr, dass es zu einer Abgehobenheit gegenüber der Vielfalt des Kulturerbes käme.
Für unser Land mit seinen vier Kulturen brauchen wir eine offene Museumspolitik mit einer hohen Bereitschaft, historisch Bedeutsames aus allen vier Kulturen aufzuspüren und zu sammeln, welches dann - was schon von den Kommissionssprecherinnen gesagt wurde - nach den neuesten Erkenntnissen der Museumsdidaktik zu vermitteln ist. Museumspolitik - und das ist in Zeiten des Sparens wichtig zu betonen - ist alles andere als ein Luxus, denn sie macht es möglich, dass die Menschen einen anschaulichen und damit auch einen emotional erlebbaren Zugang zur Geschichte erhalten, was wichtig ist in einer Zeit, wo viele Menschen nur virtuell, über das Fernsehen oder über irgendwelche anderen virtuellen Darstellungen, überhaupt noch real greifbare Vermittlungen der Geschichte erhalten. Es braucht einen erlebbaren, emotionalen, direkten Zugang, und der kann dann auch zu einem besseren Verständnis der Gegenwart führen. [PAGE 208] Wir können uns nur selber verstehen, wenn wir einen Zugang zu unseren Wurzeln, zu unserer Geschichte, haben. So kann auch diese Vermittlung der Geschichte uns in das eigene Selbstverständnis der Gegenwart führen und uns beim Prozess der Identitätsbildung behilflich sein, genauso, wie sie nützlich sein kann, das andere zu verstehen und damit auch Öffnung für andere Kulturen zu generieren.
Aus all diesen Gründen haben wir zwar, wie die Kommission, die Rückweisung beschlossen. Aber wir betonen es sehr stark: Museumspolitik darf im Gesamten der Kulturpolitik keinesfalls ein Mauerblümchendasein fristen, weil sie, wie gesagt, bedeutsam ist für das Selbstverständnis von Menschen, die aus der Geschichte heraus die Gegenwart bewältigen, akzeptieren und so auch fähig werden, die Zukunft zu gestalten.