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Janiak Claude · Nationalrat · 2006-09-18

Janiak Claude · Nationalrat · Basel-Landschaft · Sozialdemokratische Fraktion · 2006-09-18

Wortprotokoll

Herr Bundesrat, Herr Ständeratspräsident, Frau Bundeskanzlerin, Herr Bundesgerichtspräsident, Herr Regierungspräsident, Herr Gemeindepräsident, geschätzte Ständerätinnen und Ständeräte, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ich erkläre die Herbstsession der eidgenössischen Räte hier in Flims für eröffnet.

Das Parlament und der Bundesrat denken mit grosser Bestürzung an die Opfer des schweren Unglücks, das sich letzten Samstag ganz in der Nähe ereignet hat. In ihrem Namen entbiete ich den betroffenen Familien unsere tiefste Anteilnahme.

Quai è per mai ina gronda onur ed in plaschair da pudair avrir la sessiun qua a Flem.

Die diesjährige Herbstsession ist die 648. der eidgenössischen Räte seit 1848; die 582. fand in Genf, die 620. in Lugano statt. Mit der Session in Flims schliesst sich der Kreis der Sessionen des Parlamentes ausserhalb von Bern, was allein schon ein aussergewöhnliches Ereignis ist. Nach dem Schnuppern an der grossen, weiten Welt in Genf und dem Abstecher in die Südschweiz mit grenzüberschreitenden Aktivitäten sind wir beim dritten Abstecher aus Bern in einem für das schweizerische Selbstverständnis symbolischen Gebiet zu Gast. In Graubünden, dieser Schweiz en miniature, haben, lange bevor die Schweiz gegründet wurde, drei Sprachen- und Kulturgemeinschaften und zwei christliche Konfessionen in wechselhaft spannungsgeladener und seit mindestens dreieinhalb Jahrhunderten friedlicher Koexistenz zusammengelebt. Hier hat sich die eigenständige Sprachgemeinschaft der Rätoromanen erhalten können, die einst die ganze Raetia prima umfasste und vom Alpenkamm bis ins süddeutsche Gebiet, vom Friaul bis ins zürcherische Pfyn - was nichts anderes als "ad fines" heisst.

Der sich über Jahrhunderte hinziehende Territorialverlust geht einher mit einem Substanzverlust, der in der heutigen Zeit die einzige eigenständige schweizerische Sprachengemeinschaft im Innersten bedroht. Denn es ist eine Tatsache, dass insbesondere die Bündner Sprachenlandschaft sich zunehmend auf Kosten der romanischen Sprache verändert. Flims ist in dieser Hinsicht ein durchaus realistisch gewählter Ort. Das romanische Wort "Flem" ist kaum noch zu sehen und zu hören. Flims ist ein Ort an der Grenze, wo eine grundsätzlich zu begrüssende touristische Entwicklung eine florierende wirtschaftliche Existenzgrundlage geschaffen hat.

Diese bedroht jedoch alte Werte wie diejenigen einer autochthonen Sprache und die kulturelle Identität. Wir können deshalb hier in Flims nicht nur das Loblied auf die vielbesungene Viersprachigkeit singen; das können und wollen wir aber auch. Es wird uns Gelegenheit geboten werden, uns von der Lebendigkeit und dem kulturellen Reichtum der Rätoromania ein Bild zu machen. Gerade die sprachliche und kulturelle Grenzgemeinde Flims zeigt auf realistische Weise und jenseits der manchmal exotisch anmutenden Folklorisierung die Mannigfaltigkeit der Probleme, die sich bei der Erhaltung von Werten wie der Sprachenvielfalt und bei den kulturellen Brückenschlägen stellen.

Zwei grundlegende Faktoren werden für die Zukunft des Romanischen bestimmend sein: zum einen der Wille der betroffenen Bevölkerung - und damit meine ich sowohl die Alteingesessenen als auch diejenigen, die im romanischen Gebiet ihre neue Heimat finden -, zu diesem Erbe zu stehen und es zu erhalten. Zum anderen bedarf diese auf sich selbst gestellte Sprache, die nicht auf eine Kulturnation zurückgreifen kann, der tatkräftigen Unterstützung durch uns Miteidgenossinnen und Miteidgenossen. Dass die Romanen dabei auf eine grosse Sympathie zählen können, macht ihre Forderungen, wenn sie in Franken und Rappen bilanziert werden müssen, nicht immer einfacher. Das neueingerichtete Medienhaus in Chur ist eines der positiven Beispiele. Insgesamt müssen aber die Aufwendungen des Bundes für die Belange der romanischen Sprache und Kultur eher unter den unbedeutenden Aufwendungen subsumiert werden.

Nicht weit von Flims, im urromanischen Gebiet, steht auf dem Dorfplatz zu Trun ein Ahorn, unter dem der Graue Bund gegründet und weitere für die Region wichtige politische Entscheide gefällt wurden. Als dieser Ahorn vor Jahren starb, kam es zu einem Nationaltrauertag. Ein neuer Ahorn wurde gepflanzt, und mit diesem wird die Tradition fortgeführt, die im romanischen Lied "A Trun sut igl ischi" besungen wird. Dieselbe Achtung, Pflege und Förderung, wie sie im symbolhaften Freiheitsbaum zum Ausdruck kommt, verdient auch die in ihrer Existenz bedrohte und doch so lebendige vierte Landessprache.

Il diritto fondamentale ad un'identità personale e collettiva forgiata dalla lingua e dalla cultura deve essere garantito dallo Stato. Com'è logico, le competenze in questo campo spettano in linea di principio ai cantoni. La Confederazione interviene solo a titolo sussidiario ed a fini di coordinamento. L'accettazione degli articoli costituzionali sulla formazione ha comportato in quest'ambito un assestamento nella ripartizione delle competenze senza tuttavia intaccare il principio della sovranità cantonale. Anche la legge sulle lingue di cui dovremo dibattere s'iscrive in questa collaudata tradizione, eccezion fatta per un aspetto per altro di rilievo: la Confederazione è infatti chiamata in causa in modo particolare quando si tratta di proteggere le lingue nazionali e quindi in primo luogo il romancio, poiché con la scomparsa di una di queste verrebbe meno una delle caratteristiche essenziali del nostro Paese, cioè il quadrilinguismo.

Il fatto che per via del movimento a favore del romancio 1938 esso fu dichiarato lingua nazionale dalla schiacciante maggioranza della sola popolazione svizzera di sesso maschile non va letto unicamente come una dichiarazione di lealtà nei confronti della comunità linguistica meno numerosa ma anche come professione di una chiara scelta politica a favore di uno Stato federale fondato sul plurilinguismo e sul pluriculturalismo. In questo senso, il romancio è anche una sorta di campanello d'allarme. I problemi, che affliggono i più deboli, possono infatti estendersi anche ai più forti.

Negli ultimi anni abbiamo nuovamente dovuto costatare come la lingua e la cultura possono essere strumentalizzate a fini nazionalistici. Il nostro Paese ha saputo contrastare con successo queste derive sottraendo alla demagogia politica la componente identitaria elementare rappresentata dalla lingua. La Svizzera è infatti uno dei pochi Stati multinazionali sopravvissuti all'euforia e alla tragedia delle ideologie basate sullo Stato nazione. Anche se talvolta dileggiato quale retaggio medievale di una società multietnica, l'esempio di uno Stato in cui si dia per scontata una pluralità di lingue e di etnie evoca nei nostri vicini europei una dimensione più visionaria che antica.

Wenn wir in den nächsten Wochen hier in Flims manchmal die Blicke von den Aktenbergen zum Himmel erheben, wird uns der Flimserstein daran erinnern, dass uns der innere Zusammenhalt der Schweiz nicht in den Schoss fällt. Der Flimserstein erinnert mit seiner grausamen Legende aus vorgeschichtlicher Zeit an die Existenzkämpfe und Fehden [PAGE 1620] der Alpenbewohner, als Glarner und Flimser um Weide- und Alprechte kämpften. Auf ihrem Raubzug auf der Alp warfen die Glarner die Bündner Sennen in die siedende Milch und machten sich mit Vieh und Habe auf die Rückwanderung. Der eine Senn, der sich vor den Räubern hatte retten können, verausgabte sich bei der Alarmierung der Flimser derart, dass sein Blut den Flimserstein herunterfloss und noch heute zu sehen ist. Ihm war es zu verdanken, dass das gestohlene Gut schliesslich wieder gerettet werden konnte. Damit konnte die Zeit der kleinlichen Fehden durch eine Zeit der gegenseitigen Achtung und Kooperation abgelöst werden. Die Legende möge uns daran erinnern, dass Eintracht als Ziel nur prozesshaft, Schritt um Schritt, zu erreichen ist und dass diese Schritte nicht immer gradlinig vorwärts gerichtet sind.

Sollen wir uns freuen, dass wir 10 Jahre nach der Annahme des Sprachenartikels und 14 Jahre nach der EWR-Abstimmung endlich ein Gesetz zu den Landessprachen behandeln werden? Nach dem EWR-Nein ging ein Aufschrei durch die Schweiz, der sich zum seither geläufigen politischen Schlagwort der "cohésion nationale" verdichtet hat. Der Ruf nach einem Tatbeweis für diese "cohésion nationale" führte bei der Umsetzung des Sprachenartikels zu zähen und harten Verhandlungen, bei denen alle Player - Bund, Kantone, Bildungs- und Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftliche Organisationen - um einen Konsens rangen, der jetzt vorliegt. Diese Session in Graubünden wird, so hoffe ich, bei der Behandlung dieses Gesetzes in der Wintersession nachwirken. Das Parlament wird sich in Erinnerung an die herrliche Berglandschaft daran machen, dieses Projekt entschlossen und ernsthaft zu behandeln.

Um Elementares geht es auch beim zweiten Projekt. Es lässt sich trefflich darüber streiten, was zuerst kommt, das Fressen oder die Moral. Tatsache ist, dass es für unser Land von Bedeutung ist, wie wir das Verhältnis und den Ausgleich zwischen den Zentren und der Peripherie regeln. Das Projekt einer neuen Regionalpolitik ist ein anderer wichtiger Pfeiler, der auf Bundesebene geregelt werden muss und den das Parlament hier in Flims an die Hand nehmen wird.

Zum Beginn unserer Session abschliessend noch ein Link zu unserem noblen und touristischen Umfeld: Der Direktor hat den aufwendigen Umbau seines Hotels so kommentiert: Hier prallen - architektonisch gesehen - zwei Welten aufeinander, die eigenständig sind und doch miteinander harmonieren. Ich wünsche mir, dass wir diese Herausforderung aufnehmen. Unsere politische Arbeit wird landläufig als behäbig empfunden. Das würde zum Jugendstil passen, der uns umgibt. Aber der Jugendstil ist hier ergänzt durch viel Moderne, etwa den Glaskubus. Diese Umgebung inspiriert und erinnert uns daran, dass wir als Parlament den grossen Anforderungen und Erwartungen gerecht werden müssen, welche die Öffentlichkeit an uns hat. Politisieren wir effizient und transparent, ohne bei unseren Debatten die Tiefe zu vernachlässigen!

Für einmal darf übrigens der Ständerat die Rolle der höchsten Kammer übernehmen, tagt er doch zehn Meter höher als der Nationalrat - das werden wir Nationalrätinnen und Nationalräte überleben. Es hat auch nichts Entwürdigendes an sich, wenn der Nationalrat seine Sitzungen in einer Tennishalle abhält. Erinnern wir uns daran, dass die Französische Revolution am 20. Juni 1789 mit einer Sitzung der Etats généraux im Saal des "Jeu de Paume" begann, weil der König den Abgeordneten den Zugang zur "Salle des Menus Plaisirs" verwehrt hatte.

Ich wünsche Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, und vor allem der Schweizer Bevölkerung, dass diese einmalige Session zu guten Ergebnissen führt.

Cun quests pleds avrel jau la sessiun d'atun a Flem!

Ich übergebe nun das Wort Herrn Dr. Thomas Ragettli, Gemeindepräsident von Flims.