Müller Geri · Nationalrat · 2007-12-05
Müller Geri · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2007-12-05
Wortprotokoll
Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin kein Cannabiskonsument. Ich habe aber als junger Erwachsener Cannabis konsumiert, geraucht, wie andere zu jener Zeit eine Flasche Wein oder Bier getrunken haben. Ich habe damals ohne irgendein Entzugssymptom aufgehört zu rauchen, ich habe keine Probleme damit gehabt, und ich fühle mich heute noch geistig in bester Verfassung; das können Sie selber sehen. Das steht im Gegensatz zu dem, was ich im Spital gesehen habe, nämlich dass Leute, die längere Zeit kleinere Mengen Alkohol oder Nikotin konsumiert hatten, bei der Nüchternsetzung Entzugssymptome bekommen haben; dies einfach als kleiner Unterschied. Dennoch würde ich nicht für ein generelles Alkoholverbot oder Nikotinverbot einstehen.
Heute konsumieren über 500 000 Schweizerinnen und Schweizer Cannabis. Diese Zahl ist steigend, ganz im Gegensatz zur Zahl der Schizophrenie-Erkrankungen. Schizophrenie ist international in jeder Gesellschaft, in jeder Zeit bei etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung vorhanden, und wir müssen davon ausgehen, dass die Schizophrenie auch zu unserer Gesellschaft gehört. Dass alle oder viele von denen, die eine Schizophrenie diagnostiziert bekommen haben, mit Cannabis Erfahrung hatten, überrascht nicht, wenn man weiss, wie schlimm ein schizophrener Schub ist und dass praktisch alle Leute immer zuerst etwas dagegen tun, um sich dagegen zu wehren, unter anderem auch mit Cannabiskonsum, unter anderem auch mit Alkohol. Das Cannabiskonsum ist also nicht etwa die Ursache für eine Schizophrenie, sondern die Schizophrenie plagt die Leute derart, dass sie versuchen, das wegzukriegen. Wenn jene Theorie stimmen würde, müssten Sie die Muttermilch verbieten. Denn Muttermilchkonsum finden Sie bei allen Cannabiskonsumenten, finden Sie bei allen Heroinkonsumenten, bei allen Alkoholkonsumenten. Also wäre die Muttermilch verantwortlich dafür, dass es diese Süchte gibt. Dem ist aber nicht so. [PAGE 1809]
Cannabis ist die meistkonsumierte Droge in der Schweiz, und sie ist illegal, ganz im Gegensatz zu anderen Dingen. Also wenden wir uns doch diesen Fakten zu. Cannabis wird von einer halben Million Leuten konsumiert, Cannabis wächst seit Jahrtausenden in der Schweiz in der freien Landschaft, und seit Jahrhunderten wird Cannabis konsumiert. Lesen Sie einmal Jeremias Gotthelf, und schauen Sie, was seine Protagonisten konsumieren. Cannabis ist erst in den Fünfzigerjahren zu einer illegalen Droge geworden, damals unter dem Einfluss der Vorstellung der amerikanischen Suchtbehörde, dass es der Anfang des Untergangs der Welt sei. Seither ist Cannabis auf der Liste.
Wenn Sie also dieses "Problem" ausrotten wollen, dann empfehle ich Ihnen, einmal die ganze Schweiz zu durchforsten und sämtliche Cannabispflanzen auszureissen, 500 000 Leute ins Gefängnis zu stecken, und dann möchte ich gerne Ihre volkswirtschaftliche Rechnung sehen. Das ist unmöglich! Hören wir also einmal damit auf, etwas als möglich zu bezeichnen, was nicht machbar ist. Wenden wir uns den Tatsachen zu. Wir brauchen heute wirklich Lösungen, und die Jugend braucht heute insbesondere diese Lösung, damit sie sich mit den verschiedenen Substanzen auseinandersetzen muss, die heute in der Schweiz konsumierbar sind. Ob Sie nun Verbote aufstellen oder nicht, die Jugendlichen kommen in Kontakt mit verschiedensten Substanzen, hauptsächlich mit Alkohol.
Jugendliche - ich glaube, darin sind sich im Parlament alle einig - müssen geschützt werden. Es gibt den Jugendschutz in fast allen Fragen. Es gibt den Jugendschutz beispielsweise in der Arbeitswelt. In diesem Parlament wurde schon darum gekämpft, den Jugendschutz aufzuheben, damit auch Jugendliche über Nacht arbeiten könnten. Ich war damals dagegen; Jugendschutz muss konsequent durchgezogen werden. Sie haben einen Jugendschutz im Strassenverkehr: Jugendliche fahren erst ab 18 Jahren Auto. Sie haben einen Jugendschutz beim Alkohol, und er ist in verschiedenen Gesetzen verankert. Da sind wir uns ja einig: Jugendliche und Kinder sollen keinen Cannabis konsumieren. So verstehe ich auch die Entscheidung des Jugendparlamentes; für mich ist das kein Widerspruch. Es ist einfach interessant, dass das Jugendparlament das erste Mal ernst genommen wird - vielen Dank für diesen Fortschritt auch in diesem Saal! Die Jugendlichen wollen keinen Cannabis konsumieren; das haben sie an diesem Novembertag gesagt und nichts anderes. Es geht nämlich wirklich um die Frage der Relation, wie sich die eingenommenen Substanzen auf ein sich entwickelndes Gehirn auswirken. Jugendliche sollten keinen Cannabis konsumieren, aber auch keinen Alkohol. Wenn mir dann ein Polizeidirektor sagt, es wäre ihm lieber, wenn bei den Partys, wo es zu Exzessen kommt, alle Cannabis geraucht anstatt Alkohol konsumiert hätten, ist das für mich auch eine Aussage.
Ich bitte Sie also sehr, diese Initiative zu unterstützen. Sie ist nicht das Gelbe vom Ei, das weiss ich, aber es gibt zurzeit keine anderen Lösungen. Wir müssen das nehmen, was wir im Moment haben. Ich wäre sehr froh, wenn hier ein Zeichen gesetzt werden könnte.