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Schweizer Urs · Nationalrat · 2007-06-13

Schweizer Urs · Nationalrat · Basel-Stadt · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2007-06-13

Wortprotokoll

Der Bundesrat zeigt in seinem Geschäftsbericht 2006 auf, dass er dem Bereich Bildung, Forschung und Innovation besonderes Gewicht beigemessen hat. Das ist gut so. Denn nach wie vor sind gut ausgebildete Berufsleute und fähige Akademiker einer der wenigen Rohstoffe, über welche unser Land verfügt. Einiges wurde getan; ich erinnere hier an die Anstrengungen um den Bildungsraum Schweiz, welcher längerfristig zu einer gewissen Vereinheitlichung des Grundschulbereichs führen soll. Es ist für die Zukunft unseres Landes und seiner schwächer besiedelten Regionen enorm wichtig, dass die geografische Herkunft die Bildungschancen junger Menschen nicht beeinträchtigt. Für die Chancengleichheit in der Ausbildung darf es keine Rolle spielen, in welchem Kanton die Grundschule besucht wurde. Hier ist insbesondere auch die sprachregional übergreifende Solidarität unseres Vielvölkerstaates gefragt.

Priorität muss und kann hier in den Lehrplänen nur eine jeweils zweite Landessprache haben - Wünsche einzelner Wirtschaftszweige nach mehr Englisch hin oder her. Dass neben dem Grundschulbereich als Unterbau und Fundament des Ausbildungsgebäudes auch das Dachgeschoss mit Fachhochschulen, Universitäten und den beiden ETH viel Bedeutung zugemessen wird, ist auch richtig. Hier handelt es sich quasi um das Schaufenster der Schweizer Bildungspolitik. Aber das Gerangel um Leadership und Finanzen der beiden Polytechnika hat gerade in den letzten Tagen Staub aufgewirbelt und gezeigt, dass auch in diesem Bereich noch vieles nicht oder mindestens nicht optimal gelöst ist.

Wie auch in anderen Bereichen der helvetischen Politik lässt sich gerade in der Bildungspolitik die Frage stellen, wie viel Föderalismus unser Land und seine Hochschullandschaft vertragen. Denn es zeigt sich je länger, je mehr, dass die vorhandenen finanziellen Mittel trotz jüngster Aufstockung zu begrenzt sind, um überall alles in erstklassiger Qualität anbieten zu können.

Aber auch den Fachhochschulen und Universitäten stehen keinesfalls ruhige Zeiten ins Haus. Kaum sind die Ausbildungsgänge und die Strukturen der Institute einigermassen auf Kurs der Bologna-Reform ausgerichtet, tauchen die ersten schwerwiegenden Bedenken auf, ob Bologna denn wirklich der Weisheit letzter Schluss sei. Aufhorchen lassen dabei nicht die kritischen Töne selber, diese gehören bei solchen Mammutprojekten zur obligatorischen Begleitmusik. Nein, aufhorchen lässt die Tatsache, dass die Kritik vor allem aus den Reihen der Professoren kommt. Wenn diese in Bologna eine Einschränkung des lebendigen und lebensnahen Ausbildungsbetriebes sehen oder ihre Zeit statt mit Lehren mit Papierkrieg verbringen, dann ist Vorsicht geboten.

So kann es nur von Nutzen sein, wenn die Konsolidierung der umgestellten akademischen Ausbildungsgänge auch in Zukunft kritisch hinterfragt und begleitet wird. Das Hauptaugenmerk gilt nach Fundament und Dachgeschoss schliesslich dem Geschoss dazwischen, der Bel Etage sozusagen. Die duale Berufsausbildung besteht aus einem praktischen Teil in einem Lehrbetrieb und der Theorie im Rahmen der Berufsschulen. Sie hat sich in unserem Land bereits gut 100 Jahre lang, in einigen Bereichen sogar noch länger bewährt. Das Ausland beneidet uns in vielen Fällen um dieses System. Der Grund liegt auf der Hand: Es generiert mittlere und höhere Berufskader mit Praxiserfahrung und hoher beruflicher Kompetenz. Wer sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat, weiss, worum es in seinem Beruf geht, was möglich ist, wo Schwierigkeiten und Probleme lauern.

Gerade aber die Neuausrichtung der Fachhochschulen bringt für die bewährte Institution der Berufslehre eine gewisse Konkurrenz. Die Zahlen zeigen es deutlich: Die Anzahl junger Leute, die nach der obligatorischen Schulzeit in eine klassische duale Lehre gehen, stagniert. Demgegenüber explodieren die Schülerzahlen der Mittelschulen und Gymnasien regelrecht. Die Berufslehre wird so zur Zweitklassausbildung. Gespräche mit Berufsschulrektoren untermauern diese Analyse, das schulische Niveau sei in den letzten Jahren massiv schlechter geworden, weil die guten Schüler nicht mehr den Umweg über Berufslehre und Berufsmatur nehmen, sondern direkt über die Mittelschule in die Fachhochschule einsteigen. Dass immer mehr traditionelle Schweizer Firmen von ausländischen Managern geleitet werden, welche das Modell der Berufslehre nicht kennen und ihm so auch keinen Stellenwert beimessen, macht die Sache auch nicht gerade leichter und fördert die Attraktivität einer Berufslehre für Ambitionierte nicht unbedingt, ja eigentlich gar nicht. Hier gilt es, die Notbremse zu ziehen: Die Berufslehre darf nicht eine Laufbahn zweiter Wahl werden! Unsere KMU-orientierte Wirtschaft ist auf gut ausgebildeten, motivierten Berufsnachwuchs angewiesen.

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