Forster-Vannini Erika · Ständerat · 2007-12-17
Forster-Vannini Erika · Ständerat · St. Gallen · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2007-12-17
Wortprotokoll
Inhaltlich argumentiert der Bundesrat meines Erachtens, wie ich bereits gesagt habe, etwas oberflächlich und auch wenig stichhaltig, und er macht in seiner Antwort keine schlüssigen Quervergleiche. Ich sehe vor allem drei Kritikpunkte:
1. Der Bundesrat stützt sich in seiner Antwort auf die Studie Spinatsch mit dem Titel "Eine neue Suchtpolitik für die Schweiz?", die im Jahr 2004 erstellt worden ist. In dieser Studie wurde Zahlenmaterial von Ende der Neunzigerjahre verwendet. Gemäss dem Autor der Studie gehen die letzten Zahlen auf 2000 respektive 2001 zurück. In einer Zeit, in der sich Verfügbarkeit und Nutzung der Bildschirmmedien wie Computer, Handy usw. rasant wandeln, sind diese Zahlen aber in meinen Augen veraltet und bieten keine seriöse Basis, um Aussagen über die heutige Problemlast zu machen. Diese Aussage wird so auch von den Fachverbänden unterstützt.
Eine breitangelegte deutsche Langzeitstudie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest an 1200 Jugendlichen, die sich auf die Jahre 1998 bis 2007 bezieht, verdeutlicht den rasanten Wandel. Während 1998 erst 8 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ein eigenes Handy besassen, sind es 2007 bereits 94 Prozent. Die Zahl der jugendlichen Internetnutzerinnen und -nutzer vervierfachte sich in dieser Periode von 18 auf 77 Prozent.
Systematische aktuelle Erhebungen über das Ausmass der Bildschirmsucht in der Schweiz fehlen. Der Bundesrat macht folgenden Zirkelschluss: Weil die Daten für die Jahre 1990 bis 2000 keine grosse Problemlast belegen, braucht es auch keine neuen Zahlen. Diese Haltung erscheint mir angesichts der Herausforderungen, vor die sich Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sowie Suchtfachleute im alltäglichen Kontakt mit Jugendlichen mit problematischer Nutzung von Bildschirmmedien gestellt sehen, etwas einfach. Man nimmt das Problem nach meinen Erfahrungen als Präsidentin der Stiftung Kinder- und Jugendpsychiatrie in St. Gallen zu wenig ernst.
2. Meiner Meinung nach hinkt der direkte Vergleich mit den Substanzen Alkohol und Tabak. Natürlich ist die volkswirtschaftliche Problemlast bei Alkohol und Tabak wesentlich höher, wenn man sie an der Zahl der Todesopfer bemisst. Die Folgen unkontrollierter Mediennutzung sind jedoch viel komplexer, weil Letztere nicht, wie Alkohol- und Tabakkonsum, direkt somatische Folgen hat, aber sehr wohl soziale Desintegrationsprozesse, Gewalt, Arbeitsausfälle usw. verursachen kann. Sie sind in ihren Zusammenhängen noch zu wenig bekannt, als dass frühzeitig Entwarnung gegeben werden könnte. Zudem werden damit Probleme gegeneinander ausgespielt, was mir auch nicht zulässig erscheint.
3. Der Bundesrat erachtet gemäss Antwort auf die Fragen 3 und 4 die Errichtung einer gesonderten Fachstelle für Bildschirm- und Onlinesucht auf Bundesebene wie auch die Einrichtung einer Internetplattform als nicht angezeigt, da es dafür bereits schweizweit kompetente Fachstellen bzw. Anlaufstellen gibt. Im Wissen um die gekürzten Präventionsmittel kann ich dies zwar verstehen, möchte aber trotzdem darauf aufmerksam machen, dass viele kantonale Suchtfachstellen keinen Leistungsauftrag haben, um die Problematik der Bildschirmsucht zu bearbeiten. Hier geht man von einer Versorgungsqualität aus, die es so - zumindest in meinen Augen - nicht gibt. Damit eine effektive Weitervermittlung von auf problematische Weise Konsumierenden und ihren Angehörigen an zuständige kantonale und kommunale Fachstellen möglich wäre, bräuchte es zuerst Grundlagen - Wissen und Strukturen -, für deren Schaffung der Bundesrat aber verhältnismässig geringen Handlungsbedarf sieht.
Alles in allem sind meines Erachtens die Indizien für eine zukünftige Problematik Bildschirmsucht zu zahlreich, als dass man die Thematik einfach ad acta legen könnte. Herr Bundesrat Couchepin, ich bitte Sie deshalb, dieses Problem nicht einfach auf die Seite zu legen, sondern doch noch einmal über die Bücher zu gehen. Nach meiner Ansicht ist Handeln angesagt, und dies dringender, als bis dato angenommen wird. Mir kommt es etwas vor wie zu Beginn der ganzen Drogenproblematik. Damals wurde auch lange angeführt, das Problem sei nicht so gross und die Fachstellen hätten alles unter Kontrolle, bis es dann recht eigentlich zu spät war.
In diesem Sinne bitte ich den Bundesrat und vor allem Sie, Herr Bundesrat Couchepin, dieser Problematik mehr Gewicht zu geben.