Walter Hansjörg · Nationalrat · 2008-06-12
Walter Hansjörg · Nationalrat · Thurgau · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2008-06-12
Wortprotokoll
Das Recht auf Nahrung ist ein Menschenrecht; es ist auch in der Deklaration der Menschenrechte von 1948 aufgeführt. Trotzdem gibt es in der Welt 850 Millionen Hungernde, und vor allem sind die Kinder betroffen. Die Weltbevölkerung wächst stärker als das Produktionspotenzial von Nahrungsmitteln auf dieser Erde. Die Gründe für die heutige Versorgungskrise wurden schon vielfach erwähnt. An erster Stelle stehen - das ist das Bedenkliche - Ernteausfälle durch Dürre und Überschwemmungen. Ursache ist also der Klimawandel. Andere Gründe sind die grössere Nachfrage durch bessere Kaufkraft und Produktion von Agroenergie, und damit steigt natürlich auch die ganze Spekulation, weil die Nahrungsmittel aufgrund von Termingeschäften knapp sind.
Die Nahrungsmittelproduktion unterscheidet sich von der übrigen Produktion in der Landwirtschaft, weil es ohne Nahrung kein Überleben der Menschen gibt. Deshalb müssen für diesen Wirtschaftszweig andere Prioritäten gesetzt werden, und auch in der WTO muss diesem Umstand wieder vermehrt Rechnung getragen werden. Die Auswirkungen der Uruguay-Runde haben gezeigt, dass durch die [PAGE 928] Liberalisierung die Probleme der Lebensmittelversorgung nicht gelöst werden konnten. Die Liberalisierung führt zur Ausweitung des Agrarhandels; die Nahrungsmittel fliessen dorthin, wo die Kaufkraft am grössten ist, und nicht dorthin, wo Hunger zu stillen ist. Die Grundversorgung der Bevölkerung kann nur durch lokal produzierende Bauern sichergestellt werden.
Es ist sehr wichtig, dass die Investitionen in der Landwirtschaft weltweit auf bäuerliche Familienbetriebe ausgerichtet werden, welche lokale Nahrungsmittel produzieren. Damit kann die Landflucht gemildert werden. Schon heute lebt mehr als die Hälfte aller Menschen in Agglomerationen, vielfach ohne Perspektive, ohne produktive Arbeit und ohne regelmässige Versorgung. Diese globalen Herausforderungen wurden kürzlich in der FAO in Rom diskutiert; die Schweiz war auch vertreten. Die Lösungsansätze liegen zum Teil in absolut vollem Widerspruch zu den gleichzeitigen Verhandlungen der WTO in Genf.
Die Landwirtschaft muss einen höheren Stellenwert bekommen. Es wurde erwähnt, dass es wichtig ist, in Bildung und Forschung zu investieren, namentlich in die ETH. Ich bin zuversichtlich, dass dort mit der neuen Führung diesem Umstand Rechnung getragen wird. Ich meine, dass die multifunktionale Landwirtschaft, wie wir sie nun in der Schweiz eingeführt haben, weltweit ein Beispiel dafür sein kann, wie die Versorgung durch umweltgerechte Produktion besser sichergestellt werden kann.