Fetz Anita · Ständerat · Basel-Stadt · Sozialdemokratische Fraktion · 2009-06-04
Wortprotokoll
Eigentlich wollte ich mich beim Eintreten noch nicht melden, sondern erst in der Detailberatung. Aber Kollege Stadler hat mich ein bisschen herausgefordert mit seiner berechtigten Frage: Wo bleibt eigentlich die Leidenschaft, wo bleibt die kulturelle Debatte, die mit der Beratung dieses Gesetzes einhergehen müsste? Wir reden hier - und das wird nachher in der Detailberatung sehr ausgeprägt sein - über Finanzen, über die Organisation, über moderne Managementsysteme, über Steuerung, über strategische Ziele usw. Das ist auch richtig, das muss man auch machen. Aber es geht selbstverständlich um eine grundsätzliche Auseinandersetzung darüber, wie in einer Gesellschaft mit Kultur umgegangen wird und was halt förderungswürdig ist.
Ich habe nicht alle Definitionen von Kultur studiert, als ich mich mit diesem Gesetz befasst habe. Ich finde, unser Kommissionssprecher hat es sehr gut auf den Punkt gebracht. Ich habe für mich eine ganz einfache Übersetzung, was Kultur ist: Ich finde, eine Gesellschaft ohne Kultur ist wie ein Körper ohne Seele und ohne Kopf; sie ist einfach nicht ganzheitlich. Wir bestehen nicht einfach nur aus Technik, es geht nicht nur um das Funktionieren. Die Gesellschaft, die Menschen brauchen etwas Höheres, wenn man es mal so sagen will. Das ist auch nicht nur mit Geld zu fördern, das wissen wir alle.
In diesem Gesetz, das darf man schon nicht unterschätzen, steht sehr viel über die grundsätzlichen Ziele in diesem Land, darüber, wie wir mit Kultur umgehen wollen: dass wir die Erhaltung unseres kulturellen Erbes fördern wollen, dass wir auch die Kulturvermittlung fördern wollen, dass wir kulturelle Fähigkeiten fördern wollen. In diesem Gesetz wird z. B. auch die Leseförderung geregelt. Das ist eine Winzigkeit. Aber man weiss, dass etwa eine halbe Million Menschen in der Schweiz funktionelle Analphabeten sind, die gar nicht über die Fähigkeit verfügen, bestimmte kulturelle Produkte zu geniessen. Das ist bedenklich. Es ist deshalb wichtig, dass die Leseförderung gesetzlich geregelt ist. Wir unterstützen auch den nationalen und den internationalen Kulturaustausch. Die Ziele sind die Förderung der kulturellen Vielfalt, die Nachwuchsförderung. Alle relevanten Ziele, die die Kulturpolitik einer demokratischen Gesellschaft aus meiner Sicht unterstützen sollte, sind hier genannt und geregelt.
Bevor wir uns in der Detailberatung mit dem Kompetenzgerangel auseinandersetzen, mit der Frage, ob jetzt Bund und Bundesamt für Kultur mehr zu sagen haben sollen und ob die Pro Helvetia mehr Unterstützung leisten soll usw., sollten wir - das scheint mir auch wichtig zu sein - nicht vergessen, dass wir in grossen Zügen immer noch einer Meinung sind, auch wenn wir in der Detailberatung verschiedene Konzepte vertreten werden. Wir sollten nicht vergessen, dass wir alle wichtig finden, dass es in der Schweiz eine vielfältige, unabhängige Kultur gibt.
Zum Thema Leidenschaft, Kollege Stadler: Ich bin da ein bisschen nüchterner. Warum soll ausgerechnet die Kultur völlig anders reagieren als die Gesamtgesellschaft? Der gesamtgesellschaftliche Mainstream in der entwickelten Welt - ich bezeichne es jetzt einmal so; da gehört die Schweiz ja dazu - ist heute einfach der, dass sämtliche gesellschaftliche Bereiche durchökonomisiert sind: Wir berechnen menschliche Pflege im Spital im Minutentakt; wir definieren, wie viel eine Krankheit fallmässig kosten darf. In unserer Gesellschaft erhält man für das Spekulieren und das virtuelle Herumschicken von virtuellem Geld um den Globus herum Gehälter in zweistelliger Millionenhöhe. Ja, soll ausgerechnet die Kultur davon verschont bleiben? Nein, dort ist es genau gleich. Es gibt, ebenso wie im Sport, auch in der Kunst Spitzenverdiener. Wir haben heute Rankings, die nicht nur aufzeigen, wer in der Kunst im Moment der Beliebteste ist, sondern auch, wer dort im Moment am meisten verdient. Es gibt heute keine Ausstellung mit Bildern internationaler Künstler mehr, die nicht für mehrere Millionen Franken versichert werden müssen. Darum haben wir auch einen entsprechenden Artikel einfügen müssen.
Es gibt kaum ein Museum mehr, das ohne Sponsor aus der Wirtschaft eine grössere, relevante Ausstellung machen kann. Wo bleibt da die Leidenschaft? Das kann man sich schon fragen. Letztendlich geht es da natürlich um eine Wertedebatte. Ich bin da relativ pragmatisch: Die sichtbare Kultur, die breit wahrgenommen wird - darum ist Nachwuchsförderung und staatliche Unterstützung von Unkonventionellem so wichtig -, ist meistens die Abbildung eines gesellschaftlichen Mainstreams. Das kann man beklagen, aber es ist halt so.
Ich bin aber auch nicht pessimistisch. Wenn ich heute junge Kultur anschaue, vor allem auch Theaterstücke junger Leute - zufällig schaue ich mal Theaterstücke oder auch Filme an, ich habe auch nicht den Überblick -, dann bin ich eben wieder sehr optimistisch, denn dort werden Dinge auf eine neue Art thematisiert, auf eine kritische, aber neue, sehr menschliche, sehr nahe Art, die in den meisten gesellschaftlichen Diskussionen eigentlich verlorengegangen ist.
Ich bin überzeugt, dass diese jungen Künstler, egal aus welcher Sparte, sich nicht abhängig davon durchsetzen werden, ob wir jetzt das Bundesamt für Kultur oder die Pro Helvetia mit Kompetenzen ausstatten; sie werden sich vielmehr durchsetzen, wenn sie in ihrer Generation eine Resonanz finden. Ich bin in meiner Jugend auch durch bestimmte kulturelle Sachen geprägt worden. Das wird immer so weitergehen. Darum glaube ich: Die Leidenschaft gibt es immer noch, aber sie ist heute nicht mehr sichtbar; heute ist sichtbar, was skandalisierend ist. Das war ja das - wie soll ich sagen - ein bisschen Lächerliche an unserer Hirschhorn-Debatte. Ich habe es damals schon gesagt: Das war die beste Werbung für Hirschhorn. Er kann heute seine Werke zum drei-, vier-, fünffachen Preis verkaufen. Das ist doch die Schizophrenie, die heute in der öffentlichen Wahrnehmung besteht. Da werden extra Skandälchen produziert, damit in dieser überfluteten Gesellschaft überhaupt noch eine Wahrnehmung stattfindet. Dem können wir weder mit einem Kulturförderungsgesetz noch mit ein paar Millionen mehr entgegenwirken. Wir müssen uns immer wieder darauf verlassen, dass es engagierte junge Leute gibt, die ihre ganz eigene Vorstellung von Kultur haben und diese auch umsetzen, völlig unabhängig davon, ob sie gefördert werden oder nicht.