Geltung: Wie spätere Gerichte diesen Entscheid behandelt haben, wurde nicht ausgewertet.

RBOG 2010 Nr. 05

RBOG 2010 Nr. 05

RBOG 2010 Nr. 05

Beweislastverteilung, wenn die Klägerin ein Darlehen behauptet und der Beklagte Schenkung geltend macht

Art. 239 OR, Art. 312 OR, Art. 8 ZGB

Erwägungen

1. Die Berufungsbeklagte begründet ihre Klage unter Hinweis auf einen mit dem Berufungskläger mündlich abgeschlossenen Darlehensvertrag. Dieser stellt sich auf den Standpunkt, der eingeklagte Betrag sei ihm von der Berufungsbeklagten geschenkt worden.

2. a) Den rechtserzeugenden Sachverhalt hat der eine Rechtsfolge Behauptende nachzuweisen. Eine Verteidigung, die sich gegen die Richtigkeit der in den Rahmen des rechtserzeugenden Sachverhalts fallenden Sachvorbringen wendet, ist blosse Bestreitung und nicht vom Bestreitenden zu beweisen, sondern von dem zu widerlegen, der den rechtserzeugenden Sachverhalt behauptet: So wenn der Beklagte, auf Rückzahlung belangt, behauptet, das Geld sei ihm nicht geliehen, sondern geschenkt worden. Dagegen würde der Beklagte einen rechtsvernichtenden und von ihm zu beweisenden Umstand anrufen, falls er zwar ein Darlehen zugesteht, von der Rückleistung aber schenkungsweise befreit worden sein will[1]. Pra 47, 1958, Nr. 34, auf welchen Entscheid Vogt verweist[2], ist für den hier zu beurteilenden Fall nicht einschlägig: Anders als hier ging es dort um die Klage einer Partei, welche mit Hinweis auf eine Schenkung auf Herausgabe klagte.

b) Entgegen der Auffassung der Vorinstanz obliegt demnach der Berufungsbeklagten der Hauptbeweis für das behauptete Darlehen, während die vom Berufungskläger geltend gemachte Schenkung Thema des Gegenbeweises ist. Mit anderen Worten muss die Berufungsbeklagte das Gericht von der Wahrheit ihrer Sachbehauptung überzeugen; gelingt es dem Berufungskläger, Zweifel an der Richtigkeit der Sachdarstellung der Berufungsbeklagten zu wecken, ist der Hauptbeweis gescheitert; der Berufungskläger muss das Gericht nicht von der Richtigkeit seiner Darstellung überzeugen[3]. Umgekehrt werden an den Beweis des Darlehensvertrags wesentlich verminderte Anforderungen gestellt, wenn aufgrund der Umstände die geltend gemachte Schenkung ausser Betracht fällt[4].

Obergericht, 15. Juni 2010, ZBR.2010.10

[1] Zum Ganzen Kummer, Berner Kommentar, Art. 8 ZGB N 155 und 253; Urteil des Appellationsgerichts Basel-Stadt vom 16. März 1945, in: SJZ 41, 1945, S. 375; ferner Schmid, Art. 8 ZGB: Überblick und Beweislast, in: Der Beweis im Zivilprozess (Hrsg.: Leuenberger), Bern 2000, S. 32; Baumgärtel, Handbuch der Beweislast im Privatrecht, Bd. I, 2.A., § 516 BGB N 3 ff.

[2] Basler Kommentar, Art. 239 OR N 44 ("Schenkungsabsicht wird in der Regel nicht vermutet und ist daher vom Beschenkten nachzuweisen.")

[3] Kummer, Art. 8 ZGB N 106 f.

[4] Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom 20. Dezember 1949, in: SJZ 46, 1950, S. 332

Seither geänderte Bestimmungen

Dieser Entscheid legt Bestimmungen aus, deren Erlass seither erneut konsolidiert wurde. Ob der Artikel selbst geändert hat, ist nicht erfasst.

  • Bundesgesetz betreffend die Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, Art. 239 und Art. 312 — gelesen in der Fassung vom 1. Januar 2010; der Erlass wurde am 1. Januar 2011, 1. Januar 2012, 1. März 2012, 1. Oktober 2012, 1. Januar 2013, 28. Mai 2013, 1. Januar 2014, 1. Juli 2014, 1. Juli 2015, 1. Januar 2016, 1. Juli 2016, 1. Januar 2017, 1. April 2017, 1. November 2019, 1. Januar 2020, 1. April 2020, 1. Januar 2021, 1. Februar 2021, 1. Mai 2021, 1. Juli 2021, 1. Januar 2022, 1. Januar 2023, 9. Februar 2023, 1. September 2023, 1. Januar 2024, 1. Januar 2025, 8. Juli 2025, 1. Oktober 2025 und 1. Januar 2026 erneut konsolidiert.
  • Schweizerisches Zivilgesetzbuch, Art. 8 — gelesen in der Fassung vom 1. Februar 2010; der Erlass wurde am 1. Januar 2011, 1. Januar 2012, 1. Januar 2013, 1. Juli 2013, 1. Juli 2014, 1. Januar 2016, 1. April 2016, 1. Januar 2017, 1. September 2017, 1. Januar 2018, 1. Januar 2019, 1. Januar 2020, 1. Juli 2020, 1. Januar 2021, 1. Januar 2022, 1. Juli 2022, 1. Januar 2023, 23. Januar 2023, 1. September 2023, 1. Januar 2024, 1. Januar 2025, 1. Januar 2026 und 1. Juli 2026 erneut konsolidiert.