Geltung: Wie spätere Gerichte diesen Entscheid behandelt haben, wurde nicht ausgewertet.

P3 06 18

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Rubrum

KGE (Strafkammer) vom 11. Juli 2006 i.S. X. c. Untersuchungsrichteramt Oberwallis (Beschwerde).

Strafantrag: Antragsrecht bei Verletzung des Berufsgeheimnisses (Art. 321 i.V.m. Art. 28 StGB). Antragsberechtigt ist grundsätzlich der Geheimnisherr, also die Person, deren Geheimsphäre geschützt wird, nicht aber der Geheimnisträger. Plainte pénale: droit de porte plainte en cas de violation du secret professionnel (art. 321 et 28 CP). En principe, le droit de porter plainte appartient au maître du secret, c’est-à-dire aux personnes dont la sphère secrète est protégée, mais pas à son détenteur.

Erwägungen

(...)

3. Die Verletzung des Berufgeheimnisses (Art. 321 StGB) betreffend, hält die Beschwerdeführerin dafür, dass die Frage der Antragsberechtigung einer rechtlichen Überprüfung durch ein Gericht bedürfe und auf jeden Fall nicht geeignet sei, als einzige Argumentation der Anzeige keine Folge zu geben.

a) Nach Art. 46 Ziff. 1 StPO hat der Untersuchungsrichter, der eine Anzeige oder Strafklage erhält, unverzüglich zu prüfen, ob die vorgebrachten Tatsachen strafbar erscheinen und ob die gesetzlichen Voraussetzungen der öffentlichen Klage erfüllt zu sein scheinen. Ist dies nicht der Fall, hat er der Anzeige oder Strafklage die Folge zu verweigern. Der Untersuchungsrichter hat somit auch den Strafantrag, der nach Rechtsprechung und wohl herrschender Lehre eine Prozessvoraussetzung (BGE 129 IV 305 E. 4.2.3 mit Hinweisen) ist, von Amtes wegen auf seine Gültigkeit zu prüfen (vgl. Riedo, Basler Kommentar, StGB I, 2003 N. 67 zu Art. 28 StGB) und damit auch die Berechtigung dazu vorgängig zu klären. Fehlt ein gültiger Strafantrag, fällt nämlich eine Strafverfolgung und auch eine Bestrafung ausser Betracht (BGE 129 IV 305 E. 4.2.3).

b) Art. 28 Abs. 1 StGB bestimmt, dass jeder, der durch eine nur auf Antrag strafbare Tat verletzt worden ist, die Bestrafung des Täters beantragen kann. Als verletzt im Sinne dieser Norm gilt der Träger des angegriffenen Rechtsgutes und ausser diesem nur, wer an der Erhaltung des Rechtsgutes ein gleichartiges rechtlich geschütztes Interesse hat (Riedo, a.a.O., N. 6 ff. zu Art. 28 StGB). Das von Art. 321 StGB primär anvisierte Rechtsgut ist die Geheimsphäre desjenigen, der die Dienstleistung bei der betreffenden Person in Anspruch nimmt, wobei im Wesentlichen öffentliche Interessen die Art und den Umfang dieses besonderen Schutzes bestimmen (Oberholzer, Basler Kommentar, StGB II, 2003, N. 1 f. zu Art. 321 StGB). Antragsberechtigt ist mithin der Geheimnisherr, also derjenige, den das entsprechende Geheimnis betrifft, und somit in der Regel der Auftraggeber. Im Zahnarzt-Patientenverhältnis sind der Zahnarzt und dessen Hilfspersonen Geheimnisträger (Oberholzer, a.a.O., N. 5 f. zu Art. 321 StGB) und der Patient der Geheimnisherr, dem das Antragsrecht zusteht. Richtig ist der Hinweis der Beschwerdeführerin auf Oberholzer, wonach Konstellationen denkbar sind, «in denen dem zur Verschwiegenheit Verpflichteten das Geheimnis von einer Drittperson anvertraut worden ist. In diesen Fällen ist diese Drittperson nur verletzt und damit auch antragsberechtigt, wenn ihr selbst in Bezug auf die geheimhaltungspflichtige Tatsache die Stellung eines Geheimnisherrn zukommt» (a.a.O., N. 26). Im konkreten Fall liegt eine solche Konstellation indessen nicht vor, da es nicht um ein Drittgeheimnis bzw. nicht ein die Zahnärztin selbst betreffendes Geheimnis geht, weshalb sie in Bezug auf das Patientengeheimnis gegenüber ihrer Hilfsperson Geheimnisträgerin und nicht selbst Geheimnisherrin ist. Der Untersuchungsrichter hat somit zu Recht erkannt, dass die Beschwerdeführerin als Geheimnisträgerin nicht antragsberechtigt ist und ein gültiger Strafantrag fehlt. Im Übrigen hat der Untersuchungsrichter auch das Vorliegen eines Straftatbestandes verneint, wozu sich die Beschwerdeführerin nicht äusserte. In diesem Punkt ist die Beschwerde abzuweisen.

Seither geänderte Bestimmungen

Dieser Entscheid legt Bestimmungen aus, deren Erlass seither erneut konsolidiert wurde. Ob der Artikel selbst geändert hat, ist nicht erfasst.

  • Schweizerisches Strafgesetzbuch, Art. 28 und Art. 321 — gelesen in der Fassung vom 1. Juli 2006; der Erlass wurde am 1. Dezember 2006, 1. Januar 2007, 1. Januar 2008, 1. Juni 2008, 1. August 2008, 1. Oktober 2008, 5. Dezember 2008, 1. Januar 2009, 1. Februar 2009, 1. April 2009, 1. Januar 2010, 1. Dezember 2010, 1. Januar 2011, 1. Juli 2011, 1. Oktober 2011, 1. Januar 2012, 1. Juli 2012, 16. Juli 2012, 1. Oktober 2012, 1. Januar 2013, 19. März 2013, 1. April 2013, 1. Mai 2013, 1. Juli 2013, 1. Januar 2014, 1. Juli 2014, 1. Januar 2015, 1. Januar 2016, 1. Juli 2016, 1. Oktober 2016, 1. Januar 2017, 11. Juli 2017, 1. September 2017, 12. Dezember 2017, 1. Januar 2018, 1. März 2018, 1. März 2019, 1. Juli 2019, 1. November 2019, 1. Februar 2020, 3. März 2020, 1. Juli 2020, 1. Juli 2021, 1. Januar 2022, 1. Juni 2022, 22. November 2022, 1. Januar 2023, 23. Januar 2023, 1. Juli 2023, 1. August 2023, 1. September 2023, 6. Dezember 2023, 1. Januar 2024, 1. Juli 2024, 1. Januar 2025, 1. August 2025, 1. Januar 2026 und 12. Juni 2026 erneut konsolidiert.
  • Schweizerische Strafprozessordnung, Art. 46 — gelesen in der Fassung vom 1. April 2004; der Erlass wurde am 1. Januar 2007, 1. Januar 2008, 5. Dezember 2008, 1. Januar 2009, 1. Januar 2010, 1. Januar 2011, 1. Juli 2011, 1. Juli 2012, 1. Oktober 2012, 1. Februar 2013, 12. März 2013, 1. April 2013, 1. Mai 2013, 21. Januar 2014, 1. Juli 2014, 25. November 2014, 1. Januar 2015, 1. Januar 2016, 1. Juli 2016, 1. Oktober 2016, 1. Januar 2017, 1. September 2017, 1. Januar 2018, 1. März 2018, 1. Januar 2019, 1. März 2019, 1. Februar 2020, 1. März 2021, 1. Juli 2021, 1. Juli 2022, 1. Januar 2023, 23. Januar 2023, 1. Juli 2023, 1. August 2023, 1. Januar 2024, 1. Juli 2024 und 1. April 2025 erneut konsolidiert.