AS 2005 3529
Verordnung
über den Pilotversuch «Assistenzbudget»
vom 10. Juni 2005
Der Schweizerische Bundesrat,
gestützt auf den Buchstaben b der Schlussbestimmungen der Änderung vom 21. März 2003 des Bundesgesetzes vom 19. Juni 19591 über die Invalidenversicherung (IVG),
verordnet:
1. Abschnitt: Zweck und Gegenstand
Art. 1
Diese Verordnung regelt den Pilotversuch «Assistenzbudget», mit dem die eigenverantwortliche und selbstbestimmte Lebensführung von invaliden Personen gestärkt werden soll, die wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für alltägliche Lebensverrichtungen dauernd Hilfe von Dritten oder persönliche Überwachung brauchen oder regelmässig auf lebenspraktische Begleitung angewiesen sind.
Sie legt die finanziellen Leistungen der Invalidenversicherung (IV) für Personen fest, die freiwillig am Pilotversuch «Assistenzbudget» teilnehmen.
2. Abschnitt: Teilnahme am Pilotversuch
Art. 2 Voraussetzungen
Zur Teilnahme am Pilotversuch können Personen zugelassen werden, welche:
die Voraussetzungen für den Bezug einer Hilflosenentschädigung nach Artikel 42 Absätze 1–5 IVG erfüllen;
ihren Wohnsitz in der Schweiz haben;
nicht in einem Heim oder Sonderschulheim wohnen oder sich verpflichten, es im Fall einer Teilnahme zu verlassen;
nicht vor dem 31. Dezember 2008 einen Anspruch auf eine Altersrente der Alters- und Hinterlassenenversicherung haben;
sich verpflichten, während der Teilnahme am Versuch auf die Hilflosenentschädigung und den Intensivpflegezuschlag nach den Artikeln 42–42ter IVG SR 831.203 sowie Dienstleistungen Dritter nach Artikel 21bis Absatz 2 IVG zu verzichten;
sich einverstanden erklären, dass ihre Daten im Rahmen des Pilotversuches evaluiert werden; und
sich verpflichten, zu Evaluationszwecken Auskünfte zu erteilen.
Um eine wissenschaftliche Evaluation und die Einhaltung des Kostendaches zu gewährleisten, ist die Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Pilotversuch beschränkt. Es besteht kein Rechtsanspruch auf Teilnahme am Pilotversuch.
Art. 3 Anmeldung
Personen, die am Pilotversuch teilnehmen wollen, haben sich bei der zuständigen IV-Stelle mit einem amtlichen Formular anzumelden und eine Einwilligung zur Einholung weiterer Auskünfte zu erteilen. Artikel 28 Absatz 3 des Bundesgesetzes vom6. Oktober 20002 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) und die Artikel 65 Absätze 2–3 und 66 der Verordnung vom 17. Januar 19613 über die Invalidenversicherung (IVV) gelten sinngemäss.
Anmeldungen können bis 30. Juni 2007 eingereicht werden.
Interessierte Personen sind im Rahmen des Anmeldeverfahrens über Umfang und Zweck der Datenbearbeitung sowie über ihre Mitwirkungs- und Auskunftspflichten schriftlich zu informieren.
Art. 4 Entscheid
Über die Berechtigung zur Teilnahme entscheidet die zuständige IV-Stelle.
Art. 5 Ende der Teilnahme
Die Teilnahme endet spätestens mit dem Ende des Pilotversuchs.
Die Berechtigung zur Teilnahme erlischt, sobald die assistenznehmende Person:
die Voraussetzungen nach Artikel 2 nicht mehr erfüllt;
Mitwirkungs- und Auskunftspflichten verletzt (Art. 28, 31, 43 Abs. 3
einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung der obligatorischen Unfallversicherung oder der Militärversicherung hat; oder
sich ohne wesentlichen Unterbruch während mindestens zwei Monaten in einer Heilanstalt aufhält.
Ein Austritt aus dem Pilotversuch ist jederzeit möglich. Er ist der zuständigen IV-Stelle schriftlich mitzuteilen.
Die zuständige IV-Stelle hält den Austritt aus dem Pilotversuch oder das Erlöschen der Teilnahmeberechtigung sowie den Zeitpunkt des Wiederauflebens der Unterstellung unter das ordentliche Recht mittels Verfügung fest.
3. Abschnitt: Bedarfsabklärung und Wahl der dienstleistungserbringenden Personen
Art. 6 Bedarfsabklärung
Die zuständige IV-Stelle führt die Bedarfsabklärung durch.
Für die Bedarfsabklärung können Dritte beigezogen werden.
Art. 7 Wahl der dienstleistungserbringenden Personen
Die teilnehmenden Personen sind in der Wahl der dienstleistungserbringenden Personen frei. Bei minderjährigen oder entmündigten Personen handelt soweit nötig die gesetzliche Vertretung.
4. Abschnitt: Assistenzgeld
Art. 8 Grundsatz
Assistenznehmende Personen haben Anspruch auf ein monatliches Assistenzgeld.
Das Assistenzgeld setzt sich zusammen aus einer Assistenzpauschale, einem individuellen Assistenzbudget und allenfalls einem Zuschlag.
Es wird monatlich ausbezahlt.
Art. 9 Assistenzpauschale
Die Höhe der Assistenzpauschale richtet sich nach dem Grad der Hilflosigkeit der assistenznehmenden Person.
Die Pauschale beträgt pro Monat:
bei schwerer Hilflosigkeit: 900 Franken;
bei mittelschwerer Hilflosigkeit: 600 Franken;
bei leichter Hilflosigkeit: 300 Franken.
Art. 10 Für das Assistenzbudget anrechenbare Assistenzleistungen
Anrechenbar ist der Zeitbedarf für regelmässige Assistenzleistungen:
im Bereich alltägliche Lebensverrichtungen;
im Bereich Haushaltsführung;
im Bereich gesellschaftliche Teilhabe und Freizeitgestaltung;
im Bereich Pflege;
im Bereich Bildung, Arbeit und Kinderbetreuung; und
in Form von Präsenz.
Nicht anrechenbar ist der Zeitbedarf für:
Assistenzleistungen, die während des Aufenthaltes in einer Institution zur Durchführung von Eingliederungsmassnahmen nach Artikel 8 Absatz 3 IVG oder bei einem Aufenthalt in einer Werkstätte oder Tagesstätte nach Artikel 73 Absatz 2 Buchstabe b oder c IVG durch Beiträge der Invalidenversicherung abgegolten werden;
Therapien und medizinische Behandlungspflege, die durch medizinische Hilfspersonen nach Artikel 14 Absatz 1 Buchstabe a IVG erbracht und als medizinische Massnahme durch die Invalidenversicherung vergütet werden;
Therapien, Behandlungen und Grundpflege nach Artikel 7 der Krankenpflege-Leistungsverordnung vom 29. September 19955, die durch Leistungserbringer nach den Artikeln 49 und 51 der Verordnung vom 27. Juni 19956 über die Krankenversicherung erbracht und gemäss dem Bundesgesetz vom 18. März 19947 über die Krankenversicherung vergütet werden;
Assistenzleistungen für Minderjährige, die nicht behinderungs-, sondern altersbedingt sind, sowie Massnahmen für besondere Schulung nach Artikel 19 IVG.
Art. 11 Vergütungsansätze
Die anrechenbaren Assistenzleistungen werden grundsätzlich mit 30 Franken pro Stunde vergütet.
Besondere Ansätze gelten für:
Assistenzleistungen, die nur von qualifiziertem Personal erbracht werden können: 45 Franken pro Stunde;
Überwachung: 20 Franken pro Stunde;
Präsenz während der Nacht: 50 Franken pro Nacht.
Art. 12 Festlegung des Assistenzbudgets
Für die Festlegung des Assistenzbudgets ermittelt die zuständige IV-Stelle den durchschnittlichen täglichen Zeitbedarf und die jeweils anwendbaren Vergütungsansätze.
Der ermittelte Zeitbedarf wird mit den anwendbaren Vergütungsansätzen multipliziert.
Das Ergebnis wird auf einen monatlichen Frankenbetrag berechnet.
Art. 13 Höchstbetrag des Assistenzbudgets
Das Assistenzbudget darf die Summe folgender Beträge nicht übersteigen:
1,5 × Assistenzpauschale × Anzahl Lebensverrichtungen;
Pauschale für eine allfällige dauernde persönliche Überwachung nach Artikel 37 Absatz 3 Buchstabe b IVV8: 100 Franken pro Tag;
Pauschale für einen allfälligen Nachtdienst bei schwerer Hilflosigkeit: 50 Franken pro Nacht.
Als Lebensverrichtungen gelten die im Zusammenhang mit der Bemessung der Hilflosigkeit nach Artikel 37 IVV anerkannten sechs alltäglichen Lebensverrichtungen.
Für folgende Personengruppen wird die Anzahl der Lebensverrichtungen, in denen sie als hilflos gelten, wie folgt festgelegt:
taubblinde und taube Personen mit hochgradiger Sehschwäche: in sechs Lebensverrichtungen;
blinde und hochgradig sehschwache Personen: in drei Lebensverrichtungen;
assistenznehmende Personen mit einer leichten Hilflosigkeit im Sinne von
Artikel 37 Absatz 3 Buchstabe c, d oder e IVV: in zwei Lebensverrichtungen.
Bei einem Aufenthalt der assistenznehmenden Person in einer Tagesstruktur nach
Artikel 73 IVG oder in einer Institution zur Durchführung von Eingliederungsmassnahmen nach Artikel 8 Absatz 3 IVG wird der Höchstbetrag pro Wochentag um
Prozent, jedoch um maximal 25 Prozent reduziert.
Art. 14 Zuschlag für Assistenz im Bereich Bildung und Arbeit
Sind die im Bereich Bildung und Arbeit anfallenden Assistenzleistungen durch das Assistenzbudget nicht gedeckt, so kann ein Zuschlag zum Höchstbetrag nach Artikel 13 gewährt werden.
Er wird gewährt, wenn die assistenznehmende Person:
im Umfang von mindestens 10 Stunden pro Woche eine nicht von der IV finanzierte Aus- oder Weiterbildung besucht;
im Umfang von mindestens 10 Stunden pro Woche eine Erwerbstätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ausübt; oder
nachweisbar im Umfang von mindestens 10 Stunden pro Woche gemeinnützige Arbeit leistet.
Der Höchstbetrag des Assistenzbudgets samt Zuschlag darf den zehnfachen Betrag der Assistenzpauschale nicht übersteigen.
Art. 15 Zuschlag während akuten Phasen psychisch und geistig behinderter Personen
Während akuten Phasen kann psychisch und geistig behinderten Personen ein Zuschlag gewährt werden.
Der Höchstbetrag des Assistenzbudgets samt Zuschlägen darf den zehnfachen Betrag der Assistenzpauschale nicht übersteigen.
Dauert die akute Phase ohne wesentlichen Unterbruch mindestens drei Monate, so findet Artikel 17 Absatz 3 Anwendung.
Der Aufenthalt der assistenznehmenden Person in Tagesstrukturen nach Artikel 73 IVG oder in einer Institution zur Durchführung von Eingliederungsmassnahmen nach Artikel 8 Absatz 3 IVG reduziert den Zuschlag während akuten Phasen pro Wochentag um 5 Prozent, jedoch um höchstens 25 Prozent.
Art. 16 Kostenbeteiligung der assistenznehmenden Personen
Assistenznehmende Personen haben 20 Prozent des Assistenzbudgets selber zu tragen, maximal jedoch 10 Prozent des über dem Freibetrag liegenden steuerbaren Einkommens.
Der Freibetrag beträgt 30 000 Franken für Alleinstehende und 40 000 Franken für Verheiratete. Er wird pro Kind um 3000 Franken erhöht.
Art. 17 Entscheid, Anspruch und Revision
Die zuständige IV-Stelle entscheidet über den monatlichen Betrag des Assistenzgeldes und den Anspruchsbeginn in Form einer Verfügung.
Der Anspruch auf ein Assistenzgeld beginnt frühestens mit dem Erlass der Verfügung.
Ändert sich der Schweregrad der Hilflosigkeit oder der anrechenbare Zeitbedarf für regelmässige Assistenzleistungen, so finden die Artikel 87–88bis IVV9 sinngemäss Anwendung.
Art. 18 Auszahlung
Das Assistenzgeld wird von der Zentralen Ausgleichsstelle (ZAS) ausbezahlt.
Die Auszahlung erfolgt frühestens in dem Monat, in welchem die Verfügung erlassen wird.
5. Abschnitt: Leistungskoordination
Art. 19 Ergänzungsleistungen
Artikel 19b der Verordnung vom 15. Januar 197110 über die Ergänzungsleistungen
zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung und Artikel 3 Absätze 2–4 der Verordnung vom 29. Dezember 199711 über die Vergütung von Krankheits- und Behinderungskosten bei den Ergänzungsleistungen finden sinngemäss Anwendung, wenn anstelle der Hilflosenentschädigung der IV ein Assistenzgeld ausgerichtet wird.
Art. 20 Heilbehandlung
Hält sich eine assistenznehmende Person zu Lasten einer Sozialversicherung in einer Heilanstalt auf, so kann das Assistenzgeld während dieser Zeit anteilsmässig gekürzt werden.
6. Abschnitt: Zuständige IV-Stelle
Art. 21
Zuständigzur Entgegennahme und Prüfung der Anmeldung sind die mit der Durchführung des Pilotversuches beauftragten IV-Stellen.
Ist die Zuständigkeit streitig, so bestimmt das Bundesamt für Sozialversicherung die zuständige IV-Stelle.
7. Abschnitt: Schlussbestimmungen
Art. 22 Beginn des Pilotversuchs
Der Pilotversuch beginnt am1. Januar 2006.
Art. 23 Nicht anwendbares Recht
Soweit diese Verordnung nichts anderes bestimmt, finden die Artikel 21bis Absatz 2 und 42–42ter IVG, die Artikel 14 Buchstabe c, 35bis, 36, 39 IVV12 sowie Artikel 9 der Verordnung vom 29. November 197613 über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung während der Dauer der Teilnahme am Pilotversuch keine Anwendung.
Art. 24 Inkrafttreten und Geltungsdauer
Diese Verordnung tritt am1. August 2005 in Kraft und gilt bis zum 31. Dezember 2008.
10. Juni 2005 Im Namen des Schweizerischen Bundesrates |
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Der Bundespräsident: Samuel Schmid |
Die Bundeskanzlerin: Annemarie Huber-Hotz |