Trockenwiesen und –weiden: Bewässerung
Trockenwiesen und -weiden Bewässerung Walliser Felsensteppen und Bündner Trockenrasen sind aus europäischer Sicht unbestritten schutzwürdig. Gerade diese Vegetation ist aber durch die moderne Bewässerung bedroht.
Seit kurzem mit einem Sprinkler beregnete Felsensteppe in Ausserberg VS 1 . Durch Berieselung entstandenes Vegetationsmosaik (typische „Zungenform“) in Ausserberg 2 .
Dauerwiesen in den inneralpinen Trocken- Vegetation trockenmagerer Standorte in tälern der Kantone Wallis und Graubünden ertragreichere Wiesen und Weiden. Einige werden oft seit Generationen zur Ertrags- Untersuchungen belegen diese vielerorts sicherung bewässert. In diesen ehema- festgestellte Entwicklung. Andererseits ligen Steppen fehlen die typischen Cha- gibt es auch Beispiele, wo die TWW-Quarakterarten der Trockenwiesen, die Arten- lität trotz Bewässerung, jedoch auf wenizusammensetzung wird „banaler“ und der ger hohem Niveau, erhalten blieb. Naturschutzwert ist geringer. Die Beregnung führt vielfach zu einer intensiveren Das vorliegende Dokument fasst den Bewirtschaftung (Düngung, höhere aktuellen Wissensstand zusammen und Nutzungshäufigkeit, früherer Schnitt- zeigt auf, wie bei Bewässerungskonflikten zeitpunkt). Das zugeführte Wasser setzt vorzugehen ist. Nährstoffe im Boden frei und überführt die
Definitionen Trockenwiesen und -weiden im inneralpinen Steppengürtel Traditionelle oder Rieselbewässerung, (Wäs- Im Graubünden machen die Trocken- Landw. TWW-Steppen Nutzfläche (LN) ausserhalb SöG sern, Berieselung mittels Wasserverteilgräben wiesen und -weiden ausserhalb des TWW ausserhalb Weitere Steppen gemäss aus Suonen, frz. „Bisses“, ugs. „Wasserleiten“): Sömmerunggebietes (SöG) knapp 8 % des Sömmerungs- Wieseninventar VS gebietes (SöG) (4’167 ha) der LN aus. Davon sind ca. 88 ha Steppen (0.1 % der LN). Von den Walliser Trockenwiesen und -weiden (4’288 ha) liegen 3’270 ha TWW (ca. 8.5 % der LN) ausserhalb des SöG. Kanton Wallis
Davon sind 1’289 ha Steppen (ca. 3.3 % der LN). Tatsächlich sind es bedeutend Kanton Wallis (VS)
weniger als 3.3 %, da Steppen aufgrund der marginalen landwirtschaftlichen Nut- Kanton GR
Das Wasser wird in offenen Rinnen zu den Wie- zung oft nicht als LN gelten. sen geführt. Durch Stauen der Gräben mit Stein Ca. 12 % der TWW-Steppenfläche sind oder Metallplatten fliesst das Wasser seitlich zurzeit durch Sprinkler bedroht, d.h. sie breitflächig aus dem Graben und überrieselt die enthalten eine Anlage innerhalb oder Wiesen. Traditionell wird diese Arbeit von Anfang angrenzend an die inventarisierte Fläche April bis Ende September durchgeführt. Was- (Quelle: Eingriffsdatenbank BAFU). Kanton Graubünden (GR) sermenge, Wässerstunden und Turnus erfolgen nach regionalen Abmachungen (z.B. Aletschge- Die Beregnung wirkt anders als die Rieselbewässerung biet in einem Turnus von 14 Tagen). Die traditionelle Rieselbewässerung führt Die Beregnung wirkt gleichmässiger auf das Wasser aufgrund vorhandener Boden- die Fläche und eliminiert trockene Stellen Beregnung mittels Regner oder Sprinkler: unebenheiten unregelmässig über die Flä- – nicht nur in der bewässerten Wiese, sonche. Lokal wird massiv über das Speicher- dern auch im oft mitberegneten Umfeld. vermögen des Bodens hinaus bewässert; Die Vegetation wird homogen mit Wasser an anderen Stellen erhält der Boden kein versorgt, der Einfluss des Mikroreliefs ver- Wasser. Dadurch bilden sich mosaikartige schwindet. Die Wasserzufuhr kann besser Böden und Vegetationstypen, was die bio- gesteuert und den verschiedenen Bedürflogische Vielfalt erhöht. Ein Nebeneinan- nissen angepasst werden. Viele Tierarten der von Fett- und Magerwiesenarten, z.T. reagieren empfindlich auf die regelmässogar mit Ufervegetation in Mulden und sige Beregnung (mit eiskaltem Wasser): Steppenzeigern auf Kuppen entsteht. Wo z. Bsp. bodenbrütende Vögel und wärme- Die Wasserverteilung wird mit ortsfest verleg- noch traditionell berieselt wird, sollte dies liebende Schmetterlinge. TWW-typische ten Leitungen oder transportablen Röhren und möglichst weitergeführt werden. Allerdings Tier- und Pflanzenarten der Roten Liste Drehventilen (Kreisregner, Schwenkregner) oder muss beachtet werden, dass die Riesel- werden in beregneten Gebieten innerhalb mit Beregnungsmaschinen (Regnerwagen mit bewässerung, wenn unsachgemäss aus- weniger Jahre stark zurückgedrängt. Selbsteinzug) vorgenommen. Aufgenommen wur- geführt, Bodenerosion verursachen kann. den die Beregnungen seit den 50er Jahren, in der
Regel nach dem ursprünglichen Turnus wie bei Unbewässert Bewässert der Rieselbewässerung. Es werden Radien zwischen 30m und 50m erreicht. Wegen des gerin- Hemmung der chem. Vorgänge und der Förderung der chem. Vorgänge und der gen Wasserverlustes wird rund 50% weniger biologischen Aktivität im Boden biologischen Aktivität (z.B. Regenwurmaktivität)
Wasser benötigt. Die Arbeitseinsparungen betragen rund 85%. Beschleunigter Abbau der organischen Substanz sowie Verlangsamter Abbau der organischen Substanz. schnelle chem. Verwitterung – Verbraunung der Böden. Die Investitionskosten sind hoch, weshalb sich der Bau von neuen Anlagen in den inneralpinen Phäozemboden Mullreiche Braunerde Trockentälern auf ertragreiche Flächen mit hoher Geringer Humus- und Tongehalt, somit schwache Mit höherem Humus- und Tongehalt Kationenumtauschkapazität und somit 2–3 x höherer Kationenumtauschkapazität. Speicherfähigkeit beschränkt und im Kanton (d.h. geringe Speicherfähigkeit für Nährstoffe) Graubünden keine Weiden bewässert werden. Mit dem System der Beregnung kann das Was- Starke, dichte Durchwurzelung (bis > 1 m tief) Weniger tiefe und dichte Durchwurzelung.
ser sehr genau der lokalen Speicherfähigkeit und dem aktuellen Sättigungsgrad des Bodens ent- Geringe Pflanzenproduktion Grosse ober- und unterirdische Pflanzenproduktion Ausgeprägte Trockenheitszeiger vorhanden. Extreme Trockenheitszeiger und spezifische Steppensprechend ausgebracht werden. Dem Bewässe- Typische Artenzusammensetzung (z.B. VS Steppen). arten fehlen. rungsbetriebsplan (Turnuseinteilung) ist somit die Erosionshemmend. Häufige Arten verdrängen typische, seltene Arten. grösste Bedeutung beizumessen. Die Wirkung der Bewässerung auf Boden und Vegetation (nach Liniger, 1983).
Vorgehen gemäss TWW-Vollzugshilfe Grundsatz: Die Kantone sorgen dafür, zugrunde liegenden Aufnahmekriterien mit Der Unterhalt und die Erneuerung von dass bestehende und neue Nutzungen mit der Fortsetzung der bestehenden Bewäs- traditionellen Bewässerungsanlagen ist dem Schutzziel in Einklang stehen (Art. 8 serung keine Schutzzielwidrigkeit vor. zulässig. Abs. 2 Bst. c Entwurf Trockenwiesenver- Neue Anlagen zur Beregnung von Troordnung). Die Bewässerung von TWW- Das Beibehalten einer bestehenden ckenwiesen und -weiden, die dem Schutz- Objekten ist in der Regel nicht mit dem Beregnung kann im Ausnahmefall zuläs- ziel widersprechen, sind indes nicht bewil- Schutzziel vereinbar. sig sein, sofern der trockenwiesentypische ligungsfähig (Art. 8 Abs. 2 Bst. b Entwurf Wert der Fläche erhalten bleibt (entspre- Trockenwiesenverordnung). Im Fall von traditionell bewässerten Flä- chende klimatische Bedingungen in innerchen liegt aufgrund der dem Inventar alpinen Trockentälern).
Je nach Vegetationstyp hat die Bewässerung eine unterschiedliche Wirkung Felsensteppen auf Steppen auf tiefgründigen Böden Trespen-Halbtrockenrasen flachgründigen Böden (TWW-Vegetationsgruppen: MB, MBAE, MBXB, AE, LL, AI, OR)
Traditionell als Kleinviehweide genutzt, wur- Sehr wertvolle, echte Steppentypen (panno- Die Halbtrockenrasen kommen im Steppenden diese Steppen früher nie bewässert. nische Elemente aus den osteuropäischen gürtel des Wallis im Gegensatz zur restlichen Steppen, z.B. Pulsatillo-Brometum, Cirsio-Bra- Schweiz nur sehr selten, kleinflächig und Die Bewässerung dieser flachgründigen chypodion) mit stark gefährdeten Arten (z.B. in Randlagen vor (mittelgründige, leicht Böden (physiologische Gründigkeit unter Goldaster Aster linosyris, Walliser Rispen- bewässerte, jedoch nicht gedüngte Böden). 30 cm) ist ökonomisch nicht sinnvoll, da Flockenblume Centaurea vallesiaca). Diese Ihre typische Artenzusammensetzung wurde sie nur einen sehr geringen Ertrag sichern Standorte wurden traditionell - wenn zugäng- vielerorts durch die traditionelle Bewässerung kann. Stellenweise führt die Bewässerung lich - als (Roggen-) Acker genutzt. Da Getreide erreicht. Eine falsch dosierte Bewässerung zur Ruderalisierung sowie zu einer Zunahme einen geringeren Wasserbedarf aufweist als sowie eine geringe Düngung kann eine von Stickstoffzeigern (TWW Vegetationstyp der Futterbau, benötigten diese Ackerterrassen Überführung in artenärmere Fettwiesen zur AI). Damit wird die typische TWW-Vegetation keine Bewässerung. Mit der Aufgabe des Ge- Folge haben. entwertet. treidebaus im Berggebiet und der Ausweitung des Futterbaus kam in den 50er Jahren das Die Beregnung von seit längerem beregneten Bedürfnis auf, auch ehemalige Ackerterrassen Trespen-Halbtrockenrasen im Steppengürtel zu bewässern. ist - wo für deren Erhaltung nötig - zugelas- Die Bewässerung überführt die Steppenvege- sen. Sie ist jedoch so zu regulieren, dass der tation dieser Flächen in Fettwiesen, es Vegetationstyp langfristig erhalten werden überleben nur Allerweltsarten. Da hier grosse kann. Die Rieselbewässerung dieser Vegeta- Ertragssteigerungen möglich sind, ist dieser tion ist - wo noch praktiziert - wenn möglich Steppentyp besonders gefährdet. beizubehalten und allenfalls abzugelten.
Neue Bewässerungsanlagen dürfen nicht installiert werden (Trockenwiesenverordnung Art. 8 Abs. 2 Bst. b) und auf eine kürzlich aufgenommene Beregnung ist zu verzichten, denn sie widersprechen dem Schutzziel der Erhaltung der Steppenvegetation.
Bewässerung oder Nutzungsaufgabe? Die Rückführung von Fettwiesen in Halb- ehemals mit Gletschermilch bewässerte führt hingegen nur zu einer langsamen trockenrasen oder Steppen mit seltenen Fläche auch nach 10 Jahren noch einen Entwertung, die durch minimale Pflegeein- Arten ist so gut wie unmöglich, d.h. würde erhöhten Stickstoffgehalt aufwies. griffe (wie z.B. eine extensive Beweidung einen unüberschaubaren Zeitraum benö- mit periodischer Entbuschung) wieder tigen. Es wurde zuerst vermutet (Liniger, Fazit: Die Bewässerung ist ein weitge- gestoppt werden kann. Bei einer Abwä- 1983), dass sich Braunerden nach Auf- hend unumkehrbarer Prozess, der zu einer gung ist in flachgründigen Steppen aus gabe der Bewässerung in Steppenböden nachhaltigen Verarmung der Wiesen führt. ökologischer Sicht die Vergandung vorzurückentwickeln. Es musste jedoch fest- Seltene Arten werden verdrängt. Die Nut- zuziehen, da eine Bewässerung oft zum gestellt werden (Born, 1984), dass eine zungsaufgabe in flachgründigen Steppen direkten Verlust des Objektes führt.
Nährstoffreichere Vegetation nach 20 Jahren Bewässerung In Martisberg VS wurde die Vegetation Rauhes Milchkraut Leontodon hispidus).
20 Jahre nach der Wiederaufnahme der Aus allen 8 beregneten Standorten sind
Bewässerung und Intensivierung der Nut- seltene Arten wie Holunder-Knabenkraut zung (Düngung, Schnitthäufigkeit) mit (Dactylorhiza sambucina), Geflecktes Literatur dem Ausgangszustand verglichen (Volkart Ferkelkraut (Hypochaeris maculata) und • Born B. (1984): Einfluss der Wiesenbewässerung auf die Vegetation (Aletschgebiet – Wallis). Semesterarbeit Uni- et al., 2007). Die Erhebungen 2007 zei- Gemeine Pechnelke (Silene viscaria) ver- versität Bern, Geographisches Institut. 48 S. gen, dass 4 der 10 untersuchten Stand- schwunden. Zwei kaum beregnete Stand- • Jeangros B. & Bertola, C. (2001): Auswirkung der Beregorte heute einen nährstoffreicheren Vege- orte dienen heute noch als Zufluchtsort nung auf Dauerwiesen einer Bergregion. AGRARForschung 8 (4): 174-179. tationstyp aufweisen. Weitere 4 Stand- für seltene Arten. Die festgestellten Verän-
Liniger H. (1983): Veränderung des Bodens im Aletschorte weisen zwar denselben Vegetations- derungen sind jedoch auch der veränder- gebiet (VS) durch die traditionelle Wiesenbewässerung. typ, aber deutliche Artverschiebungen auf ten Bewirtschaftung (Düngung, Nutzungs- Diplomarbeit Universität Bern, Geographisches Institut. (auffällige Zunahme von AI-Arten, Zypres- häufigkeit, Schnittzeitpunkt, …) und nicht 142 S.
Volkart G. & Godat S. (2007): Effets de l‘arrosage sur senwolfsmilch Euphorbia cyparissias oder allein der Bewässerung zuzuschreiben. la végétation de prairies permanentes. Analyse de la végétation après réintroduction de l‘arrosage il y a 19 ans à Martisberg, Haut Valais. Rapport interne projet PPS. BAFU 2007.
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Impressum Herausgeber: Bundesamt für Umwelt (BAFU), CH-3003 Bern Das BAFU ist ein Amt des Eidg. Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) Vegetationsuntersuchungen in Martisberg VS: Schwach beregnete Fläche (1-3 Beregnungen/ AGRIDEA, CH-8315 Lindau und CH-1000 Lausanne Vegetationsperiode und wenig Vollgülle) mit Ausbreitung von Zypressenwolfsmilch (links) und Rechtlicher Stellenwert: normal beregnete Fläche (4-6 Beregnungen/Vegetationsperiode und Hofdünger) mit Dominanz von Diese Publikation ist eine Vollzugshilfe des BAFU als Nährstoffzeigern. Aufsichtsbehörde und richtet sich primär an die Vollzugsbehörden. Sie konkretisiert unbestimmte Rechtsbegriffe von Gesetzen und Verordnungen und soll eine einheitliche Vollzugspraxis fördern. Berücksichtigen die Vollzugs- Fazit behörden diese Vollzugshilfen, so können sie davon ausgehen,dass sie das Bundesrecht rechtskonform vollzie- Die Nutzungsintensivierung (Bewässerung in Kombination mit Düngung, Erhöhung hen; andere Lösungen sind aber auch zulässig, sofern sie der Nutzungshäufigkeit und Vorverschiebung des Schnittzeitpunktes) in TWW- rechtskonform sind. Objekten ist nicht mit dem Schutzziel vereinbar. Die Wirkung einer Bewässerung Autorin: Gaby Volkart, atena allein, ohne Veränderung der anderen Faktoren, ist noch wenig untersucht. Sie Mitarbeit und Beratung: dürfte sich jedoch ökonomisch kaum lohnen. B. Jeangros, ACW; M. Dipner und M. Martin, Die Beregnung von TWW-Objekten ist in der Regel nicht mit dem Schutzziel ver- oekoskop; C. Schiess, AGRIDEA; Ch. Hedinger einbar. Eine Ausnahme bilden gewisse artenreiche Halbtrockenrasen, welche das und S. Eggenberg, UNA Vegetationsmosaik im Steppengürtel bereichern und ihren Wert dank der Bewässe- Begleitung BAFU: Christine Gubser, Abteilung Artenmanagement rung erhalten haben. Die Beregnung dieser Flächen bedingt aber eine regelmässige Bildnachweis: Überwachung der Wassermenge, der Bewirtschaftungsmassnahmen (Düngung, S. 1 Ch. Hedinger, M. Martin; S.2 M. Martin; S. 3 M.Dipner, Nutzungshäufigkeit, Weideintensität) und der Wirkung auf die Vegetation. M. Martin; S.4 G. Volkart Die Fortführung der traditionellen Rieselbewässerung ist in TWW-Objekten Grafik/Gestaltung/Redaktion: Monika Martin, oekoskop erwünscht und wo möglich zu unterstützen. Bezug: BAFU, Dokumentation, CH-3003 Bern Internet: www.umwelt-schweiz.ch/publikationen Bestellnummer: UV-0813-D
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