Geltung: Wie spätere Gerichte diesen Entscheid behandelt haben, wurde nicht ausgewertet. Keiner der 5 zitierenden Entscheide wurde ausgewertet.

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20. Urteil der I. Zivilabtellung vom 6. Februar 1920 i. S. Tinnauer gegen Schweizerische Zollverwaltune. Bitrgschaft. Abschluss durch Stellvertretung. Erfordernis der Individualisierung der Hauptschuld : dazu gehért in der Regel die Nennung des Gliubigers, oder wenigstens dessen Bezeichnung in der Weise, dass er bestimmt werden kann.

Sachverhalt

A. — Sigmund Baumann, Kaufmann in Ziirich, schuldet der schweizerischen Zollverwaltung aus einer am 7. Februar 1918 ergangenen Bussenverfiigung von 18,000 Fr. wegen Ausfuhrschmuggels einen Restbetrag von 5150 Fr. ; daneben haftet er solidarisch fiir die Busse eines Anstifters im Betrag von 2000 Fr.

Im Marz 1918 wurde Baumann von der Zollverwaltung firr den Betrag von 14,126 Fr. betrieben ; die Glàubigerin blieb fiir den vollen Betrag ungedeckt und erhielt am 12. Oktober 1918 einen Verlustschein.

+ Schon im August 1918 hatte die Zollverwaltung von Baumann Biirgschaftsstellung verlangt. Diese Biirgschaft leistete der Klager, Rudolf Tinnauer in Kreuzlingen, im Betrag von 6000 Fr. Die Birgschaftsurkunde lautet :

« Herr Sigmund Baumann, in Ziirich 8, Helenastrasse » Nr. 9, hat mir berichtet, dass er einer Zahlungspflicht » von 6000 Fr. nachzukommen habe, und er dieselbe in » einzelnen Teilzahlungen entrichten mòchte, da er mo- » mentan nicht iiber eine so hohe Barsumme verfiigt.

» Nachdem er zur Genehmigung behufs ratenweîser » Abzahlung dieser Obliegenheit eine Biirgschaft benòtigt, » so erklare ich hiemit, dass ich fiir Herrn S. Baumann » fiir den genannten Betrag von 6000 Fr. sage : Sechs- 96 Obligationenrecht. N* 20..

» tausend Franken, die Biirgschaft ilbernehme, bis zur » ganzlichen Zahlung. » Kreuzlingen, den 21. August 1913. gez. » Rudolf Tinnauer, » als Birge ».

Die Echtheit der Unterschrift des Birgen ist vom Gemeindeammannamt Kreuzlingen beglaubigt.

B. — Am 28. Januar 1919 hob die Zollverwaltung gegen den Kliger Betreibung fiir die verbiirgte Summe an. Der Klager erhob Rechtsvorschlag, mit der Begriindung : « Erhebe Rechtsvorschlag, ich hatte noch » nie mit der Zollbehòrde in Bern oder Ziirich etwas zu » tun und bin awch nie seit 7. Februar 1918 wegen einer » Zahlungspflicht Sigm. Baumann von der genannten » Zollbehòrde Bern oder Zirich verstàndigt worden ». . Die Zollverwaltung erwirkte gestittzt auf die Biirgschaftsverpflichtung provisorische Rechtsòffnung, worauf der Klager die vorliegende Aberkennungsklage anhob, mit dem Begehren, «es sei gerichtlich festzustellen, er sei nicht pflichtig, die durch provisorische Rechtséffnung geschiitzte Forderung von 6000 Fr. an die schweiz. Zollverwaltung zu bezahlen ».

Zur Begriindung macht der Kliger geltend, er habe nie eine Biirgschaftsverpflichtung gegeniiber der Zollverwaltung eingegangen, wie denn auch der Name des Gliubigers in der Biirgschaftsurkunde nicht enthalten sei. Der Hauptschuldner Baumann habe ihm erklért, es handle sich um eine Biirgschaft gegeniiber einer Bank, die er fiir kurze Zeit und nur der Form halber zu stellen hàtte ; spAàter habe er ihm versichert, die Sache sei erledigt und der Biirgschein vernichtet.

C. — Die kantonalen Instanzen (Bezirksgericht Kreuzlingen und Obergericht Thurgau) haben die Klage abgewiesen.

D. — Gegen das obergerichtliche Urteil vom 18. September 1919 hat der Klaiger die Berufung an das Bundesgericht erklàrt, mit dem Antrag auf Aufhebung und auf Schutz der Klage, eventuell auf Riickweisung der Sache an die Vorinstanz zur Aktenvervolistàndigung (durch Beweisabnahme iiber die Behauptung, der Hauptschuldner habe in Vertretung des Glaàubigers die Erklarung abgegeben, der Biirgschein sei vernichtet und die Biirgschaft vom Glaàubiger abgelehnt und annulliert).

Das Bundesgericht zieht in Erwàgung :

1. — In rechtlicher Hinsicht ist in Uebereinstimmung mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass die Bùrgschaft ein Vertrag zwischen dem Biirgen und dem Glaubiger ist, was freilich nicht ausschliesst, dass sie auch durch Stellvertretung abgeschlossen werden kann ; inbesondere steht nichts im Weg, dass der Hauptschuldner selber als Stellvertreter des Biirgen dessen Willenserklirung dem Glaubiger ilbermittelt und die Annahmeerklirung im Namen des Biirgen entgegennimmt, zumal da die Person des Glaàubigers dabei im Allgemeinen nicht bestimmend ist (vergl. AS 33 II S. 402).

2. — Richtig ist sodann, dass zu den Angaben, welche die Bilrgschaftsurkunde laut (Gesetz enthalten muss, damit eine giltige Verpflichtung vorliegt, die Nennung des Glaàubigers zwar nicht gehòrt ; das Erfordernis der Schriftform ist nach Art. 493 OR durch die schriftliche Erklàrung des Biirgen und die Angabe des Betrages seiner Haftung erfiilit. Allein daraus darf nicht schlechthin gefolgert werden, es sei nicht erforderlich, dass in der Biirgschaftsurkunde der Glàubiger in irgend einer Weise bezeichnet oder sein Name sonst irgendwie ersichtlich sei. Massgebend ist vielmehr sdie ErwaAgung, dass die Wirksamkeit der Biirgschaftsverpflichtung vom Bestand der Hauptschuld abhangig ist. Die akzessorische Natur der Biirgschaft erheischt nun, dass die verbiirgte Hauptschuld hinreichend individualisiert werde (vergi. Revue 15 Nr. 65, sowie Entsch. des Reichsgerichts Bd. 62 Nr. 92, wo diese Frage auch vom Standpunkt des schweizeri- 98 Obligationenrecht. N° 20.

schen Rechtes aus zutreffend eròrtert wird). Zu der Individualisierung der Hauptschuld ist aber in der Regel auch die Nennung des Glaubigers notwendig, oder wenigstens dessen Bezeichnung in der Weise, dass er bestimmt werden kann. Das hat denn auch das Bundesgericht bereits ausgesprochen (vergi. AS 38 II Nr. 21, Oser Komm., Anm. II 1° zu Art. 493), und es ist daran festzuhalten. Ausgenommen sind hiebei naturlich die Falle des Biirgschaftsversprechens zu Gunsten eines noch zu suchenden Darlehensgebers, da eine Burgschaftsleistung gegeniiber einem persònlich noch nicht bestimmten Glaàubiger nach der Praxis des Bundesgerichts zulassig ist (AS 38 II S. 132).

Wendet man diese Grundsitze auf den vorliegenden Fall an, so ergibt sich Folgendes : Wenn auch im Biùrgschein die schweizerische Zollverwaltung nicht ausdricklich als Glaubigerin bezeichnet ist, so ergibt sich doch aus den Umstanden, die zur Uebernahme der Biirgschaft gefiihrt haben und zur Ermittlung des Willens des Biìrgen mit herangezogen werden diirfen, nach den fir das Bundesgericht massgebenden tatsàchlichen Feststellungen der Vorinstanz, dass der Kliger gewusst hat, welchem Glaubiger er hafte, und die Zollverwaltung lediglich aus personlichen Riicksichten im Biirgschein nicht genannt worden ist. Uebrigens spricht auch die Stelle in der Biirgschaftsurkunde : « Herr Sigmund Baumann hat mir berichtet ...» dafiir, dass die Parteien zuvor iiber die der Biirgschaft zugrunde liegenden Verhaltnisse gesprochen hatten. Da somit davon auszugehen ist, dass die Person des Glaubigers feststand, und angesichts der vorinstanzlichen Feststellung, der Klager habe auch gewusst, dass er sich fiir die Schuld eines Schmugglers verbiirge, darf die Hauptschuld hier als geniigend individualisiert betrachtet werden. Der Haupteinwand des Klagers ist deshalb als unbegriindet abzuweisen.

3. — (Uebrige Einreden).

Dispositiv

Demnach erkennt das Bundesgerichi ;

Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des Obergerichts des Kantons Thurgau vom 18. September 1919 bestàtigt.

Seither geänderte Bestimmungen

Dieser Entscheid legt Bestimmungen aus, deren Erlass seither erneut konsolidiert wurde. Ob der Artikel selbst geändert hat, ist nicht erfasst.

  • Bundesgesetz betreffend die Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, Art. 493 — der Erlass wurde am 1. Januar 2000, 1. Mai 2000, 1. Januar 2001, 1. Mai 2001, 1. Juni 2001, 1. Juni 2002, 1. Juli 2002, 1. Januar 2003, 1. April 2003, 1. Juni 2003, 1. Januar 2004, 1. Mai 2004, 1. Juli 2004, 1. Januar 2005, 1. Juni 2005, 1. Juli 2005, 1. Dezember 2005, 1. Januar 2006, 1. April 2006, 1. Januar 2007, 1. Mai 2007, 1. Januar 2008, 1. August 2008, 1. Oktober 2009, 1. Januar 2010, 1. Januar 2011, 1. Januar 2012, 1. März 2012, 1. Oktober 2012, 1. Januar 2013, 28. Mai 2013, 1. Januar 2014, 1. Juli 2014, 1. Juli 2015, 1. Januar 2016, 1. Juli 2016, 1. Januar 2017, 1. April 2017, 1. November 2019, 1. Januar 2020, 1. April 2020, 1. Januar 2021, 1. Februar 2021, 1. Mai 2021, 1. Juli 2021, 1. Januar 2022, 1. Januar 2023, 9. Februar 2023, 1. September 2023, 1. Januar 2024, 1. Januar 2025, 8. Juli 2025, 1. Oktober 2025 und 1. Januar 2026 erneut konsolidiert.

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