Geltung: Wie spätere Gerichte diesen Entscheid behandelt haben, wurde nicht ausgewertet. Keiner der 2 zitierenden Entscheide wurde ausgewertet.

74 IV 105

25. Urteil des Kassationshofes vom 3. September 1948 i. S. Stämpfli egen Staatsanwaltschaft des Kantons Basel-Stadt.

Art. 292 StGB schlicsst pioht aus, dass jemand, der wiederholten Aufforderungen zur Zeugenaussage über den gieichen - verhals nicht gehorcht, jedeeamal wieder wegen Ungehorgams Art. 292 CP. Celui qui ne s0 conforme pas à des injonctions réitérées de déposer comme témoin gur les mêmes faits peut ôtre puni chaque fois pour insourmiasion.

Árt. 292 CP. Colui che non ottempera alle ingiunzioni reiterate di deporre quale testimonio sugli stessi fatti può essere punito ogni volta per disobbedienza.

Sachverhalt

A. — In einer gegen unbekannte Beamte der Basler Verkehrsbetriebe eingeleiteten disziplinarischen Untersguchung wegen passiver Bestechung wurde Otto Stämpfli von der Disziplinarkommission Basel-Stadt ein erstes Mal am 2. Juli 1947 als Zeuge befragt, wem er Schmiergelder bezahlt habe. Da er die Áussage verweigerte, wurde er vom. Polizeigerichtspräsidenten von Basgel-Stadt durch Strafbefehl vom 16. Juli 1947 wegen Ungehorsams gegen eine amtliche Verfügung (Art. 292 StGB) mit Fr. 50.— gobüsst.

Am 22. Januar 1948 hatte er nochmals als Zeuge vor der Disziplinarkommission zu erscheinen. Es wurde ihm dieselbe Frage wie das erstemal gestellt. Er lehnte die Aussage wiederum ab, obwohl er auch diesmal auf die Strafdrohung des Art. 292 StGB hingewiesen worden war. Er wurde deshalb durch Urteil des Polizeigerichtspräsidenten vom 9. März 1948 auf Grund dieser Bestimmung mit einer weitern Busse von Fr. 100.— belegt. Das À ppella-

tionsgericht des Kantons Basel-Stadt- bestätigte dieses Urteil am 8. Juni 1948.

B. — Gegen den Entscheid des Áppellationsgerichts führt Stämpfli Nichtigkeitsbeschwerde mit dem Antrag auf Freisprechung. Er macht geltend, er habe nur einmal als Zeuge befragt und für sgeine Weigerung bestraft werden dürfen. Er sei das zweitemal für genau den gleichen Tat- 106 Strafgesetzbuch. N° 25, bestand verurteilt worden wie das erstemal, nicht wegen eines neuen Delikts, auch nicht, wie Gämperli in dem von den Vorinstanzen angeführten Falle (BGE 73 IV 255), wegen Fortsetzung eines rechtswidrigen Dauerzustandes über die erste Verurteilung hinaus. Die zweite Bestrafung laufe darauf hinaus, dass Árt. 292 StGB als Druck- und Beugemittel verwendet werde. Das sei unzulässig, da die Bestimmung den Behörden nur zur Sühne des Ungehorsams zur Verfügung stehe, nicht als Grundlage einer Vollstreckungsstrafe.

C. — Die Staatsanwaltschaft des Kantons Basel-Stadt verweisb auf die Begründung dès angefochtenen Urteils.

Erwägungen

1. Dass der Beschwerdeführer zweimal zur Zeugenaussage über den nämlichen Sachverhalt vor die Disziplinarkommission geladen wurde, geschah auf Grund der Gesetzgebung von Basel-Stadt (Beamtengesetz § 14 und StPO §8 38 ffÆ.). Ob er, wie er behauptet, nur einmal als Zeuge befragt werden durfte, ist daher eine Frage des kantonalen Rechts, vom Kassationshof auf Nichtigkeitsbeschwerde hin also nicht zu prüfen (Art. 269, 273 Abs. I

2. Ist somit davon auszugehen, dass die Aufforderung an den Beschwerdeführer zur. Zeugenaussage wiederholt werden durfte, s80 kann Keinem - Zweifel unterliegen, dass die zweite Aufforderung wiederum, wie schon die erste, mit dem Hinweis auf die Strafdrohung des Art. 292 StGB verbunden und ihre Missachtung durch den Beschwerde- . führer ebenfalls nach dieser Bestimmung bestraft werden durfte. Der Beschwerdeführer übersieht, dass die zweite Aufforderung eine neue amtliche Verfügung im Sinne des Art. 292 darstellt und dass man es daber auch mit einem neuen Ungehorsamstatbestand zu tun hat, ähnlich wie in Sachen Gämperli, der dem amtlichen Befehl, eine Wohnung zu räumen, auch nach einer ersten Bestrafung wegen Missachtung dieses Befehls weiterhin nicht gehorchte und deshalb nochmals zu bestrafen war (BGE 783 IV 255 Erw. 1). Dass der Beschwerdeführer jedesmal über den gleichen Sachverhalt befragt wurde und wohl einfür allemal zur Verweigerung der Aussage entschlossen war, vermag daran nichts zu öündern. O

3. Allerdings wird die Strafe des Art. 292 StGB in Fällen wie dem vorliegenden, mindestens teilweise, zu - einem Mittel, den Widerstand des Ungehorsamen Zu beugen, zur Vollstreckungsstrafe (« Kompulsivstrafe »). Dadurch wird aber Art. 292 nicht verletzt. Vielmehr soll offfenbar mit dieser Blankettbestimmung den Behörden und Beamten gerade ein Mittel. an die Hand gegeben werden, indirekt, durch Androhung von Ungehorsamsstrafe, ihre Verfügungen durchzusetzen (vgl. HAFTER, Schweiz. Strafrecht, Bes. Teil 2, S. 728; GERMANN, Textausgabe S. 212;

BGE 53 I 73 ff., 54 I 388).

Art. 292 StGB schliesst somit nicht aus, dass durch Wiederholung der Aufforderung zur Zeugenaussage steus neue Ungebhorsamstatbestände geschafen, und neue Verurteilungen veranlasst werden. Es is Sache der jeweiligen Prozessgesetzgebung, den Unzukömmlichkeiten, die sich in dieser Beziehung ergeben mögen, durch einschränkende Bestimmungen, zu begegnen. Sodann, bleibt in Fällen, wo kantonale Behörden ohne vernünftigen Grund immer wieder : Aufforderungen an den Zeugen zur Aussage über den gleichen Sachverhalt richten würden, die staatsrechtliche Beschwerde wegen Verletzung des Art. 4 BV vorbehalten (Art. 269 Abs. 2 BStP).

Dispositiv

Demnach erkennt der Kassationshof : D Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.

Seither geänderte Bestimmungen

Dieser Entscheid legt Bestimmungen aus, deren Erlass seither erneut konsolidiert wurde. Ob der Artikel selbst geändert hat, ist nicht erfasst.

  • Schweizerisches Strafgesetzbuch, Art. 292 — der Erlass wurde am 1. Januar 1995, 1. Februar 1997, 1. September 1997, 1. Januar 1998, 1. April 1998, 1. Januar 1999, 1. März 2000, 1. Mai 2000, 1. Juli 2000, 15. Dezember 2000, 1. Januar 2002, 1. April 2002, 1. Juli 2002, 1. Oktober 2002, 1. April 2003, 1. Dezember 2003, 1. Januar 2004, 1. März 2004, 1. April 2004, 1. Juli 2004, 1. August 2004, 1. Januar 2005, 1. Februar 2005, 1. Januar 2006, 1. April 2006, 1. Juli 2006, 1. Dezember 2006, 1. Januar 2007, 1. Januar 2008, 1. Juni 2008, 1. August 2008, 1. Oktober 2008, 5. Dezember 2008, 1. Januar 2009, 1. Februar 2009, 1. April 2009, 1. Januar 2010, 1. Dezember 2010, 1. Januar 2011, 1. Juli 2011, 1. Oktober 2011, 1. Januar 2012, 1. Juli 2012, 16. Juli 2012, 1. Oktober 2012, 1. Januar 2013, 19. März 2013, 1. April 2013, 1. Mai 2013, 1. Juli 2013, 1. Januar 2014, 1. Juli 2014, 1. Januar 2015, 1. Januar 2016, 1. Juli 2016, 1. Oktober 2016, 1. Januar 2017, 11. Juli 2017, 1. September 2017, 12. Dezember 2017, 1. Januar 2018, 1. März 2018, 1. März 2019, 1. Juli 2019, 1. November 2019, 1. Februar 2020, 3. März 2020, 1. Juli 2020, 1. Juli 2021, 1. Januar 2022, 1. Juni 2022, 22. November 2022, 1. Januar 2023, 23. Januar 2023, 1. Juli 2023, 1. August 2023, 1. September 2023, 6. Dezember 2023, 1. Januar 2024, 1. Juli 2024, 1. Januar 2025, 1. August 2025, 1. Januar 2026 und 12. Juni 2026 erneut konsolidiert.
  • Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Art. 4 und Art. 269 — der Erlass wurde am 7. Februar 1999, 1. Januar 2000, 10. Juni 2001, 2. Dezember 2001, 3. März 2002, 1. April 2003, 1. August 2003, 8. Februar 2004, 2. März 2005, 27. November 2005, 21. Mai 2006, 1. Januar 2007, 1. Januar 2008, 30. November 2008, 17. Mai 2009, 27. September 2009, 29. November 2009, 7. März 2010, 28. November 2010, 1. Januar 2011, 11. März 2012, 23. September 2012, 3. März 2013, 9. Februar 2014, 18. Mai 2014, 14. Juni 2015, 1. Januar 2016, 12. Februar 2017, 24. September 2017, 1. Januar 2018, 23. September 2018, 1. Januar 2020, 1. Januar 2021, 7. März 2021, 28. November 2021, 13. Februar 2022, 1. Januar 2024 und 3. März 2024 erneut konsolidiert.

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