RRB Nr. 256/2023
Anfrage Lorenz Habicher, Zürich, und Susanna Lisibach, Winterthur, betreffend Konkurswelle im Kanton Zürich, Beantwortung
Rubrum
Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich KR-Nr. 484/2022
Sitzung vom 7. März 2023
256. Anfrage (Konkurswelle im Kanton Zürich) Kantonsrat Lorenz Habicher, Zürich, und Kantonsrätin Susanna Lisibach, Winterthur, haben am 19. Dezember 2022 folgende Anfrage eingereicht: Die Konkurswelle kommt, so der Titel einer aktuellen Studie. Von Januar bis November 2022 sind die Unternehmensinsolvenzen in der Schweiz und im Kanton Zürich demzufolge stark angestiegen. Besonders stark war der Anstieg der Insolvenzen in Zürich (+38 Prozent), gefolgt von der Zentralschweiz (+25 Prozent). Mit einem Anstieg der Konkurse um 10 Prozent steht die Ostschweiz noch am besten da. Dabei fällt den Experten auf, dass einige Branchen ein massiv erhöhtes Risiko für eine Pleite aufwiesen. In diesem Zusammenhang stellen wir dem Regierungsrat folgende Fragen:
Erwägungen
1. Zu welcher Anzahl Unternehmensinsolvenzen kam es im Kanton Zürich im Zeitraum von November 2020 bis November 2022?
2. Wie verteilen sich diese Konkurse nach Branchen und Regionen? Konkret kam es vermehrt zu Fällen in den Städten Zürich und Winterthur, oder zeigt sich eine regionale Betroffenheit?
3. Welche Anzahl der jetzt insolventen Unternehmen im Kanton Zürich wurden im genannten Zeitraum durch Corona-Massnahmen (Kurzarbeit, Darlehen und/oder Kredite) unterstützt?
4. Kann eine konkrete Schadensumme nach Branchen und Regionen ausgewiesen werden?
5. Welche Anzahl Arbeitsplätze (Stellen) gingen, nach Branchen und Regionen aufgeschlüsselt, durch diese Konkurse im Kanton Zürich verloren?
6. Zu welcher Anzahl Privatkonkursen für zahlungsunfähige Personen kam es im Kanton Zürich im Zeitraum von Januar bis November 2022?
7. Welche Altersgruppen waren in diesem Zeitraum besonders von Privatkonkursen betroffen und gibt es einen Vergleich zu früheren Jahren?
Dispositiv
Auf Antrag der Direktion der Justiz und des Innern beschliesst der Regierungsrat:
I. Die Anfrage Lorenz Habicher, Zürich, und Susanna Lisibach, Winterthur, wird wie folgt beantwortet:
Die vom Statistischen Amt des Kantons Zürich erhobene Anzahl Konkurseröffnungen für den Zeitraum 2017 bis 2022 beruht auf einer Auswertung der im Schweizerischen Handelsamtsblatt publizierten Meldungen der Handelsregister. Hinsichtlich der Fragen 1, 2 und 5 ist die Zahl der Eröffnungen erstmaliger Konkursverfahren gegen Unternehmen erfasst, wie sie mittels Internetsuche im Zentralen Firmenindex (ZEFIX) durch Selektion des Mutationstyps «KE Auflösung inf. Konkurs» abrufbar sind. In besagten Zahlen sind weder die Konkurse von nicht im Handelsregister eingetragenen Einzelunternehmungen noch Liquidationen aufgrund von Organisationsmängeln in der Gesellschaft gemäss Art. 731b OR (SR 220) eingeschlossen. Aufgrund dieser Art der Datenerhebung kann es zu Abweichungen von anderen Auswertungen zum Konkursgeschehen kommen. Im Weiteren werden Zahlen zu Privatkonkursen nicht erhoben. Für die Beantwortung der Anfrage wurden weder Neuerhebungen durchgeführt noch weiterführende Studien in Auftrag gegeben. Zu Frage 1: Zwischen dem 1. November 2020 und dem 30. November 2022 wurden 1661 Konkurseröffnungen bei im Zürcher Handelsregister eingetragenen Rechtseinheiten registriert. Zum Vergleich: Im Zeitraum von November 2017 bis November 2019 waren es 1770 Konkurseröffnungen. Während der Coronakrise, 2020 und 2021, kam es zu deutlich weniger Konkurseröffnungen als 2019. Im Verlauf des Jahres 2022 erreichte die Anzahl Konkurse wieder das Vor-Corona-Niveau bzw. übertraf dieses teilweise: Kumulierte Unternehmenskonkurseröffnungen
400 2022
Jan Feb Mrz Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Kumulierte Unternehmenskonkurseröffnungen (Quelle: Statistisches Amt des Kantons Zürich, 2023).
Zu Frage 2: Die meisten Konkurse wurden zwischen November 2020 und November 2022 im Baugewerbe/Bau (448) eröffnet, gefolgt vom Handel einschliesslich Instandhaltung und Reparatur von Motorfahrzeugen (271) sowie von freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen (181). Hierbei handelt es sich jedoch um grosse Branchen mit grossem Unternehmensbestand. Werden die Konkurse ins Verhältnis zum Unternehmensbestand, d. h. zur Zahl der im Handelsregister eingetragenen Rechtseinheiten, gesetzt, ergibt sich die Konkursrate. Bei dieser führen Baugewerbe/Bau (0,05%), Gastgewerbe/Beherbergung und Gastronomie (0,032%) sowie Verkehr und Lagerei (0,029%). Aufgrund der wirtschaftlichen Grösse werden in der Stadt Zürich numerisch die meisten Konkurse gemeldet. Gemessen an der Konkursrate ist die Betroffenheit im Limmattal (0,025%), Furttal (0,024%) und Glattal (0,019%) am grössten. Vergleicht man den Zeitraum November 2020 bis November 2022 mit dem Zeitraum November 2017 bis November 2019, zeigt sich, dass die Konkurse zwar in den meisten Branchen rückläufig waren, die Anteile der einzelnen Branchen an der Gesamtzahl der Konkurse blieben jedoch fast unverändert (vgl. Tabelle «Anzahl Konkurseröffnungen»). So fiel beispielsweise über ein Viertel der Konkurseröffnungen sowohl vor als auch während der Coronakrise in der Baubranche an. Am deutlichsten zurückgegangen sind die Konkurse während der Coronakrise im Gastgewerbe (–25%), gefolgt vom Gesundheits- und Sozialwesen (–24%) und dem Verarbeitenden Gewerbe (–22%).
Anzahl Unternehmens- Anteil an den gesamten konkurseröffnungen Unternehmenskonkursen Nov. 2017 bis Nov. 2020 bis Nov. 2017 bis Nov. 2020 bis Nov. 2019 Nov. 2022 Nov. 2019 Nov. 2022 Alle Branchen 1770 1661 100% 100% Baugewerbe 473 448 27% 27% Finanz- und Versicherungsdienst- 88 57 5% 3% leistungen Freiberufliche, wissenschaftliche 171 181 10% 11% und technische Dienstleistungen Sonstige Dienstleistungen 61 61 3% 4% Sonstige wirtschaftliche 153 158 9% 10% Dienstleistungen Beherbergung und Gastronomie 201 150 11% 9% Gesundheits- und Sozialwesen 33 25 2% 2% Grundstücks- und Wohnungs 26 32 1% 2% wesen Instandhaltung und Reparatur 252 271 14% 16% von Motorfahrzeugen Information und Kommunikation 72 66 4% 4% Kunst, Unterhaltung und Erholung 24 30 1% 2% Verarbeitendes Gewerbe 90 70 5% 4% Verkehr und Lagerei 99 86 6% 5% Übrige Branchen 27 26 2% 2% Anzahl Konkurseröffnungen; November 2017 bis November 2019 und November 2020 bis November 2022 (Quelle: Statistisches Amt des Kantons Zürich, 2023).
Zu Frage 3: Im Rahmen des Covid-19-Härtefallprogramms des Kantons Zürich verfügten 6899 Gesuchstellende über eine eindeutige Unternehmens- Identifikationsnummer (UID). 6287 dieser Gesuchstellenden verfügten überdies über einen Handelsregistereintrag (mit dieser UID). Davon erhielten 5440 Gesuchstellende Hilfen im Covid-19-Härtefallprogramm des Kantons Zürich, als nicht rückzahlbare Beiträge und/oder als Darlehen. Gemäss ZEFIX (Stand 5. Januar 2023) wurden von diesen 5440 Unternehmen inzwischen zehn Unternehmen im Handelsregister gelöscht: acht Unternehmen infolge Konkurses und zwei Unternehmen, nachdem ein Konkursverfahren mangels Aktiven eingestellt worden war. Bei weiteren 25 Unternehmen läuft zurzeit ein Konkursverfahren; bei weiteren 43 Unternehmen ist ein solches mangels Aktiven eingestellt worden. Hier nicht mitgezählt sind nachträgliche Konkursverfahren über bereits aufgelöste Gesellschaften, deren Liquidationen aufgrund von Organisationsmängeln in der Gesellschaft gemäss Art. 731b OR gerichtlich angeordnet wurde.
Insgesamt sind damit 78 von insgesamt 5440 Unternehmen, die Hilfen im Covid-19-Härtefallprogramm des Kantons Zürich erhalten haben, im weitesten Sinne von Konkursen betroffen. Dies entspricht einem Anteil von rund 1,4%. Zu Frage 4: Nein, es liegen keine Daten zu den Schadenssummen vor. Zu Frage 5: Die Zahl der betroffenen Stellen kann den Konkurseröffnungen nicht direkt entnommen, aber über einen Abgleich mit dem Betriebs- und Unternehmensregister grob abgeschätzt werden. Im Mittel waren in den vergangenen Jahren rund 2400 Beschäftigte direkt von Konkursen betroffen, wobei im Jahr 2020 (2700) und im Jahr 2022 (3100) jeweils etwas mehr Personen betroffen waren. Für den Zeitraum November 2020 bis November 2022 dürften insgesamt rund 5700 Beschäftigte bzw. 4400 Vollzeitäquivalentstellen betroffen gewesen sein. Am stärksten betroffen waren die Branchen Baugewerbe (1500 Beschäftigte), Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen (950) sowie Gastgewerbe/Beherbergung und Gastronomie (800). Aufgeschlüsselt nach Regionen waren am stärksten betroffen die Stadt Zürich (2300), das Glattal (1050) sowie Winterthur und Umgebung (600). Zu Fragen 6 und 7: Es liegen keine Daten zu Privatkonkursen vor.
II. Mitteilung an die Mitglieder des Kantonsrates und des Regierungsrates sowie an die Direktion der Justiz und des Innern.
Vor dem Regierungsrat Die Staatsschreiberin: Kathrin Arioli