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Abschaffung der Sommerzeit (1)

Estermann Yvette · Mit-F · Nationalrat · Luzern · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei

Mögen Sie sich noch an den letzten Frühling erinnern, als Sie nach der Zeitumstellung eine Stunde früher aufstehen mussten? Einige von Ihnen - das gebe ich zu - sind nach zwei, drei Tagen mit dieser Änderung einverstanden. Das sind die Lerchen, das sind die Glücklichen unter Ihnen. Aber es gibt auch andere, es gibt den sogenannten Typus Nachteule. Diese Menschen können sich nur sehr schwer an diese Umstellung gewöhnen. Das sind vor allem Kinder, Jugendliche und chronischkranke Personen.

Ich möchte noch erwähnen, dass die Sommerzeit gegen den Entscheid des Schweizervolkes vom 28. Mai 1978 eingeführt wurde. Da hatte man Angst, man würde in Europa eine Zeitinsel sein. Heute ist die Zeit auch ein bisschen anders geworden. Wir haben eine globalisierte Welt, ein globalisiertes Europa. Eine Stunde Zeitunterschied ist da nicht sehr viel. Schliesslich reisen viele Geschäftsreisende nach New York, London oder Moskau und haben damit auch eine Zeitverschiebung. Sie kommen mit dieser auch klar.

Warum muss man die Zeitinsel-Problematik immer als ein Gespenst sehen? Das kann auch eine Chance sein. Aus wissenschaftlicher Sicht sind es vor allem führende Psychologen, sogenannte Chronobiologen, die darauf hinweisen, dass die Umstellung auf die Sommerzeit gesundheitsschädlich ist. Das kann man nicht vom Tisch wischen. Namentlich erwähne ich nur Prof. Dr. Randler von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Er hat eine Studie mit 500 Jugendlichen gemacht; die Studie, die für die EU gemacht wurde, wurde mit 10 Personen durchgeführt. Nachher sind das der Ravensburger Psychologe Jürgen Zulley und der Psychologe Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Missachtung des demokratischen Willens des Volkes, das ist eine Sache - Missachtung der wissenschaftlichen Ergebnisse, das gibt mir schon etwas zu denken. Offenbar weiss jeder in diesem Saal, dass diese Zeitumstellung unnötig, unsinnig und gesundheitsschädlich ist, aber niemand hat den Willen, das zu ändern. Russland zum Beispiel hat es vorgemacht und stellt nicht mehr um. Es nimmt Rücksicht auf gesundheitliche Probleme, die die Bürger mit dieser Zeitumstellung hatten. Es stellt nicht mehr auf Winterzeit um, sondern behält die Sommerzeit; Russland hat mehrere Zeitzonen, da ist es klar, dass diese Änderung so praktiziert wird.

Ich möchte Sie daran erinnern, dass schon kleine Schwankungen im biologischen Rhythmus folgende Auswirkungen haben: Schlafstörungen, Müdigkeit, depressive Verstimmungen, Schwankungen der Herzfrequenz, Konzentrationsschwäche - ich hoffe nicht, dass alle hier noch unter Konzentrationsschwäche leiden, weil es im Saal wirklich sehr laut ist -, Gereiztheit, das stelle ich auch bei Ihnen fest, Nervosität, Appetitlosigkeit, Verdauungsprobleme.

Was sind die Folgen dieser Umstellung auf die Sommerzeit? Vermehrte Arztbesuche sind die Folge. Die Einnahme von Schlafmitteln und Antidepressiva steigt an. Die Unfallhäufigkeit im Strassenverkehr und am Arbeitsplatz nimmt zu. Die Landwirte klagen über die veränderten Fütterungszeiten. Ich möchte hier zudem etwas erwähnen, über das man nicht so viel weiss, nämlich, wie viele Tiere auf den Strassen getötet werden, weil der Verkehr auf den Strassen plötzlich eine Stunde früher beginnt. Es sind nicht nur ein, zwei oder drei Tiere, sondern allein in Deutschland sind es 215 000 Rehe, die wegen dieser unsinnigen Regelung auf den Strassen verenden.

Der persönliche Kontakt mit den Spezialisten hat mir auch Folgendes gezeigt: Auf meine Frage, warum das niemand umstelle, wenn doch bewiesen ist, dass diese Sommerzeit schädlich ist, haben sie gesagt, so sei es, die Politik ignoriere die Wissenschaft bei diesem Thema völlig.

Ich habe mich dieser Problematik angenommen und sehr viele Rückmeldungen von unseren Wählerinnen und Wählern erhalten. Ich muss Ihnen sagen, dass wirklich sehr viele Eltern immer noch die Hoffnung haben, dass wir entscheiden, die Zeitumstellung aufzuheben - für unsere Kinder, für die Menschen, die darunter leiden. Wenn wir dazu Ja sagten, würden wir beweisen, dass wir die wissenschaftlichen Ergebnisse und auch den Willen des Volkes von 1978 anerkennen und dass wir ein fortschrittliches Land sind, das mit der Wissenschaft vorangeht. Wir wären, ganz klar, am Anfang allein, aber dann zöge Europa sicher nach.

Ich möchte Sie nochmals bitten, meine Motion anzunehmen und das Leiden vieler Millionen von Menschen - nicht nur hier in der Schweiz, sondern in ganz Europa - zu beenden.

Sommaruga Simonetta · BR-F · Bundesrat · Bern

Es geht mir wie Ihnen, Frau Nationalrätin Estermann: In den ersten Tagen nach dem letzten Sonntag im März fällt mir das Aufstehen jeweils auch etwas schwerer. An diesem Sonntag werden ja eben unsere Uhren auf Sommerzeit umgestellt. Würde man nun die Motion Estermann annehmen, dann könnten wir uns in der Tat diese Unannehmlichkeiten ersparen.

Trotzdem schlägt Ihnen der Bundesrat die Motion Estermann zur Ablehnung vor. Im Jahr 1980 war die Schweiz zu einer Zeitinsel geworden, weil wir im Gegensatz zu den Nachbarstaaten und zu weiteren europäischen Staaten keine Sommerzeit eingeführt hatten. Das bescherte damals der Schweizer Wirtschaft erhebliche Nachteile, ganz besonders im Geschäftsverkehr, im Transportwesen, in der Kommunikation. Die Transportunternehmen mussten zum Beispiel einen zweiten Fahrplanwechsel vornehmen. Es gab Abstimmungsprobleme mit den Fahrplänen von Transportunternehmen der Nachbarländer. Genau um diese Nachteile und um diese Zusatzkosten für die Schweizer Wirtschaft abwenden zu können, wurde dann Anfang 1981 die Sommerzeit eingeführt.

Ich muss jedoch darauf hinweisen, dass man gegen diesen Beschluss das Referendum hätte ergreifen können. Aber das wurde nicht gemacht, obwohl im Mai 1978 in einer Volksabstimmung die Einführung deutlich abgelehnt worden war. Es gab dann im Mai 1982 nochmals eine Volksinitiative zur Abschaffung der Sommerzeit, aber diese hat die notwendigen Unterschriften nicht zusammengebracht. Die Aussage, man habe die Sommerzeit also gegen den Willen der Bevölkerung eingeführt, stimmt so nicht.

Die Nachbarstaaten der Schweiz werden in den nächsten Jahren die Sommerzeit beibehalten. Würde die Schweiz jetzt die Sommerzeit abschaffen, dann würde das unweigerlich dazu führen, dass die Schweiz im Sommerhalbjahr wieder zu einer Zeitinsel würde. Und eine Zeitregelung, die von jener der Nachbarstaaten abweicht, wäre für die Schweiz mit hohen Kosten und, wie ich es erwähnt habe, mit zusätzlichem Aufwand verbunden.

Wir haben jetzt diese Zeitumstellung, die Sommerzeit, seit über dreissig Jahren. Diese Umstellung ist in der Schweizer Wirtschaft auch Routine geworden. Es gibt heute moderne Systeme und Maschinen, die die Zeit auch automatisch umstellen, und in vielen Steuerungen ist diese Zeit bereits fest implementiert. Deshalb müssen wir nun abwägen zwischen den Folgen der Zeitumstellung auf der einen Seite und den Folgen, die eine Zeitinsel Schweiz mit sich bringen würde, auf der anderen Seite. Diese Güterabwägung spricht aus Sicht des Bundesrates immer noch für die Zeitumstellung, trotz aller Unannehmlichkeiten, die damit verbunden sind. Immerhin, jedes Jahr im Oktober kann man dann wieder eine Stunde länger schlafen. Auch das möchte der Bundesrat nicht missen.

Deshalb bitten wir Sie, dem Bundesrat zu folgen und die Motion abzulehnen.

Abstimmung

Abstimmung - Vote

Für Annahme der Motion ... 23 Stimmen

Dagegen ... 145 Stimmen