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Anerkennung der Gebärdensprache durch ein Gebärdensprachengesetz

Kälin Irène · P-F · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion

Antrag der Mehrheit

Annahme der Motion

Antrag der Minderheit

(Herzog Verena, Gafner, Haab, Huber, Keller Peter, Tuena, Umbricht Pieren)

Ablehnung der Motion

Proposition de la majorité

Adopter la motion

Proposition de la minorité

(Herzog Verena, Gafner, Haab, Huber, Keller Peter, Tuena, Umbricht Pieren)

Rejeter la motion

Präsidentin (Kälin Irène, Präsidentin): Die Beratung des vorliegenden Geschäftes wird simultan in die Gebärdensprache übersetzt. Die beiden Dolmetscherinnen befinden sich auf der Tribüne West. Aus Respekt vor ihrer Arbeit und um die Verdolmetschung zu erleichtern, bitte ich Sie, so leise wie möglich zu sein und der Debatte zu folgen oder Ihre Gespräche ausserhalb des Saals zu führen.

Studer Lilian · Mit-F · Nationalrat · Aargau · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP.

Ich möchte insbesondere die Delegation der Gehörlosen auf der Tribüne begrüssen. Schön, seid ihr da, herzlich willkommen! Für euch wird ja, wie es die Nationalratspräsidentin vorgängig schon erwähnt hat, von den Dolmetschern auf der Westtribüne übersetzt.

Die vier Postulate Romano, Lohr, Reynard und Rytz Regula waren ausschlaggebend für einen Bericht zu den Möglichkeiten der rechtlichen Anerkennung der Schweizer Gebärdensprachen und zu konkreten praktischen Umsetzungsmassnahmen zur vollständigen Teilhabe. Dieser Bericht wurde am 1. April 2022 in der WBK-N behandelt. Für den Bundesrat ist das Fazit daraus ein strukturierter Dialog zwischen relevanten Vertretern von Bund und Kantonen sowie der Gehörlosengemeinschaft.

Dies ist aber der WBK-N nicht genug. Selbstverständlich begrüsst sie, wie auch der Schweizerische Gehörlosenbund, diese Gespräche. Doch eine Anerkennung der Gebärdensprachen sowie eine Verbesserung der Situation für rund 10 000 gehörlose Personen und 1 Million Menschen mit einer Hörbehinderung sind momentan nicht in Sicht. Da möchten wir als WBK-N noch einen Schritt weiter gehen. Mit 17 zu 7 Stimmen bei 1 Enthaltung hat die Kommission daher der vorliegenden Kommissionsmotion "Anerkennung der Gebärdensprache durch ein Gebärdensprachengesetz" zugestimmt.

Ich gehe zuerst auf den ersten Teil der Forderung ein, die Anerkennung der Gebärdensprachen. Für die Betroffenen wäre dies eine wichtige Anerkennung. Warum? Frau Binggeli, Präsidentin des Schweizerischen Gehörlosenbundes, hat es in der Kommission, selbstverständlich in Gebärdensprache, folgendermassen erklärt: "Stellen Sie sich vor, Sie reisen in ein arabischsprachiges Land, wo Sie die Sprache nicht verstehen und auch nicht mit der Schrift vertraut sind. Sie verstehen die Leute dort nicht und können nicht mit ihnen kommunizieren. Überlegen Sie sich einen Moment, wie sich das anfühlen könnte. So ergeht es uns mit der Lautsprache jeden Tag, nur mit dem Unterschied, dass Sie im Gegensatz zu uns konkrete Möglichkeiten haben, um die Schwierigkeiten zu überwinden. Im genannten Beispiel können Sie zum Beispiel einen Arabischkurs besuchen und die Sprache erlernen. Wir hingegen können nicht plötzlich hören." So weit ihre Aussage.

Bedenken muss man auch: In Lautsprache bleiben die drei Landessprachen für Gehörlose Fremdsprachen. Deshalb haben viele gehörlose Menschen auch grosse Schwierigkeiten, sich schriftlich mitzuteilen oder lange Texte inhaltlich zu verstehen. Umso bedeutsamer sind die drei schweizerischen Gebärdensprachen. Sie sind weit mehr als nur ein Hilfsmittel, um ein Handicap zu überwinden: Sie sind für die Gehörlosengemeinschaft das identitäts- und kulturstiftende Alleinstellungsmerkmal.

Die Gehörlosengemeinschaft ist damit eine sprachliche und kulturelle Minderheit, die Teil unserer Schweiz ist. Trotzdem ist die Schweiz trotz Ratifizierung der UNO-Behindertenkonvention im Jahr 2014 eines der wenigen Länder in Europa, die die Gebärdensprache rechtlich nicht anerkannt haben.

Eine weitere Forderung der Motion ist die verbesserte Gleichstellung. Oft noch werden gehörlose oder schwerhörige Menschen diskriminiert. Gehörlose Schulkinder beispielsweise benötigen einen zweisprachigen Unterricht: in Gebärdensprache und in einer gesprochenen Sprache. Das gleichzeitige Erlernen beider Sprachen öffnet die Türen zur Schulbildung. In der Schweiz fehlt noch immer die gesetzliche Grundlage für diese gehörlosen Kinder und ihre Familien. In der Arbeitswelt, in der Ausübung der politischen Rechte und in der medizinischen Versorgung gibt es nach wie vor viele Diskriminierungen, auch weil es oft an Übersetzerinnen und Übersetzern für Gebärdensprachen mangelt.

Eine Minderheit der Kommission ist der Ansicht, dass eine Lösung im Rahmen der geltenden Gesetzgebung gefunden werden muss. Der Bundesrat hingegen unterstützt die Kommissionsmotion. Dies ist zwar erfreulich, darf aber keine Symbolpolitik bleiben, wie es die Stellungnahme des Bundesrates vermuten lässt. Es braucht auch sicht- und spürbare Verbesserungen im Alltag der Betroffenen. Darum hat sich die WBK-N für ein Gebärdensprachengesetz entschieden. Kurt Pärli, Professor für soziales Privatrecht, legte in der Kommission sehr plausibel dar, wie das bewerkstelligt werden könnte.

Ich komme zum Schluss: Die WBK-N bittet Sie, das Anliegen der Kommission sowie der betroffenen Gehörlosen selbst mit dieser Motion zu unterstützen.

Giacometti Anna · Mit-F · Nationalrat · Graubünden · FDP-Liberale Fraktion

Segnalo con piacere che oggi in sala sono presenti due interpreti della lingua dei segni, affinché tutti possano seguire il dibattito.

Il 24 settembre 2021, in adempimento di quattro postulati, il Consiglio federale ha adottato un rapporto in cui espone le possibili forme di riconoscimento giuridico della lingua dei segni. Questo rapporto è stato presentato alla vostra Commissione della scienza, dell'educazione e della cultura nella seduta del 31 marzo 2022.

Il dialogo strutturato con rappresentanti della comunità dei sordi, proposto dal Consiglio federale nel suo rapporto, non è sufficiente per raggiungere l'obiettivo principale, cioè il riconoscimento della lingua dei segni.

Dopo aver preso atto del rapporto citato ed avere ascoltato sia la signora Tatjana Binggeli, presidente della Federazione svizzera dei sordi, sia il professor Kurt Pärli dell'Università di Basilea, la vostra commissione ha approvato, con 17 voti contro 7 e 1 astensione, una mozione che incarica il Consiglio federale di presentare un disegno di legge sul riconoscimento della lingua dei segni e le pari opportunità delle persone sorde o audiolese. La legge si prefigge di riconoscere e promuovere le tre lingue dei segni svizzere e di garantire le pari opportunità.

I relatori hanno illustrato come sia fondamentale mettere in atto i diritti delle persone sorde e migliorare il loro accesso alla formazione, al mercato del lavoro, alla sanità, alla politica, alla cultura e alla società in generale.

La sordità non va interpretata solo come una disabilità. Piuttosto, la lingua dei segui va vista nel contesto di una minoranza linguistica e culturale.

Le persone sorde o audiolese spesso sono ancora discriminate. Gli scolari sordi necessitano di una formazione bilingue, nella lingua dei segni e in una lingua parlata. L'apprendimento simultaneo delle due lingue apre le porte della formazione scolastica. In Svizzera mancano ancora le basi legali per questa formazione bilingue, così come mancano le basi legali che garantiscono ai bambini sordi e ai loro familiari l'insegnamento della lingua dei segni. Ci sono ancora molte discriminazioni nel mondo del lavoro, nell'esercitare i diritti politici e nelle cure mediche, anche perché spesso mancano i traduttori per la lingua dei segni, specialmente nella Svizzera francese e in quella italiana.

Una minoranza della commissione si oppone alla mozione per ragioni di equità nei confronti di altre forme di invalidità e ritiene che si debba trovare una soluzione all'interno della legislazione in vigore. La legge sui disabili obbliga infatti la Confederazione, come datore di lavoro, a garantire ai disabili pari opportunità. Questo articolo non si applica però a tutti gli altri datori di lavoro e in particolare non vale per il settore privato.

In Svizzera vivono circa 10 000 persone sorde e un milione di ipoudenti. La lingua dei segni è la lingua naturale dei sordi. Le lingue dei segni esprimono visivamente tutto ciò che le lingue orali esprimono acusticamente. Nel nostro paese si praticano tre lingue dei segni: Deutschschweizer Gebärdensprache, langue des signes française, lingua dei segni italiana.

La lingua dei segni è una lingua a sé, equivalente alla lingua parlata. La lingua e la cultura dei sordi sono elementi che arricchiscono una Svizzera aperta e inclusiva.

Anche se la Svizzera ha ratificato la Convenzione dell'ONU sui diritti delle persone con disabilità nel 2014, il nostro è uno dei pochi paesi europei a non avere ancora riconosciuto esplicitamente la lingua dei segni a livello costituzionale o legislativo.

Nel mese di aprile, dopo la riunione della commissione, il Gran Consiglio ticinese ha approvato all'unanimità, con zero astenuti e un applauso finale, un riconoscimento della lingua dei segni a livello costituzionale; ora sarà il popolo ticinese ad esprimersi in merito.

Con la sua mozione, la commissione chiede soluzioni concrete e non si accontenta di un gesto simbolico. Vi invito dunque ad approvare questa mozione, affinché la lingua dei segni e le pari opportunità delle persone sorde o audiolese vengano riconosciute giuridicamente a livello federale.

Herzog Verena · Mit-F · Nationalrat · Thurgau · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei

Mit dem Ziel, die drei Schweizer Gebärdensprachen rechtlich zu anerkennen und zu fördern, und dem Ziel der Gleichstellung von gehörlosen und hörbehinderten Menschen soll der Bundesrat mit dieser Motion beauftragt werden, wieder einmal ein neues Bundesgesetz zu schaffen.

Der Bundesrat bekundet nun in seiner Stellungnahme vom 25. Mai dieses Jahres den Willen, eine entsprechende Ergänzung im Behindertengleichstellungsgesetz vorzunehmen. Die Frage ist jedoch, ob eine solche Gesetzesergänzung tatsächlich den gewünschten Erfolg bringt. Zudem besteht die Problematik, dass dadurch gleichzeitig neue Ungerechtigkeiten gegenüber Menschen mit anderen Beeinträchtigungen geschaffen werden.

Selbstverständlich ist auch unsere Minderheit dafür, die drei Schweizer Gebärdensprachen weiter zu fördern. Auch wir unterstützen die Gleichstellung gehörloser und hörbehinderter Menschen, denn zweifellos ist die Situation für Gehörlose und Hörbehinderte wie jedoch auch für alle anderen Menschen mit einer Beeinträchtigung nach wie vor schwierig. Deshalb wurden in den letzten Jahren sowohl auf Bundes- als auch auf Kantons- und Gemeindeebene verschiedenste Massnahmen zur Erleichterung der Situation der betroffenen Menschen ergriffen, die sicher auch noch weiter ausgebaut werden können.

Doch hält auch der Bundesrat im Bericht zu den vier gleichlautenden Postulaten mit dem Titel "Möglichkeiten der rechtlichen Anerkennung der Schweizer Gebärdensprachen und konkrete praktische Umsetzungsmassnahmen zur vollständigen Teilhabe" fest, dass eine rechtliche Anerkennung der Gebärdensprache keine zwingende Voraussetzung für die Verbesserung der Situation der gehörlosen und hörbehinderten Personen in der Schweiz darstellt. Viel wichtiger sei der Dialog zwischen dem Schweizerischen Gehörlosenbund und den relevanten Stellen von Bund und Kantonen. Mit dem Dialog will man gemeinsam ausloten, mit welchen konkreten Massnahmen im Rahmen der bestehenden Gesetze und Verordnungen Verbesserungen für Gehörlose und Hörbehinderte erzielt werden können. Dazu haben bereits Gespräche stattgefunden, und Ende 2022, das heisst noch dieses Jahr, wird dazu ein Bericht zuhanden des Bundesrates erwartet.

Gesetze, um die Gleichstellung von Menschen mit einer Beeinträchtigung ganz allgemein zu fördern, haben wir bereits mehrere. Dazu gehören das Behindertengleichstellungsgesetz und das Bundesgesetz über die Invalidenversicherung. Dazu kommt das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen, und in der Bundesverfassung haben wir ein sehr umfassendes Diskriminierungsverbot. Ob ein weiteres Bundesgesetz respektive eine Ergänzung des Behindertengleichstellungsgesetzes explizit für Gehörlose und Hörbehinderte wirklich den gewünschten Mehrwert bringt, ist ernsthaft zu bezweifeln. Denn wenn es trotz dieser vielen Gesetze und Fachstellen immer wieder zu Fällen von Diskriminierungen kommt, liegt dies vermutlich weniger an einem Mangel an rechtlichen Bestimmungen als vielmehr am Unvermögen von Menschen, eine Situation richtig einzuschätzen und entsprechend richtig zu agieren. Da wären Schulungen und Sensibilisierungskampagnen vermutlich zielführender als neue Gesetze.

Zudem wurde uns in der Kommission vom Leiter des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen bestätigt, dass die Gebärdensprache aufgrund der Bestimmungen im Behindertengleichstellungsgesetz de facto bereits anerkannt ist. Eine rechtliche Anerkennung der Gebärdensprache könnte zwar durchaus eine symbolische Bedeutung haben, würde jedoch leider nur wenige Neuerungen bringen.

Der Hauptgrund, weshalb Ihnen unsere Minderheit empfiehlt, die Motion für ein solches Spezialgesetz abzulehnen, ist, wie bereits anfangs erwähnt: Mit einem neuen Spezialgesetz respektive einer Gesetzesergänzung speziell für Gehörlose und Hörbehinderte würden gleichzeitig neue Konflikte, neue Ungleichheiten zwischen den verschiedenen Gruppen von Menschen mit Behinderungen provoziert.

Wir bitten Sie deshalb, diese Motion abzulehnen.

Berset Alain · VPBR-M · Bundesrat · Freiburg

Cette motion demande la création d'une loi sur la reconnaissance de la langue des signes, sur la promotion des trois langues des signes suisses et sur l'égalité pour les personnes sourdes et malentendantes. Le Conseil fédéral partage l'objectif de la motion et vous propose de l'accepter, avec l'argumentation écrite présentée dans l'avis à la motion.

J'aimerais rappeler que, en 2021, le Conseil fédéral a présenté dans un rapport les possibilités de reconnaître juridiquement la langue des signes. Il en ressort que l'ordre juridique suisse reconnaît déjà, même si c'est de manière non expresse, la langue des signes. Cela permet - et a permis jusqu'ici - de promouvoir la langue des signes et, donc, l'égalité des personnes sourdes.

En vue d'approfondir les possibilités d'améliorer la situation, le Conseil fédéral a chargé le Département fédéral de l'intérieur d'établir un dialogue structuré entre les représentants de la communauté des sourds et des services fédéraux et cantonaux concernés. Ce dialogue est déjà en cours; il a déjà commencé.

Même si, comme je le disais à l'instant, la promotion de la langue des signes et de la culture de la langue des signes est possible sans reconnaissance expresse de cette langue dans la législation, une telle reconnaissance constitue ou peut constituer un signal important pour la communauté, car elle permet de regrouper et de rendre plus accessibles les mesures déjà prises pour la promotion de l'égalité de toutes les personnes concernées. Si la reconnaissance de la langue des signes dans la loi, ce que souhaite le Conseil fédéral comme votre commission, est en soi une étape importante, il ne faut pas oublier qu'elle ne changera pas directement la situation des personnes sourdes dans leur vie quotidienne, parce que, pour cela, il faut continuer, et continuer, et continuer à nous engager à utiliser les instruments qui sont mis en place au niveau de la Confédération et au niveau des cantons. Dans ce cadre, le dialogue structuré entre les autorités et la communauté des sourds, que j'ai mentionné tout à l'heure, apportera aussi une contribution importante, et le Conseil fédéral sera informé des conclusions de ce dialogue plus tard cette année.

Fort de cette argumentation, qui complète l'argumentation écrite du Conseil fédéral, je vous invite, au nom du Conseil fédéral, à accepter la motion.

Kälin Irène · P-F · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion

Präsidentin (Kälin Irène, Präsidentin): Unseren zwei Geburtstagskindern, unserer Kollegin Min Li Marti und unserem Kollegen Peter Schilliger, gratuliere ich ganz herzlich. Happy Birthday! (Beifall)

Die Kommissionsmehrheit und der Bundesrat beantragen die Annahme der Motion. Eine Minderheit Herzog Verena beantragt die Ablehnung der Motion.

Abstimmung

Abstimmung - Vote

Für Annahme der Motion ... 134 Stimmen

Dagegen ... 32 Stimmen

(13 Enthaltungen)