Trockenwiesen und -weiden: Weidepflege mit Ziegen

Trockenwiesen und -weiden Weidepflege mit Ziegen Ertragsarme Flächen werden je länger je weniger genutzt. Der aufkommende Jungwald verdrängt schützenswerte Pflanzen- und Tierarten. Mit Hilfe von Ziegen können Trockenwiesen und -weiden (TWW) erhalten werden. Ziegenweide gegen die Verbuschung (1) Trockenwiesen und -weiden sind in be- Verbuschung: wo liegt das Problem? sonderem Mass von der zunehmenden Ein gewisse Verbuschung fördert die Nutzungsaufgabe betroffen: Biodiversität, zu viel Verbuschung ver-

  • 10 % der inventarisierten Flächen (Sömdrängt aber die TWW-Charakterarten. In merungsgebiet ausgenommen) sind der Regel wird ein Verbuschungsgrad Brachen, für 4 % dieser Flächen sind von 10 - 20 % empfohlen (grosse Arsofortige Entbuschungsmassnahmen tenvielfalt, doch die Verbuschung ist nötig, falls sie erhalten werden sollen. noch kontrollierbar).

  • Zahlreiche Flächen wurden nicht ins Die häufigsten verbuschenden Gehölze TWW-Inventar aufgenommen, da sie in TWW-Flächen sind: Schwarzdorn bereits zu stark verbuscht waren (max. (Prunus spinosa), Brombeeren (Rubus zulässig: 50 % Verbuschung). sp.), Wildrosen (Rosa sp.), Zitterpappel Ziegen beweiden zurzeit zwar nur rund 1 % (Populus tremula), Erlen (Alnus sp.) und der inventarisierten Trockenweiden (2.4 % Hasel (Corylus avellana). Ziegen verim Tessin), sie eignen sich aber sehr gut beissen diese Arten und bremsen somit zur Eindämmung der Verbuschung und ihre Ausbreitung. gelten als Alternative zur Nutzungsaufga- Ziegen fressen hingegen folgende be. Dieses lebhafte und robuste Kleinvieh Pflanzen kaum und eignen sich deshalb frisst mit Vorliebe Gehölze (auch Dorn- schlecht für deren Bekämpfung: Adlerbüsche), verschmäht aber auch Gras und farn (Pteridium aquilinum) – mit Aus- Kräuter nicht. Als Leichtgewicht passt es nahme der jungen Triebe –, Berberitze an jeden Steilhang. (Berberis sp., giftig), Buchs (Buxus sempervirens) und Heidekraut (Calluna vulgaris).

Wo sind Ziegen geeignet? Bei Waldauslichtungen sind einige Bäu- Der Einsatz von Ziegen ist in folgenden me stehen zu lassen. Diese Einzelbäu- Fällen zu empfehlen: me (z. B. wertvolle Arten wie Wildobsta) Flächen mit beginnender Verbuschung bäume, Eichen, Nussbäume, Föhren (Schwarzdorn, Brombeeren, Adlerfarn): oder Weiden) strukturieren die Land- Ziegen bremsen die Verbuschung, schaft. Je nach Baumanteil gilt die Fläindem sie das Wachstum der Gehölze che als Wald und sie fällt folglich unter schwächen, ohne dass ein Maschinen- die Waldgesetzgebung (insbesondere einsatz nötig ist. Waldweiden). Waldauslichtungen müsb) Stark verbuschte und teilweise verwal- sen mit dem Forstdienst abgesprochen dete Flächen (Jungwald): Nach einer werden. mechanischen Entbuschung fressen die Ziegen die Neuaustriebe und verhindern Ziegen – hier eine Stiefelgeiss – lieben so das Wiederaufkommen der Gehölze. junge Blätter und Triebe (2)

Wie ist die Beweidung durchzuführen? Verhalten: Ziegen sind robuste, anhäng- Varianten der Weideführung: Praktische Tipps liche und herdentreue Tiere. Durch ihr Wei- • Punktueller Einsatz von Ziegen: Ein

  • Zäune: Einen elektrischen Zaun mit deverhalten erhöhen sie die Strukturvielfalt kurzer Durchgang pro Jahr, um die mindestens 3 Drähten vorsehen. Keieiner zuwachsenden Fläche. Ziegen lieben Verbuschung im Zaum zu halten. In ne Netze vom Typ «Ursus» verwen- Blätter von Bäumen und Büschen, Schling- diesem Fall wird die Weide hauptsächden, da Ziegen oder Wildtiere sich pflanzen, Rinden und mehr oder weniger lich mit einer anderen Tierart beweidet darin verfangen können. verholzte Zweige über alles. Wenn sie sich (z. B. Rinder) und die Ziegen werden

  • Winterweide: Zur Überwinterung auf die Hinterbeine stellen, fressen sie bis nur eingesetzt, um die Gehölze abzueinige Aren ausserhalb der Trockenzu einer Höhe von 2 Metern. Ziegen fres- fressen. Einige robuste Rinderrassen weide vorsehen, mit einem Untersen selektiv. Sie bevorzugen frische, zarte eignen sich als Ergänzung zu Ziegen stand (z. B. Iglus), einer Tränkestelle Kräuter und meiden Altgras. Die Kraut- besonders gut, weil sie ebenfalls die und 2 - 3 Strukturelementen (Felsbroschicht fressen sie dank ihrer schmaleren Ausdehnung von Problempflanzen und cken, liegende Baumstämme) – Ge- Kiefer tiefer ab als Rinder. Im Vergleich zu die Verbuschung bremsen. wässerschutzgesetz beachten! Schafen verbeissen sie die Kräuter jedoch • Mischweiden von Ziegen mit Rindern: Mit einer Mischweide lässt sich die Ver- • Unterstand: Ziegen sind empfindlich weniger einseitig und vielfaltsschonender. gegen Regen und benötigen – auch buschung gut kontrollieren und gleich- Weideführung: Die Beweidung soll der zeitig bleibt der Weidedruck der Ziegen wenn es Bäume hat – einen einfachen Vegetation, den Bodenverhältnissen und auf die Pflanzendecke geringer als bei Unterstand; (z. B. ein Dach auf 4 den durch den Naturschutz festgelegten ausschliesslicher Ziegenbeweidung. Zaunpfählen, wetterseitig geschützt). Zielen für die Trockenweide angepasst • Ganzjährige Ziegenweiden: Die • Mineralsalz: Das Salz so geben, werden (z. B. erwünschter Verbuschungs- Ziegen bremsen die Verbuschung und dass Gämsen und Steinböcke nicht grad, zu erhaltende Arten). Eine schlecht fressen gleichzeitig die aufwachsende drankommen, um eine Ansteckung

kontrollierte Ziegenweide (zu grosser Krautschicht. Die Langzeitwirkung die- mit Krankheiten zu vermeiden (z. B. Besatz und/oder zu lange Weidedauer) ser Nutzung ist kaum bekannt, da es in Gämsblindheit). kann zu einer schnellen Degradierung der der Schweiz bisher wenige langjährige • Gesundheitliche Überwachung: Pflanzendecke führen. Ziegenweiden auf TWW gibt. Eine jährliche Gesundheitskontrolle (Nährzustand, Klauenpflege) im Frühling ist notwendig. Veterinärmedizinische Standardkontrollen werden vorgenommen, um Ziegenseuchen zu vermeiden. In gewissen Gebieten leiden die Jungtiere an Selenmangel und müssen kurz nach der Geburt behandelt werden. • Giftpflanzen: In der Regel meiden Ziegen Giftpflanzen; vereinzelt treten Vergiftungsfälle mit Tollkirschen (Atropa belladonna) auf. Diese Pflanzen daher vor der Beweidung entfernen. Beweidung nach Entbuschung an der bündnerischen Scheidhalde (3)

Empfehlungen für Ziegenweiden auf TWW:

  • Wahl grosser Koppeln, damit relativ ändern (bessere Verteilung des Ein- effizient geschädigt werden. heterogen beweidet wird und der Bewei- flusses auf die Vegetation). • Verzicht auf Zufütterung auf der Weide dungsdruck gering ist (besonders auf • Grosse zeitliche Abstände zwischen (Ausnahme: Salz). empfindliche Pflanzen wie z. B. Orchi- einzelnen Weidegängen (1 Umtrieb pro • Schutz der zu erhaltenden Einzelbäume deen). 1 ha stellt erfahrungsgemäss das Jahr) zur Verhinderung von Problemen und Büsche (auszäunen), denn Ziegen Minimum dar. mit Endoparasiten und zur Schonung können auch grössere Bäume zum Ab-

  • Herdengrösse und Weidedauer un- der Vegetation. sterben bringen, indem sie die Rinde bedingt der zu beweidenden Fläche • Um Problempflanzen und Gehölze fressen. anpassen: bei zu knappem Futteran- zurück zu drängen, frühen Weidebeginn Es empfiehlt sich, die Weidenutzung einem gebot droht eine Überbeweidung oder wählen, wenn die Austriebe noch zart Hirten oder Ziegenhalter zu überlassen. der Ausbruch der Ziegen. Mit einer sind und die Stockausschläge am wirk- Dies ermöglicht es, die Naturschutzziele geschickten Koppelweide kann man die samsten geschwächt werden. mittels einer professionellen Herdenfüh- Ziegen zwingen, Altgras oder Problem- • Beweidung mit hohem Besatz un- rung zu erreichen. Für einmalige Entpflanzen zu fressen. mittelbar nach Entbuschungs- oder buschungseinsätze können Ziegen von

  • Bei Umtriebsweide jährlich Bestossungs- Auslichtungsmassnahmen, damit die erfahrenen Ziegenhaltern «ausgeliehen» reihenfolge der einzelnen Koppeln Wiederaustriebe von Gehölzen sofort werden.

Welche Rassen sind einzusetzen? Für die Beweidung von Trockenweiden che spart. Folgende Ziegenrassen haben über die Umzäunung springt. sind robuste Rassen einzusetzen, die an- sich z. B. für Trockenweiden als geeignet Wenn möglich sind bedrohte Rassen spruchslos bezüglich Futter und Unterhalt erwiesen: Stiefelgeiss und Graue Gebirgs- einzusetzen, die von der Stiftung «Pro sind. Robuste Rassen haben den Vorteil, ziege (beide Pro Spezie Rara - Rassen), Spezie Rara» unterstützt werden. Dabei dass sie ohne weiteres starke klimatische Gämsfarbige Gebirgsziege, Walliser sollten in einer Herde nur reinrassige Tiere Schwankungen ertragen und den Winter Schwarzhalsziege, Burenziege «Boer Bok». gehalten werden, damit die Rasse erhalten draussen verbringen können, was Stallflä- Letztere ist bekannt dafür, dass sie nicht bleibt.

Stiefelgeiss (4) Graue Gebirgsziege (5) Burenziege «Boer Bok» (6)

Rechtliche Aspekte Vor der Beweidung mit Ziegen müssen • Kantonale Gesetzgebung konsultieren: folgende Punkte geklärt werden: In gewissen Kantonen ist die Bewei-

  • Liegt die Fläche auf der Landwirtschaft- dung mit Ziegen, insbesondere von lichen Nutzfläche, im Sömmerungs- Flächen, welche dem Forst unterstellt gebiet und/oder ist sie der kantonalen sind, verboten. In Absprache mit den Forstgesetzgebung unterstellt? Die verantwortlichen Ämtern können indivi- Bewirtschaftungsbedingungen und duelle Regelungen getroffen werden. Einschränkungen unterscheiden sich • Absprache mit dem Besitzer (z. B. Bürdementsprechend. gergemeinde), welcher mit der vorgese-

  • Genügen die Haltungsbedingungen den henen Bewirtschaftung einverstanden Anforderungen des Tierschutzgesetzes? sein muss. Schwarzhalsziege (7)

Z. B: La Chaudzerya, Lessoc (Haut-Intyamon), Kanton FR Pilotprojekte für die Biotoppflege mit Ziegen Die Bekämpfung der Verbuschung wertvoller Lebensräume wird in der Schweiz bisher hauptsächlich in Pilotprojekten realisiert. Zurzeit sind rund 20 solche Projekte bekannt, eine Liste von Projekten mit Angabe der Kontaktpersonen kann im Internet konsultiert werden: www.umwelt-schweiz.ch/tww (8)

«Die ersten drei Projektjahre zeigen bereits deutlich, dass die regelmässige Beweidung mit Ziegen mechanische Entbuschungmassnahmen überflüssig machen.» Jacques Perritaz, Treyvaux, FR; Projektkoordinator Impressum Herausgeber 1997 wurde die Nutzung der steilen im Frühjahr wurden die Wiederaustriebe Bundesamt für Umwelt (BAFU), CH-3003 Bern Trockenweide (1.7 ha / 1'320 m.ü.M / 70 % und die restlichen Büsche im Sommer so Das BAFU ist ein Amt des Eidg. Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK). Hangneigung) aufgegeben, da mehrfach stark abgefressen, dass die Verbuschung AGRIDEA, CH-8315 Lindau und CH-1000 Lausanne 6 Rinder abgestürzt waren. Die Bildung bereits vom ersten Projektjahr an stark Rechtlicher Stellenwert eines dichten Altgrasfilzes und die zu- abgenommen hat. In den Folgejahren Diese Publikation ist eine Vollzugshilfe des BAFU als nehmende Verbuschung bedrohten in der sicherten folgende Massnahmen die Of- Aufsichtsbehörde und richtet sich primär an die Vollzugs- Folge die charakteristische TWW-Vege- fenhaltung der Weide: erhöhter Viehbesatz behörden. Sie konkretisiert unbestimmte Rechtsbegriffe tation (Verbuschungsgrad im Jahr 2000: (von anfangs 13 auf 24 Tiere; Besatz von von Gesetzen und Verordnungen und soll eine einheit- 50 %). Im Jahr 2001 wurde im Auftrag der 77 auf 105 GVE-Tage/ha), längere und liche Vollzugspraxis fördern. Berücksichtigen die Vollzugsbehörden diese Vollzugshilfen, so können sie davon kantonalen Fachstelle für Naturschutz jährlich wechselnde Reihenfolge der Kop- ausgehen, dass sie das Bundesrecht rechtskonform die Beweidung mit Ziegen als Pilotprojekt pelbeweidung. Während die strukturellen vollziehen; andere Lösungen sind aber auch zulässig, lanciert. Veränderungen der Pflanzendecke gut sofern sie rechtskonform sind. Gewählt wurde die Gämsfarbige Gebirgs- ersichtlich sind, ist es zurzeit noch zu früh, Autoren ziege (Aufzuchtziegen für die Milchproduk- um Schlussfolgerungen bezüglich der Alain Perrenoud, Le Foyard; Saskia Godat, atena tion und Jungböcke für die Fleischprodukti- Zusammensetzung der Tier- und Pflanzen- Konzept/Redaktion on). Nach der mechanischen Entbuschung arten zu ziehen. Sarah Pearson, AGRIDEA Lausanne Mitarbeit und Beratung Franziska Andres, Trifolium; Christina Blank, BLW; Literatur Francesca Cheda, Naturschutzfachstelle FR; Hans

  • Gutser D.& Kuhn, J. (1998): Schaf- und • Eggenberg S., Dalang T., Dipner M., Ulrich Gujer, BAFU; Roland Leu, Bewirtschafter; Fredi Ziegenbeweidung ehemaliger Mähder Mayer C., 2001. Kartierung und Bewer- Leutert, Büro für Angewandte Ökologie; Naturpark (Buckelwiesen bei Mittenwald): Auswir- tung von Trockenwiesen und -weiden Kaunergrat; Jacques Perritaz, Bureau d’écologie; Corina Schiess-Bühler, AGRIDEA Lindau; Willy Schmid, Projekte kungen auf Vegetation und Flora, Emp- nationaler Bedeutung. Schriftenreihe Ökologie Landwirtschaft; Josef Senn, WSL; Jakob Troxler, fehlungen zum Beweidungsmodus. Z. Umwelt Nr. 325. Technischer Bericht. Agroscope-RAC; Gaby Volkart, atena Ökologie u. Naturschutz 7 (1998): 85-97 BUWAL, Bern. Begleitung BAFU

  • Rahmann G. (2003): Landschaftspflege • Colas S., Muller F., Meuret M., Agreil C., Christine Gubser, Abteilung Artenmanagement mit Ziegen. Bundesforschungsanstalt für 2002. Pâturage sur pelouses sèches : Grafik/Gestaltung Landwirtschaft, Westerau. In Lebendige un guide d’aide à la mise en œuvre, Ueli Honegger, AGRIDEA Lindau Erde 2/2003, 12-14 Espaces naturels de France, fédération Bildnachweis

  • Rahmann G. (2000): Biotoppflege als des Conservatoires d’Espaces Naturels, Monika Martin, Oekoskop, Basel (1); Alain Perrenoud, neue Funktion und Leistung der Tierhal- programme Life-Nature «Protection Le Foyard, La Chaux-de-Fonds (2); Franziska Andres, tung dargestellt am Beispiel der Entbu- des pelouses relictuelles de France», Trifolium, Arogno (3); pro specie rara, Frick (4, 5); Corina Schiess, AGRIDEA, Lindau (6); Beat Fischer, BAB Bern schung von Kalkmagerrasen mit Ziegen. Orléans, 152 p. (7); Jacques Perritaz, Bureau d’écologie, Treyvaux (8) Verlag Dr. Kovac, Hamburg Bezug

  • Riehl G. (1992): Untersuchungen zur BAFU, Dokumentation, CH-3003 Bern Pflege von Brachflächen und ver- Internet: www.umwelt-schweiz.ch/publikationen buschter Magerrasen durch Ziegen- und Bestellnummer: UV-0623-D Schafbeweidung. Diss. agr., Göttingen © AGRIDEA 2006