BBl 1996 III 852
Bericht über die Tourismuspolitik des Bundes vom 29. Mai 1996
#ST# 96.046
Bericht über die Tourismuspolitik des Bundes
vom 29. Mai 1996
Sehr geehrte Herren Präsidenten, sehr geehrte Damen und Herren,
wir unterbreiten Ihnen einen Bericht über die Tourismuspolitik des Bundes und beantragen Ihnen, davon Kenntnis zu nehmen.
Wir beantragen Ihnen ferner, folgende parlamentarische Vorstösse abzuschreiben:
1994 p 94.3446 Für eine aktivere Tourislikpolitik (S 2.2.95, Bloetxcr) 1995 P 95.3150 Tourismusförderung (N 23.6.95, Gadient)
Wir versichern Sie, sehr geehrte Herren Präsidenten, sehr geehrte Damen und Herren, unserer vorzüglichen Hochachtung.
29. Mai 1996 Im Namen des Schweizerischen Bundesrates
Der Bundespräsident: Delamuraz Der Bundeskanzler: Couchepin
852 1996-398
Übersicht
Der Bericht über die Tourismuspolitik des Bundes enthält eine Lageanalyse des Tourismus in der Schweiz, Er beschreibt die Rahmenbedingungen, die für diesen wichtigen Exportsektor in einem Hartwährungsland wie der Schweiz immer schwieriger werden. Er stellt die hausgemachten. Probleme dar, welche die Branche durch eigene Anstrengungen lösen kann und muss.
Der touristische Weltmarkt wird auch in absehbarer Zeit weiter wachsen. Unser Land kann es sich nicht leisten, in bezug auf dieses wichtige Segment der Weltwirtschaft abseits zu stehen. Der Bericht stellt eine neue Tourismuspolitik vor, die aufzeigt, wie die Schweiz am dynamischen Wachstum teilnehmen kann. Diese neue Tourismuspolitik soll mit einem Aktionsplan umgesetzt werden.
Wegen der Tragweite der Probleme, mit denen dieser wichtige und unersetzliche Wirtschaftszweig gegenwärtig konfrontiert ist, unterbreitet der Bundesrat den eidgenössischen Räten den Bericht zur Kenntnisnahme.
Bericht
I Notwendige Neuorientierung der Tourismuspolitik
II Das Schweizerische Tourismuskonzept
Das Schweizerische Tourismuskonzept hat den Übergang zu einem geordneten Wachstum des Tourismus in unserem Land gefördert.
Am 10. März 1981 nahm der Bundesrat das Schweizerische Tourismuskonzept zur Kenntnis, Es enthielt die ersten Grundzüge einer schweizerischen Tourismuspolitik. Das Konzept wurde von der beratenden Kommission für Tourismus erarbeitet, der Vertreterinnen und Vertreter aus fünf Departementen und aus Tourismuskreisen angehören.
Das Schweizerische Tourismuskonzept geht auf parlamentarische Vorstösse zurück, die eine auf Verfassung und Gesetz abgestützte Tourismusfördening verlangten. Die Kommission war der Ansicht, dass die Wirtschaftsartikel der Bundesverfassung für eine wirksame Tourismusfördening genügen. Sie verzichtete deshalb darauf, einen Entwurf zu einem Tourismusgesetz vorzulegen.
Der Bundesrat folgte dieser Linie. Er wies die Bundesverwaltung aber an, im Rahmen der Vorbereitung und des Vollzugs tourismusrelevanter Erlasse die tourismuspolitischen Anliegen des Konzeptes zu berücksichtigen. Er forderte zudem die Kantone auf, im Rahmen ihrer Zuständigkeit eigene Anschlusskonzepte zu entwickeln.
Das Schweizerische Tourismuskonzept schlug erstmals eine sektorübergreifende und ausdrücklich an den übergeordneten Zielen des Bundes orientierte Tourismuspolitik vor. Die entsprechenden Anweisungen des Bundesrates an die Verwaltung führten dazu, dass die Anliegen des Konzepts vor allem im Bereich der Konzessionierung touristischer Transportanlagen und im Bereich der Raumordnungspolitik konsequent durchgesetzt wurden.
12 Veränderte Entwicklungsvoraussetzungen
Die touristische Nachfrage stagniert seit den achtziger Jahren und schrumpft seit Anfang der neunziger Jahre. Die Bewältigung dieser Krise steht heute im Vordergrund der Tourismuspoliük.
Der Bundesrat verabschiedete das Schweizerische Tourismuskonzept im Jahre 1981, einem, Jahr, das statistisch betrachtet als seither nie wieder erreichtes Rekordjahr in die schweizerische Fremdenverkehrsgeschichte eingegangen ist. Das Schweizerische Tourismuskonzept zeigte Wege auf, wie das bis zu diesem Zeitpunkt manchmal überbordende touristische Wachstum zu bewältigen ist. Es schlug vor anderen Politikbereichen eine sozial- und umweltverträgliche touristische Entwicklung vor.
In den achtziger Jahren wuchs der schweizerische Tourismus quantitativ nicht mehr. Staatliche Auflagen wirkten wachstumsdämpfend. Das angestrebte qualitative Wachstum konnte nicht ganz erreicht werden. Es gelang zu wenig, das teilweise veraltete Angebotdurch zusatzliche Investitionen aufzuwerten. Die Einnahmen pro Cast konnten zwar real gehalten, aber nicht gesteigert werden. Es kam zu einer besorgniserregenden Stagnation. Seit 1981 nahmen die realen Umsätze, das Bettenangebot und die Uebernachtungen in der gewerblichen Tourismuswirtschaft kaum mehr zu.
Die Situation hat sich in den neunziger Jahren noch wesentlich verschlechtert. Ein verändertes Nachfrageverhalten und die verstärkte Konkurrenz setzten das touristische Angebot stark unter Druck. Die Hotellerie als touristische Leitindustrie schrumpft. Während die Nachfrage in Europa und weltweit wächst, nimmt sie in der Schweiz ab. Erstmals stellt sich mit aller Deutlichkeit die Frage, ob der Schweizer Tourismus noch wettbewerbsfähig ist (Uebersicht 1).
Uebersicht 1 Die Entwicklung der Umsatze, der Betten und der Uebernachtungen in der Hotellerie und Parahotellerie seit 1981
Uebernachtungen in 10 Mio. f Betten in100'000Q
Quelle; BFS, BIGA, Dienst für Tourismus, 1995 Schatzungen
13 Anstösse zu einer neuen Tourismuspolitik
Im Rahmen der Behandlung von Tourismusgeschäften in den eidgenössischen Räten und von parlamentarischen Vorstössen ist der Bundesrat gebeten worden, seine tourismuspoliöschen Vorstellungen darzulegen, allfällige Förderungslücken zu schliessen und ein Konzept für die Förderung von Innovation und Kooperation vorzulegen.
Angesichts, des bereits in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre stark verlangsamten Wachstums und der zunehmenden Konkurrenz verlangte Nationalrat Columberg mit seiner Motion vom 18. Dezember 1987 (87.992) eine umfassende Analyse der Lage und der Probleme sowie der Entwicklungsperspektiven des schweizerischen Tourismus. Er schlug dem Bundesrat vor, den eidgenössischen Räten Bericht zu erstatten, falls die Ziele und Instrumente der Tourismuspolitik angepasst werden müssten.
Aufgrund der als Postulat überwiesenen Motion nahm der zuständige Dienst für Tourismus des Bundesamtes für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA) in Zusammenarbeit mit der beratenden Kommission für Tourismus umfangreiche Abklärungen über die Lage und die Entwicklungsperspektiven des schweizerischen Tourismus vor. Sie wurden im Rahmen der Abschlussveranstaltung zum „Europäischen Tourismusjahr 1990" der Öffentlichkeit bekanntgegeben und in der neuen Reihe „Beiträge zur Tourismuspolitik" des BIGA publiziert.
Der Bundesrat stellte hu Rahmen seiner Richtlinien zur Legislaturplanung 1991-19951 zudem neue Grundzüge für die Tourismuspolitik in Aussicht.
Im Oktober 1994 befasste sich die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) des Ständerates als erstes parlamentarisches Gremium umfassend mit der Tourismuspolitik des Bundes. Sie beschloss, sich in Zukunft aktiver mit tourismuspolitischen Anliegen zu befassen. Sie forderte den Bundesrat auf, bestehende Lücken bei der Förderung des touristischen Angebots zu schliessen. Zuvor hatte Ständerat Bloetzer mit Postulat vom 7. Oktober 1994 (94.3446) den Bundesrat eingeladen, eine aktivere Touristikpolitik zu betreiben. Er verlangte insbesondere eine systematische Kontrolle der Tourismusverträglichkeit aller Bundestätigkeiten und die Erarbeitung und Umsetzung einer wirksamen, gezielten Tourismusförderung. Zudem schlug er die periodische Erstellung eines Tourismusberichtes zuhanden des Parlamentes und der Öffentlichkeit vor.
Der Bundesrat stellte in Beantwortung der Interpellation Columberg vom 29. September 1994 (94.3383) den Tourismusbericht in Aussicht. Er erklärte sich auch bereit, das Postulat von Nationalrätin Gadient vom 23. März 1995 (95.3150) anzunehmen, die ein Konzept zur Förderung von Innovationen und Kooperationen im Schweizer Tourismus verlangt. Sie wies insbesondere darauf hin, dass sich Anreize zur Innovationsförderung
1 BEI 1992 m l, Anhang 2
und Impulse für die Zusammenarbeit im Bereich der Angebotsgestaltung und der Qualitätssicherung aufdrängten. Schliesslich forderte im September 1995 auch die Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) des Ständerates im Rahmen der Vorberatung der Vorlage über den Sondersatz für Beherbergungsleistungen den Bundesrat auf, Vorstellungen zur Zukunft des Tourismus in unserem Land zu entwickeln.
Die beratende Kommission für Tourismus, in der die Tourismuskreise und die fünf interessierten Departemente des Bundes vertreten sind, hat die Erarbeitung dieses Berichtes wesentlich unterstützt.
2 Vorteile eines Tourismuslandes
21 Beitrag zur Lebensqualität der Bevölkerung
Es ist von Vorteil, in einem Tourismusland zu leben. Die vielfaltigen touristischen Einrichtungen und Dienstleistungen steigern die Lebensqualität. Im Umgang mit den Gästen wird die eigene kulturelle Identität gestärkt.
Der Tourismusboom der Nachkriegsjahre hat bei der Bevölkerung zu gewissen Abwehrreaktionen gegenüber touristischen Anliegen geführt. Kritische Gruppierungen sowie Natur- und Landschaftsschutz-Organisationen haben diese Tendenz noch verstärkt. Sorgfältige wissenschaftliche Abklärungen der Folgen der touristischen Entwicklung für unsere Gesellschaft haben aber auch ergeben, dass der Tourismus insgesamt einen namhaften Beitrag zur Steigerung der Lebensqualität der Bevölkerung leisten kann.
Die Bürgerinnen und Bürger der Schweiz profitieren davon, dass sie in einem Tourismusland leben. Nicht nur den Besucherinnen und Besuchern, sondern auch der ortsansässigen Bevölkerung stehen Infrastrukturen, Einrichtungen und Dienstleistungen zur Verfügung, die ohne Tourismus nicht bestehen würden oder die qualitativ bescheidener wären. Der Tourismus erhöht also die Lebensqualität unserer Bevölkerung. Ausser Zweifel steht auch, dass die touristische Entwicklung wesentlich dazu beiträgt, dass Besiedlung, Beschäftigung und gesellschaftliches Leben in den Randregionen fortbestehen. Zudem steigert der Tourismus die Attraktivität der Städte. Ebenso eindeutig kann aufgrund der Steuerstatistiken nachgewiesen werden, dass der Tourismus zahlreichen Gebieten Wohlstand gebracht hat. Das Pro-Kopf-Einkommen in den ausgesprochenen Tourismusgebieten ist oft höher als in den traditionellen Industriegebieten des Mittellandes und des Juras.
Lebensqualität umfasst neben Komfort und Wohlstand auch das subjektive Wohlbefinden. Voraussetzung für dieses Wohlbefinden ist die kulturelle Identität. Neueste Studien legen nahe, dass bei einem harmonischen Wachstum der Tourismus eher zur Stärkung der Identität der ortsansässigen Bevölkerung beitragen kann als zu deren Schwä-
chung. Das Klischee, wonach die. touristische Entwicklung die „gute alte Zeit" und die heile Welt der vorwiegend ländlichen Tourismusgebiete zerstört, gilt für ein hochzivilisiertes Land nicht. Die ortsansässige Bevölkerung in den Schweizer Tourismusgebieten kann sehr wohl zwischen touristischer Dienstleistungs- und Ferienkultur und einheimischer Lebenswelt unterscheiden. Mit zunehmendem Wohlstand steigen das Interesse und die Bereitschaft, die gewachsene lokale Kultur besonders zu pflegen. Die Bevölkerung der Tourismusgebiete schätzt mehrheitlich den tourismusbedingten Wohlstand. Sie ist bereit, dafür auch die mit der touristischen Entwicklung verbundenen Nachteile - zum Beispiel mehr Verkehr oder teurere Wohnverhältnisse - in Kauf zu nehmen.
22 Sicherung von Arbeit und Einkommen
Verschiedene Stadien haben die volkswirtschaftliche Bedeutung des Tourismus nachgewiesen. Diese wird aber noch nicht überall zur Kenntnis genommen. Der Tourismus ist für die schweizerische Volkswirtschaft eine unverzichtbare Einnahmequelle. Er ist eine Exportbranche mit hoher Beschäftigungswirkung im Inland.
Der Tourismus ist in der Praxis weder eine Branche noch eine Industrie noch ein zusammenhängender Wirtschaftszweig. Er kommt in keiner Wirtschaftsstatistik vor. Die Ausgaben der in- und ausländischen Besucherinnen und Besucher kommen einer Vielzahl von Wirtschaftszweigen zugute.
Der Tourismus gilt häufig als wenig produktiver und geschützter Zweig der Binnenwirtschaft, der in erster Linie dem Berggebiet nützt. Entsprechend verbreitet ist die Ansicht, die hochentwickelte schweizerische Volkswirtschaft müsse auf wachsenden Wohlstand und attraktive Arbeitsplätze ausgerichtet sein und vertrage deshalb keinen zu hohen Tourismusanteil. In einer umfassenden Studie des BIGA ist aber nachgewiesen worden, dass eine Vielzahl von Branchen direkt oder indirekt von der touristischen Nachfrage profitieren. Der Tourismus besteht also nicht nur aus der Hôtellerie, in die etwa ein Fünftel der Ausgaben der Besucherinnen und Besucher aus dem In- und Ausland fliessen. Für den Tourismus spielen auch die Bahnen, der Detailhandel, die Banken und die PTT, aber auch das Baugewerbe und die Landwirtschaft eine wichtige Rolle.
Uebersicht 2 Bruttowertschöpfung ausgewählter Branchen in der Schweiz 1993
Quelle: BFS, Tourismusdefinition gemäss OECD
Die Ausgaben der Besucherinnen und Besucher oder die Tourismusnachfrage betragen mindestens 45 Milliarden Franken pro Jahr. Nimmt man die direkte Wertschöpfung als Massstab und zahlt man alle von Besucherinnen und Besuchern gekauften Güter und Dienstleistungen zusammen, so liegt der Tourismus mit einem Anteil am Bruttoinlandprodukt von 7,7 Prozent an vierter Stelle der Wirtschaftszweige (Ubersicht 2). Er ist bedeutender als die Maschinenindustrie und die Bauwirtschaft. Da die Zulieferer der touristischen Giiter und Dienstleistungen in erster Linie einheimische Produzenten sind, ist der Tourismus binnenwirtschaftlich besonders wirksam. Wird die indirekt vom Tourismus abhangige Wertschöpfung betrachtet, beispielsweise die mit dem Bau einer Ferienwohnung verbundene, so steigt der touristische Anteil am BIP aufüberr 8 Prozent.
Da die touristischen Dienstleistungen insbesondere im Bereich der Hotellerie und der Restauration personalintensiv sind, ist der Tourismus äusserst beschäftigungswirksam. Rund 9 Prozent der schweizerischen Beschäftigung sind direkt oder indirekt tourismusabhängig. Der Tourismus sichert iiber 300'000 Stellen in unserem Land (Ubersicht 3). Die Kehrseite der hohen Beschäftigungswirkung ist die im gesamtwirtschaftlichen Vergleich unterdurchschnittlicheProduktivitätt der gastgewerblichen Leitbranche. Es gibt allerdings auch hochproduktive Branchen, wie die Zivilluftfahrt oder Teile der Parahotellerie, die touristische Dienstleistungen produzieren. Insgesamt liegt die durchschnittlicheProduktivitätt allertourismusabhängigenn Wirtschaftszweige nur unwesentlich unter dem gesamtschweizerischen Durchschnitt.
Übersicht 3
Beschäftigte nach Branchen 1990
Quelle: BFS, BIGA, Dienst für Tourismus
Es trifft zu, dass der Schweizer Tourismus binnenwirtschaftlich orientiert ist. Der touristische Produktionsstandort ist die Schweiz. Während die Industrie in den letzten Jahren Produktionsstandorte häufig ins Ausland verlegt hat, bleibt der Tourismus an seinen Standort gebunden. Die touristische Wertschöpftmg wird fast vollständig im Inland beschäftigungs- und einkommenswirksam. Deshalb trägt dieser Wirtschaftszweig wesentlich zur Erreichung der Ziele der nationalen Wirtschaftspolitik bei. Trotz seiner binnenwirtschaftlichen Bedeutung ist der Tourismus aber exportorientiert. Die Ausgaben der Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz werden als Export betrachtet. Die Tourismusbilanz ist Teil der Ertragsbilanz, welche die Exporte ausweist. Der Tourismus ist der drittwichtigste Exportzweig der Schweiz (Übersicht 4). Zusammen mit der. Maschinenindustrie ist er der Exportzweig mit der grössten Beschäftigungswirkung.
Obersicht 4 Tourismus als wichtige Exportbranche mit hoher Beschäftigungswirkung
Maschinen,
Fahrzeugbau,Elektronikindustriee Chemie
Tourismus
Uhrenindustrie
Metallindustrie Textil Bekleidung, Schuhe
Exporteinnahmen 1994 Erwerbstätige 1994
Exporteinnahmen in Mrd. SFr. Erwerbstätige in lO'OOO
Quellen: BFS, SNB, BIGA, Dienst für Tourismus
23 Bedeutende Einnahmequelle für die Stadte und einzige Entwicklungsalternative fur das Berggebiet
Der Tourismus ist nicht nur der bedeutendste Wirtschaftsfaktor im Berggebiet. Auch die Stadte sind wichtige touristische Zentren.
Schliesslich ist auf die raumwirtschaftliche Dimension des Tourismus zu verweisen. Kaum ein anderer Wirtschaftszweig dUrfte ein dezentraleres Produktionsnetz aufweisen. Die Anbieter von touristischen Gütern und Dienstleistungen sind mehr oder weniger flächendeckend über die ganze Schweiz verteilt (Uebersicht 5). Praktischallenn Regionen und Orten kommt eine gewisse touristische Eignung zu. Vor hundert Jahrengaltt die Schweiz als Alpenland. Heute ist sie eine Destination der Vielfalt geworden, zu der auch die Stadte, das Mittelland und der Juragehören. Der Tourismus ist also nicht nur ein Wirtschaftszweigfürr das Berggebiet. Er ist auchfürr die grossen und kleinen Stadte eine wichtige Einnahmequelle. DieStädtee gehoren sogar zu den"FIaggschiffen"" des schweizerischen Tourismus(Uebersichtt 6).
Uebersicht 5
Raumliche Verteilung der Hotelübernachtungen in der Schweiz 1994
Hotel logiernächte pro Einwohnerin bzw. Einwohner 1994 > 6 Nächte 4,1 - 6 Nächte 2,1-4 Nächte 0 - 2 Nächte
Quelle: BIGA, Dienst für Tourismus
Übersicht 6 Tourismus als Wirtschaftsfaktor für Städte und Bergorte
Ort Hotel-Übernachtungen 1994
ZÜRICH 1*845*000 GENF l'668'OOO Zermatt l'152*000 Davos " 963*000 St. Moritz 888*000 LUZERN 859'000 LUGANO 815*000 Interlaken 639'000 LAUSANNE 595'000 Arosa 592*000 • BASEL 585*000 Locamo 553*000 KLOTEN 492'000 Grindelwald 481*000 BERN 445*000
8 DER GRÖSSTEN TOURISMUSORTE LIEGEN NICHT IM BERGGEBIET
Quelle: BFS, BIGA, Dienst für Tourismus
Der Tourismus ist zwar flächendeckend, aber nicht gleichmässig über das ganze Land verteilt. Die meisten Wirtschaftszweige haben ihr Schwergewicht im Mittelland oder in den grossen Agglomerationen. Auch die Landwirtschaft hat ihr Produktionsschwergewicht im Talgebiet und im angrenzenden Hügelland. Beim Tourismus liegen die Dinge anders. In manchen Regionen ist er der wichtigste Wirtschaftszweig schlechthin. Neue Studien haben dazu erstaunliche Resultate geliefert. In der Region Mittelbünden beispielsweise ist die Hälfte des regionalen Bruttoinlandproduktes tourismusabhängig. Im Oberengadin und in den klassischen Tourismusorten liegt dieser Prozentsatz noch höher. Im Berner Oberland, wo die Wirtschaftsstruktur etwas breitgefächerter ist, trägt der Tourismus immer noch 27 Prozent zum Volkseinkommen bei, in der Stadt Bern sind es 11 Prozent (Übersicht 7). Auch die Städte profitieren also wesentlich vom Tourismus.
Manche Landesteile sind demnach in hohem Mass vom Tourismus abhängig. Vielerorts bestehen keine anderen Entwicklungsalternativen. Vor allem im Berggebiet ist es nicht möglich, in genügendem Umfang Industrie- und Dienstleistungsbetriebe anzusiedeln. Es ist bisher auch nicht gelungen, in grösserem Ausmass telematisch mit den Zentren vernetzte Arbeitsplätze zu schaffen. Die Globalisierung der übrigen Wirtschaft hat diese Entwicklung mitverantwortet.
Obersicht 7 Wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus in den Regionen
Bruttowertschöpfung'1 des Touristnusbedingte Tourismus in Prozent der ge- Beschäftigung Region • samten Wertschöpfung in Prozent
Mittelbünden 51 51
Berner Oberland 27 28
Stadt Bern 11 12
Schweiz 8 9
l) direkte und indirekte Wertschöpfung
Quelle: BIGA, Dienst für Tourismus
24 Sensibilisierung für kulturelle und ökologische Anliegen
Der Tourismus fördert den Zusammenhalt im eigenen Land und das Verständnis für unsere Nachbarn. Er hat unsere Bevölkerung auch wesentlich für die Belange von Landschaft und Umwelt sensibilisiert.
Der Tourismus bringt zahlreiche immaterielle Vorteile für Staat und Gesellschaft, die allzu oft als selbstverständlich betrachtet werden. Nach allgemeiner Überzeugung kann das Reisen in andere Gebiete und Länder zu wertvollen Begegnungen zwischen Besuchern und Gastgebern führen. Daraus kann ein Beziehungsnetz entstehen, das den Zusammenhalt im eigenen Land und mit dem Ausland stärken und das Verständnis für andere Gesellschaften und Kulturen verbessern kann. Der Tourismus-Austausch trägt damit wesentlich zur stärkeren Integration der Staaten bei.
Der Tourismus steht auch in einem engen wechselseitigen Verhältnis zu Landschaft und Umwelt. Ähnlich wie die kulturelle Einzigartigkeit und Vielfalt ziehen auch eine idyllische Landschaft und eine hohe Erholungsqualität der Umwelt Besucherinnen und Besucher an. Die vielerorts noch intakte Kulturlandschaft gehört nach wie vor zu den Trümpfen der Schweiz. Nicht zuletzt das Reisen der in- und ausländischen Besucherinnen und Besucher hat zur Sensibilisierung für die Schönheit dieser Landschaft und damit für deren Erhaltung geführt.
Seit Beginn des alpinen Tourismus ist die Schweiz für die Erholungsqualität ihrer Umwelt bekannt. Die Besucherinnen und Besucher unseres Landes wünschen eine gesunde Umwelt mit möglichst reiner Luft, möglichst sauberem Wasser und möglichst geringer Lärmbelastung. Das Verständnis für die Anliegen des Umweltschutzes hat deshalb gerade in den vom Tourismus abhängigen Landesteilen zugenommen. Der wieder stark wachsende Kur-, Bade- und Gesundheitstourismus setzt einen möglichst hohen Umweltstandard voraus.
3 Der veränderte touristische Weltmarkt
31 Markterweiterung und Internationalisierung der Nachfrage
Noch in den fünfziger Jahren war die Schweiz eines der wenigen grossen Tourismusländer. Heute gibt es kaum ein Land, das nicht über ein international vermarktbares Angebot verfügt. Die Besucherinnen und Besucher können aus einer Vielzahl konkurrierender Destinationen wählen.
1950 gab es weltweit nur 25 Millionen internationale Touristinnen und Touristen, die sich auf relativ wenige Tourismusländer verteilten. Dazu gehörte insbesondere die vom Krieg verschonte Schweiz, die damals einen Marktanteil von rund 8 Prozent der internationalen Tourismusströme aufwies. Unser Land wies ein für damalige Verhältnisse qualitativ hochstehendes Angebot auf. Mit dem Pistenskifahren wurde der Wintertourismus zu einem touristischen Trumpf, für den die Schweiz fast Über das Monopol verfügte. Mit zunehmendem Wohlstand, der individuellen Motorisierung und dem Aufkommen preisgünstiger Beherbergungsformen entstand ein starker Heimmarkt. Schliesslich sorgte das System der fixen Wechselkurse bis 1971 für einen tourismusfreundlichen Aussenwert des Schweizerfrankens.
Heute gibt es 537 Millionen internationale Touristinnen und Touristen, die sich auf eine Vielzahl von Destinationen verteilen (Übersicht 8). Der touristische Markt hat sich in ungeheurem Mass erweitert, eine Entwicklung, die sich in den letzten 15 Jahren beschleunigt und geografisch weiter ausgedehnt hat. Dem geballten Markteintritt der Mittelmeerländer folgte das Aufkommen Frankreichs als heute zweitgrösstes Tourismusland. Die USA, früher der bedeutendste Kunde des Welttourismus, sind seit dem zunehmenden Einbruch des Dollars zur führenden touristischen Destination geworden. Seit neuestem gehören weitere überseeische Länder wie China, Singapur, Australien, Thailand und Indonesien zu den 20 einnahmenstärksten Destinationen. In Europa ist Polen in diese Ländergruppe vorgerückt. Hongkong und Singapur haben die auf dem 11. Platz liegende Schweiz überholt.
Uebersicht 8 Wachstum des internationalen Tourismus
Quelle: Weltorganisation fur Tourismus (WTO)
Die Zunahme der international wettbewerbsfähigen Destinationen hat zu einer starken Internationalisierung der touristischen Nachfrage geführt Der Internationale Tourismus spielt sich dabei zu 88 Prozent innerbalb der gleichen Weltregion ab. Die interkontmentalen Tourismusströme nehmen aber sukzessive zu. Es ist heute möglich rund um das Jahr Bade- Oder Skiferien zu geniessen. Die Kundinnen und Kunden ko'nnen aus einem breiten Spektrum unterschiedlichster Destinationen auswählen. Die veränderten Bedürfnisse in bezug auf Reisen und Ferien verstärken die Internationalisierung ebenfalls.
32 Globalisierung des Angebots
Der technische Fortschritt im Transportbereich und die telematische Revolution haben zum Aufkommen weltweit tatiger touristischer Grossunternehmen geführt, die industriell organisiert sind und professionell geführt werden. Mil preisgünstigen Produkten konkurrenzieren sie die kleingewerbliche Tourismuswirtschaft und spielen ihre Marktmacht aus.
In der Nachkriegszeit dominierten in den Tourismusländern kleingewerbliche Angebotsstrukturen. Der technische Fortschritt im Transportbereich und die telematische Revolution haben diese Strukturen in den letzten Jahren grundlegend verändert. Es sind touristische Grossunternehmen aufgekommen, die mil industrieller Organisation und konsequentem Einsatz von Reservations- und Managementsystemen die Kosten minimieren und die Erträge maximieren ko'nnen.
Bei diesen professionell agierenden Grossunternehmen handelt es sich um Reiseveranstalter, Fluggesellschaften, Hotelketten, Autoverraietungsfirmen sowie auf dem Reissbrett entworfene Tourismusorte. Sie sind in der Lage, weltweit mit neuen strategischen Produkten aufzutreten und diese mit modernsten Mitteln zu vermarkten.
Obwohl die Schweiz ein touristisches Pionierland der ersten Stunde war, hat sie den Anschluss an die Globalisierung des Angebots nicht in allen Bereichen geschafft. Zwar gemessen mehrere Ferienorte Weltruf. Die nationale Fluggesellschaft, einige Reiseveranstalter und die Ferienwohnungsvermittlung sind internationalisiert. Im Gastgewerbegibt es dagegen mit wenigen Ausnahmen kaum weltweit tätige Unternehmen schweizerischer Prägung. Die Hotelfachschulen bilden zwar Manager für internationale Hotels aus. Unser Land verfügt aber über keine starken Hotel- und Restaurantketten im Ausland.
Bis vor kurzem war die kleingewerbliche Tourismuswirtschaft in der Lage, unter dem Distanzschutz der Berge ihre Strukturen zu erhalten. Heute ist sie aber mit einer Konkurrenz konfrontiert, die über einen grösseren Kosten- und Preisspielraum und mehr Marktmacht verfügt.
33 Verstärkter Preis- und Qualitätswettbewerb
Es ist schwierig geworden, das teilweise etwas veraltete Angebot der traditionellen Tourismusländer auf dem weltweit wachsenden Markt zu positionieren. Durch das Aufkommen neuer Destinationen und das Abbröckeln der Heimmärkte haben diese Länder Marktanteile verloren und an Wettbewerbsfähigkeit eingebüsst.
Es besteht heute ein noch nie dagewesener weltweiter Wettbewerb der Destinationen. Er wird verstärkt durch Überkapazitäten in den Schlüsselbereichen Transport und Beherbergung. Von 1985 bis 1994 nahm die Zahl der Hotelzimmer weltweit um 3 Millionen zu, in Europa um über l Million (Übersicht 9).
Die Internationalisierung der touristischen Nachfrage hat dazu geführt, dass die Preise in den Konkurrenzländem und die Wechselkurse einen zunehmenden Teil des internationalen Tourismus und des Tourismus der schweizerischen Bevölkerung nachhaltig beeinflussen. Es ist eine höhere Preissensibilität entstanden. Die in- und ausländischen Besucherinnen und Besucher orientieren sich nicht mehr am inländischen Preisniveau. Die Kundentreue nimmt ab.
Uebersicht 9 Weltweite Hotelkapazität 1985 -1994 Region Zimmerin 1000 Zunahmein 1000 Zunahme in % 1985 1990 1994 1985-1994 1985 - 1994 Welt 9'200 11'060 12'218 3'019 32,8 Afrika 267 334. 384 117 43,8 Amerika 3'462 4'311 4'493 1'031 29,8 Ostasien/Pazifik 813 1'207 1'557 744 91,5 Europa 4'425 4'936 5'462 1'037 23,4 Mittlerer Osten 130 160 179 49 37,7 Südasien 102 112 143 41 40,2
Quelle: WTO
Die neuen Marktbedingungen haben zu einem verstärkten Preis- und Qualitätswettbewerb geführt, der insbesondere die traditionellen Tourismusländer wie die Schweiz vor Probleme stellt. Aufgrund der volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind sie nicht in der Lage, mit Billigstangeboten neuer Tourismusdestinationen mitzuhalten, obwohl es auch in unserem Land viele preiswerte Angebote gibt, namentlich in der familienfreundlichen Parahotellerie. Die traditionellen Tourismuslander verfügen zudem nicht fiber die Werbewirksamkeit neuer Destinationen. Vielmehr sind sie gezwungen, ihre Produkte auf dem barter umkämpften Markt neu zu positionieren. Die Kundinnen und Kunden stellen bei der "Wiederentdeckung des Bekannten" aber höhere Ansprüche an Komfort und Qualität, die nicht immer erfüllt werden kennen.
Es erstaunt unter diesen Voraussetzungen nicht, dass gerade Europa als Wiege des Tourismus und Marktführer gegenüber der von günstigen Flugtarifen profitierenden und mit tiefen Lohnen operierenden neuen Konkurrenz Marktanteile verloren hat. In den letzten zwölf Jahren sank der Marktanteil Europas am internationalen Tourismus von 59,6 auf 51,1 Prozent, obwohl die Einnahmen in absoluten Zahlen noch zunahmen (Uebersicht 10),
Ubersicht 10 Weltmarktanteile an den internationalen Tourismuseinnahmen 1980,1992,1993 und 1995 (in Prozent) Region 1980 1992 1993 1995
Afrika 2,6 2,0 2,1 1,9 Nord-/Mittel-/Südamerika 24,6 28,1 28,8 25,6 Ostasien/Pazifik 8,4 15,3 17,3 18,7 Europa 59,6 52,2 49,5 51,1 Mittlerer Osten 3,4 1,8 1,6 1,8 Siidasien 1,5 0,7 0,7 1,0
Quelle: WTO / BIGA, Dienst für Tourismus
4 Auswirkungen auf die
touristische Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz
41 Stellung auf dem internationalen Tourismusmarkt
Die Schweiz war bisher eine attraktive touristische Destination. Sie gehört noch immer zu den elf grössten Tourismusländern. Sie erzielt hohe Einnahmen pro Gast und weist weltweit die höchste Wertschöpfung pro Mitarbeiterin bzw. Mitarbeiter auf. Diese gute Wettbewerbsposition ist unter den neuen Weltmarktbedingungen unter Druck geraten.
Immer wieder wird die Frage gestellt, ob der Tourismus in hochentwickelten Volkswirtschaften längerfristig gute Wachstumschancen hat. Vielfach wird behauptet, ärmere Länder hätten günstigere volkswirtschaftliche Voraussetzungen für ein rasches touristisches Wachstum. Es ist richtig, dass vor allem in den Schwellenländern mit attraktiven touristischen Ressourcen und ausreichendem sowie relativ günstigem Arbeitskräftepotential die besten Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. Ein Blick auf die ergebnisorientierten Wettbewerbsindikatoren zeigt aber, dass heute noch rund drei Viertel des Welttourismus auf die hochentwickelten westlichen Industriestaaten entfallen, zu denen auch die Schweiz gehört.
Die Schweiz gehört bis heute zu den touristischen Grossmächten. Der touristische Leistungsausweis unseres Landes ist tatsächlich beeindruckend. Trotz stagnierenden Frequenzen ist es ihm zumindest bei den Einnahmen aus dem internationalen Tourismus gelungen, einen Platz unter den bedeutendsten Tourismusländern zu halten. Nur in Österreich, Hongkong und Singapur sind die Pro-Kopf-Einnahmen aus dem internationa_ lèn Tourismus höher als in der Schweiz (Übersicht 11).
Die Schweiz hat die touristischen Wachstumsreserven im internationalen Vergleich am konsequentesten ausgeschöpft. Sie erzielt aufgrund der Attraktivität und der Vielfalt der Angebote hohe Einnahmen pro Gast. Die touristische Wertschöpfung pro Mitarbeiterin bzw. Mitarbeiter ist in der Schweiz weltweit am höchsten (Übersicht 12).
Die relative Wettbewerbsstärke des schweizerischen Tourismus drückt sich auch in der bereits bestehenden hohen Internationalisierung aus. Im Vergleich zur Industrie ist sie relativ weit fortgeschritten. Sowohl die Export- wie die Importquoten des Tourismus sind hoch. Mit Ausnahme der Uhrenindustrie ist keine andere Branche international so verflochten.
Übersicht 11 Die zwölf wichtigsten Tourismusländer - touristische Exporterlöse 1995 1)
Land Einnahmen total Einnahmen in Mio. Fr. pro Kopf in Fr. 1 USA 69'000 300 2 Frankreich 32'200 600 3 Italien 31'900 600 4 Spanien 29'600 700 5 Grossbritannien 20'600 300 6 Österreich 14'800 1'900 7 Deutschland 14'100 200 8 Hongkong 10700 l'800 9 China 9700 8 10 Singapur 8'900 3'300 1 1 Schweiz 8'600 1'200 12 Kanada 8'300 300