SB.2022.112
mehrfache Beschimpfung
11. Oktober 2023Deutsch18 min
Appellationsgericht zu beziffernde Parteientschädigung forderte. Zudem beantragte
Source bs.ch
Appellationsgericht
des Kantons Basel-Stadt
Dreiergericht
SB.2022.112
BESCHLUSS
vom 11. Oktober 2023
Mitwirkende
lic. iur. Eva Christ, Dr. Andreas Traub, MLaw Anja Dillena
und Gerichtsschreiber
MLaw Martin Manyoki
Beteiligte
A____, geb. [...] Berufungskläger
[...]
Beschuldigter
vertreten durch [...], Rechtsanwalt,
[...]
gegen
Staatsanwaltschaft Basel-Stadt
Berufungsbeklagte
Binningerstrasse 21, 4051 Basel
Privatklägerin
B____, geb. [...]
[...]
vertreten durch [...], Advokat,
[...]
Gegenstand
Berufung gegen ein Urteil des
Einzelgerichts in Strafsachen
vom 17. Juni 2022
betreffend mehrfache Beschimpfung
Sachverhalt
Sachverhalt
Mit Urteil des Einzelgerichts in Strafsachen vom
17. Juni 2022 wurde A____ der mehrfachen Beschimpfung schuldig
gesprochen und zu einer bedingten Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu
CHF 30.–, Probezeit 3 Jahre, verurteilt. Es wurden ihm Verfahrenskosten
von CHF 520.30 und eine Urteilsgebühr von CHF 800.– auferlegt; Verfahrenskosten
im Umfang von CHF 632.50 gingen zu Lasten des Staates.
Gegen dieses Urteil meldete A____ (nachfolgend:
Berufungskläger), vertreten durch Rechtsanwalt [...], am
27. Juni 2022 Berufung an und reichte nach Erhalt der schriftlichen
Urteilsbegründung mit Eingabe vom 24. Oktober 2022 die Berufungserklärung
ein, mit der er einen vollumfänglichen Freispruch sowie eine durch das
Appellationsgericht zu beziffernde Parteientschädigung forderte. Zudem beantragte
er, die Verfahrenskosten seien dem Staat, eventualiter B____ (nachfolgend:
Privatklägerin), vertreten durch [...], aufzuerlegen. Die Privatklägerin und
die Staatsanwaltschaft erklärten weder Anschlussberufung noch beantragten sie
Nichteintreten auf die Berufung. Die Staatsanwaltschaft liess sich am
24. Januar 2023 mit dem Antrag auf kostenfällige Abweisung vernehmen.
Die Privatklägerin beantragte mit Eingabe vom 13. April 2023
dasselbe.
Mit Eingabe vom 31. Mai 2023 reichte die
Privatklägerin beim Appellationsgericht einen am 26. Mai 2023 vor dem
Zivilgericht Basel-Stadt geschlossenen Vergleich (nachfolgend: Vergleich) ein
und erklärte, dass die Privatklägerin entsprechend Ziff. 5 den Strafantrag
im vorliegenden Verfahren zurückziehe. Mit Verfügung vom 5. Juni 2023
kündigte die Verfahrensleiterin an, sie beabsichtige die Einstellung des gegen
den Berufungskläger geführten Strafverfahrens; das derzeit noch hängige
Berufungsverfahren solle ausserdem schriftlich weitergeführt werden. Sie gab
den Parteien Gelegenheit, sich bis zum 23. Juni 2023 dazu sowie zur
Kosten- und Entschädigungsfolge zu äussern. Zugleich wurden die Rechtsvertreter
des Berufungsklägers und der Privatklägerin um Einreichung ihrer Honorarnoten
bis zum 12. Juni 2023 ersucht. Mit Eingabe vom 8. Juni 2023
reichte der Vertreter der Privatklägerin seine Honorarnote ein und teilte mit,
dass keine Einwände dagegen bestünden, das Verfahren im schriftlichen Verfahren
einzustellen. Der Vertreter des Berufungsklägers erklärte mit Eingabe vom gleichen
Tag, er habe ebenfalls keine Einwände und teilte weiter mit, dass er darauf
verzichte, ein Entschädigungsbegehren zu stellen, da es Sinn und Geist des Vergleichs
entspreche, dass jede Partei ihre eigenen Parteikosten trage, was das Gericht
in seinem Entscheid entsprechend festhalten möge. Die Privatklägerin
widersprach dem mit Eingabe vom 19. Juni 2023 und machte geltend, Ziff. 9
des Vergleichs gebiete nicht, dass jede Partei ihre Parteikosten selbst trage. Wäre
dem so, hätte die Präzisierung, wonach dem Beschuldigten die ratenweise Zahlung
der verlegten Parteikosten ermöglicht werden solle, wenig Sinn ergeben. Dem
entgegnete der Berufungskläger mit Eingabe vom 14. Juli 2023, die
entsprechende Passage im Vergleich sei so zu verstehen, dass die Privatklägerin
im Rahmen des Kostenentscheids des Appellationsgerichts nur in Bezug auf
allfällig auferlegte Gerichtskosten durch den Beschuldigten schadlos gehalten
werden solle. Im gleichen Schreiben argumentierte der Berufungskläger mit Bezug
auf das Vorbringen der Staatsanwaltschaft vom 20. Juni 2023, dass
eine Kostenauferlegung zu Lasten des Berufungsklägers eine Verletzung der Unschuldsvermutung
zur Folge hätte. Mit Eingaben vom 20. Juni 2023 respektive
23. Juni 2023 beantragten die Staatsanwaltschaft und die
Privatklägerin, dem Berufungskläger seien die Verfahrenskosten sowie eine
Parteientschädigung an die Privatklägerin aufzuerlegen.
Der Sachverhalt und die Einzelheiten der Parteistandpunkte
ergeben sich, soweit sie für das Urteil von Bedeutung sind, aus den
nachfolgenden Erwägungen.
Erwägungen
Erwägungen
1.
1.1
Gemäss Art. 398 Abs. 1 der Schweizerischen
Strafprozessordnung (StPO, SR 312.0) ist die Berufung gegen Urteile
erstinstanzlicher Gerichte zulässig, mit denen das Verfahren ganz oder
teilweise abgeschlossen wird. Das ist vorliegend der Fall. Der Berufungskläger
ist gemäss Art. 382 Abs. 1 StPO zur Erhebung von Rechtsmitteln
legitimiert. Er hat seine Berufungsanmeldung und -erklärung innert den
gesetzlichen Fristen gemäss Art. 399 Abs. 1 und 3 StPO eingereicht.
Zuständiges Berufungsgericht ist gemäss § 88 Abs. 1 in
Verbindung mit § 92 Abs. 1 Ziff. 1 des baselstädtischen
Gerichtsorganisationsgesetzes (GOG, SG 154.100) ein Dreiergericht des
Appellationsgerichts.
1.2
Die Verfahrensleitung des Berufungsgerichts kann
das schriftliche Verfahren anordnen, wenn ausschliesslich Rechtsfragen zu
entscheiden sind oder ausschliesslich die Kosten-, Entschädigungs- und
Genugtuungsfolgen angefochten sind (Art. 406 Abs. 1 lit. a
und d StPO). Beide Varianten sind vorliegend gegeben. Auch mit Blick
auf Art. 6 Ziff. 1 der Europäischen Menschenrechtskonvention
(EMRK, SR 0.101) ist eine mündliche Verhandlung offensichtlich nicht
notwendig (vgl. BGE 147 IV 127 E. 2.3, 143 IV 483 E. 2.1.1 und 2.1.2; BGer
6B_1349/2020 vom 17. März 2021 3.2.3).
Die (definitive) Anordnung des schriftlichen Verfahrens nach
Art. 406 Abs. 1 StPO durch das Gericht muss praxisgemäss
nicht in einem separaten Entscheid erfolgen, sondern es genügt ein entsprechender
Hinweis im Urteil (vgl. statt vieler AGE SB.2020.73 vom 15. Februar 2021
E. 1.2, SB.2019.112 vom 29. Juni 2020 E. 1.2, SB.2018.110 vom 2.
April 2019 E. 1.2, jeweils mit Hinweisen). Ein Schriftenwechsel nach Art. 406 Abs. 3
und 4 in Verbindung mit Art. 390 Abs. 2 und 3 StPO hat
stattgefunden. Die Berufung wird somit im schriftlichen Verfahren beurteilt und
der Entscheid ergeht auf dem Zirkulationsweg (Art. 406 Abs. 4 in
Verbindung mit Art. 390 Abs. 4 StPO).
2.
2.1
Der Berufungskläger wurde erstinstanzlich der mehrfachen
Beschimpfung schuldig erklärt. Dabei handelt es sich um ein Antragsdelikt.
Gemäss Art. 33 Abs. 1 StGB kann die antragsberechtigte
Person ihren Strafantrag zurückziehen, solange das Urteil der zweiten
kantonalen Instanz noch nicht eröffnet ist. Die Privatklägerin hat im
Berufungsverfahren am 31. Mai 2023 ihren Strafantrag zurückgezogen
(Akten S. 522).
2.2
Bei Antragsdelikten ist der Strafantrag eine
Prozessvoraussetzung. Nach Art. 319 Abs. 1 lit. d StPO ist ein Verfahren
einzustellen, wenn Prozessvoraussetzungen definitiv fehlen. Das Strafverfahren
gegen den Berufungskläger ist daher antragsgemäss einzustellen.
3.
Strittig ist
unter den Parteien einzig die Kosten- und Entschädigungsfolge der Einstellung. Ziff. 9
des Vergleichs 26. Mai 2023 lautet wie folgt (Akten S. 525):
«Der Beklagte hält die Klägerin für allfällige der Klägerin auferlegte
Kosten aus dem Kostenentscheid des Appellationsgerichts in diesem
Strafverfahren vollumfänglich schadlos. Den Parteien ist bewusst, dass der
Beklagte die entsprechenden Prozesskosten nicht auf einmal wird bezahlen können
und der Beklagte diese Kosten in Raten abzahlen wird. »
Der
Berufungskläger ist der Auffassung, «Sinn und Geist des gemeinsamen Vergleichs
vom 26. Mai 2023 gebietet, dass jede Partei ihre eigenen
Anwaltskosten trägt» (Akten S. 533). Er scheint ausserdem davon auszugehen,
die Privatklägerin vertrete die Position, der Vergleich beinhalte, dass die
Berufungsklägerin die Anwaltskosten der Privatklägerin zu tragen habe:
«Folglich wurde keineswegs vereinbart, dass mein Klient automatisch die Anwaltskosten
der Privatklägerin trägt» (Akten S. 546). Klar ist, dass die
Privatklägerin der Ansicht ist, es sei nicht vereinbart, dass jede Partei ihre
eigenen Anwaltskosten zu tragen habe: «Ziff. 9 des Vergleichs
vom 26. Mai 2023 gebietet entgegen der Darstellung der
Gegenseite nicht, dass jede Partei ihre Parteikosten selbst trägt. Wäre dem so,
hätte eine Präzisierung im Vergleich, wonach dem Beschuldigten die ratenweise
Zahlung der verlegten Parteikosten ermöglicht werden soll, wenig Sinn gemacht»
(Akten S. 537). Dass darüber hinaus vereinbart sei, der Berufungskläger
habe die Anwaltskosten der Privatklägerin zu tragen, macht sie hingegen nicht
ausdrücklich geltend. Vielmehr können ihre Äusserungen auch so verstanden
werden, dass sie der Meinung ist, über die Verteilung der Anwaltskosten sei
keine Vereinbarung getroffen worden.
Ob der Vergleich
eine Regelung betreffend Tragung der Anwaltskosten enthält, kann im
vorliegenden Verfahren offenbleiben. Ziff. 9 des Vergleichs spricht davon,
dass der der Berufungskläger die Privatklägerin «schadlos» zu halten habe für
«auferlegte Kosten aus dem Kostenentscheid des Appellationsgerichts». Dies
impliziert, dass der Vergleich erst Wirkung entfaltet, nachdem die Kosten durch
das Appellationsgericht verlegt wurden. Weil bei dieser Auslegung der Klausel
die Interessen des Staates durch den Vergleich nicht tangiert werden, muss
dieser im Übrigen auch nicht durch das Appellationsgericht im Sinne von
Art. 427 Abs. 4 StPO genehmigt werden (vgl. Griesser, in: Donatsch et al. [Hrsg.],
Schulthess Kommentar StPO, 3. Auflage, Zürich 2020, Art. 42 StPO
N 13). Zusammenfassend ist der Vergleich so zu verstehen, dass die Kosten durch
das Appellationsgericht so zu verlegen sind, wie es dies ohne die Existenz des Vergleichs
tun würde.
4.
4.1
4.1.1
Der
Beschuldigte hat die erstinstanzlichen Verfahrenskosten gestützt auf Art. 426
Abs. 1 StPO grundsätzlich nur zu tragen, wenn und soweit er verurteilt wird.
Die Verlegung der Kosten erfolgt hier nach dem Verursacherprinzip (BGer
6B_415/2021 vom 11. Oktober 2021 E. 7.3; BGE 138 IV 248 E. 4.4.1 mit Hinweisen).
Im Falle einer Verfahrenseinstellung können ihm indessen nach Art. 426
Abs. 2 StPO die Verfahrenskosten auferlegt werden, wenn er
rechtswidrig und schuldhaft die Einleitung des Verfahrens bewirkt oder dessen
Durchführung erschwert hat. Das Verhalten einer
Partei ist dann als widerrechtlich zu qualifizieren, wenn es klar gegen Normen
der Rechtsordnung verstösst, die den Berufungskläger direkt oder indirekt zu
einem bestimmten Tun oder Unterlassen verpflichten; die Praxis spricht von
zivilrechtlich qualifiziert vorwerfbarem Verhalten (zum Ganzen:
BGE 147 IV 47 E. 4.1, 144 IV 202 E. 2.2,
116.
Ia 162 E. 2a, 2c und 2d/bb; BGer 6B_1200/2017 vom
4.
Juni 2018 E. 4.4; 6B_13414/2016 vom
10.
Oktober 2018 E. 9.2 [nicht publ. in
BGE 145 IV 114]). Bei der
Kostenüberbindung bei Verfahrenseinstellung handelt es sich nicht um eine
Haftung für strafrechtliches Verschulden, sondern um eine zivilrechtlichen
Grundsätzen angenäherte Haftung, die in der Regel auf Art. 41 Abs. 1 OR
gestützt wird. Eine solche Kostenauflage kann sich auf eine Persönlichkeitsverletzung
im Sinne von Art. 28 ZGB stützen (vgl. BGer 6B_552/2017 vom
18.
Januar 2018 E. 1.2). Als Haftung für
fehlerhaftes Verhalten, durch das die Einleitung oder Erschwerung eines Strafverfahrens
verursacht wurde, stellt die Kostenüberbindung letztlich eine Haftung
prozessualer Natur für die Mehrbeanspruchung der Untersuchungsbehörden und die
dadurch entstandenen Kosten dar. Das Verletzen bloss moralischer oder ethischer
Pflichten genügt für die Auferlegung der Verfahrenskosten nicht und es wäre
verfassungswidrig, einem Berufungskläger wegen eines allein unter ethischen
Gesichtspunkten vorwerfbaren Verhaltens Kosten zu überbinden (BGE 144 IV 202
E. 2.2, 116 Ia 162 E. 2c; BGer 6B_503/2022 vom 17. April 2023 E. 2.1,
6B_1119/2021 vom 6. Oktober 2022 E. 2.3.2, 6B_665/2020 vom 22. September 2021
E. 2.2.1). Zwischen dem zivilrechtlich vorwerfbaren Verhalten und den
Verfahrenskosten muss sodann ein adäquater Kausalzusammenhang bestehen (BGE 144 IV 202 E. 2.2; BGer 6B_503/2022 vom 17. April 2023 E. 2.1, 6B_1119/2021
vom 6. Oktober 2022 E. 2.3.2, m. Hinw.) Art. 426 Abs. 2 StPO ist als
Kann-Vorschrift ausgestaltet, sodass dem Sachgericht ein Ermessen zusteht (BGer
6B_503/2022 vom 17. April 2023 E. 2.1, 6B_1119/2021 vom 6. Oktober 2022 E.
2.3.3, 6B_925/2018 vom 7. März 2019 E. 1.3). In tatsächlicher Hinsicht
darf sich die Kostenauflage ausserdem nur auf unbestrittene oder bereits klar
nachgewiesene Umstände stützen (AGE BES.2017.8 vom 5. September 2017, E. 4.1;
BGE 120 Ia 147 E. 3b, 119 Ia 332 E. 1b, 116 Ia 162 E. 2c-e; BGer
6B_1273/2016 vom 6. September 2017 E. 1.4, 6B_1172/2016 vom 29. August 2017 E.
1.3, je mit Hinweisen).
4.1.2
Die
Staatsanwaltschaft begründet ihren Antrag auf Kostenauflage gestützt
auf
Art. 426 Abs. 2 StPO einzig mit denjenigen
Ehrverletzungsdelikten, welche Gegenstand des Strafantrags waren und dem Berufungskläger
in der Anklage zum Vorwurf gemacht wurden. Der Berufungskläger bestreitet
indessen die Tatbegehung und hat den erstinstanzlichen Schuldspruch wegen
mehrfacher Beschimpfung nicht anerkannt.
In tatsächlicher Hinsicht ist
von ihm jedoch anerkannt, dass er während der Schlichtungsverhandlung, die am
15.
Februar 2021 vor dem Zivilgericht Basel-Stadt stattfand,
«Schlampe» auf Tamilisch gesagt hat. Er macht allerdings geltend, diese
Äusserung sei nicht an die Privatklägerin gerichtet gewesen (Akten S. 106).
Bei der Berücksichtigung ausschliesslich vom Berufungskläger anerkannter
Tatsachen kann ihm immerhin der Vorwurf gemacht werden, er habe damit rechnen
müssen, dass der Eindruck entstehe, er meine damit die Privatklägerin. Das
Verhalten des Berufungsklägers ist vor diesem Hintergrund zumindest als
leichtfertig zu bezeichnen und nach moralischen und ethischen Grundsätzen zu
missbilligen. Dies genügt gemäss dem aktuellen Stand der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung jedoch nicht für die Annahme eines prozessualen Verschuldens (Griesser, a.a.O, Art. 426 N 10 mit
Hinweis auf BGE 144 IV 212 E. 2.2 und BGer, 6B_1247/2015 vom 15. April 2016 E.
1.3). Für das Vorliegen einer Persönlichkeitsverletzung im Sinne von
Art. 28 ZGB fehlt es schon an der Voraussetzung, dass sie sich gegen
eine bestimmte oder bestimmbare Person richtet, da der Berufungskläger dies,
wie oben erwähnt, gerade bestreitet (vgl. Meili,
in: Basler Kommentar, 7. Auflage 2022, Art. 28 ZGB N 39). Die
Verfahrenskosten dürfen dem Berufungskläger deshalb im vorliegenden Fall nicht
auferlegt werden.
4.2
4.2.1
Sind
die ordentlichen Kosten für das erstinstanzliche Verfahren nicht vom Berufungskläger
zu tragen, gehen diese zu Lasten des Staates, soweit das Gesetz keine
abweichenden Bestimmungen enthält (Art. 423 Abs. 1 StPO). Ausnahmsweise können
die Verfahrenskosten der Privatklägerschaft
(Art. 427 Abs. 1 StPO) auferlegt werden. Da es sich dabei
um eine Regelung dispositiver Natur handelt und sich das Gesetz über die
Kriterien, welche eine Überwälzung der Kosten nach sich ziehen, ausschweigt,
hat das Gericht nach Recht und Billigkeit zu entscheiden; dabei steht ihm ein
erhebliches Ermessen zu (Schmid/Jositsch,
StPO Praxiskommentar, 3. Auflage 2018, Art. 427 N 7; Griesser, a.a.O., Art. 427
N 10; Domeisen in: Basler
Kommentar StPO, 3. Auflage 2023, Art. 427 N 12).
Die ordentlichen
Kosten stehen in keinem Zusammenhang mit etwaigen Zivilforderungen der
Privatklägerin, was gegen eine Auferlegung der Verfahrenskosten in Anwendung
von Art. 427 Abs. 1 StPO spricht. Die Auferlegung der Verfahrenskosten
gestützt auf Art. 427 Abs. 2 StPO wäre sodann nur
gerechtfertigt, wenn die Privatklägerin mutwillig oder grobfahrlässig die
Einleitung des Verfahrens bewirkt oder dessen Durchführung erschwert hätte, was
vorliegend nicht der Fall ist.
Weiter trägt
gemäss Art. 427 Abs. 3 StPO in der Regel der Bund oder der Kanton die
Verfahrenskosten, wenn die antragstellende Person im Rahmen eines durch die
Staatsanwaltschaft vermittelten Vergleichs den Strafantrag zurückzieht. Beim
selbständig zwischen den Parteien geschlossenen Vergleich existiert zwar keine
derartige Regelung. Allerdings besteht vorliegend die Besonderheit, dass der
Rückzug ebenfalls auf Vermittlung einer staatlichen Behörde, wenn auch im
zivilrechtlichen Kontext, geschlossen wurde, nämlich im Rahmen der
vergleichsweisen Erledigung eines Annäherungs- und Kontaktverbots.
4.2.2
Die
Auferlegung der Verfahrenskosten an die Privatklägerin erschiene deshalb
unbillig. Da weder der Berufungskläger noch die Privatklägerin für die
Gerichtskosten aufzukommen haben, sind die Kosten für das erstinstanzliche
Verfahren auf die Staatskasse zu nehmen.
4.3
4.3.1
Im
Rechtsmittelverfahren tragen die Parteien die Kosten gemäss Art. 428 Abs. 1
StPO nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens, wobei als unterliegend
auch die Partei gilt, auf deren Rechtsmittel nicht eingetreten wird oder die es
zurückzieht. Ob bzw. inwieweit eine Partei im Sinne dieser Bestimmung obsiegt
oder unterliegt, hängt davon ab, in welchem Ausmass ihre vor der zweiten
Instanz gestellten Anträge gutgeheissen werden (BGer 6B_415/2021 vom 11.
Oktober 2021 E. 7.3, 6B_460/2020 vom 10. März 2021 E. 10.3.1, 6B_701/2019 vom
17.
Dezember 2020 E. 2.3, je mit Hinweisen).
4.3.2
Für
den Berufungskläger resultiert aus dem Rückzug des Strafantrags seitens der
Privatklägerin eine Verfahrenseinstellung – er ist ein «unschuldiger Mann».
Dass durch den Wegfall des Strafantrags und damit des gesamten Strafverfahrens
zwangsläufig auch seine Berufung dahingefallen ist, kann selbstverständlich
nicht dazu führen, ihm nach Massgabe von Art. 428 StPO zweitinstanzliche
Verfahrenskosten aufzuerlegen. Für eine Auferlegung nach Massgabe von
Art. 426 Abs. 2 StPO fehlt, wie bereits erörtert, die Grundlage. Im
Übrigen verzichtet das Appellationsgericht bei einem verhältnismässig frühen
Wegfall des Berufungsverfahrens, bei welchem noch keine allzu hohen
Aufwendungen des Gerichts entstanden sind, praxisgemäss auf die Auferlegung von
Verfahrenskosten und schreibt das Verfahren kostenlos ab. Der vorliegende Fall
scheint vergleichbar, weshalb auch die zweitinstanzlichen Kosten auf die
Staatskasse zu nehmen sind.
5.
5.1
Das
Bundesgericht hält in ständiger Rechtsprechung fest, dass die
Entschädigungsfrage den gleichen Regeln wie der Kostenentscheid zu folgen hat
(vgl. Art. 429 Abs. 1 StPO, Art. 436 Abs. 2 StPO, Art. 436 Abs. 1 i.V. mit Art.
Dispositiv
430 Abs. 2 und 428 Abs. 2 StPO). Der Kostenentscheid präjudiziert demnach die
Entschädigungs- und Genugtuungsfolge sowohl im erstinstanzlichen als auch im
Rechtsmittelverfahren dahingehend, dass bei Auferlegung der Kosten keine
Entschädigung oder Genugtuung auszurichten ist, während bei Übernahme der
Kosten durch die Staatskasse der Beschuldigte Anspruch auf Entschädigung hat (BGE 147 IV 47 E. 4.1, 145 IV 268 E. 1.2, 144 IV 207 E. 1.8.2, 137 IV 352 E.
2.4.2).
5.2 Daraus folgt
zunächst, dass der Privatklägerin gegenüber dem Berufungskläger kein Anspruch
auf Parteientschädigung erwächst. Ein solcher würde entstehen, wenn der Berufungskläger
nach Art. 426 Abs. 2 StPO kostenpflichtig wäre, was gemäss vorstehenden
Erwägungen nicht der Fall ist (Art. 433 Abs. 1 lit. b StPO; BGE 147 IV 47
E. 4.1; 6B_1258/2018 vom 24. Januar 2019 E. 3.3).
5.3
5.3.1 Der
Berufungskläger, gegen den das Verfahren eingestellt wurde, hat gemäss Art 429 Abs. 1 lit. a StPO
Anspruch auf die Entschädigung seiner Aufwendungen für die angemessene Ausübung
seiner Verfahrensrechte und dies kraft Verweises in
Art. 436 Abs. 1 auch bezüglich des Rechtsmittelverfahrens.
Grundsätzlich ist die Parteientschädigung an den Freigesprochenen aus der
Gerichtskasse auszurichten (BGE 139 IV 45 E. 1.2, mit
Verweis auf die Materialien). Indessen kann die Strafbehörde gemäss
Art. 430 Abs. 1 lit. b StPO die Entschädigung
verweigern, wenn die Privatklägerschaft die beschuldigte Person zu entschädigen
hat. Art. 432 StPO sieht vor, dass die obsiegende Person gegenüber
der Privatklägerschaft Anspruch auf angemessene Entschädigung für die durch die
Anträge zum Zivilpunkt verursachten Aufwendungen hat. Nach oben Gesagtem (siehe
E. 4.2.1) entstand dem Rechtsvertreter des Berufungsklägers kein Aufwand,
der die Folge etwaiger Zivilforderungen darstellen würde und nach
Art. 432 Abs. 1 StPO durch die Privatklägerschaft zu
entschädigen wäre.
5.3.2 Daraus
folgt, dass einzig eine Entschädigung aus der Staatskasse in Betracht kommt. Bei
Art. 429 StPO steht der Schadenausgleich im haftpflichtrechtlichen Sinne im
Vordergrund. Sind die Voraussetzungen dieser Bestimmung erfüllt, hat der Staat
im Sinne einer Kausalhaftung den gesamten Schaden zu vergüten, welcher dem
Beschuldigten während des gesamten Verfahrens gemäss StPO entstand.
Erforderlich ist also nur, dass der Schaden durch ein Verhalten der
Strafbehörde im Sinne des Haftpflichtrechts verursacht wurde; ein Verschulden
der Strafbehörden ist hingegen nicht relevant (Schmid,
Praxiskommentar, Art. 429 StPO N. 6). Der Entschädigungsanspruch besteht unabhängig
von der Widerrechtlichkeit bzw. Rechtswidrigkeit der Verfahrenshandlungen (BStGer
SK.2017.35 vom 7. Mai 2018 E. 2.1; Wehrenberg/
Frank, in: Basler Kommentar, 3. Aufl. 2023, Art. 429 StPO N. 10).
5.3.3 Zu
den Aufwendungen im Sinne von Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO zählen in erster
Linie die Kosten der Wahlverteidigung, wenn der Beistand angesichts der
tatsächlichen oder rechtlichen Komplexität des Falls und wenn die Höhe des
geltend gemachten Aufwands gerechtfertigt war. Dabei kann sich der Beizug eines
Verteidigers als angemessen erweisen, auch wenn er nicht als geradezu geboten
erscheint (BGE 142 IV 45 E. 2.1, 138 IV 197 E. 2.3.3; BGer
6B_1472/2021 vom 30. Mai 2022 E. 3.4.1). Einem Beschuldigten wird in der
Regel der Beizug eines Anwalts zugebilligt, wenn dem Deliktsvorwurf eine
bestimmte Schwere zukommt. Deshalb wird bei Verbrechen und Vergehen nur in
Ausnahmefällen schon der Beizug eines Anwalts an sich als nicht angemessene
Ausübung der Verfahrensrechte bezeichnet werden können (BGE 138 IV 197 E.
2.3.5). Selbst bei eigentlichen Bagatelldelikten, auch blossen Übertretungen,
darf aber nicht generell davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte seine
Verteidigungskosten als Ausfluss einer Art von Sozialpflichtigkeit selbst zu
tragen hat. Beim Entscheid über die Angemessenheit des Beizugs eines
Verteidigers sind neben der Schwere des Tatvorwurfs und der tatsächlichen und
rechtlichen Komplexität des Falls insbesondere auch die Dauer des Verfahrens
und dessen Auswirkungen auf die persönlichen und beruflichen Verhältnisse des
Beschuldigten zu berücksichtigen (BGE 142 IV 45 E. 2.1, 138 IV 197 E. 2.3.5; BGer
6B_371/2021 vom 21. Februar 2022 E. 3.2; 6B_936/2019 vom 20. Mai 2020 E. 8.3.1,
6B_701/2018 vom 5. November 2018 E. 2).
5.3.4 Im
vorliegenden Verfahren wurde dem Berufungskläger vorgeworfen, eine Beschimpfung
begangen zu haben. Dabei handelt es sich um ein Vergehen und geht es um einen
Deliktsvorwurf, dem eine gewisse Schwere zukommt (vgl. Art. 177 StGB
i.V.m. Art. 10 Abs. 3 StGB). Der Beizug des Verteidigers
war gerechtfertigt und wäre damit grundsätzlich zu entschädigen. Nun hat aber
der Berufungskläger mit seiner Eingabe vom 8. Juni 2023 explizit darauf
«verzichtet, (…) Entschädigungsbegehren zu stellen». Wiederholt hat er dies in
seiner Stellungnahme vom 14. Juli 2023, in der er weiterhin lediglich
beantragt, dass jede Partei ihre eigenen Anwaltskosten zu tragen habe. Dabei
muss er sich behaften lassen, nachdem keine Kostentragungspflicht gegenüber der
Privatklägerin besteht (siehe oben E. 5.1; vgl. BGE 146 IV 332 E.
1.3).
6.
Zusammenfassend
werden somit weder der Privatklägerin noch dem Berufungskläger Verfahrenskosten
auferlegt – weder für das erst- noch für das zweitinstanzliche Verfahren – und
auch keinerlei Parteientschädigungen ausgerichtet.
Demgemäss erkennt das Appellationsgericht (Dreiergericht):
://: Das Verfahren gegen A____ wegen
mehrfacher Beschimpfung wird zufolge Rückzugs des Strafantrags eingestellt.
Die Kosten des Verfahrens gehen zu Lasten des Staates.
Der Antrag der Privatklägerin auf Zusprechung einer
Parteientschädigung wird abgewiesen.
Mitteilung an:
-
Berufungskläger
-
Privatklägerin
-
Staatsanwaltschaft Basel-Stadt
-
Strafgericht Basel-Stadt
-
VOSTRA-Koordinationsstelle
APPELLATIONSGERICHT
BASEL-STADT
Die Präsidentin Der
Gerichtsschreiber
lic. iur. Eva Christ MLaw
Martin Manyoki
Rechtsmittelbelehrung
Gegen diesen
Entscheid kann unter den Voraussetzungen von Art. 78 ff. des
Bundesgerichtsgesetzes (BGG) innert 30 Tagen seit schriftlicher Eröffnung Beschwerde
in Strafsachen erhoben werden. Die Beschwerdeschrift muss spätestens am
letzten Tag der Frist beim Bundesgericht (1000 Lausanne 14) eingereicht oder zu
dessen Handen der Schweizerischen Post oder einer diplomatischen oder
konsularischen Vertretung der Schweiz im Ausland übergeben werden (Art. 48 Abs.
1 BGG). Für die Anforderungen an den Inhalt der Beschwerdeschrift wird auf Art.
42 BGG verwiesen. Über die Zulässigkeit des Rechtsmittels entscheidet das
Bundesgericht.