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Entscheid

VD.2022.35

Einleitung eines Disziplinarverfahrens (BGer 2C_568/2022 vom 9. August 2022)

17. Juni 2022Deutsch8 min

1. Juni 2021 erstattete A____ aufsichtsrechtliche Anzeige gegen die Advokaten B____

Source bs.ch

Appellationsgericht

des Kantons Basel-Stadt

als Verwaltungsgericht

Dreiergericht

VD.2022.35

URTEIL

vom 17. Juni 2022

Mitwirkende

Dr. Stephan Wullschleger, lic. iur.

André Equey, Dr. Andreas Traub

und Gerichtsschreiber

Dr. Nicola Inglese

Beteiligte

A____ Rekurrent

[...]

gegen

Aufsichtskommission

über die Rekursgegnerin

Anwältinnen

und Anwälte

Bäumleingasse 1, 4051 Basel

Gegenstand

Rekurs gegen einen Entscheid

der Aufsichtskommission über die Anwältinnen und Anwälte vom 5. Oktober 2021

betreffend Einleitung eines

Disziplinarverfahrens

Sachverhalt

Sachverhalt

Mit Eingabe vom

1. Juni 2021 erstattete A____ aufsichtsrechtliche Anzeige gegen die Advokaten B____

und C____. Darin wirft er ihnen vor, im Jahr 2014 eine «grobe

Mandats-Veruntreuung» begangen zu haben. Die Aufsichtskommission über die

Anwältinnen und Anwälte (nachfolgend Aufsichtskommission) stellte in ihrem

Entscheid AK.2021.21 vom 5. Oktober 2021 fest, dass gegen die beanzeigten

Advokaten kein Disziplinarverfahren eigeleitet werde. Dieser Entscheid, der

keine Rechtsmittelbelehrung enthielt, wurde A____ am 2. Februar 2022 zugestellt.

Gegen den Entscheid AK.2021.21 erhob A____ (nachfolgend Rekurrent) mit

Schreiben vom 8. Februar 2022 Rekurs. Mit unaufgeforderten Eingaben vom 14.

März sowie 11. und 21. April 2022 reichte der Rekurrent noch weitere Unterlagen

ein. Der instruierende Appellationsgerichtspräsident hat darauf verzichtet,

eine Stellungnahme der Aufsichtskommission einzuholen. Der vorliegende

Entscheid ist auf dem Zirkulationsweg ergangen.

Erwägungen

Erwägungen

1.

1.1

Die

Entscheide der Aufsichtskommission sind gemäss § 21 Abs. 3 des

Advokaturgesetzes (SG 291.100) grundsätzlich mit Rekurs an das

Verwaltungsgericht anfechtbar. Für die Beurteilung des Rekurses ist das

Dreiergericht zuständig (§ 92 Abs. 1 Ziff. 11 des Gerichtsorganisationsgesetzes

[GOG, SG 154.100]).

1.2

1.2.1

Gemäss

§ 13 Abs. 1 des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsrechtspflege

(VRPG, SG 270.100) ist zum Rekurs an das Verwaltungsgericht berechtigt, wer

durch die angefochtene Verfügung berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse

an deren Aufhebung oder Änderung hat. Das Interesse kann rechtlicher oder

tatsächlicher Natur sein (Wullschleger/Schröder,

Praktische Fragen des Verwaltungsprozesses im Kanton Basel-Stadt, in: BJM 2005,

S. 277 ff., 291). Die kantonalrechtlich geregelten Legitimationsvoraussetzungen

von § 13 Abs. 1 VRPG entsprechen diesbezüglich jenen von Art. 48 Abs. 1 des

Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) und Art. 103

lit. a des bis am 31. Dezember 2006 geltenden Bundesgesetzes über die

Organisation der Bundesrechtspflege (OG, SR 173.110; vgl. dazu VGE VD.2015.198

vom 2. Mai 2016 E. 1.3.2 [zum VwVG], VGE 625/2002 vom 22. August 2002

E. 1b [zum VwVG und OG], VGE 712/2001 vom 11. April 2002 E. 4a [zum VwVG

und OG]; Stamm, Die

Verwaltungsgerichtsbarkeit, in: Buser [Hrsg.], Neues Handbuch des Staats- und

Verwaltungsrechts des Kantons Basel-Stadt, Basel 2008,

S. 477 ff., 497 [zum VwVG und OG]; Wullschleger/Schröder, a.a.O., S. 290 [zum VwVG und OG]).

Die Regelung von Art. 48 Abs. 1 VwVG entspricht überdies derjenigen

von Art. 89 Abs. 1 des Bundesgesetzes über das Bundesgericht (BGG, SR 173.110)

und ist in Anlehnung an diese auszulegen (BGE 142 II 451 E. 3.4.1 S. 457).

Danach liegt ein schutzwürdiges Interesse vor, wenn die tatsächliche oder

rechtliche Situation des Beschwerdeführers durch den Ausgang des Verfahrens

beeinflusst werden kann (BGE 136 II 281 E. 2.2 S. 284). Die Erwägungen des

Bundesgerichts zu Art. 48 Abs. 1 VwVG, Art. 89 Abs. 1 BGG und Art. 103 lit. a OG

können auf § 13 Abs. 1 VRPG übertragen werden (vgl. VGE VD.2015.198 vom

2.

Mai 2016 E. 1.3.2 [zum VwVG]; VGE 625/2002 vom 22. August 2002 E.

1b [zum VwVG und OG], 712/2001 vom 11. April 2002 E. 4a [zum VwVG und OG]; vgl.

zum Ganzen VGE VD.2018.32 vom 26. Juni 2018 E. 2.3, VD.2017.104 und VD.2017.103

vom 11. September 2017 E. 2.1).

1.2.2

Das

anwaltsrechtliche Disziplinarverfahren dient dem allgemeinen öffentlichen

Interesse an der korrekten Berufsausübung durch die Rechtsanwälte und nicht der

Wahrung individueller privater Anliegen (BGE 132 II 250 E. 4.4 S. 255; BGer

2C_122/2009 vom 22. September 2009 E. 3; vgl. BGE 138 II 162 E. 2.1.2 S. 164

f., 135 II 145 E. 6.1 S. 151; VGE 765/2008 vom 7. Mai 2009 E. 2.3, VGE 612/2008

vom 7. Dezember 2008 E. 3.2). Aus diesem Grund hat der Anzeigesteller kein

eigenes schutzwürdiges Interesse daran, dass die Aufsichtsbehörde gegen einen

beschuldigten Rechtsanwalt ein Disziplinarverfahren eröffnet oder eine

Disziplinarsanktion ausfällt (vgl. BGE 138 II 162 E. 2.1.2 S. 164 f., 135 II

145.

E. 6.1 S. 151, 132 II 250 E. 4.2 S. 254 und E. 4.4 S. 255; Fellmann, Anwaltsrecht, 2. Auflage, Bern

2017, N 709). Dies gilt auch dann, wenn es sich beim Anzeigesteller um den

Klienten des Anwalts handelt (vgl. BGE 142 II 451 E. 3.4.3 S. 458; Fellmann, a.a.O., N 709; Poledna, in: Fellmann et al. [Hrsg.],

Kommentar zum Anwaltsgesetz, 2. Auflage, Zürich 2011, Art. 17 N 11). Auch

Kunden von Anwälten sind in aufsichtsrechtlichen Verfahren nur Anzeiger ohne

Parteistellung. Denn auch ihnen fehlt ein schützenswertes Interesse, da ihre

tatsächliche oder rechtliche Situation durch den Ausgang des Verfahrens nicht

beeinflusst werden kann. Um ihre behaupteten Ansprüche gegenüber ihrem Anwalt

durchzusetzen, stehen ihnen vielmehr zivilrechtliche Möglichkeiten zur

Verfügung (BGE 142 II 451 E. 3.4.3 S. 458, mit Hinweisen). Da es sich bei der

Anzeige an die Aufsichtskommission um einen formlosen Rechtsbehelf handelt, der

dem Anzeigesteller keinen Erledigungsanspruch vermittelt (VGE 765/2008 vom 7.

Mai 2009 E. 1.1 und 3.2), hat er umso weniger Anspruch darauf, einen

ergangenen Entscheid an das Verwaltungsgericht weiterziehen zu können. Mangels

eines eigenen schutzwürdigen Interesses spricht das Bundesgericht in konstanter

Praxis einem Anzeigesteller die Legitimation gemäss Art. 89

Abs. 1 BGG bzw. Art. 103 lit. a OG ab, um einen Entscheid über die

Nichteröffnung oder Einstellung eines anwaltsrechtlichen Disziplinarverfahrens

mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten bzw. vormals mit Verwaltungsgerichtsbeschwerde

beim Bundesgericht anzufechten (BGer 2C_122/2009 vom 22. September

2009.

E. 3; BGE 132 II 250 E. 4.4 S. 255; vgl. Fellmann, a.a.O., N 709; Poledna,

a.a.O., Art. 17 N 11). Wie dargelegt ist die Legitimation in § 13 Abs. 1 VRPG gleich geregelt wie in Art. 48 Abs. 1 VwVG, Art. 89 Abs. 1 BGG und

Art. 103 lit. a OG und die diesbezügliche bundesgerichtliche Rechtsprechung

auch bei der Auslegung von § 13 Abs. 1 VRPG zu beachten, weshalb das Gleiche

auch für die Legitimation nach dieser Bestimmung gelten muss (vgl. VGE

VD.2018.32 vom 26. Juni 2018 E. 2.2, VD.2017.104 und VD.2017.103 vom 11.

September 2017 E. 2.1, 765/2008 vom 7. Mai 2009 E. 1.1 und 2.3; AKE

3006/2007 vom 28. Oktober 2008 E. 3; vgl. zum notariatsrechtlichen

Aufsichtsverfahren VGE VD.2009.668 vom 5. Januar 2010 E. 2.2). Da der

Dispositiv

Rekurrent demnach nicht zur Anfechtung des Entscheids der Aufsichtskommission

befugt ist, hat er auch zu Recht keine Rechtsmittelbelehrung erhalten und es kann

auf den vorliegenden Rekurs nicht eingetreten werden.

1.2.3 Der

Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass sich ein schutzwürdiges

Interesse des Rekurrenten auch nicht aus Art. 29 Abs. 1 oder Art. 30

Abs. 1 Bundesverfassung (BV, SR 101) ableiten lässt. Auf diese

Verfahrensgrundrechte können sich abgesehen von vorliegend nicht einschlägigen

Ausnahmen nur Personen berufen, die nach Massgabe der anwendbaren

Verfahrensordnung im konkreten Verfahren Parteistellung haben (VGE VD.2018.32

vom 26. Juni 2018 E. 2.5, mit Hinweisen). Dem Rekurrenten als Anzeigesteller

kommt im aufsichtsrechtlichen Verfahren aber keine Parteistellung zu (BGE 142 II 451 E. 3.4.3 S. 458; VGE VD.2017.104 vom 11. September 2017 E. 2.2,

VD.2017.103 vom 11. September 2017 E. 2.2; vgl. oben E. 2.4), weshalb er

sich zur Begründung eines schutzwürdigen Interesses nicht auf Art. 29 Abs. 1

oder Art. 30 Abs. 1 BV stützen kann (vgl. zum Ganzen VGE VD.2018.32 vom

26. Juni 2018 E. 2.5).

2.

Bei diesem

Ausgang des Verfahrens hat der Rekurrent gemäss § 30 Abs. 1 VRPG dessen Kosten

zu tragen. Bei der Festlegung der Gebühr ist zu berücksichtigen, dass es sich

vorliegend um einen Nichteintretensentscheid handelt. Diese wird vorliegend

gemäss § 23 Abs. 2 des Gerichtsgebührenreglements (GGR, SG 154.810) auf CHF

600.– (einschliesslich Auslagen) festgesetzt und mit dem Kostenvorschuss

verrechnet.

Demgemäss

erkennt das Verwaltungsgericht (Dreiergericht):

://: Auf den Rekurs wird nicht eingetreten.

Der Rekurrent trägt die Gerichtskosten des verwaltungsgerichtlichen

Rekursverfahrens mit einer Gebühr von CHF 600.–, einschliesslich Auslagen.

Mitteilung an:

-

Rekurrent

-

Aufsichtskommission über die Anwältinnen und Anwälte

-

Advokat [...]

-

Advokat [...]

APPELLATIONSGERICHT BASEL-STADT

Der Gerichtsschreiber

Dr. Nicola Inglese

Rechtsmittelbelehrung

Gegen diesen

Entscheid kann unter den Voraussetzungen von Art. 82 ff. des Bundesgerichtsgesetzes

(BGG) innert 30 Tagen seit schriftlicher Eröffnung Beschwerde in

öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten erhoben werden. Die

Beschwerdeschrift ist fristgerecht dem Bundesgericht (1000 Lausanne 14)

einzureichen. Für die Anforderungen an deren Inhalt wird auf Art. 42 BGG

verwiesen. Über die Zulässigkeit des Rechtsmittels entscheidet das

Bundesgericht.

Ob an Stelle der Beschwerde in öffentlich-rechtlichen

Angelegenheiten ein anderes Rechtsmittel in Frage kommt (z.B. die subsidiäre

Verfassungsbeschwerde an das Bundesgericht gemäss Art. 113 BGG), ergibt sich

aus den anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen. Wird sowohl Beschwerde in

öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten als auch Verfassungsbeschwerde erhoben,

sind beide Rechtsmittel in der gleichen Rechtsschrift einzureichen.