2023.RRGR.81
I 054-2023 Lerch (Langenthal, SVP) Jagdsystem des Kantons Bern: Belassen oder aufgrund veränderter Rahmenbedingungen anpassen? Antwort des Regierungsrates
6. September 2023Deutsch9 min
Source be.ch
I 054-2023 Lerch (Langenthal, SVP) Jagdsystem des Kantons Bern: Belassen oder aufgrund veränderter Rahmenbedingungen anpassen? Antwort des Regierungsrates
I
Parlamentarischer Vorstoss Antwort des Regierungsrates
Vorstoss-Nr.: 054-2023 Vorstossart: Interpellation Richtlinienmotion: ☐ Geschäftsnummer: 2023.RRGR.81
Eingereicht am: 14.03.2023
Fraktionsvorstoss: Nein Kommissionsvorstoss: Nein Eingereicht von: Lerch (Langenthal, SVP) (Sprecher/in) Schär (Schönried, FDP) Kohli (Wabern, Die Mitte) Cattaruzza (Nidau, GLP) Fisli (Meikirch, SP) Schüpbach (Huttwil, SVP) Martin (Ligerz, EDU) Steiner (Boll, EVP) Leuenberger (Bannwil, SVP) Bösiger (Niederbipp, SVP) Weitere Unterschriften: 0
Dringlichkeit verlangt: Nein Dringlichkeit gewährt:
RRB-Nr.: 989/2023 vom 06. September 2023 Direktion: Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektion Klassifizierung: Nicht klassifiziert
Jagdsystem des Kantons Bern: Belassen oder aufgrund veränderter Rahmenbedingun- gen anpassen?
In den letzten Jahren haben sich die Rahmenbedingungen für die Jagd verändert: Entwicklun- gen in den Bereichen Fauna, Klimawandel, veränderte Bedürfnisse der Gesellschaft, Zeitgeist, Präferenzen der Jägerschaft, Akzeptanz des «Jagdtourismus», Finanzdruck, Waldfunktionen usw. Die Hirsch- und Wildschweinbestände haben zugenommen, Luchs und Wolf haben im Bernbiet Fuss gefasst, und die Biber weiten ihr Habitat stetig aus. Aufgrund dieser Veränderungen stellt sich die Frage, ob die im Kanton Bern praktizierte Pa- tentjagd noch das richtige Jagdsystem ist oder ob die Revierjagd das geeignetere Modell sein könnte, um den veränderten Rahmenbedingungen gerecht zu werden. Die in der Schweiz vor- herrschenden Jagdsysteme (Patent- und Revierjagd) haben sich beide – je mit Vor- und Nach- teilen – bewährt. In den Gebirgskantonen ist eher die Patentjagd vorherrschend und in den fla- cheren Kantonen der Nord- und Ostschweiz die Revierjagd. Bei der Revierjagd können die Kantone tendenziell mehr Hege- und Pflegeaufgaben und Ver- antwortung an die Jägerschaft übertragen, wodurch Personal eingespart und Kosten gesenkt werden. Es besteht eine langjährige Verantwortung der Jäger für ihr Revier. Die Jagd bildet da- bei ein Element eines umfassenden Hege- und Pflegeauftrags. Dadurch wird die Jagd in der Öf- fentlichkeit besser erklär- und nachvollziehbar, was der gesellschaftlichen Akzeptanz förderlich ist. Wegen den veränderten Rahmenbedingungen und aufgrund der knappen Staatsfinanzen ist
eine aktuelle Lagebeurteilung nötig.
Der Regierungsrat wird um Beantwortung folgender Fragen gebeten:
Erwägungen
1. Wie hat sich die Patentjagd in den letzten Jahren aus Sicht der Regierung und der Jäger- schaft bewährt? Wie wirken sich die veränderten Rahmenbedingungen, vor allem bei Fauna und Klima, aus?
2. Welche Vor- und Nachteile sehen der Kanton und die Jägerschaft bei der Beibehaltung der Patentjagd? Gibt es Einsparpotential bei einem Wechsel des Jagdsystems zur Revierjagd? Wenn ja, wie hoch wird dieses eingeschätzt?
3. Erachtet der Regierungsrat ein «Splitting-Modell» als möglich und zielführend (z. B. Pa- tentjagd im Oberland und im Berner Jura und Revierjagd in den übrigen Gebieten)?
4. Wie haben sich die Kosten (inkl. Verwaltung) und Erlöse der Jagd in den letzten 10 Jahren entwickelt?
5. Könnte die Akzeptanz der Jagd in der Öffentlichkeit durch den ökologisch erwünschten, re- duzierten «Jagdtourismus» und den Wechsel zur Revierjagd (ganz oder partiell) erhöht werden?
Antwort des Regierungsrates
In der Schweiz gibt es zwei Systeme, die Patent- und die Revierjagd. Während bei der Revier- jagd ein bestimmtes Jagdgebiet an einen geschlossenen Kreis von Jagenden verpachtet wird, können im Patentsystem alle Inhaberinnen und Inhaber einer entsprechenden Bewilligung die Jagd auf der ganzen Fläche des Kantons ausüben. Im Reviersystem nehmen die Jagenden Aufgaben wie Wildschadenberatung oder Fallwildbeseitigung selber war, während diese im Pa- tentsystem einer professionellen Wildhut obliegen. So zeichnen sich Revierkantone oft durch eine schlankere und kostengünstigere Jagdverwaltung aus, die aber im Gegenzug deutlich we- niger Leistungen zugunsten der Land- und Forstwirtschaft sowie der Bevölkerung erbringt. Je- der Kanton ist bei der Wahl des für ihn passenden Systems frei. Revierkantone finden sich in erster Linie im Mittelland, wogegen die Gebirgskantone überwiegend das Patentsystem anwen- den.
Beide Systeme haben Vor- und Nachteile und kein System ist a priori geeignet, alle von den In- terpellanten erwähnten Herausforderungen zu meistern. Revierkantone kennen beispielsweise genauso das Problem lokal zu hoher Wildbestände und oftmals können schwierig zu bejagende Flächen schlecht verpachtet werden. Dort werden in der Regel keine Leistungen an die Bevöl- kerung erbracht oder diese müssten teuer eingekauft werden. Zudem stellen neue und sehr mo- bile Wildarten, wie das Rotwild, kleinräumige Revierkantone oftmals vor grössere Probleme als Patentkantone, in denen die Jägerschaft sich innerhalb des Kantonsgebiets zur Ausübung der Jagd frei bewegen kann. Besonders im Gebirge würde sich das stark auswirken und deshalb überwiegen dort die Vorteile des Patentsystems klar. Aus diesem Grund haben praktisch alle Gebirgskantone dieses Jagdsystem. Einzige Ausnahme ist der Kanton St. Gallen, der aber zur Kompensation der Nachteile eine professionelle Wildhut unterhält. Er ist von der Grösse und den Kosten der Jagdverwaltung dem eines Patentsystems sehr ähnlich.
Im Rahmen der Totalrevision des Bernisches Jagdgesetzes 2001 wurde die Frage einer Um- stellung von der Patent- zur Revierjagd intensiv diskutiert. Im damals verfassten Bericht zuhan- den der Grossratskommission zur Beratung des Kantonalen Jagdgesetzes liessen die erhobe- nen Kennzahlen den Schluss zu, dass eine Systemumstellung im Kanton Bern einerseits sehr teuer wäre und andererseits keine Garantie biete, dass die Jagd ihre Aufgaben weiterhin erfül- len könnte. Zudem ergab die Abwägung der Vor- und Nachteile (vgl. insbesondere auch die
Antworten auf die Fragen 1 bis 4, hiernach) ein klares Bild, das gegen einen Systemwechsel sprach. Die Idee wurde schliesslich verworfen.
Frage 1: Wie hat sich die Patentjagd in den letzten Jahren aus Sicht der Regierung und der Jä- gerschaft bewährt? Wie wirken sich die veränderten Rahmenbedingungen, vor allem bei Fauna und Klima, aus?
Die Patentjagd hat sich in der Vergangenheit für den Kanton Bern sehr bewährt. Sie hat mass- geblich zur hohen Attraktivität der Berner Jagd beigetragen. Des Weiteren bietet die Patentjagd für den Kanton gute Steuerungs- und Lenkungsmöglichkeiten, so dass die erwähnten Heraus- forderungen – soweit diese das jagdbare Wild betreffen – bisher gut gemeistert werden können. Die freiheitliche Jagd im Kanton Bern wird von der Jägerschaft sehr geschätzt, und ein System- wechsel wird vom Berner Jägerverband abgelehnt, was auch in dessen Statuten verankert ist.
Dank dem flexiblen System der Patentjagd sind Anpassungen rasch und einfach möglich. Sie wirken direkt auf die Jagenden und nicht erst auf Revierorganisationen. So konnten bisher auf alle Veränderungen adäquate Antworten gefunden werden, und das System passt sich laufend an neue Herausforderungen an.
Frage 2: Welche Vor- und Nachteile sehen der Kanton und die Jägerschaft bei der Beibehal- tung der Patentjagd? Gibt es Einsparpotential bei einem Wechsel des Jagdsystems zur Revier- jagd? Wenn ja, wie hoch wird dieses eingeschätzt?
Im oben erwähnten Bericht wurde 2001 das Kantonsgebiet modellweise in gut 500 Reviere auf- geteilt. Dabei dienten die Kennzahlen der Kantone Solothurn, Luzern, Zürich, Aargau und St. Gallen als Vergleichsgrössen. Das Modell ging davon aus, dass die Jagdverwaltung drastisch reduziert würde und ihre zahlreichen Aufgaben soweit möglich an die Jägerschaft delegiert wür- den. In diesem Fall wurde das Einsparpotential mit gut einer Million Franken pro Jahr veran- schlagt. Allerdings war es laut Bericht fraglich, ob die im Verhältnis zur Kantonsfläche geringe Anzahl Jagende die neuen Aufgaben wahrnehmen könnten. Im Bericht ging man deshalb davon aus, dass ein Teil der Aufgaben an andere Behörden delegiert werden müsste (z. B. Aufsicht Naturschutz, Beratung Landwirtschaft, Management der geschützten Tiere usw.). Insgesamt kam der Bericht darum zum Schluss, dass das Einsparpotential unter dem Strich geringer sei. Demgegenüber stand ein (einmaliger) Umstellungsaufwand von etwas über 11 Millionen Fran- ken, so dass sich mögliche Einsparungen erst nach etwas 12 Jahren positiv auswirken würden. Auch wenn sich die Zahlen seit 2001 inflationsbedingt geändert haben, ist davon auszugehen, dass die Berechnungen und Kernaussagen des erwähnten Berichts heute noch zutreffend sind.
Frage 3: Erachtet der Regierungsrat ein «Splitting-Modell» als möglich und zielführend (z. B. Patentjagd im Oberland und im Berner Jura und Revierjagd in den übrigen Gebieten)?
Ein Splittingmodell mit Patent- und Revierjagd im gleichen Kanton ist bisher in der Schweiz un- bekannt und bei der Umsetzung würden sich zahlreiche rechtliche und vollzugstechnische Fra- gen stellen. Der Regierungsrat erachtet es deshalb als unklar, ob sich ein Splittingmodell in der Praxis überhaupt umsetzen liesse. Selbst wenn ein Parallelsystem realisiert werden könnte, so ist – auch ohne Vergleichswerte zu haben – davon auszugehen, dass die Verwaltung eines Splittingmodells einen deutlich grösseren Aufwand verursachen würde, da es zwischen beiden Systemen wenig Synergien gibt. Das Einsparpotenzial wäre somit nochmals deutlich geringer als bei einer Umstellung auf eine reine Revierjagd. Ein Patentsystem hat unabhängig von den Kosten auch in Landschaften wie dem Mittelland po- sitive Wirkungen. So sind beispielsweise Lenkungen dank der hohen Mobilität der Jagenden
viel besser möglich. Schliesslich ist davon auszugehen, dass gerade die Jägerschaft im Ober- land ein geteiltes System kaum mittragen würde, weil sie (Patent-)Jagdmöglichkeiten im Mittel- land und Jura verlieren und die zweifellos vorhandenen Vorteile der Revierjagd dennoch nicht hätten.
Frage 4: Wie haben sich die Kosten (inkl. Verwaltung) und Erlöse der Jagd in den letzten 10 Jahren entwickelt?
Die gesamten Kosten der Jagdverwaltung betrugen in den letzten Jahren netto zwischen 5,6 und 6,5 Millionen Franken pro Jahr, wovon die Regaleinnahmen zwischen 2,2 und 2,5 Millionen Franken pro Jahr lagen. Ein massgeblicher Teil der Kosten entsteht aber nicht nur bei der Jagd(-verwaltung) im engeren Sinne, sondern beispielsweise auch bei der Erfüllung anderer Aufgaben (z. B. Beratung der Landwirtschaft, Unterstützung der Bevölkerung beim Umgang mit Wildtieren, Aufsicht in Schutzgebieten, Umgang mit geschützten Tieren, Wildtierschutz). Ei n massgebender Teil dieser Kosten würde auch nach der Umstellung auf ein Reviersystem ent- stehen, oder Leistungen zugunsten der Bevölkerung würden nicht mehr erbracht.
Frage 5: Könnte die Akzeptanz der Jagd in der Öffentlichkeit durch den ökologisch erwünsch- ten, reduzierten «Jagdtourismus» und den Wechsel zur Revierjagd (ganz oder partiell) erhöht werden?
Eine von Jagd Schweiz durchgeführte Umfrage im Jahr 2023 ergab, dass die Jagd in der Schweizer Bevölkerung gut akzeptiert und stark verankert ist 1. Es ist davon auszugehen, dass dies auch für den Kanton Bern gilt. Der Regierungsrat sieht keinen Grund, das Jagdsystem zur Steigerung der Akzeptanz zu ändern, zumal für den Kanton Bern die Vorteile der Patentjagd ge- genüber der Einführung einer Revierjagd ohnehin deutlich überwiegen.
Verteiler ‒ Grosser Rat
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