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Entscheid

2024.RRGR.95

I 073-2024 Walpoth (Bern, SP) Frauen ticken einfach anders! Antwort des Regierungsrates

19. Juni 2024Deutsch4 min

Source be.ch

I

Parlamentarischer Vorstoss Antwort des Regierungsrates

Vorstoss-Nr.: 073-2024 Vorstossart: Interpellation Richtlinienmotion: ☐ Geschäftsnummer: 2024.RRGR.95

Eingereicht am: 13.03.2024

Fraktionsvorstoss: Nein Kommissionsvorstoss: Nein Eingereicht von: Walpoth (Bern, SP) (Sprecher/in)

Weitere Unterschriften: 0

Dringlichkeit verlangt: Nein Dringlichkeit gewährt:

RRB-Nr.: 628/2024 vom 19. Juni 2024 Direktion: Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion Klassifizierung: Nicht klassifiziert

Frauen ticken einfach anders!

Ein chancengleiches Gesundheitssystem, das allen Bevölkerungsgruppen adäquate Leistungen bietet, ist ein wichtiges Thema. Frauen werden in der medizinischen Forschung, Prävention und Versorgung benachteiligt. Es besteht Handlungsbedarf im Bereich der geschlechtsspezifischen Medizin in Diagnose, Indikation, Therapie wie auch in der Prävention.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Frauen unter dem alltäglichen Sexismus in ihrem Leiden nicht immer ernst genommen werden. Infolgedessen erhalten sie teilweise nicht die adäquate Therapie. Zudem werden Forschungsprojekte und klinische Versuche allzu oft mehrheitlich bei Männern durchgeführt. Dies führt zu Empfehlungen, die den Bedürfnissen von Frauen nicht ent- sprechen, und zur Verschreibung von Medikamenten, die für bestimmte Frauen ungeeignet sind oder in der Dosierung nicht stimmen.

Die Symptome eines Herzinfarkts können bei Frau und Mann so verschieden sein, dass sie bei Frauen heute oft zu spät erkannt werden und diese darum bei einem Infarkt ein signifikant hö- heres Todesrisiko haben.

Auch in der Vorsorge ist den Unterschiedlichkeiten zwischen Frauen und Männern Rechnung zu tragen. Deshalb braucht es Kompetenzzentren.

Am Inselspital gibt es auf der Kardiologie seit 2015 die schweizweit erste Spezialsprechstunde für Frauen mit Herzkrankheiten. Diese Sprechstunde wurde aufgrund eines Bedarfs auf meine eigene Initiative hin initiiert. In den letzten zwei bis drei Jahren wurden auch in anderen Kanto- nen solche Sprechstunden geschaffen.

Aktuell entwickelt sich die Frau-Herz-Sprechstunde am Inselspital von Nachkontrollen der peri- menopausalen Frauen mit Risikofaktoren und Präeklampsie-Sprechstunden nun zu einem inter- disziplinären Frauenzentrum, wo Kardiologie, Frauenklinik und Endokrinologie zusammenarbei- ten. Der Bedarf ist sehr gross.

Der Regierungsrat wird um Beantwortung folgender Fragen gebeten:

Erwägungen

1. Welche Instrumente bräuchte der Regierungsrat, um die geschlechterspezifischen Sprech- stunden im Kanton zu unterstützen?

2. Wie könnte der Regierungsrat in Sachen Frauengesundheit im Rahmen der geschlechts- spezifischen Sprechstunden seinen Beitrag leisten?

3. Welche Mittel sind oder wären auf kantonaler Politikebene notwendig, um diese Spezial- sprechstunden weiterzuentwickeln?

4. Erachtet der Regierungsrat diese geschlechtsspezifischen Sprechstunden für nötig? Wird der Kanton diese Sprechstunden unterstützen?

5. Was hält der Regierungsrat von einer kantonalen Anlaufstelle für geschlechtsspezifische Krankheiten?

Antwort des Regierungsrates

Zu den Fragen 1 bis 5:

1. Welche Instrumente bräuchte der Regierungsrat, um die geschlechterspezifischen Sprech- stunden im Kanton zu unterstützen?

2. Wie könnte der Regierungsrat in Sachen Frauengesundheit im Rahmen der geschlechts- spezifischen Sprechstunden seinen Beitrag leisten?

3. Welche Mittel sind oder wären auf kantonaler Politikebene notwendig, um diese Spezial- sprechstunden weiterzuentwickeln?

4. Erachtet der Regierungsrat diese geschlechtsspezifischen Sprechstunden für nötig? Wird der Kanton diese Sprechstunden unterstützen?

5. Was hält der Regierungsrat von einer kantonalen Anlaufstelle für geschlechtsspezifische Krankheiten?

Obwohl der Regierungsrat die Notwendigkeit eines chancengleichen Gesundheitssystems unterstützt und durchaus einen Handlungsbedarf bezüglich der Geschlechterdifferenzen or- tet, (Stichwort: der Mann als Standard) sind die diesbezüglichen Massnahmen nicht auf Ebene Regierungsrat anzusiedeln.

Mögliche Massnahmen wären:  In der Forschung müsste ein stärkerer Fokus auf geschlechtsspezifische Unterschiede gerichtet werden.  Weiter wären Sensibilisierungs- und Informationsmassnahmen nötig, eine Anpassung des Curriculums und weitere Bildungsprogramme, die medizinisches Personal in ge- schlechtsspezifischer Medizin schulen.  Auch der Aufbau von neuen Leistungsangeboten und geschlechtsspezifischen Sprech- stunden müsste geprüft werden.

Diese Massnahmen liegen aber nicht in der primären Zuständigkeit des Regierungsrats, weshalb dieser höchstens Empfehlungen an die zuständigen Fachbereiche, Universitäten und Forschenden richten und unterstützende Rahmenbedingungen schaffen könnte. Viel- mehr sind Berufsorganisationen, Ausbildungs- und Forschungsinstitutionen sowie Leis- tungserbringer in der Pflicht, entsprechende Massnahmen zu evaluieren und umzusetzen.

Zudem gilt es zu beachten, dass der Regierungsrat - unter Berücksichtigung der Lehr- und Forschungsfreiheit - den Hochschulen periodisch Leistungsaufträge erteilt, mit denen er das Angebot bewusst nur in grundsätzlicher Art festlegt und dies durch einen jährlichen Kan- tonsbeitrag pauschal abgilt.

Weiter ist darauf hinzuweisen, dass eine immer weitergehende Spezialisierung der Leis- tungsangebote, wie dies auch bei geschlechtsspezifischen Angeboten der Fall ist, auch zu einer Verknappung der Ressourcen in der allgemeinen Grundversorgung beitragen könnte.

Eine kantonale Anlaufstelle für geschlechtsspezifische Krankheiten, verbunden mit dem Auf- bau von spezialisiertem Fachwissen in der Verwaltung, erachtet der Regierungsrat als nicht sachgerecht.

Verteiler ‒ Grosser Rat