90-357
Verwaltungsbehörden 07.06.1990 90.357
7. Juni 1990Deutsch12 min
Source admin.ch
Postulat Hafner Rudolf 912 N 7 juin 1990 #ST# 90.357 Postulat Hafner Rudolf Unterstützung der Neutralitätsvorschläge für die beiden deutschen Staaten Statut de neutralité pour les deux Allemagnes Wortlaut des Postulates vom 8. Februar 1990 Der Bundesrat wird ersucht, die Vorschläge, welche in bezug auf die Schaffung des Neutralitätsstatus für die beiden deutschen Staaten kürzlich gemacht wurden, möglichst rasch und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (Diplomatie usw.) zu unterstützen. Texte du postulat du 8 février 1990 Le Conseil fédéral est invité à soutenir le plus rapidement possible et par tous les moyens (diplomatiques notamment) les propositions faites récemment quant à la création d'un statut de neutralité pour les deux Allemagnes. Mitunterzeichner-Cosignataires: Dormann, Dünki, Euler, Gardiol, Leutenegger Oberholzer, Maeder, Meier-Glattfelden, Rebeaud, Schmid, Thür, Weder-Basel, Wiederkehr (12) Schriftliche Begründung - Développement par écrit Der Vorschlag des DDR-Regierungspräsidenten - unterstützt vom Präsidenten der UdSSR -, im Falle einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten den Neutralitätsstatus zu übernehmen, verdient die Unterstützung der Schweiz. Es kann damit ein positiver Beitrag zur internationalen Entspannung (eventuell auch zur Abrüstung) geleistet werden. Das Aktivwerden der Schweiz ist um so wichtiger, als wir über eine lange Erfahrung mit der Neutralität verfügen und gegenüber den ändern Staaten in dieser Angelegenheit glaubwürdig auftreten können. Schriftliche Stellungnahme des Bundesrates vom 16. Mai 1990 Rapport écrit du Conseil fédéral du 16 mai 1990 Die Schweiz hat immer die Auffassung vertreten, ihre Neutralität sei ihre eigene Angelegenheit. Sie hat sich selbst - unabhängig von äusseren Einflüssen -für die Neutralität entschieden. Darum erachtet der Bundesrat auch den künftigen Status eines vereinigten Deutschland als Angelegenheit der Deutschen, die sich bisher überwiegend für einen Verbleib in der Nato ausgesprochen haben. Es wäre in direktem Widerspruch zu ihrer traditionellen Haltung gegenüber dem Status der Neutralität, wenn sich die Schweiz für oder gegen die Neutralität des künftigen vereinigten Deutschland stark machte. Schriftliche Erklärung des Bundesrates Déclaration écrite du Conseil fédéral Der Bundesrat beantragt, das Postulat abzulehnen. Hafner Rudolf: Bei diesem Postulat ist die Antwort des Bundesrates doch recht interessant. Es steht da z. B. wortwörtlich: Der Bundesrat erachte «den künftigen Status eines vereinigten Deutschlands als Angelegenheit der Deutschen, die sich bisher überwiegend für einen Verbleib in der Nato ausgesprochen haben». Ich frage Sie, Herr Bundesrat Felber: Haben Sie eine Umfrage in der BRD und der DDR veranlasst, dass Sie so selbstsicher sagen können, dass die Deutschen sich gegen die Neutralität ausgesprochen haben? Also man kann sich fragen: Woher kommt diese Aussage? Soviel mir bekannt ist und ich habe die Medien aufmerksam verfolgt-, hat in keiner Art und Weise eine Volksbefragung in diesen beiden Ländern stattgefunden. Es ist mir auch nicht bekannt, dass sonst eine repräsentative Umfrage in diesen beiden deutschen Staaten stattgefunden hat. Ich frage mich, ob das nicht daher kommt, dass Sie mehr psychologisch den Eindruck haben, dass international ein solcher Neutralitätsstatus nicht sehr gefragt wäre. Immerhin muss man in dieser Sache bedenken, dass in der DDR die offiziellen Stellen diese Idee lanciert haben. Diese Idee wurde auch von der Sowjetunion unterstützt. Ich persönlich finde es schade, dass Sie das Ganze offenbar auf der Linie sehen: Man hat einfach einen Westblock, und man hat einen Ostblock. Jetzt wird die DDR gewissermassen von der BRD aufgenommen - einige sagen auch, es sei ein Anschluss -, und offenbar scheint es Ihnen eine Selbstverständlichkeit, dass die DDR jetzt auch in der Nato mitmachen müsse. Weiter ist in Ihrer Antwort interessant, dass Sie schreiben, es wäre im direkten Widerspruch zu ihrer traditionellen Haltung als neutrales Land, wenn sich die Schweiz für oder gegen die Neutralität des künftigen vereinigten Deutschland stark machte. Hier stellt sich auch die Frage: Was versteht man überhaupt unter Neutralität? Es ist doch auch bemerkenswert, wenn Sie sagen: Ein Neutralitätsstatus eines anderen Landes ist etwas, was die Schweiz nicht beschäftigen muss. Der Sachverhalt ist doch immerhin der-derAussenminister ist natürlich nicht verpflichtet, sich mit geschichtlichen Tatsachen zu befassen -, dass der Neutralitätsstatus der Schweiz schon seinerzeit, am Anfang des 19. Jahrhunderts beim Wiener Kongress, von den anderen Staaten unterstützt wurde und auch heute von den anderen Ländern ausdrücklich anerkannt wird. Ich habe von Ihnen nicht verlangt, dass Sie sich irgendwie in die innenpolitischen Angelegenheiten der BRD oder der DDR einschalten, in keiner Art und Weise. Der Vorschlag ist - im Sinne eines Postulates - sehr offen so formuliert, dass Sie gewissermassen ein Zeichen setzen könnten für den Fall, dass einer dieser deutschen Staaten oder beide sich bereit erklären würde bzw. würden, eine Neutralität ins Auge zu fassen. Das sollte von der Schweiz nicht abgelehnt werden; vielmehr sollten wir in dieser Hinsicht eine offene Haltung und auch ein gewisses Verständnis zeigen. Wenn wir hier wirklich international und weltpolitisch denken wollen, wäre es an der Zeit, vom reinen Blockdenken West und Ost, Nato und Warschauer Pakt wegzukommen und sich kreativ Gedanken zu machen, wie es weitergehen könnte. Es könnte durchaus ein positiver Aspekt einer aktiven Schweizer Aussenpolitik sein, in dieser Richtung etwas zu unternehmen. Die Probleme sind übrigens nicht vom Tisch. Sie wissen ja, dass über diese Fakten immer noch verhandelt wird. Es wäre nicht zu spät, hier etwas zu unternehmen. Ich bitte Sie, das Postulat zu überweisen; denn es ist ja nur ein Postulat mit dem Zweck, diese Angelegenheit zu prüfen. M. Felber, conseillerfédéral: Même s'il rie s'agit que d'un postulat, Monsieur Hafner, nous ne pouvons pas l'accepter. En réalité, je comprends tout à fait le sentiment personnel qui vous anime et qui demande si la Suisse ne peut pas soutenir une procédure de neutralité qui serait décidée par l'Allemagne. Nous ne pouvons évidemment pas l'imposer. Or, nous répondons d'une manière très claire, malgré tout, à vos préoccupations en ce sens que, lorsque vous signalez que les autorités de l'Allemagne démocratique de l'Est ont fait valoir la solution de la neutralisation de l'Allemagne unie. C'était avant les élections. Il s'agissait du premier ministre, M. Modrow et de ses ministres. Aujourd'hui, après les élections en Allemagne démocratique, vous le savez, le processus d'unification est en cours. Il ne sera pas arrêté et les nouvelles autorités de la République démocratique d'Allemagne ne se sont absolument pas prononcées en faveur d'une neutralité du futur Etat allemand unifié. Je puis vous le dire d'une manière d'autant plus claire que, contrairement à ce que vous pensez, je n'ai pas envoyé de circulaires aux Allemands mais j'ai rencontré, pas plus tard qu'avant-hier, le ministre est-allemand des affaires étrangères. Je lui ai demandé si cette position était abandonnée. Il m'a répondu très clairement par l'affirmative: elle ne fait plus partie de la vision gouvernementale. Si c'est seulement de la compréhension que vous nous demandez à travers l'engagement d'une telle procédure par l'Allemagne elle-même, il va de soi que nous ne resterions pas indifférents. Mais nous n'avons -- 1 of 3 -7. Juni 1990 913 Postulat Hafner Rudolf pas, comme vous le demandez, la possibilité d'intervenir, de soutenir, de faire des démarches. Dans le cadre de la réorganisation de la sécurité en Europe, il est évident que les pays d'Europe occidentale, membres du pacte de l'organisation du Traité de l'Atlantique Nord - OTAN/ NATO - n'acceptent pas et n'accepteront pas qu'un poids déjà actuellement aussi important que l'Allemagne unifiée quitte leur zone de sécurité, renonce à leurs engagements militaires, entraîne ces mêmes forces de l'OTAN à retirer leurs éventuelles bases et leurs troupes de l'Allemagne en discussion. C'est un élément qui a été clairement affirmé à plusieurs reprises. Cependant, je puis vous dire que ce problème de l'unification de l'Allemagne entraîne nécessairement une nouvelle discussion sur la politique de sécurité en Europe. Ce problème a été posé clairement mardi, à Copenhague, à la Conférence sur la sécurité et la coopération dans la Conférence sur la dimension humaine, par le ministre soviétique des affaires étrangères, par M. Genscher, ministre allemand des affaires étrangères, et a été repris par l'ensemble des ministres. Il y aura nécessairement, après la conclusion de la Conférence à six qui va régler le problème de l'unité allemande, l'obligation pour les Etats européens de redéfinir l'ensemble de la politique de sécurité en Europe. L'Union soviétique, elle-même, y tient naturellement parce qu'elle ne veut pas se trouver la seule ennemie potentielle d'une Europe qui serait fortifiée dans un seul club. Voilà les quelques éléments supplémentaires que je peux vous donner. Ils dépassent votre question mais ils y répondent partiellement. Ils m'engagent à vous demander de ne pas accepter ce postulat qui nous entraînerait malgré tout à engager des démarches dont nous avons déjà la certitude qu'elles ne seraient pas retenues. Abstimmung - Vote Für Ueberweisung des Postulâtes 17 Stimmen Dagegen 53 Stimmen #ST# 90.358 Postulat Hafner Rudolf Neutralität und 700-Jahr-Feier 700e anniversaire de la Confédération. Rapport sur la neutralité Wortlaut des Postulates vom 8. Februar 1990 Der Bundesrat wird eingeladen, möglichst rasch bzw. vor der Eröffnung der 700-Jahr-Feier des Bundes - aufgrund einer öffentlichen Vernehmlassung - einen Bericht zum Neutralitätsverständnis der Schweiz in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erstatten. Der Neutralitätsbegriff soll dabei möglichst umfassend verstanden werden und nebst den militärischen Aspekten auch solche des Rechts, des Kulturlebens usw. enthalten. Texte du postulat du 8 février 1990 Le Conseil fédéral est invité à établir le plus vite possible, avant l'ouverture des festivités du 700e anniversaire de la Confédération et sur la base d'une consultation publique, un rapport sur la perception de la neutralité de la Suisse par le passé, à l'heure actuelle et à l'avenir. On donnera à la notion de neutralité l'acception la plus large qui, outre l'aspect militaire, comprendra les aspects juridiques et culturels. Mitunterzeichner - Cosignataires: Bircher, Danuser, Diener, Dormann, Dünki, Eisenring, Euler, Gardiol, Günter, Keller, Leutenegger Oberholzer, Maeder, Meier-Glattfelden, Rebeaud, Schmid, Seiler Rolf, Stappung, Stocker, Thür, Weder-Basel, Wiederkehr (21) Schriftliche Begründung - Développement par écrit Der Neutralitätsstatus ist zu Recht ein äusserst wichtiger Bestandteil des schweizerischen Staatsverständnisses. Diese steht geschichtlich in einem Zusammenhang mit einem Ratschlag von Nikiaus von der Flüe, «Mischet Euch nicht in fremde Händel». Die gewollte Neutralität ist wichtig für das Selbstbewusstsein des Volkes. Die 700-Jahr-Feier von 1991 kann und soll Anlass sein, eine Besinnung in dieser Hinsicht vorzunehmen. Deshalb sollte der entsprechende Bericht bis zum Jahr 1991 vorliegen. Ein aktueller Bezug besteht in der Entwicklung Deutschlands. Der Regierungspräsident der DDR hat kürzlich vorgeschlagen, eine Vereinigung von DDR und BRD mit der Schaffung des Neutralitätsstatus zu verbinden. Zu diesem positiven Vorschlag im Interesse einer Entspannungspolitik kann die Schweiz mit diplomatischer Unterstützung und mit einer Besinnung auf die eigene Neutralität einen bedeutenden Beitrag leisten. Schriftliche Stellungnahme des Bundesrates vom 16. Mai 1990 Rapport écrit du Conseil fédéral du 16 mai 1990
Erwägungen
1.
In den letzten Jahren hatte der Bundesrat mehrfach Gelegenheit, in grundsätzlicherweise zur Bedeutung und zum Inhalt der schweizerischen Neutralität Stellung zu nehmen. Er ist insbesondere in seiner Botschaft über den Beitritt der Schweiz zur Organisation der Vereinten Nationen (Uno)-vom 21. Dezember 1981 (BB119821497), in der Botschaft über die Volksinitiative «für eine Schweiz ohne Armee und für eine umfassende Friedenspolitik» vom 25. Mai 1988 (BBI 1988 II 967 ff.) sowie in seinem Bericht über die Stellung der Schweiz im europäischen Integrationsprozess vom 24. August 1988 (BB11988 IN 249) ausführlich auf die Neutralität eingegangen. Der Bundesrat wird auch in Zukunft, namentlich im Hinblick auf die Stellung der Schweiz gegenüber den Europäischen Gemeinschaften (EG), die Frage der Neutralität in grundsätzlicher Weise behandeln.
2.
Das Erstellen eines umfassenden Berichts zum Neutralitätsverständnis der Schweiz in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unter Einbezug der militärischen, rechtlichen und kulturellen Aspekte erfordert langjährige, eingehende, fachübergreifende wissenschaftliche Abklärungen und Studien. Der Bundesrat betrachtet es als Aufgabe der Wissenschaft, die entsprechende Forschung durchzuführen und eine derartige Studie zu erstellen. Er hält es nicht für zweckmässig, wenn die Verwaltung diese Aufgabe übernimmt. Im übrigen ist er der Ansicht, dass es auch aufgrund der bestehenden Personalengpässe zeitlich gar nicht mehr möglich ist, den gewünschten Bericht bis zur Eröffnung der 700-Jahr-Feier des Bundes zu erstellen. Schriftliche Erklärung des Bundesrates Déclaration écrite du Conseil fédéral Der Bundesrat beantragt, das Postulat abzulehnen. Hafner Rudolf: Es scheint aufgrund des vorherigen Postulates, dass die Neutralität nicht mehr sehr hoch im Kurs steht. Man kann sich fragen, ob das mit der 700-Jahr-Feier zusammenhängt. Sie haben schon den Medien entnehmen können, dass diejenigen Kreise, die sich noch am ehesten Gedanken darüber machen, was der geistige Gehalt einer Schweiz überhaupt ist, nämlich die Kulturschaffenden, den Eindruck haben, dass der Zustand unserer Schweiz so ist, dass es in diesem Land nicht mehr sehr behaglich ist. Die Neutralität der Schweiz war früher von sehr grosser Bedeutung. Einige mag es vielleicht zum Lachen anregen, dass immerhin einer der geistigen Führer der Schweiz - es war Nikiaus von der Flüe - den Ausspruch getan hat: «Mischet Euch nicht in fremde Händel.» Früher hatte das noch ein bisschen Gewicht. Es muss nicht unbedingt sein, dass die Leute eine religiöse Ader haben. Man kann auch sagen, das sei ein Wort, das nicht mehr im politischen Vokabular enthalten sei. Das einzige, was wohl noch zählt, ist Geld oder sind wirtschaftliche Interessen.
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Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali Postulat Hafner Rudolf Unterstützung der Neutralitätsvorschläge für die beiden deutschen Staaten Postulat Hafner Rudolf Statut de neutralité pour les deux Allemagnes In Amtliches Bulletin der Bundesversammlung Dans Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale In Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale Jahr 1990 Année Anno Band III Volume Volume Session Sommersession Session Session d'été Sessione Sessione estiva Rat Nationalrat Conseil Conseil national Consiglio Consiglio nazionale Sitzung 04 Séance Seduta Geschäftsnummer 90.357 Numéro d'objet Numero dell'oggetto Datum 07.06.1990 - 15:00 Date Data Seite 912-913 Page Pagina Ref. No 20 018 644 Dieses Dokument wurde digitalisiert durch den Dienst für das Amtliche Bulletin der Bundesversammlung. Ce document a été numérisé par le Service du Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale. Questo documento è stato digitalizzato dal Servizio del Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale.
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