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Entscheid

90-692

Verwaltungsbehörden 23.01.1991 90.692

23. Januar 1991Deutsch17 min

Source admin.ch

Erwägungen

3.

Zu den Forderungen der GPK: Die Geschäftsprüfungskommission ersucht den Bundesrat, seine Richtlinien von 1974 konsequent durchzusetzen. Unter anderem soll er die Zahl der Mandate von Parlamentariern in ausserparlamentarischen Kommissionen reduzieren, indem er Parlamentarier nur wählt, wenn dafür wichtige Gründe vorliegen. Solche müssen in den Eigenschaften und Funktionen der Person liegen, die vom parlamentarischen Mandat unabhängig sind. In Kommissionen mit Entscheidungsfunktionen, d. h. Behördenkommissionen, sowie in Kommissionen, welche sich der Vorbereitung der Gesetzesvorlagen widmen, sind Parlamentarier nur aus zwingenden Gründen aufzunehmen. Wir werden uns im Jahre 1993 in gleicherweise über die dannzumal erfolgten Wiederwahlen informieren lassen und Ihnen erneut Bericht erstatten. Die Geschäftsprüfungskommission beantragt Ihnen, vom vorliegenden Bericht und den darin enthaltenen Empfehlungen Kenntnis zu nehmen. Präsident: Die Kommission beantragt Kenntnisnahme vom Bericht. Zustimmung -Adhésion #ST# 90.692 Postulat Rhinow Leitbild Schweiz Perspectives pour la Suisse Wortlaut des Postulates vom 18. September 1990 Die Schweiz befindet sich gegenwärtig in einer Phase des Umbruchs. Der Wandel vieler Werte ist in vollem Gang, die tradierten Ueberzeugungen in Staat, Politik und Gesellschaft stehen in Anfechtung und drohen teilweise zu verblassen. Die gegenseitige Verständigung zwischen den verschiedenen Teilen und Schichten unseres Volkes wird immer schwieriger. Der politische Konsens ist zu einem der knappsten Güter geworden. Die persönliche Bereitschaft, Masszu halten und der Gemeinschaft zu dienen, nimmt ebenso ab wie die Fähigkeit, Probleme gemeinsam wahrzunehmen und auf neue Entwicklungen zeitgerecht zu reagieren. Unsere Gesellschaft ist den gleichen Grundproblemen ausgesetzt wie andere hochindustrialisierte Länder (zum Beispiel Aids, Drogen, Gefährdungen der Grosstechnologie, organisiertes Verbrechen, irreversible Belastung der Umwelt, weltweite Migration). Staat, Gesellschaft und Wirtschaft stehen vor grossen Herausforderungen auf europäischer und globaler Ebene. Nach den grossen weltpolitischen Umwälzungen muss die Schweiz ihre Stellung in Europa und in der Völkergemeinschaft sowie ihre aussenpolitischen Zielsetzungen neu definieren. Viele bedrängende, auch die Schweiz zentral berührende Zukunftsfragen, wie etwa Frieden und Sicherheit oder der globale Schutz der Umwelt, sind letztlich nur auf internationaler Ebene zu bewältigen. Die Schweiz ist offenbar kein «Sonderfall» mehr. Zurzeit werden in verschiedenen Bereichen Ueberlegungen zu künftigen Entwicklungen angestellt, Konzepte entwickelt oder Verhandlungen geführt. Zu erwähnen sind gegenwärtig etwa der neue Sicherheitsbericht, die Verhandlungen im Hinblick auf einen Europäischen Wirtschaftsraum oder die Bemühungen um die Reform der Institutionen unseres Landes (Volksrechte, Parlament, Regierung, Bundesgericht). Die Arbeiten an einer Totalrevision der Bundesverfassung sind nach wie vor im Gang. Den vorhandenen Planungsinstrumenten von Parlament und Regierung fehlt die längerfristige und tiefgreifende Perspektive; sie sind zudem ausschliesslich das Ergebnis politischer und administrativer Instanzen. Was allen diesen Bemühungen fehlt, ist das übergreifende Dach, die mittel- und längerfristige «Vision» oder Strategie der Schweiz, sind die Richtpunkte, auf welche alle Anstrengungen koordiniert auszurichten sind. Ich lade deshalb den Bundesrat ein, ein «Leitbild Schweiz» zu entwerfen. Zur Mitwirkung sind möglichst viele Kreise aus Gesellschaft, Politik, Wirtschaft (auch der Landwirtschaft), Wissenschaft, Religion, Bildung und Kultur, beider Geschlechter, aller Generationen und Landesgegenden sowie der Auslandschweizer einzuladen. Dieses Leitbild ist bis Ende 1992 den eidgenössischen Räten zur Kenntnisnahme zu unterbreiten. Dabei geht es nicht um eine neue umfangreiche «Gesamtkonzeption» bisherigen Zuschnitts oder gar um eine (unrealistische) Planung der Zukunft. Es geht nicht nur um das Ergebnis, sondern ebensosehr auch um den Weg zum Ergebnis: um einen breitgefächerten Dialog über die Identität unseres Landes, über die tragenden und verbindenden, überlieferten und neuen Werte, über Optionen und Ziele unseres Landes sowie die (Wieder-)Belebung der gegenseitigen Verständigung in Gesellschaft und Politik. Das «Leitbild Schweiz» soll in einer Zeit hoher Unsicherheit und vielfältiger Bedrohungen das Schwergewicht auf unsere Chancen legen und dadurch in ausgewählten, für die Zukunft der Schweiz existentiellen Fragen Orientierungshilfen vermitteln. Die 700-Jahr-Feier bildet die willkommene Gelegenheit, einen solchen Prozess in Gang zu setzen. Texte du postulat du Wseptembre 1990 La Suisse passe par une phase de profond changement. De nombreuses valeurs sont en plein bouleversement: Les normes traditionnelles concernant l'Etat, la politique, la société, sont contestées et risquent de péricliter. La compréhension mutuelle entre les diverses régions et couches de la population se fait toujours plus difficile. Le consensus politique est devenu une denrée rare. Le sens de la mesure et la volonté de servir la collectivité disparaissent, de même que l'aptitude à affronter ensemble les problèmes et à réagir à temps. Notre société est exposée à des troubles fondamentaux, tout comme d'autres pays fortement industrialisés: sida, drogues, risques technologiques majeurs, crime organisé, ruine irréversible de l'environnement, migrations intercontinentales. Etat, société et économie sont confrontés à d'énormes défis, tant en Europe qu'ailleurs dans le monde. Face à ces bouleversements, la Suisse doit redéfinir sa position par rapport à l'Europe et à la communauté des nations, de même que les objectifs de sa politique extérieure. Maintes questions pressantes, touchant l'essence et l'avenir de notre pays, la paix, la sécurité, la protection globale de l'environnement, ne peuvent être réglées que par la coopération internationale. La Suisse n'est de toute évidence plus un «cas spécial».

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23.

Januar 1991 21 Postulat Rhinow Des réflexions sur l'évolution future et des négociations sont en cours dans divers domaines. Mentionnons le nouveau rapport sur la politique de sécurité, les tractations relatives à l'espace économique européen, et les efforts en vue de réformer nos institutions: Parlement, gouvernement, Tribunal fédéral, droits politiques, sans oublier les travaux visant une révision totale de la constitution. Les instruments de planification dont disposent Parlement et gouvernement manquent d'une perspective générale à long terme. En outre, ils émanent exclusivement des organes politiques et administratifs. Ce qui manque à tous ces efforts, c'est une vision globale, une stratégie à moyen et long terme, des objectifs propres à orienter et à coordonner tous les efforts. Pour tous ces motifs, j'invite le Conseil fédéral à élaborer un «plan directeur Suisse», en faisant appel aux personnes des deux sexes, de toutes les générations, de toutes les régions sans oublier les Suisses de l'étranger - et des milieux les plus divers de notre société: politique, économie, agriculture, science, religion, enseignement et culture. Ce plan directeur devra être présenté aux Chambres fédérales avant la fin de 1992. Il ne s'agit pas d'échafauder une nouvelle «conception globale», ni une planification de l'avenir qui serait irréaliste. Il ne suffit pas d'énoncer des objectifs, il faut surtout indiquer la voie à suivre pour y parvenir. Il convient d'engager un vaste dialogue sur l'identité de notre pays, sur les valeurs traditionnelles ou nouvelles qui le fondent et nous lient, sur les options et les buts qui doivent être les nôtres. Il faut enfin raviver et renforcer la compréhension réciproque entre les différents secteurs de la société et du monde politique. Face aux incertitudes et aux menaces qui caractérisent notre époque, le «plan directeur Suisse» doit mettre en évidence les chances qui s'offrent à nous et servir de guide dans les questions fondamentales qui se posent pour l'avenir de notre pays. Le 700e anniversaire de la Confédération helvétique offre une occasion bienvenue pour engager ce processus. Mitunterzeichner - Cosignataires: Affolter, Béguin; Bühler, Bührer, Cavadini, Collier, Danioth, Dobler, Ducret, Flückiger, Gadient, Huber, Hunziker, Jaggi, Jagmetti, Masoni, Meier Josi, Miville, Onken, Piller, Rhyner, Roth, Ruesch, Schiesser, Schmid, Schoch, Seiler, Uhlmann, Weber, Ziegler, Zimmerli (31) Rhinow: Ich habe mein Postulat «Leitbild Schweiz» im Wortlaut ausführlich begründet und möchte mich deshalb auf einige ergänzende Bemerkungen beschränken. Die Schweiz befindet sich zurzeit - wenn ich mich nicht täusche - in einer schwierigen Lage. Wir leiden an gewissen Krisenerscheinungen, die uns zu schaffen machen. Viele von uns verstehen die Schweiz nicht mehr oder nur teilweise, sind verunsichert und haben Mühe, den rasanten Wandel, insbesondere den Wandel der Werte, der Technologien, der Märkte, der Risiken, der Migration, der Umweltbelastungen, zu erfassen, einzuordnen und - vor allem - sich darauf einzustellen. Wir wissen oft auch nicht mehr, was wirklich ist oder was wir für das Wirkliche nehmen. Wir tragen Feindbilder mit uns herum, verlieren zunehmend den Geist der Verständigung, des Masses, der Toleranz. Die aufgedeckten konkreten Fehlleistungen haben zwar die Grössenordnung ausländischer Vorkommnisse nicht überschritten, führten bei uns aber doch zu sehr nachhaltigen Erschütterungen. Unsere Mentalitätskrise zeigt sich im Verharren, in der Gedankenwelt der Abwehr, der Verteidigung, der Risikoscheu und der Zukunftsangst. Veränderung wird primär als Gefahr und kaum als Chance aufgefasst. Unser Reformbedarf ist gross, doch kommen wir in vielen Bereichen nur sehr schleppend oder gar nicht voran, forcieren unsere Bremsmechanismen. Das vielzitierte Wort meines verehrten Lehrers, Max Imboden, aus dem Jahre 1964 hat immer noch -ja erst recht- seine Gültigkeit: «Im 19. Jahrhundert waren wir eine revolutionäre Nation, heute sind wir eine der konservativsten der Welt.» Im kürzlich erschienenen Länderbericht der OECD «Process in Structural Reform» wird ein vernichtendes Urteil über die Unfähigkeit der Schweiz zu dringend nötigen, tiefgreifenden Reformen abgegeben. Wir leiden zweifellos an dieser Umbruchzeit, an diesem -wie es oft auch heisst- Paradigmenwechsel. Wir haben Mühe mit unserer Identität, wissen nicht mehr recht, was uns zusammenhält. Ist es der Wohlstand, die Landschaft, unsere Art, Probleme zu lösen, unser Milizgedanke, das Zusammenleben mehrerer Sprachen und Kulturen, unser Föderalismus, die halbdirekte Demokratie, unser Arbeits- und Perfektionswille oder unsere bewaffnete Neutralität? Eigentlich ist es paradox: Wir haben einen grossen Reformbedarf auf vielen Gebieten. Unsere Institutionen aber sind schlecht gerüstet, noch auf den sogenannten Sonderfall mit seiner - im internationalen Vergleich - relativ kleinen Problemfülle ausgerichtet. Mit ihnen können wir aber diese Sisyphusarbeit kaum bewältigen. Als müssen wir auch hier ansetzen, beim Parlament etwa, bei der Regierung, beim Gerichtswesen. Zudem sollten wir über die Zukunft unseres Landes in Europa befinden, eine Jahrhundertentscheidung treffen, ja wahrscheinlich die wichtigste von uns selbst zu treffende Entscheidung in der Geschichte unseres Bundesstaates überhaupt. All das - materielle Reformen, institutionelle und strukturelle Reformen, europäische Integration - ausgerechnet in einer Zeit der Krisenerscheinungen, Verunsicherungen und Zukunftsangst? Ich meine, eine Krise sei auch eine Chance. Und wenn wir die Zukunft bestehen wollen, brauchen wir wieder Ziele, Visionen, Leitwerte. Die Schweiz - und darunter verstehe ich die Gesellschaft und das Gemeinwesen - braucht neue Energien, braucht eine wiederbelebte und wiederbelebende Identität in einem stark veränderten Umfeld, braucht den Aufbruch. Mein Postulat will den Bundesrat aufrufen, in dieser Suche nach der Schweiz von morgen voranzugehen, im Jubiläumsjahr die öffentliche Diskussion voranzutreiben und zu nähren. Das Leitbild Schweiz soll dazu beitragen, den lähmenden Zweifel, die bange Ungewissheit abzulösen durch Wert- und Zielvorstellungen, welche Energien freizumachen, den Dialog wieder in Gang zu setzen, Vertrauen in unsere Kräfte und die Zukunft zu schaffen vermögen. Das Leitbild Schweiz soll auch mithelfen, eine Integrität zu festigen, die weniger im Blick zurück auf Verdienste als in der mutigen Leistung heute und morgen gründet. Mit dem Leitbild Schweiz erhält der Bundesrat zudem eine wichtige Chance, seine Führungsaufgaben wahrzunehmen. Eine Aufgabe, in welcher er heute von vielen nicht mehr die besten Noten erhält. Denn Führung im Sinne dieses reflektierten, mutigen Vorangehens, des Blickes über die Tagesgeschäfte hinaus, der Entschlossenheit ist in unserer Zeit wichtiger denn je. Wagen wir den existentiellen Sprung vom «Leidbild Schweiz» zum «Leitbild Schweiz»! Bundeskanzler Buser: Das Postulat von Herrn Ständerat Rhinow zielt in dieselbe Richtung wie seinerzeit der Vorstoss von Nationalrat Ott vom 8. Oktober 1987. Herr Nationalrat Ott lud damals den Bundesrat ein, mit Blick auf die Zentenarfeier der Eidgenossenschaft eine umfassende Studie über die wünschbare und erreichbare Lebensqualität für die Bewohner unseres Landes im nächsten Jahrhundert zu erstellen, wobei diese als konkretes Leitbild und Hilfsmittel für eine zielgerichtete politische Planung in den kommenden Legislaturperioden dienen soll. In Behandlung dieses Postulates hat der Bundesrat mit Beschluss vom 6. Juli 1989 eine ausserparlamentarische Kommission unter dem Titel: «Welche Schweiz morgen?» eingesetzt. Bei der Zusammensetzung dieser Kommission wurde auf eine ausgewogene Vertretung der verschiedenen Landesgegenden und beider Geschlechter geachtet. Die Kommission unter dem Präsidium von Herrn Dr. Christian Lutz, vom Gottlieb-Duttweiler-lnstitut in Rüschlikon ZH, umfasst insgesamt 17 Mitglieder. Es wurde darauf geachtet, dass sämtliclie Sachbereiche, welche für zukünftige Entwicklungen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft interessieren, in der Kommission vertreten sind. So finden sich darin die Architektur, die Syntropie-Stiftung, die Medizin, die Psychologie, die Theologie, die Chemie, die Volkswirtschaft, die Soziologie, die Politologie, die Medien und andere Kreise mehr. Der von den Postulanten geforderten Mitwirkung möglichst vieler Kreise aus Gesell-- 2 of 4 -Postulat Rhinow 22 23 janvier 1991 schaft, Politik, Wirtschaft, der Landwirtschaft, Wissenschaft, Religion, Bildung und Kultur ist somit durchgehend Rechnung getragen worden. Die Problemanalyse, wie sie den Postulaten zu entnehmen ist, entspricht derjenigen, welche die Kommission ihren Untersuchungen zugrunde gelegt hat. Die Kommission «Welche Schweiz morgen?» hat dem Bundesrat im März 1990 bereits einen Zwischenbericht vorgelegt und wird auftragsgemäss im Frühjahr 1991 den Schlussbericht mit Szenarien unterbreiten. Die zu erwartenden Szenarien gehen alle von Entwicklungstendenzen aus, welche die Kommission in sieben verschiedenen und als besonders relevant erachteten Lebensbereichen analysiert und beschrieben hat. Aufgrund der Kommissionsuntersuchungen wird es wesentlich vom Verhalten der Bevölkerung, den Entscheiden in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft abhängen, welche dieser Entwicklungstendenzen sich verstärken und durchsetzen werden. Ausschlaggebend für die künftigen Entwicklungen sind somit die Werthaltungen und die hier feststellbaren Veränderungen. Die Kommission beschrieb für die genannten Lebensbereiche je drei verschiedene Optionen, welche sich aus unterschiedlichen Werthaltungen ergeben. Durch die Verknüpfung verschiedener Elemente, welche optimal zueinander passen, gelangte sie zu vier realitätsnahen, in sich konsistenten Szenarien. Gemäss dem der Kommission erteilten Mandat sollen diese Szenarien im Jubiläumsjahr 1991 eine breite öffentliche Diskussion über wünschbare respektive nicht wünschbare künftige Entwicklungen auslösen. Diese Diskussion wird den politischen Instanzen Anhaltspunkte dafür geben, welche der beschriebenen möglichen künftigen Entwicklungen in breiten Bevölkerungskreisen auf Zustimmung respektive auf Ablehnung stossen. Sie sehen daraus, dass der Bundesrat die Sorge von Herrn Ständerat Rhinow um die Zukunft unseres Landes und ebenso seine Suche nach neuen Leitbildern teilt. Er hält aber dafür, dass mit den bereits eingeleiteten Schritten den wesentlichen Anliegen des Postulates von Herrn Ständerat Rhinow Rechnung getragen ist, und kommt deshalb zum Schluss, dass dieses Postulat heute als erfüllt zu betrachten ist und deshalb abgeschrieben werden kann. Rhinow: Ich bin von dieser Antwort zwar nicht überrascht, weil sie im Nationalrat bereits schriftlich ausgeteilt wurde, aber sehr erstaunt. Der Antrag des Bundesrates ist zudem unüblich, zumindest für die Gepflogenheiten dieses Rates. Ich nehme dankbar zur Kenntnis und hatte auch zuvor davon Kenntnis, dass der Bundesrat gestützt auf das Postulat von alt Nationalrat Ott eine Kommission eingesetzt hat, welche - und das war die Zielsetzung - eine umfassende Studie «über die wünschbare und erreichbare Lebensqualität für die Bewohner unseres Landes im nächsten Jahrhundert» zu erstellen hat. Diese Kommission wird im Frühjahr 1991 offenbar den Schlussbericht mit Szenarien vorlegen. Nun ist dies allerdings kein Grund, mein Postulat, das immerhin von 31 Kolleginnen und Kollegen in diesem Rat unterzeichnet worden ist, abzuschreiben. Und dies namentlich aus folgenden Gründen: Erstens ist die Stossrichtung meines Postulates nicht genau die gleiche wie beim Postulat Ott. Herr Ott war und ist ebenfalls dieser Auffassung, wie er mir persönlich bestätigt hat. Er hat übrigens genau aus diesem Grund das gleichlautende Postulat von Frau Nationalrätin Zölch auch unterzeichnet. Beim Postulat Ott steht die Lebensqualität des einzelnen Menschen im Vordergrund. Mir geht es primär um die Identität der Schweiz, ihren Zusammenhalt im Innern wie ihre Stellung im integrierten Europa und der Völkergemeinschaft. Trotz offensichtlicher Berührungspunkte und Ueberschneidungen rechtfertigt sich aus dieser Erwägung heraus das Abschreiben nicht. Ich möchte nicht auf den Umstand eingehen, dass es sich beim Postulat Ott nur - das «nur» bitte ich nicht falsch zu verstehen - um einen national rätlichen Vorstoss handelt. Zweitens rechtfertigt sich ein Abschreiben erst dann, wenn das Anliegen des Vorstosses effektiv erfüllt ist. Die blosse Einsetzung einer Kommission gewährleistet noch lange kein Leitbild des Bundesrates. Kommissionen hatten wir schon oft, ein Leitbild des Bundesrates noch nie. Mir geht es darum, dass der Bundesrat seine Vorstellungen deklariert. Und ich gebe mich nicht zufrieden mit x-beliebigen Szenarien, wie wir sie schon aus anderen Bereichen gewohnt sind, unter welchen sich jeder und jede ihre Schweiz heraussuchen können. Gerade hier will sich der Bundesrat offensichtlich nicht festlegen. Er sagt - und der Bundeskanzler hat es heute auch gesagt -, der Bundesrat «könnte» dann ein Szenario als das seinige erklären. Er könnte es, aber er muss es nicht. Ich aber postuliere, dass er es muss. Ich möchte, dass der Bundesrat dem Schweizervolk sagt, wie die Schweiz aus seiner Sicht aussehen soll. Denn das Schweizervolk erwartet nicht noch mehr alternative Entwürfe, sondern eine klare, zukunftsweisende Haltung der Landesregierung. Zum Schluss ein Drittes: Wir können mit der Ueberweisung dieses Postulates ein wichtiges Zeichen setzen, nämlich dass wir vom Bundesrat erwarten, dass er vorausschaut, dass er mutig handelt, dass erführt. Aus diesen Gründen bitte ich Sie im Namen der 31 Mitunterzeichner, das Postulat zu überweisen und nicht sang- und klanglos abzuschreiben. Bundeskanzler Buser: Nur eine Bemerkung wegen des Austeilens der Antwort an Frau Zölch. Das ist absprachegemäss. Wenn ein Vorstoss im Nationalrat und im Ständerat mit schriftlichem Verfahren eingereicht wird, dann wird die Antwort des Bundesrates im Nationalrat, wo das schriftliche Verfahren gilt, am gleichen Tag ausgeteilt, wie hier die mündliche Antwort erteilt wird. Das ist das normale Vorgehen. Nun zum Bericht selber. Was kann der Bundesrat anderes tun als eine Kommission einsetzen, die als Grundlage einen Bericht erstellt? Aufgrund dieses Berichts entfaltet sich dann die Diskussion. Es ist selbstverständlich nicht das Ei des Kolumbus zu erwarten. Aber von der Kommission ist ein interessanter Bericht zu erwarten, nach dem, was man aufgrund des Zwischenberichtes weiss. Die Meinung ist, dass dann eine breite öffentliche Diskussion entfacht wird, eine Diskussion, die selbstverständlich auch im Parlament: ihren Niederschlag finden wird und voraussichtlich auch in neuen Vorstössen an die Adresse des Bundesrates. Daher ist er zum Schluss gekommen, dass das, was gestützt auf das Postulat getan werden sollte, eigentlich bereits läuft und die breite Diskussion dann beginnt, wenn dieser Bericht der Kommission vorliegt. Rhinow: Das Unübliche, das ich erwähnt habe, bezog sich nicht auf das Austeilen der schriftlichen Antwort, sondern auf die Empfehlung des Bundesrates, ein Postulat abzuschreiben, obwohl die Ziele des Postulates noch nicht erfüllt sind. Das möchte ich als unüblich bezeichnen. Ich wende mich zudem nicht gegen eine Kommission. Ich bin sogar froh, dass hier gute Vorarbeit geleistet wird. Aber die Kommission erfüllt mein Anliegen eben nicht, weil ich den Bundesrat herausfordern möchte, Stellung zu beziehen. Ich möchte nicht nochmals eine neue Kommission schaffen. Ueberwiesen - Transmis -- 3 of 4 -Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali Postulat Rhinow Leitbild Schweiz Postulat Rhinow Perspectives pour la Suisse In Amtliches Bulletin der Bundesversammlung Dans Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale In Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale Jahr 1991 Année Anno Band I Volume Volume Session Januarsession Session Session de janvier Sessione Sessione di gennaio Rat Ständerat Conseil Conseil des Etats Consiglio Consiglio degli Stati Sitzung 02 Séance Seduta Geschäftsnummer 90.692 Numéro d'objet Numero dell'oggetto Datum 23.01.1991 - 16:00 Date Data Seite 20-22 Page Pagina Ref. No 20 019 623 Dieses Dokument wurde digitalisiert durch den Dienst für das Amtliche Bulletin der Bundesversammlung. Ce document a été numérisé par le Service du Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale. 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