94-3375
Verwaltungsbehörden 16.12.1994 94.3375
16. Dezember 1994Deutsch6 min
Source admin.ch
Interpellation Keller Rudolf 2490 N 16 décembre 1994 #ST# 94.3375 Interpellation Keller Rudolf Stammtischgespräche und Rassismus-Strafnorm Racisme. Application de la norme pénale Wortlaut der Interpellation vom 28. September 1994 Im Vorfeld der eidgenössischen Volksabstimmung, vom 25. September 1994 gab es zahlreiche Juristen, die sagten, dass die neue Rassendiskriminierungs-Strafnorm einen sehr grossen Interpretationsspielraum offenlasse und dass sie sehr unsorgfältig formuliert sei. Trotzdem haben viele dieser Juristen, im Bewusstsein kommender Auslegungsprobleme, dieser Strafnorm zugestimmt, «um ein Zeichen zu setzen». Der Bundesrat und die Befürworter haben im Abstimmungskampf aber immer wieder erklärt, dass Äusserungen am Stammtisch nicht als öffentlich gelten würden und somit nicht unter die Strafnorm fielen. Der bekannte Strafrechtsprofessor Jörg Rehberg stellte demgegenüber am Abstimmungssonntag am Fernsehen fest, dass es sich beim Gesetz um eine schlecht umsetzbare Programmerklärung handle, die zu viele schlecht umschriebene Begriffe enthalte. Dem Parlament und dem Bundesrat warf Rehberg vor, schlecht gearbeitet zu haben. Insbesondere sei sehr unklar, wie die Äusserungen am Stammtisch bewertet würden, auch wenn im Abstimmungskampf anderes behauptet wurde. Ich frage deshalb den Bundesrat:
Erwägungen
1.
Teilt er die juristischen Gesetzestextinterpretations-Äusserungen von Herrn Professor Jörg Rehberg, oder ist dieser auf dem Holzweg?
2.
Kann der Bundesrat auch nach der Abstimmung die absolute Zusicherung abgeben, dass Stammtischgespräche nicht unter die Strafnorm fallen? Texte de l'interpellation du 28 septembre 1994 De nombreux juristes ont affirmé, dans le cadre de la votation populaire fédérale du 25 septembre 1994, que la nouvelle norme pénale en matière de discrimination raciale laissait une très grande marge d'interprétation et qu'elle avait été formulée très maladroitement Malgré tout, nombre d'entre eux, conscients des problèmes d'interprétation qu'elle allait engendrer, ont néanmoins approuvé la norme pénale «pour donner l'exemple». Le Conseil fédéral et les partisans de la norme ont toujours dit, pendant la campagne précédant la votation, que les opinions exprimées au café du coin n'étaient pas considérées comme des déclarations publiques et ne tombaient donc pas sous le coup de la norme pénale. Jörg Rehberg, célèbre professeur de droit pénal, a constaté à la télévision, le dimanche de la votation, qu'il s'agissait d'une déclaration d'intention difficilement transposable dans une loi, étant donné qu'elle contenait beaucoup trop de notions mal définies. Il a reproché au Parlement et au Conseil fédéral de ne pas avoir fait du bon travail. La valeur des déclarations faites au café du coin reste, selon lui, indéterminée, malgré ce qui a été dit durant la campagne précédant la votation. Je demande donc au Conseil fédéral:
1.
Partage-t-il l'avis du Professeur Jörg Rehberg sur l'interprétation juridique du texte de loi, ou pense-t-il que celui-ci fait fausse route?
2.
Peut-il offrir la garantie absolue, après la votation, que les discussions de café ne tomberont pas sous le coup de la norme pénale? Mitunterzeichner-Cosignataires: Bischof, Stalder, Steffen (3) Schriftliche Begründung - Développement par écrit Der Urheber verzichtet auf eine Begründung und wünscht eine schriftliche Antwort Schriftliche Stellungnahme des Bundesrates vom 16. November 1994 Rapport écrit du Conseil fédéral du 16 novembre 1994
1.
Die in der Volksabstimmung vom 25. September dieses Jahres angenommene Strafbestimmung von Artikel 261 bis StGB («Rassendiskriminierung») hat ihren Standort im Zwölften Titel («Verbrechen und Vergehen gegen den öffentlichen Frieden») des Besonderen Teils des Strafgesetzbuches. Der öffentliche Friede als geschütztes Rechtsgut lässt sich umschreiben als das Vertrauen der Bevölkerung oder einzelner Bevölkerungsteile in den Bestand der Rechtsordnung als einer Grundvoraussetzung für ein angstfreies Zusammenleben der Bürgerinnen und Bürger im Staat. Gleich wie bei Artikel 259 StGB («öffentliche Aufforderung zu Verbrechen oder zur Gewalttätigkeit») sowie bei den ersten beiden Tatbestandsvarianten von Artikel 261 StGB («Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit») wird auch in den ersten vier Absätzen der Strafbestimmung gegen die Rassendiskriminierung eine öffentliche Begehungsweise vorausgesetzt Weder dem Wortlaut der Gesetzesnorm noch den Materialien der Entstehungsgeschichte lässt sich im einzelnen entnehmen, welche Anforderungen an eine öffentliche Begehungsweise zu stellen sind. Aufgrund einer am geschützten Rechtsgut orientierten Auslegung dieser Tatbestandsvoraussetzungen haben Bundesrat und Verwaltung im Vorfeld der Abstimmung die Auffassung vertreten, dass in Artikel 261 bis StGB der Begriff des öffentlichen Handelns in gleicher Weise aufzufassen ist wie bei Artikel 259 StGB oder bei Artikel 261 StGB, da auch für diese beiden Bestimmungen der öffentliche Friede als geschütztes Rechtsgut im Vordergrund steht. Aufgrund der Rechtsprechung des Bundesgerichtes zu den Voraussetzungen einer «öffentlichen Aufforderung» nach Artikel 259 StGB ergibt sich, dass eine Störung oder Gefährdung des öffentlichen Friedens dann zu bejahen ist, wenn ein «grösserer, durch persönliche Beziehungen nicht zusammenhängender Kreis von Personen» von der Aufforderung Kenntnis nehmen und «durch die Aufforderung beeinflusst werden kann» (BGE
111.
IV154). An die bei Artikel 261 bis StGB vorausgesetzte öffentliche Begehungsform sind grundsätzlich die gleichen Anforderungen zu stellen. Zum gleichen Ergebnis gelangt man, wenn man zur grösstmöglichen Schonung des Grundrechts der Meinungsäusserungsfreiheit das einer mehrfachen Deutung zugängliche Tatbestandsmerkmal der öffentlichen Begehungsweise in einer verfassungskonformen Art und Weise auslegt Nach Auffassung des Bundesrates erfüllt damit eine Unterhaltung zwischen Freunden und Bekannten beispielsweise in einer Stammtischrunde die Voraussetzung einer öffentlichen Begehungsweise im Sinne von Artikel 261 bis StGB klarerweise nicht
2.
Das für unser Staatswesen prägende Gewaltenteilungsprinzip schliesst die Garantie der richterlichen Unabhängigkeit in sich ein. Nach dem Grundsatz der sachlichen Unabhängigkeit der Rechtsprechung ist der Richter ausschliesslich dem Gesetz unterworfen und damit weisungsunabhängig. Der Bundesrat hat im Vorfeld der Abstimmung auch darauf hingewiesen. Es ist dem Bundesrat nicht möglich, eine absolute Zusicherung abzugeben, wonach ein Gespräch am Stammtisch von der künftigen Rechtsprechung zu Artikel 261 bis StGB nicht als öffentliche Äusserung beurteilt werden wird, wenngleich er überzeugt ist, dass die Gerichte ein reines Stammtischgespräch nicht als strafbar erachten werden. Erklärung des Interpellanten: teilweise befriedigt Déclaration de l'interpellateur: partiellement satisfait -- 1 of 2 -Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali Interpellation Keller Rudolf Stammtischgespräche und Rassismus-Strafnorm Interpellation Keller Rudolf Racisme. Application de la norme pénale In Amtliches Bulletin der Bundesversammlung Dans Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale In Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale Jahr 1994 Année Anno Band IV Volume Volume Session Wintersession Session Session d'hiver Sessione Sessione invernale Rat Nationalrat Conseil Conseil national Consiglio Consiglio nazionale Sitzung 15 Séance Seduta Geschäftsnummer 94.3375 Numéro d'objet Numero dell'oggetto Datum 16.12.1994 - 08:00 Date Data Seite 2490-2490 Page Pagina Ref. No 20 024 985 Dieses Dokument wurde digitalisiert durch den Dienst für das Amtliche Bulletin der Bundesversammlung. Ce document a été numérisé par le Service du Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale. Questo documento è stato digitalizzato dal Servizio del Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale.
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