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Entscheid

rel-mit-Foucault

Verwaltungsbehörden 31.12.2003 rel mit Foucault

31. Dezember 2003Deutsch46 min

Source admin.ch

Erwägungen

1.

Forel, August, Die sexuelle Frage, München, 1905 (17. Aufl. 1942), S. 193.

2.

Haeberle, Erwin J., «August Forel, der erste Schweizer Sexualwissenschaftler», Neue Zürcher Zeitung, 19. Februar 1986, S. 69 (zitiert nach der englischen Version, veröffentlicht im Archiv für Sexualwissenschaft, http://www2.rz.hu-berlin.de/sexology/GESUND/ARCHIV/ FOREL.HTM).

3.

Vgl. dazu weiterführend aus der neueren Literatur Maingueneau, Dominique, L 'Analyse du Discours. Introduction aux lectures de l'archive, Paris, Hachette, 1991. Bono, James J., "Science, Discourse, and Literature", Literature and Science: Theory and Practice, hg. von Stuart Peterfreund, Boston, Northeastern University Press, 1990, S. 59-89. Goertz, Hans-Jürgen, Umgang mit Geschichte. Eine Einfährung in die Geschichtstheorie, Reinbek b. Hamburg, Rowohlt, 1995. Golinski, Jan, "Language, Discourse and Science", Companion to the History of Modern Science, hg. von Robert Olby/G. N. Cantor et al., London, Routledge, 1996, S. 111-123. Scott, Joan W., "The Evidence of Experience", Questions of Evidence. Proof, Practice, and Persuasion across the Disciplines, hg. von James Chandler/Arnold I. Davidson/Harry Harootunian, Chicago, London, University of Chicago Press, 1994, S. 363-387 (zuerst in: Critical Inquiry, 17 [Summer 1991]). Landwehr, Achim, Geschichte des Sagbaren. Einfährung in die Historische Diskursanalyse. Tübingen, edition discord, 2001. Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse, Bd. 1: Methoden und Theorien, hg. von Reiner Keller/Werner Schneider/Willy Viehöver, Opladen, Leske + Budrich, 2001. Zizek, Slavoj, Die Tücke des Subjekts, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 2001 (The Ticklish Subject, 1999). Sarasin, Philipp, Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 2003. 44 -- 2 of 29 -sen, welche Grenzziehungen nimmt er vor und welche Verbindungen stellt er her? Damit lassen sich auch die Fragen nach den Effekten des Forel' sehen Diskurses präziser stellen. Denn zweitens wurden in den letzten Jahren die Arbeiten Foreis gerade im Hinblick auf ihre eugenischen Implikationen und deren Auswirkung von verschiedener Seite einer genaueren Prüfung unterzogen. Schon 1988 rückten namentlich Peter Weingart et al. August Forel in die Entstehungsgeschichte der deutschen Rassenhygiene;4 neuere Studien zur Psychiatrie in der Schweiz und zu Forel im Speziellen haben gezeigt, wie sehr Foreis eugenische Konzepte tatsächlich in die psychiatrische Praxis mündeten und etwa die in der Schweiz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitete Sterilisation von «Geisteskranken» zumindest ermöglichten und förderten.5

4.

Weingart, Peter/Kroll, Jürgen/Bayertz, Kurt, Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1988, S. 189-193, 203,

291.

5.

Vgl. u. a. Eyl, Michael: <«s'chunnt uf ds mal en Unggle füre wo dir nüt heit gwüsst dervo>: Namen und Fakten zur schweizerischen psychiatrischen Eugenik bis 1945», Ethik — Genetik - Behinderung: Kritische Beiträge aus der Schweiz, hg. von Christian Mümer, Luzern, Schweizerische Zentralstelle für Heilpädagogik, 1991, S. 75-92. Tanner, Jakob, «Diskurse der Diskriminierung: Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Rassismus in den schweizerischen Bildungseliten», Krisenwahrnehmungen im Fin de siècle: Jüdische und katholische Bildungseliten in der Schweiz, hg. von Michael Graetz/Aram Mattioli, Zürich, Chronos, 1997, S. 323-340. Germann, Urs, «<Alkoholfrage> und Eugenik. Auguste Forel und der eugenische Diskurs in der Schweiz», traverse, 1997, 1, S. 144-154. Tanner, Jakob, «<Keimgifte> und <Rassendegeneratiorï>: Zum Drogendiskurs und zu den gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen der Eugenik», Itinera, 21, 1998, S. 249-258. Wecker, Regina, «Eugenik - individueller Ausschluss und nationaler Konsens», Krisen und Stabilisierungen: Die Schweiz in der Zwischenkriegszeit, hg. von Beatrice Studer et al., Zürich, Chronos, 1998, S. 165—179. Idem, «Frauenkörper, Volkskörper, Staatskörper: Zu Eugenik und Politik in der Schweiz», Itinera, 20, 1998, S. 209-226. Aeschbacher, Urs, «Psychiatrie und <Rassenhygiene>», Antisemitismus in der Schweiz 1848-1960, hg. von Aram Mattioli, Zürich, Orell Füssli, 1998, S. 279-304, bes. S. 285-288. Sarasin, Philipp, «Eugenik und Familie: Ein neues Paradigma der <Gesundheit> zur Zeit der Jahrhundertwende», Familienstrukturen im Wandel, hg. von Joachim Küchenhoff, Basel, Friedrich Reinhard, 1998, S. 97 bis 114. Buess, Claudia, «Diagnose: ad Sterilisationem»: Die Konstruktion von Geschlecht im theoretischen Sterilisations- und Kastrationsdiskurs und in der institutionellen psychiatrischen Begutachtungspraxis der Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt, 1920-1950, Basel, 1999 (Liz.). Imboden, Gabriela, «[...] es ist damit zu rechnen, dass auch sie Erbträgerin dieser schweren psychopathischen Familienveranlagung ist», in «Eugenik im Basler Einbürgerungsgesetz», Geschlecht hat Methode, Beiträge der 9. Historikerinnentagung, Zürich, Chronos, 1999, S. 285-292. Jansen, Sarah, «Ameisenhügel, Irrenhaus und Bordell. Insektenkunde und Degenerationsdiskurs bei August Forel (1848-1931), Psychiater, Entomologe und Sexualreformen>, Kontamination, hg. von Norbert Haas et al., Eggingen, 45 -- 3 of 29 -Aus diesen Gründen scheint es durchaus angezeigt, sich genauer mit der Sprache Foreis zu beschäftigen. Wir konzentrieren uns dabei in diesem Aufsatz auf einen zentralen Aspekt, ja recht eigentlich auf einen, so unsere These, «strategischen Zug» im Diskurs Foreis: seine Rede über die Anderen. Wir möchten zeigen, dass die Bilder des Fremden, des Anderen in Foreis Diskurs einen systematischen Stellenwert haben und nicht einfach einer sprachlichen Idiosynkrasie entspringen. Dabei wird deutlich werden, wie sehr diese Sprache von einem rassistischen Phantasma strukturiert wird. Um diesen «strategischen Zug» in Foreis Diskurs verständlich zu machen, werden wir argumentieren, dass dieser Rassismus am besten mit Michel Foucaults Konzept des Rassismus als «Zäsur» verstanden werden kann. Forel, so unsere These, ist mit Foucault zu lesen. II. Bilder des Fremden. Eine erste Lektüre August Forel äussert sich in seinen Texten sehr häufig über schwarze Menschen, oder, wie er sagt, über «Neger». Dabei fällt sein Urteil vernichtend aus: Sie sind «geistig minderwertig», impulsiv und willensschwach.6 Besonders ihr Sexual- respektive Fortpflanzungsverhalten ist für ihn Grund zur Beunruhigung, denn er sieht sie sich «kaninchenmässig» vermehren.7 In der Sexuellen Frage stellt er den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Sexualität direkt her: Das Zusammengehen von «geistiger Minderwertigkeit» und «heftiger, ungezügelter Leidenschaft» stehe fest.8 Forel folgert, dass die Schwarzen nicht «kulturfähig» seien. Für ihn war es verlorene Liebesmühe, zu versuchen, «die Neger in relativ kurzer Zeit durch milde und gute Erzie-Edition Klaus Isele, 2001 (Lichtensteiner Exkurse IV), S. 141-184. Huonker, Thomas, Anstaltseinweisungen, Kindswegnahmen, Eheverbote, Sterilisationen, Kastrationen: Fürsorge, Zwangsmassnahmen, «Eugenik» und Psychiatrie in Zürich zwischen 1890 und 1970, Zürich, 2002.

6.

Forel, August, Malthusianismus oder Eugenik?, München, 1911, S. 8. Vgl. idem, «Zur Rassenfrage in den Vereinigten Staaten», Neue Zürcher Zeitung, 19. Juli 1910, S. 1. Forel, A., Zur Rassenfrage { Forel, A. (Anm. 1), S. 193.

7.

Forel, A., Zur Rassenfrage (Anm. 6), S. 1. 46

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hung oder gar durch Blutmischung auf unsere Kulturhöhe ohne Gefahr für uns zu bringen».9 Die direkten Kontakte mit Schwarzen, die er während seiner dreimonatigen Reise nach Kolumbien im Jahr 1896 oder seiner Reise in die USA im Jahr 1899 hatte, führten nicht zu einer Meinungsänderung. Vielmehr bestätigten sie sein abschätziges Urteil, wie die Kommentare in seiner Autobiografie Rückblick auf mein Leben zeigen. Beim Zwischenhalt in Jamaika auf der Überfahrt nach Kolumbien kommt er beispielsweise zum Schluss: «Die Ordnung der Insel ist musterhaft, wenigstens äusserlich. Die Neger taugen jedoch innerlich kaum mehr als anderswo.»10 A. Wucherungen Fast ebenso häufig wie die Schwarzen taucht die «gelbe Rasse» in den Texten Foreis auf. Zur «gelben Rasse» zählt er Japaner, Chinesen und Mongolen. Im Unterschied zu den Schwarzen gehören diese zu jenen «Rassen», «deren Kultur und deren Gehirn mit den unsrigen recht wohl konkurrieren können und die wir daher zur Kulturmenschheit zu rechnen haben».11 Dabei überwiegt allerdings die Vorstellung der Konkurrenz: Forel betont die Fruchtbarkeit und die im Vergleich mit den Weissen «grössere Zeugungskraft» der «gelben Rasse» - das Ideal der Asiaten sei die «menschliche Kaninchenzucht»12 -, was eine Gefahr für die de facto doch von den «Gelben» unterschiedenen «Kulturvölker» darstelle.13 Auf dem internationalen Kongress gegen den Alkoholismus in Budapest im September 1905 zeichnet Forel diesen Vorstellungen entsprechend ein düsteres Zukunftsbild für die «arische Rasse», die wegen übermässigem Alkoholkonsum ihrem Untergang entgegengehe: «Mit Bezug auf Charakterenergie, Arbeit, Ausdauer, respektive Intelligenz und Genügsamkeit ist uns die gelbe Rasse entschieden überlegen. [...] Die Gelben

9.

Forel, August, «Über Ethik», Die Zukunft, 53 (1899), S. 574-587, hier S. 580.

10.

Forel, August, Rückblick auf mein Leben, Prag - Zürich - Wien, 1935, S. 184. ' ' Forel, A., Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6), S. 7.

12.

Forel, A. (Anm. 1), S. 455.

13.

Forel, A. (Anm. 9), S. 579 f. 47

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brauchen viel weniger Komfort, viel weniger Nahrungsmittel, weniger Wohnraum als wir und leisten dennoch mehr. Dies genügt vollständig, um im friedlichen Konkurrenzkampf unsere Rasse zu vernichten.»14 Die grosse Fruchtbarkeit fremder «Rassen» - ob gelb oder schwarz - beunruhigt Forel sehr. So formuliert er in Die sexuelle Frage ein Postulat, das die «ausserordentlich schwierige und heikle Frage» aufnimmt, «wie die Kulturmenschheit der Gefahr zu begegnen habe, durch inferiore Menschenrassen infolge derer grosser Fruchtbarkeit überwuchert zu werden».15 Denn bei bestimmten «Rassen» steht für Forel fest, dass sie sich nicht friedlich vermischen können. Von ihnen droht Verdrängung und Vernichtung. Daraus folge, dass die Grenzen der «Kulturmenschheit» klar definiert werden müssen - nur innerhalb dieser Grenzen erstrecken sich die moralischen Pflichten der Gesellschaft, sonst gefährdet sie sich selbst. Die anderen «Rassen» hingegen seien teilweise «so fruchtbar und von so minderwertiger Qualität, dass, wenn man sie gutmütig und friedlich ohne Vorsicht sich unter uns vermehren liesse, sie uns bald ausgerottet haben würden».16 Doch der Konkurrenzkampf und Verdrängungswettbewerb zwischen den «Rassen» ist nicht die einzige Form der Bedrohung der «Kulturmenschheit». Vielmehr wird, so Forel, durch Rassenmischungen der Weissen mit den Schwarzen und den Gelben die eigene, die weisse «Rasse» mit schlechten Keimen überschwemmt. Während sich im Tierreich die Arten «instinktiv» voneinander abgestossen fühlten,17 seien die menschlichen «Rassen» zwar prinzipiell untereinander mischbar, doch vor allem Verbindungen von «sehr weit auseinandergehenden Menschenrassen» ergäben eine «schlechte Bastardenqualität».18 Die Mulatten sind Foreis bevorzugtes Beispiel: Sie seien eine «entschieden minderwertige und im Ganzen schwache, kaum lebensfähige Rasse».19

14.

Forel, August, «Alkohol und Geschlechtsleben», Separatabdruck aus Wiener klinischtherapeutische Wochenschrift. 39 (1905), S. 15.

15.

Forel, A. (Anm. 1), S. 519.

16.

Idem. S. 440.

17.

Idem. S. 167.

18.

Idem. S. 37.

19.

Idem, S. 37 f. 48

-- 6 of 29 --

B. Kulturbarbaren Was für die Menschheit als Ganzes gilt, bedroht laut Forel auch die eigene Gesellschaft - hier erscheinen ihm verschiedene Menschen ebenfalls als «kulturunfähig» und als die Gesellschaft «schädigend». In diese Kategorie fallen neben geistig und körperlich Behinderten Alkoholsüchtige, Verbrecher und «Verbildete», dazu kommen in einer unscharfen Weise kranke Menschen; ihr gemeinsamer Nenner jedenfalls ist, dass sie sich nicht fortpflanzen sollen. So heisst es etwa in der Sexuellen Frage: «Es ist vorerst leichter, hier negativ vorzugehen und diejenigen Typen zu bezeichnen, die sich nicht vermehren sollen. Als solche sind in erster Linie alle Verbrecher, Geisteskranke, Schwachsinnige, vermindert Zurechnungsfähige, boshafte, streitsüchtige, ethisch defekte Menschen zu bezeichnen. Diese bringen weitaus am meisten Unheil und am meisten schlimme Keime in die Gesellschaft. Auch die Narkosesüchtigen (Alkohol, Morphium etc.) schaden durch Blastophthorie [Keimverderbnis durch Alkohol], obwohl sie sonst oft tüchtig sind. [...] Eine zweite Kategorie bilden die erblich zu Tuberkulose Neigenden, die körperlich Elenden, die Rhachitischen, Haemophilen, Verbildeten und sonst durch vererbbare Krankheiten oder krankhafte Konstitutionen zur Zeugung eines gesunden Menschenschlages unfähige Individuen.»20 1911 bezeichnet er in einem Vortrag jene Menschen, die «krankhaft leidenschaftlich» und sehr impulsiv seien, generell als «minderwertig»,21 und in anderen Schriften ergiesst sich geradezu ein Schwall von Adjektiven über die Ausgegrenzten: Sie bilden den «Überschuss an siechen, verbildeten, blöden, geistig verschrobenen, verbrecherisch angelegten, faulen, verlogenen, eitlen, verschmitzten, geizigen, leidenschaftlichen, impulsiven, haltlosen Menschen».22 Die Anderen werden als «Pest», «Schmarotzer» und «Schädlinge» bezeichnet, die nur «unglückliche, elende Würmer» in die Welt setzen und ihre «schlechten Keime» ausbreiten. Ihre Fortpflanzung wird zur unmoralischen Tat, da sie «Rasse» und Mitmenschen schadet.23 In seinem Artikel «Die Vereinigten Staaten der Erde» von 1914 schliesslich werden sie zu

20.

Idem, S. 523.

21.

Forel, A., Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6 ), S. 9.

22.

Forel, August, Sexuelle Ethik, München, 1906, S. 18.

23.

Idem, S. 17. 49

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«Kulturbarbaren», da sie trotz «hoher Kultur» die eigene Gesellschaft bedrohen.24 Die Attribute, mit denen Forel diese «Kulturbarbaren» versieht, können leicht gebündelt werden. Eine Kategorie ist die physische Versehrtheit, wenn er beispielsweise von «körperlich Elenden» und Menschen mit «krankhafter Konstitution» spricht. Eine weitere Kategorie sind die geistig oder psychisch Versehrten, die «schwachsinnigen» und Geisteskranken. Auffallend sind auch die Zuschreibungen, die auf eine unkontrollierte Psyche hindeuten, so zum Beispiel «impulsiv» und «haltlos». Eine weitere Kategorie weist auf den Bereich der Sexualität hin, wenn er von «Syphilitikern» und «sexuell Perversen»25 spricht, die Urteile «krankhaft leidenschaftlich» und «ungemein erotisch»26 fällt sowie die «kaninchenmässige Vermehrung» anfuhrt. Ebenso wird deutlich, dass die «Kulturbarbaren» die Gesellschaft gefährden: sie bringen «Unheil und schlechte Keime». Die Benennungen als «Pest», «Schädlinge» und «Schmarotzer» machen sie zu parasitären Mitmenschen, die auf Kosten ihrer Umgebung leben. Die Charakterisierungen der inneren und äusseren «Barbaren» gewinnen ihr Gewicht durch die Anlehnung an die starke Dichotomie von Natur und Kultur. Durch ihr zügelloses, leidenschaftliches und unkontrolliertes Wesen und ihre tiefe Intelligenz erscheinen die «Barbaren» als Gegenteil jeder Kultur. Sie sind nicht «kulturfähig», sondern bedrohen als schlechte Natur die «Kulturmenschheit» buchstäblich von innen her, indem sie durch ihre Keime das Erbgut kontaminieren. Es sind vor allem drei Faktoren, die diesen Prozess laut Forel befördern: Erstens würden kulturelle Errungenschaften wie namentlich die moderne Hygiene und Medizin dazu führen, die Überlebensund damit Fortpflanzungsmöglichkeiten der Schwachen und Kranken zu

24.

Forel, August, «Die Vereinigten Staaten der Erde» (orig. 1914). Idem, Der Weg zur Kultur, Leipzig/Wien, 1924, S. 9 2 - 9 4.

25.

Forel, August, Verbrechen und konstitutionelle Seelenabnormitäten. Die soziale Plage der Gleichgewichtslosen im Verhältnis zu ihrer verminderten Verantwortlichkeit, München, 1907, S. 12.

26.

«[...] körperlich und besonders geistig kranke oder abnorme Menschen sind sehr oft ungemein erotisch [...].» Forel, August, Ethische und rechtliche Konflikte im Sexualleben in und ausserhalb der Ehe, München, 1909, S. 36. 50

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verbessern.27 Zweitens vergiftet der Alkohol gemäss Foreis Theorie der Blastophthorie unmittelbar die Erbanlagen und schädigt so die Nachkommen.28 Und schliesslich wirke der moderne Krieg kontraselektorisch, weil die «Besten» auf den Schlachtfeldern stürben, während wiederum die Schwachen und Kranken zu Hause überlebten.29 Es sind genau diese drei Argumente, die vom Forel-Schüler Alfred Ploetz und den deutschen Rassenhygienikern ab 1895 zu einem paranoiden System des Ausschlusses der Anderen weiterentwickelt werden.30 III. Rassismus als «Zäsur» (Foucault) Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass es Forel und vielen seiner bekannten und weniger bekannten Mitstreitern in der breiten, international vernetzten gesellschaftsreformerischen Strömung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die allein in Deutschland und in der Schweiz von finsteren Rassenhygienikern bis zu Sigmund Freud, von den Vegetariern auf dem Monte Verità bis zum Sexualwissenschafter Magnus Hirschfeld, vom Monisten Ernst Haeckel bis zur Feministin Helene Stöcker reichte, um die Reform der Ge-

27.

Forel, A., Der Weg zur Kultur (Anm. 2 4 ), S. 126. Idem, Alkohol und Geschlechtsleben (Anm. 14), S. 5. Idem, «Rassenentartung und Rassenhebung», Die Umschau, 5, (1909), S. 9 3. Idem, Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6), S. 12 f. Idem, Hygiene der Nerven und des Geistes im gesunden und kranken Zustande, Stuttgart, 1922 (orig. 1903), S. 2 3 2.

28.

Forel, August, «Fortschritt oder Rückschritt der Kultur? Zur Rassenhygiene des Menschen», Der Arbeitsnachweis, 2 (1915), S. 1-8, hier S. 7. Idem, Der Weg zur Kultur (Anm. 2 4 ), S. 126. Idem, Die Alkoholfrage als Kultur- und Rassenproblem, Bern, 1902. Idem, Alkohol und Geschlechtsleben (Anm. 14), S. 6. Idem, «Rassenentartung» (Anm. 2 7 ), S. 9 1. Idem, Die sexuelle Frage (Anm. 1), S. 2 7. Idem, Sexuelle Ethik (Anm. 22), S. 19. Allerdings gestand Forel 1924 ein, dass die Blastophthorie-These noch «sehr zweifelhaft» sei (vgl. Meier, Rolf, August Forel, 1848-1931, Arzt Naturforscher Sozialreformer. Eine Ausstellung der Universität Zürich i m Herbst 1986, Zürich, 1986, S. 78/82).

29.

Forel, A., Der Weg zur Kultur (Anm. 2 4 ), S. 125 f. Idem (Anm. 14), S. 5. Idem, Rassenentartung (Anm. 2 7 ), S. 9 3. Idem, «Gedanken über Zuchtwahl», Vererbung und Geschlechtsleben, 1 (1926), S. 17. Idem, Hygiene der Nerven und des Geistes (Anm. 2 7 ), S. 232. Idem, Mensch und Ameise: ein Beitrag zur Frage der Vererbung und Fortschrittsfähigkeit, Wien, 1922, S. 5 3.

30.

Vgl. Ploetz, Alfred, Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen. Ein Versuch über Rassenhygiene und ihr Verhältniss zu den humanen Idealen, besonders zum Socialismus, Berlin, S. Fischer, 1895 (Grundlinien einer Rassen-Hygiene, I. Theil). 51

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Seilschaft durch die «Verbesserung» dés Menschen in einem ebenso biologischen wie moralisch-politischen Sinn ging. Von links bis rechts lassen sich daher in den Schriften all dieser Lebensreformer, Utopisten, Wissenschafter und Agitatoren eugenische Motive und Theorien feststellen. Forel bildet hier keine Ausnahme; seine Texte fügen sich vielmehr auf eine zweifellos sehr akzentuierte, keinesfalls aber untypische Weise, ja eher noch stilbildend und exemplarisch in ein breiteres Diskursumfeld ein.31 Nicht zufällig ist Forel in vielen reformerischen Organisationen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts leitend tätig und ein gefragter Vortragsredner in ganz Europa. Daher ist die Frage zu wiederholen: Welche Rolle spielen in seinem Diskurs beziehungsweise in seinem ganzen Diskursfeld, das zwar erklärtermassen eugenisch, jedoch nicht in einem engen, politisch festlegenden Sinn rassistisch sein wollte, jene auf die «Rasse» bezogenen Worte, Kategorien und Konnotationen, die bei Forel so überaus präsent sind? War das trotz allem bloss eine etwas kräftige façon de parler, oder hatten diese Worte eine bestimmbare Funktion?

31.

Vgl. The Wellborn Science: Eugenics in Germany, France, Brazil and Russia, hg. von Mark B. Adams, New York, Oxford UP, 1990. Bergmann, Anna, Die Rationalisierung der Triebe. Rassenhygiene und Eugenik im Deutschen Kaiserreich, Frankfurt a. M., 1990. Carol, Anne, Histoire de l'eugénisme en France. Les médecins et la procréation XIXe-XXe siècle, Paris, Seuil, 1995. Grosse, Pascal, Kolonialismus, Eugenik und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland 1850-1918, Frankfurt a. M./New York, Campus, 2000. Hamelmann, Gudrun, Helene Stöcker, der «Bund fur Mutterschutz» und «Die Neue Generation», Frankfurt a. M., 1992. Herlitzius, Anette, Frauenbefreiung und Rassenideologie. Rassenhygiene und Eugenik im politischen Programm der «Radikalen Frauenbewegung» (1900-1933), Wiesbaden, 1995. Naturwissenschaften und Eugenik. Sozialhygiene und Public Health, hg. von Heidrun Kaupen-Haas/Christiane Rothmaler, Frankfurt a. M., Mabuse-Verlag, 1994. Klevenow, Annegret, Geburtenregelung und «Menschenökonomie». Die Kongresse fur Sexualreform 1921 bis 1930, Nördlingen, 1986 (Schriften der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 1). Kühl, Stefan, Die Internationale der Rassisten. Aufstieg und Niedergang der internationalen Bewegung für Eugenik und Rassenhygiene im

20.

Jahrhundert, Frankfurt a. M., Campus, 1997. Pichot, André, La société pure. De Darwin à Hitler, Paris, Flammarion, 2000. Robb, George, "The way of all flesh: Degeneration, eugenics, and the gospel of free love", Journal of the History of Sexuality, 1996, Bd. 6, 4, S. 589—603. Schwartz, Michael, Sozialistische Eugenik. Eugenische Sozial-technologien in Debatten und Politik der deutschen Sozialdemokratie 1890-1933, Bonn, Dietz, 1995 (Reihe Politik und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 42). Soloway, Richard, Demography and Degeneration. Eugenics and the Declining Birthrate in Twentieth-Century Britain, Chapel Hill/London, University of North Carolina Press, 1995. 52 -- 10 of 29 -A. Biomacht Michel Foucault griff die Frage nach dem Rassismus vor allem in der Zeit um die Abfassung und die Publikation von La volonté de Savoir 1976 auf und diskutierte sie im Kontext der, wie er sagte, modernen Biomacht beziehungsweise Biopolitik; dasselbe Thema erörterte er in einer einflussreichen Vorlesung vom 17. März 1976.32 Wir möchten Foucaults Argumentation noch einmal kurz in Erinnerung rufen. Foucault grenzt die moderne Biomacht ab gegen die alte Form der Macht (mit dem König an ihrer Spitze), die ihre Souveränität darin realisierte, «sterben zu machen oder leben zu lassen». Moderne Macht hingegen besteht nach Foucault in ihrem Kern darin, «leben zu <machen> und sterben zu <lassen>» beziehungsweise «in den Tod zu stossen».33 Als erste moderne Machtform erscheint dabei die seit dem 17. Jahrhundert einsetzende Disziplinierung des Körpers; als zweite Machtform etabliert sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts eine «nicht-disziplinäre Macht», die sich auf «das Leben der Menschen» anwenden lässt: «[...] sie befasst sich, wenn Sie so wollen, nicht mit dem Körper-Menschen, sondern dem lebendigen Menschen, dem Menschen als Lebewesen, und letztendlich [...] dem Gattungs-Menschen.»34 Diese modernste Form der Macht zielt nicht auf den einzelnen Körper ab, sondern macht die Bevölkerung und den Gesamtprozess ihrer physischen Reproduktion bis bin zur Reproduktion als Gattungswesen zum Gegenstand ihrer Interventionen. Dabei überschreiten Gesellschaften, so Foucault, dann «die (biologische Modernitätsschwelle)», wenn es «in ihren politischen Strategien um die Existenz der Gattung selber geht».35 Das ist der zentrale Gedanke in Foucaults Konzept der Biopolitik: In der Moderne zielt die Regulierungsmacht auf die Produktion von Leben bis hin zur Herrschaft über das Leben überhaupt - darin sucht sie ihre Souveränität zu realisieren.

32.

Foucault, Michel, Der Wille zum Wissen, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1977 (Sexualität und Wahrheit, Bd. 1 [Paris 1976]). Idem, In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen a m Collège d e France (1975-1976), Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1999.

33.

Idem, In Verteidigung der Gesellschaft (Anm. 32), S. 278. Idem, Der Wille zum Wissen (Anm. 32), S. 165.

34.

Idem, In Verteidigung der Gesellschaft (Anm. 32), S. 280.

35.

Idem, Der Wille zum Wissen (Anm. 32), S. 170. 53

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B. Die Zäsur Damit stellt sich eine Frage, die das Funktionieren jeder Macht betrifft: «Wie kann eine solche Macht töten [,..]?»36 Wie kann eine biopolitisch ausgerichtete Macht Menschen töten, um ihre Ziele zu erreichen, falls sich die Tötung als notwendig herausstellen sollte? Woher nimmt sie die Kraft zum Mord, die Legitimation zur Vernichtung, die Überzeugung, dass jemand das Recht auf Leben verwirkt habe? Foucaults Antwort lautet, dass sich die Biomacht die Legitimation und die Energie zum Mord durch den Rassismus erkauft, und er unterscheidet dabei zwei Funktionen des Rassismus. Erstens und primär ist in seinen Augen Rassismus «ein Mittel, um in diesen Bereich des Lebens, den die Macht in Beschlag genommen hat, eine Zäsur einzuführen: die Zäsur zwischen dem, was leben, und dem, was sterben muss.»37 Die zweite Funktion des Rassismus besteht darin, dieses Töten zu ermöglichen: als Rassismus «kriegerischen Typs» macht er das eigene Leben vom Sterben beziehungsweise Töten des Feindes beziehungsweise des Anderen abhängig. Dabei bedeutet «der Tod des Anderen nicht einfach mein Überleben in der Weise, dass er meine persönliche Sicherheit erhöht»; vielmehr geht es auch hier darum, dass «der Tod des Anderen, der Tod der bösen Rasse, der niederen (oder degenerierten oder anormalen) Rasse das Leben im allgemeinen gesünder machen [wird]; gesünder und reiner».38 Rassismus ist also jene Funktion in einer Gesellschaft, die das Gesunde vom Kranken scheidet, und zwar in dem Masse, wie das «Gesunde» auf der Ebene des Volkskörpers gesucht wird; Rassismus ist eine Zäsur, eine Selektion, welche die als «krank», als «fremd», als «unrein» oder als «rassisch anders» vorgestellten Teile der Bevölkerung kennzeichnet und ausscheidet. Das impliziert nicht unbedingt die tatsächliche Tötung des Anderen, sondern beginnt schon bei der diskursiven und darauf aufbauend der sozialen Ausgrenzung beziehungsweise beim sozialen Tod dieser Menschen. Mit anderen Worten: Während die erste Funktion des Rassismus darin besteht, eine Zäsur einzuführen zwischen Gesundheit/Leben einerseits und Krankheit/Tod anderseits, liefert die zweite Funktion des Rassismus die für die Durchsetzung dieses Schnitts notwendige phantasmagorische Energie. Man muss sich den Anderen in rassistischen

36.

Idem, In Verteidigung der Gesellschaft (Anm. 32), S. 294.

37.

Idem, S. 295 (Hervorhebung durch uns).

38.

Idem. S. 296. 54

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Kategorien vorstellen, um ihn verachtenswert zu finden und hassen zu können. Uns scheint jedenfalls, dass August Forel am besten von Foucaults Konzept des Rassismus als Zäsur her zu verstehen ist. Seine diskursive - und in der Klinik Burghölzli praktische - Anstrengung, die «Kulturbarbaren» durch eine tiefe Zäsur von den «Gesunden» zu scheiden, scheint auf den ersten Blick nicht rassistisch im traditionellen Sinne des Begriffs zu sein, und ein solcher Verdacht scheint überdies von seiner Biografie und seinen persönlichen Ansichten und Haltungen widerlegt zu werden. Erst die Analytik Foucaults kann sichtbar machen, dass erstens die Zäsur, die Forel zwischen der «Kulturmenschheit» und den Anderen unermüdlich vornahm, bei ihm und bei allen Eugenikern in der Zeit vor dem und um den Ersten Weltkrieg auf ein imaginäres biologisches Substrat der wie auch immer vage definierten eigenen «Rasse» bezogen war. Zweitens vermag Foucaults Machtanalyse sichtbar zu machen, dass die eugenische Zäsur in jener «unschuldigen» Zeit, das heisst noch vor allen rassistischen Genoziden des 20. Jahrhunderts, ohne die Energie eines rassistischen Imaginären kaum vorstellbar war. An sich wäre eine rein eugenische Zäsur ohne jede rassistische Aufladung denkbar (heute scheinen wir uns in diese Richtung zu bewegen) - Forel aber gehört in eine Zeit, in der das als «krank», «minderwertig» oder «degeneriert» wahrgenommene Andere systematisch und diskursnotwendig mit rassistischen Konnotationen belegt wird. Seine «unqualifizierten», «unwissenschaftlichen», scheinbar beiläufigen Bemerkungen über Schwarze und Gelbe gehören daher nicht zum Rand seines Diskurses, sondern bilden dessen phantasmagorischen Kern. IV. Strategien der Ausgrenzung: Klassifizieren und Intervenieren bei Forel Wir möchten im Folgenden den um diesen phantasmagorischen Kern herum strukturierten Diskurs Foreis - beziehungsweise jenen Diskurs, in den sich Forel als einer der prominentesten Autoren einschrieb und den er entscheidend vorantrieb - genauer analysieren. Dabei stehen die Begriffe «Rasse» und «Sexualität» im Zentrum, die zur Kategorisierung der Fremden und Anderen bei Forel besonders wichtig sind. 55 -- 13 of 29 -A. Theorien der «Rasse» Den Begriff der «Rasse» entlehnt Forel der biologischen Systematik, welche die menschliche Art in mehrere «Rassen» unterteilt; die Vorstellung von der Existenz verschiedener «Rassen» übernimmt er in einem anthropologischen und entwicklungsgeschichtlichen Sinn von Autoritäten wie - selbstverständlich - Charles Darwin, aber auch dem Zürcher Anthropologen Rudolf Martin (1864-1925), der mit seinem mehrfach aufgelegten Lehrbuch der Anthropologie Generationen von Anthropologen prägte.39 Forel bemerkt allerdings, dass im alltäglichen Sprachgebrauch mit dem Wort «Rasse» meist nicht die zoologische Unterart gemeint sei, sondern die «Gesamtheit der normalen, gesunden, charakteristischen, wohlausgebildeten Eigenschaften eines lebenden Typus».40 Daraus folge ein von der Anthropologie abweichender Gebrauch des Begriffs: «Wenn man sagt: Dieser Hund, dieser Mann hat <Rasse> - so heisst es so viel wie: er ist schön, wohlausgebildet, gesund, normal, kein Bastard, kein verschwommener Mischling, kein krankhaft degeneriertes Wesen. In diesem Sinn, und nicht für die Unterart, wollen wir das Wort Rasse anwenden [...].»"" Durch diese umgangssprachliche Wendung beziehungsweise Verwendung des Begriffs wird es Forel möglich, das Attribut «Rasse» als Qualitätsmerkmal und als Norm einer bestimmten Gruppe einzusetzen, eine Norm, von der dann jede Abweichung als Qualitätsverlust an «Rasse» verstanden wird. Das manifestiere sich direkt in ihren Keimen, denn «die <Rasse> [liegt] in den Keimzellen, aus welchen ein Individuum stammt».42 Die Behinderten beispielsweise werden auf diese Weise als Träger und Trägerinnen schlechter Keime wahrgenommen, die keine «Rasse» enthalten. Es gibt zudem milieubedingte Faktoren, die schlechte Keime und damit «Rassenentartung» produzieren: Alkoholkonsum und Geschlechtskrankheiten, ebenso eine «ungesunde Lebensweise».43

39.

Der Verweis auf Martins Lehrbuch findet sich bei Forel, A. in Der Weg zur Kultur (Anm. 24), S. 117.

40.

Forel, A., Rassenentartung (Anm. 27) S. 9 1.

41.

Idem.

42.

Idem.

43.

Idem. 56

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Auch mit dieser Form der Begriffs Verwendung ist Forel indes nicht besonders konsequent. Die Träger «schlechter Keime» verlieren zwar ihre «Rassenzugehörigkeit» und gefährden die «Rasse», doch Forel verwendet meist den Begriff der «Entartung», wenn es um diesen Qualitätsverlust im (anthropologisch verstandenen) Rahmen der weissen «Rasse» geht. Explizit hingegen setzt er den Rassenbegriff zur Kennzeichnung angeblicher qualitativer Unterschiede zwischen den verschiedenen «Menschenrassen». So entwirft er in der Sexuellen Frage die Entwicklungsgeschichte der Menschheit nach Darwin'schem Muster und in den Kategorien der physischen Anthropologie: Das Gehirngewicht, die Gehirngrösse und der unterschiedliche Körperbau der «Pygmäen Stanleys, ([der] Akkas), [der] Weddas, selbst [der] Australier und [der] Neger»44 auf der einen Seite würden auf eine bloss weit entfernte Verwandtschaft mit der weissen «Rasse» deuten.45 Diese «sogenannten europäischen arischen Rassen» auf der anderen Seite seien ein Gemisch,46 das jedoch als Mischung keine Gefahr bedeute, da die einzelnen Komponenten zur «Kulturmenschheit» gehörten. Der Kampf gegen europäische Rassenmischungen sei daher «vollendeter Unsinn»47 - ausserhalb der Grenzen Europas aber drohe Gefahr durch Menschen, «die zwar zoologisch zur Species homo sapiens gehören, weil sie leider mit unsern Kulturmenschen noch Mischprodukte geben».48 Man sieht, wie paradox und zugleich zwingend Foreis Argument ist: Während sein gesamter Diskurs auf dem Rassenbegriff beruht, um überhaupt die Vorstellung einer Zäsur plausibel zu machen, welche die Anderen ausgrenzt, braucht er den Begriff der Rasse für Europa nur mit dem distanzierenden Marker «sogenannt» und verwahrt sich gegen die Vorstellung eines Rassenkampfes innerhalb Europas. Hier kann Forel getrost Antirassist sein - die «fremden Rassen» sind durch die Zäsur schon ausgegrenzt. Forel argumentiert auf eine verwirrende Weise immer zugleich innerhalb und ausserhalb «rassischer» Kategorien. Oder vielleicht genauer: Während seine bewussten Forel, A., Die sexuelle Frage (Anm. 1 ), S. 3 5.

45.

Forel, August, «Der Supranationale Friede», Holländische Nachrichten, Sondernummer, Haag, 1916, S. 3.

46.

Idem, S. 2.

47.

Forel, A., Der Weg zur Kultur (Anm. 24), S. 118.

48.

Forel, A., Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6), S. 6. 57

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Argumente «nur» eugenisch sein wollen, ist sein Diskurs, beziehungsweise ist der Diskurs, in den er sich einschreibt, rassistisch. Bezeichnend dafür ist, dass Forel das breite anthropometrische Zahlenmaterial nicht benutzte, das damals unter anderen von Rudolf Martin zur Verfügung gestellt wurde, dass er sich dezidiert von den gängigen Rassentheorien distanzierte: «Auf die dogmatischen Anschauungen eines Gobineau oder Vacher de Lapouge», schreibt er 1908 im Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie, «gehe ich hier nicht ein; es ist zu viel Phantasterei dabei».49 Foreis Paradoxie ist mit Foucault zu lesen: Forel «ist» zugleich Rassist und Antirassist, weil es ihm auf einer intentionalen, argumentativen Ebene weniger um Rassenreinheit als um Gesundheit geht. Das Konzept der Rasse dient dazu - und zwar nicht einfach als «Instrument», sondern als Diskursmuster, ja als unverzichtbares, seine gesamte Wahrnehmung strukturierendes Phantasma - die Zäsur zu fordern, den Schnitt zu denken und das Messer zu führen. B. «Entartung» und Identität Ganz im Sinn der systematischen Zoologie und Botanik nach Linné verwendete Forel den Begriff der «Art». Als Homo sapiens bildet die Menschheit eine Art, welche wiederum in Unterarten oder «Rassen» unterteilt ist.50 Die Worterweiterung «Entartung» verweist mit dem Präfix «Ent-» auf einen Bereich ausserhalb der «Art» und auf den Verlust bestimmter Kriterien der «Art». Im Brockhaus aus dem Jahr 1895 findet sich das Lemma «Ausartung, Entartung, Zurückartung»,51 das «Entartung» als einen Rückschlag oder Atavismus auf eine frühere Entwicklungsform beschreibt, allerdings auf Kulturpflanzen und Tiere beschränkt. Der Eintrag aus dem Jahr 1929 unterscheidet unter dem Lemma «Degeneration, Entartung» drei verschiedene Arten: die dem Sinn von 1895 entsprechende, auf das Tier- und Pflanzenreich beschränkte Anwendung, an zweiter Stelle die auf die «Rassenhygiene» bezogene, an dritter Stelle die auf Gewebe und Zellen angewandte. Der zweite Aspekt ist hier interessant: er bezeichnet eine «auf Veränderung der Erbmasse

49.

Forel, August, «Gelbe und weisse Rasse. Ein praktischer Vorschlag», Archiv för Rassen- und Geselhchaftsbiologie, 2 (1908), S. 2 4 9 - 2 5 1, hier S. 2 5 0, Anm. Im Anhang der Sexuellen Frage bespricht Forel das Werk von Vacher de Lapouge, Les sélections sociales, Paris, 1896, noch weit gehend positiv. Vgl. Forel, A. (Anm. 1), S. 583 f.

50.

Vgl. Forel, A., Rassenentartung (Anm. 27), S. 89.

51.

Brockhaus'Konversations-Lexikon. 2. Bd., Leipzig/Berlin/Wien, 1895, S. 140. 58

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beruhende Minderwertigkeit, eine dadurch bedingte Verschlechterung der Art (Genus), zum Beispiel einer Rasse, in körperlicher und geistiger Hinsicht».52 Beim Menschen sei die Degeneration meist Ursache einer Schädigung der Keimzellen, und die Vererbung spiele eine wesentliche Rolle. Der Brockhaus-Eintrag von 1929 entspricht der Verwendung des Begriffs «Entartung» durch Forel. Der Begriff «Entartung» taucht bei ihm in textlicher Nähe zur «Art» auf und verweist auf die Anderen, die bestimmte «Rassenmerkmale» oder eben Artmerkmale - nicht mehr mit sich bringen: «minderwertige Individuen, die zwar zur Art gehören, aber in ihren Rasseneigenschaften, wie man sich ausdrückt, degeneriert, das heisst entartet sind».53 Zwar gehören die Anderen noch zur Art, die Semantik des Worts verweist jedoch auf eine Begrenzung der Art und darauf, dass die «Entarteten» ausserhalb dieser Grenzziehung zu finden sind. Die zoologische Zugehörigkeit wird von innen her durch einen Signifikanten ausgehöhlt, der sie ihrer Mitgliedschaft zu der menschlichen Art beraubt. Die Anderen werden im wortwörtlichen Sinn entmenschlicht und aus der Art des Homo sapiens ausgeschlossen. Diese Entmenschlichung sieht der Historiker Hans-Walter Schmuhl als eine der Folgen «rassischer Überformung gesellschaftlicher Bruchlinien».54 Eine als «Rasse» stigmatisierte Minderheit könne so aus der menschlichen Gattung ausgegrenzt werden - «als Parasit, Ungeziefer oder Krebsgeschwür».55 Dieser Prozess der Entmenschlichung lässt sich auch in den Texten Foreis verfolgen, denn die Anderen sind nicht nur «entartet», sondern sie werden zu «Untermenschen», «Schmarotzern» und «Schädlingen», welche die Gesellschaft «verpesten».56 Das entomologische Vokabular ist dem passionierten Ameisenforscher (wie anderen Eugenikern) in die Rede gerutscht und öffnet den semantischen Raum für die Gleich-

52.

Idem, 4. Bd., Leipzig, 1929, S. 466.

53.

Forel, A., Rassenentartung (Anm. 27), S. 91 (Hervorhebung im Original).

54.

Vgl. Schmuhl, Hans-Walter, <«Rassen> als soziale Konstrukte», Politische Kollektive. Die Konstruktion nationaler, rassischer und ethnischer Gemeinschaften, h g. von Ulrike Jureit, Münster, 2001, S. 163-179, hier S. 175.

55.

Idem, S. 175.

56.

Siehe z. B. Forel, A. Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6 ), S. 14, 2 7, oder idem (Anm. 22), S. 19. 59

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Setzung «entarteter» Menschen und Insekten.57 Die Verwendung des Begriffs «Schädlinge» für unerwünschte und ausgegrenzte Menschen bringt für die heutige Leserin Konnotationen mit sich, die bis zu den Gaskammern in Auschwitz reichen. Mit dieser Konsequenz konnte Forel seine Verwendung nicht denken, und doch hallt in diesem Zusammenhang seine 1909 gestellte Frage nach: «Wen soll man nicht züchten (ausmerzen)?»58 Beim Operieren mit den Begrifflichkeiten «Rasse», «Art» oder «Entartung» geht es um Grenzziehungen. Die Grenzen sollten stabil und undurchlässig sein. Der spezifisch «rassischen» Markierung solcher gesellschaftlichen Bruchlinien ordnet Schmuhl bestimmte Bedingungen zu.59 So geht dem Zuschreibungsprozess ein starkes Machtgefälle voraus, das sich im Zuschreibungsprozess als Definitionsmacht manifestiert. August Forel hatte als erfolgreicher Wissenschafter und Psychiater die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen, und sein Sprechen erschien als legitim und autoritativ. In einem diskursanalytischen Sinn kann man vom passenden «Ort des Aussagens»60 sprechen, den Forel innehatte. Ebenso waren Forel die Regeln und Techniken des Diskurses zugänglich. Er kannte die Logik der wissenschaftlichen Rede, welche seine Aussagen einem bestimmten disziplinären Feld zuschrieb.61 Die Abgrenzungen des Anderen und Fremden funktionieren immer im Zusammenhang mit Selbstzuschreibungen. Die dominante Gruppe mit ihrer Zuschreibungs- und Definitionsmacht bestimmt, was «normal» und was als abweichend und nicht normal markiert wird. Die Anderen dienen als Hintergrundfolie, vor der die positiven Eigenschaften der dominanten Gruppe abgehoben und die Einheit und Identität der eigenen Gruppe konstruiert werden können.62 Den Ausgegrenzten wird ein bestimmter Platz zugewiesen, der

57.

Vgl. Jansen, S. (Anm. 5), S. 141-184.

58.

Forel, A., Rassenentartung (Anm. 27), S. 122.

59.

Vgl. Schmuhl, H.-W. (Anm. 54), S. 173 f.

60.

Vgl. Mainguenau, Dominique, L'Analyse du discours. Introduction aux lectures de l'archive, Paris, 1991.

61.

Vgl. Foucault, Michel, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt a. M., 1996 (Orig. L'ordre du discours, Paris, 1972), S. 22-25.

62.

Vgl. dazu etwa Singer, Mona, Fremd. Bestimmung. Zur kulturellen Verortung von Identität, Tübingen, 1997, S. 30. 60

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durch ihre Unterlegenheit legitim erscheint. Forel sieht seine Interventionen vor diesem Hintergrund gerechtfertigt: Die Fremden und Anderen versagen in ihrer Kulturanpassung, sie werden den geforderten Standards nicht gerecht. Als Behinderte, Prostituierte und andere sozial Deviante verspielen die Anderen ihre Zugehörigkeit zur eigenen Gesellschaft und zur Menschheit, sie «entarten». Sind die Anderen gar «Neger», verpassen sie den Anschluss an die «Kulturmenschheit»; für sie ist längerfristig kein Platz mehr vorgesehen: «Endlich die menschlichen Rassenfragen. Welche Rassen sind für die Weiterentwicklung der Menschheit brauchbar, welche nicht? Und wenn die niedrigsten Rassen unbrauchbar sind, wie soll man sie allmählich ausmerzen?»63 Solche Sätze gehören zwar zur bösartigen, dunkeln, exterminatorischen Form des Rassismus tout court; sie sind das schwarze Loch im Zentrum von Foreis Diskurs. Doch die diskursive Anstrengung, die eigenen Fremden, die Anderen innerhalb der «Kulturmenschheit» auszuschliessen, nimmt in den Texten Foreis einen weitaus bedeutenderen Platz ein. Da die Grenze zu ihnen weniger klar ist, erscheinen sie gefährlicher - daher wird diese Grenze «ethnisiert» beziehungsweise «rassifiziert», denn «erst eine Biologisierung des Identitätskonstrukts garantiert die Unüberschreitbarkeit der Grenze».64 Das Merkmal der «rassischen» Zugehörigkeit verschärft diese Grenzziehung merklich, die Behinderten tragen ihr «Entartungszeichen» in sich und geben dieses Kainszeichen an ihre unerwünschten Nachkommen weiter. Darüber will Forel sprechen, und doch scheint das nicht einfach zu sein. Trotz der scheinbar überlegenen Diskursstrategie der Biologisierung verrät Foreis Sprache seine exzessive Anstrengung, die eigenen Fremden auszugrenzen. Seine Signifikantenkette ist kaum zu stoppen: rachitisch, tuberkulös, siech, dumm, moralisch defekt, willensschwach, krankhaft leidenschaftlich, impulsiv, boshaft, streitsüchtig, haltlos [...]. Einer Zuschreibung folgt atemlos die nächste, wie wenn dadurch die vorangegangene stabilisiert, der Begriff fixiert werden könnte und damit die Identität erstarren würde. Doch die Fixierung findet nicht statt. Die vielen Adjektive umkreisen vielmehr einen Identitätskern, der sich nicht genau bestimmen lässt. Und sie verkörpern mit ihren Assoziationen all das, was «wir» nicht sind oder nicht sein wollen: die Anderen. Forel, A. (Anm. 10), S. 158. Titzmann, Michael, «Aspekte der Fremdheitserfahrung. Die logisch-semiotische Konstruktion des <Fremden> und des <Selbst>», Fremdheitserfahrung und Fremdheitsdarstellung in okzidentalen Kulturen. Theorieansätze. Medien/Textsorten, Diskursformen, hg. von Bemd Lenz/Hans-Jürgen Lüsebrink, Passau, 1999, S. 89-114, hier S. 108. 61 -- 19 of 29 -C. Sexualität und Biopolitik Es hat sich schon bei der ersten Charakterisierung der Texte Foreis im zweiten Kapitel gezeigt, dass bestimmte Themen bevorzugt zur Beschreibung der Fremden und Anderen dienten. Dabei spielte der Topos der unkontrollierten Sexualität eine zentrale Rolle, welche die Verwandtschaft von «wilden Barbaren» und «Kulturbarbaren» beweise. Diese Vorstellung der exzessiven Sexualität der «Minderwertigen» gehörte zum Kernbestand des rassistischen Denkens. Auch George Mosse hat darauf hingewiesen, dass nicht nur Schwarze und Juden immer wieder auf diese Weise stigmatisiert wurden: «[...] die Geisteskranken, Homosexuellen und Gewohnheitsverbrecher teilten das Stigma, ihre Leidenschaften - von sexueller Begierde bis hin zu mörderischer Wut - nicht zügeln zu können.»65 Gerade die Figuren des triebhaften Aussenseiters und des triebhaften Schwarzen zeigen, wie der Rassismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts an ältere Diskurse anknüpfte und sich mit neuen Argumenten anreicherte. Die exzessive Sexualität der Schwarzen war ein Topos, der sich über Jahrhunderte festgeschrieben hatte.66 Für Forel war klar, dass diese exzessive Leidenschaft zu den «Rasseneigentümlichkeiten» der Schwarzen gehörte,67 und er bestätigte diese rassistischen Diskursmuster, wenn er das Stigma der Triebhaftigkeit auf die «Schwarzen» im Innern - die Prostituierten, die Juden, die Behinderten und die Kriminellen - übertrug. Die Sexualität der Anderen entspricht nicht der Norm und wird pathologisiert: die Prostituierten sind «krankhaft sexuell erregbar»,68 die Behinderten sind «krankhaft leidenschaftlich»69. Das bedeutet auch, dass die gelebte Sexualität der Fremden kein Ausdruck von Liebe und Zuneigung sein kann. Liebesgefühle waren der zivilisierten Norm vorbehal-

65.

Mosse, George L., Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt a. M., 1996, S. 11 (Orig. Towards the Final Solution, A History of European Racism, New York, 1978).

66.

So betonte schon das klassische Altertum die Sinnlichkeit und die Schamlosigkeit der Schwarzen. Vgl. Poliakov, Léon, Der arische Mythos. Zu den Quellen von Rassismus und Nationalismus, Hamburg, 1993, S. 158 f. (Orig. Le Mythe aryen, 1971). Poliakov referiert die Ergebnisse von Jordan, Winthrop D., White over Black. American Attitudes Toward the Negro, 1550-1812, Chapel Hill, University of North Carolina Press, 1968.

67.

Forel, A. (Anm. 1),S. 193.

68.

Idem, S. 3 0 0.

69.

Forel, A., Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6), S. 9. 62

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ten, sprich dem weissen, bürgerlichen Mann und seiner Gattin. Die Triebhaftigkeit der Ausgegrenzten verunmöglichte höhere Gefühle: "[...] there is one thing that savages do not do in sexological representations: they never make love."70 Der Sexualwissenschafter Forel kommt für die arabische Welt zum gleichen Schluss: Liebe ist für die Araber gleich «Geschlechtstrieb».71 Konkreter, ja gefährlicher erschien Forel allerdings ein anderer Charakterzug im Sex der Anderen und der Fremden. Er diagnostiziert in der analogisierenden Weise, die seinen Diskurs prägt, zugleich die «grosse Fruchtbarkeit» der «inferioren Menschenrassen» und die «kaninchenmässige Vermehrung» der Anderen innerhalb der eigenen Gesellschaft.72 So schreibt er im Zusammenhang seiner Polemik gegen die neomalthusianische Propaganda zur Empfängnisverhütung: «Solche Neomalthusianer rechnen auch nur mit Quantitäten und nicht mit Qualitäten und stellen merkwürdig naive Rechnungen auf [...] und merken nicht, dass bei der Art ihres Vorgehens nicht nur die Neger und die Chinesen, sondern auch unter unseren eigenen Völkern die blödesten und rohesten Schichten sich am wenigsten um ihre starren Maximen kümmern [...]. Die Nord-Amerikaner und die Neuseeländer, bei welchen der Neomalthusianismus sehr verbreitet ist, lassen infolgedessen ein bedenkliches Sinken der Geburtszahl und der besseren Arbeitskräfte wahrnehmen, während bei den Ersteren Neger und Chinesen wuchern.»73 Wie wir im Kapitel II gesehen haben, hat die ausgeprägte Fortpflanzungsfähigkeit, die Forel den Anderen und Fremden zuspricht, ein gefährliches Potenzial: Die Barbaren kontaminieren das Erbgut der «Kulturmenschheit» durch ihre schlechten «Rassenmerkmale», wie sie in ihren Keimen angelegt sind. In der programmatischen Schrift Die Vereinigten Staaten der Erde wird die textliche Nähe zwischen den «rassisch» Fremden und den eigenen Anderen besonders deutlich, wenn Forel im Kapitel «Die Eugenik oder mensch-

70.

Carter, Julian, "Normality, Whiteness, Authorship. Evolutionary Sexology and the Primitive Pervert", Science and Homosexualities, hg. von Vernon A. Rosario, New York/London, 1997, S. 155-176, hier S. 159 (Hervorhebung im Original).

71.

Forel, A. (Anm. 1 ), S. 151.

72.

Idem, S. 4 4 0, 5 1 9. Idem, Ethische und rechtliche Konflikte ( A n m. 26), S. 36. Idem, «Zur Rassenfrage» ( A n m. 5), S. 1. Idem, Malthusianismus oder Eugenik? ( A n m. 6), S. 8, 19, 2 7. Idem, Der Weg zur Kultur (Anm. 24), S. 127.

73.

Forel, A. (Anm. 1), S. 456. 63

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liehe Zuchtwahl» sein eugenisches Programm vorstellt: Er fordert die «Vertilgung der schlimmsten Keime und [...] die Vermehrung der guten [Keime]»74 im Innern der Gesellschaft, und - mit Verweis auf die «Kolonialfrage» zugleich die «Sterilisierung der schlechten Rassen».75 Auch wenn nicht klar ist, was das in der Praxis hätte heissen sollen, wird doch deutlich, dass das Wohl des überindividuellen «Volkskörpers» nicht nur durch Abwendung der «Degeneration» im Innern geschützt werden musste, sondern auch gegen die von aussen drohende Gefahr der «Rassenmischung», wie sie sich in den besonders «degenerierten» «Mulatten» zeige. Am bedrohlichsten in dieser Hinsicht allerdings erschien Forel nicht die Vermischung mit Schwarzen, sondern die «rassenbedrohende» Vermischungsgefahr, die von der «mongolischen Rasse» ausging.76 Die Zuschreibung der exzessiven Sexualität an all diese «Minderwertigen» implizierte allerdings ein heikles Problem. Forel stellte sich die Frage, wie mit dem Sex der «Anderen» und der «Fremden» umzugehen sei. Das war keine nebensächliche Schwierigkeit, wie eine erneute Erinnerung an ein foucaultsches Konzept deutlich zu machen vermag. Dieser hat bekanntlich mit dem Begriff der «Bio-Politik» das Problem der Sexualität in einer sehr grundsätzlichen Weise aufgeworfen. Der Sex ist aus dieser Perspektive das Scharnier, in dem Bevölkerungspolitik und die Disziplinierung der Individuen ineinander greifen, ja, «der Sex eröffnet den Zugang sowohl zum Leben des Körpers wie zum Leben der Gattung».77 Daher setzt Biopolitik beim Sex an bei der Regulierung der individuellen Sexualität als der in der Moderne konkurrenzlosen «Chiffre der Individualität»78 wie auch bei der Regulierung des Lebens ganzer Bevölkerungen, vor allem ihres Fortpflanzungsverhaltens79. Aus diesem Grund stellte sich auch für Forel, der nicht zufällig Die Sexuelle Frage als sein Hauptwerk publizierte, die eigentliche gesellschaftspolitische

74.

Forel, A., Der Weg zur Kultur (Anm. 24), S. 126.

75.

Idem, S. 127. Vgl. auch idem. Zur Rassenfrage (Anm. 6), S. 1.

76.

Forel, A., «Über Ethik» (Anm. 9), S. 580. Idem, Die sexuelle Frage (Anm. 1 ), S. 520. Idem, «Alkohol und Geschlechtsleben» (Anm. 14), S. 14.

77.

Foucault, M., Der Willezum Wissen (Anm. 32), S. 174.

78.

Idem, S. 174.

79.

Vgl. dazu Sarasin, Philipp, «Die Erfindung der <Sexualität> von der Aufklärung bis Freud. Eine Skizze», SOWI, 2/2002, S. 3 4 - ^ 4. 64

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Frage, auf die es ihm ankam, grundsätzlich als eine sexuelle: Wie ist die Fortpflanzung zu regulieren? Wie kann die Fortpflanzung der «Wertvollen» angeregt, jene der «Minderwertigen» unterbunden werden? Das war ein zentrales Problem: Ist denjenigen, deren Fortpflanzung nicht erwünscht ist, der Sex zu verbieten und Keuschheit zu predigen, so wie dies die Sittlichkeitsvereine taten?80 Forel war nicht dieser Ansicht, sondern propagierte die konsequente Trennung von Sexualität und Fortpflanzung der «Minderwertigen». Menschen, die keine Kinder haben sollen, müssten empfängnisverhütende Mittel gebrauchen. Sie könnten ihre sexuellen Bedürfhisse befriedigen, «ohne fürchten zu müssen, dass sie damit die Welt mit unglücklichen, unbrauchbaren Krüppeln bereichern helfen».81 Gleichzeitig befürwortete Forel Sterilisation und Kastration, um diese Menschen an der Fortpflanzung zu hindern. In den 1890er-Jahren führte er solche Eingriffe auch an Patienten und Patientinnen am Burghölzli durch und verhehlte seine eugenischen Absichten nicht: «Damals war es Mode, Hysterische therapeutisch zu kastrieren und ich nahm diese Mode als Vorwänd für mein Vorgehen, das in Wirklichkeit nur einen sozialen Zweck hatte.»82 «Sozial» bedeutet hier: eugenisch. Dem kontrollierten Sex der «Minderwertigen» mit seinen Verhütungsmitteln und Sterilisationen auf der einen Seite entsprach konzeptionell der prokreative und verantwortliche Sex der Gesunden. Mit seiner Idee einer «richtig» gelebten Sexualität und des «richtigen» Sexualpartners appellierte Forel an die Verantwortung der Individuen - konkret der Leserinnen und Leser seiner Sexuellen Frage. Diese Verantwortung allerdings wog schwer: Das Paar, das sich im (Ehe-)Bett zusammenlegte, trug nicht nur für seine eigene physische und mentale Gesundheit die Verantwortung, sondern auch für die Gesundheit der kommenden Generationen.83 Forel verpflichtete mit seinem «Gebot der sexuellen Moral» die Eltern darauf, ihre Interessen hinter die des «Volkskör-

80.

Vgl. dazu Puenzieux, Dominique/Ruckstuhl, Brigitte, Medizin, Moral und Sexualität. Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten Syphilis und Gonorrhöe in Zürich 1870-1920, Zürich, Chronos, 1994.

81.

Forel, A., Die sexuelle Frage (Anm. 1 ), S. 419.

82.

Idem, S. 3 8 2.

83.

Vgl. Planert, Ute, «Der dreifache Körper des Volkes: Sexualität, Biopolitik und die Wissenschaft vom Leben», Geschichte und Gesellschaft, 26 (2000), S. 539-576, hier S. 575. Sarasin, Philipp, Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765-1914, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 2001, S. 433-451. 65 -- 23 of 29 -pers» zu stellen: «Du sollst durch deinen Sexualtrieb und durch deine sexuellen Taten weder den Einzelnen, noch vor allem die Menschheit schädigen, sondern das Glück beider fördern.»84 Neben den düsteren Zukunftsbildern einer degenerierten Gesellschaft erscheinen bei Forel daher auch die Bilder einer «gesunden» Zukunft. Sein Utopia war, dies hier nur nebenbei, ganz in entomologischen Grossen organisiert:85 Der menschliche Egoismus sollte endlich zu Gunsten eines bienenfleissigen und ameisenemsigen Altruismus verschwinden.86 Diese Zukunft schien für Forel mittels einer eugenisch normierten Fortpflanzung durchsetzbar - und beförderte so genannt «minderwertige» Menschen und «minderwertige Rassen» in eine dysgenische Vergangenheit. V. Fazit Wir haben in diesem Aufsatz zu zeigen versucht, dass August Forel keine «unschuldige» Sprache sprach. Wir haben argumentiert, dass seine unübersehbar rassistische Sprache nicht einfach eine schrullige Besonderheit eines zuweilen etwas kantigen Menschenfreundes darstellte, sondern vielmehr ein sehr präzises Instrument war: Der Rassismus diente Forel dazu, eine Zäsur herzustellen, wie Foucault sagt, eine Zäsur zwischen dem, was leben soll, und dem, was sterben muss. Forel trennte sehr genau und sehr energisch zwischen der «Kulturmenschheit» und den Andern, das heisst den «Barbaren» innerhalb des grundsätzlich positiv gewerteten europäischen «Rassengemisches», sowie den Fremden, das heisst den ebenso grundsätzlich als bedrohlich empfundenen farbigen «Rassen». Aus diesem Grund konnte Forel Antirassist und Rassist zugleich sein: Während er mit Blick auf Europa «nur» eugenisch argumentierte, fügten sich seine Aussagen zu den nichteuropäischen Völkern nahtlos ein in die dunkelsten Diskurse des exterminatorischen Rassismus, der dem europäischen Kolonialismus wie ein Schatten folgte. In den Texten Foreis wurde an den Rändern Europas eine Zäsur markiert, die sich exemplarisch mit den Schreckbildern von sexuell exzessiven und kulturunfähigen Schwarzen auflud. Exemplarisch: Denn genau diese Geste der Zäsur wieder-

84.

Forel, A., Die sexuelle Frage (Anm. 1 ), S. 444.

85.

Vgl. Jansen, S. (Anm. 5).

86.

Vgl. Forel, A., Die sexuelle Frage (Anm. 1), S. 441. 66

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holte Forel innerhalb der «Kulturmenschheit», um aus ihr jene Teile herauszuschneiden, die er als «minderwertig» qualifizierte. Dieser eugenische «Traum» einer «gesunden Gesellschaft» scheint vom plumpen Rassenhass weit entfernt, ja geradezu wissenschaftlich begründet zu sein - und doch zeigt die Analyse der Texte Foreis, dass jener tiefe Schnitt, den sein diskursives Messer ebenso geschickt fuhrt, wie er Hirnschnitte zu vollziehen und Kastrationen anzuordnen wusste, ohne Rassismus im engen Sinn des Begriffs gar nicht zu denken gewesen wäre. Résumé Le psychiatre romand Auguste Forel (1848-1931) est resté jusqu'à ce jour une figure «difficile» et pleine de contradictions. Son engagement de pacifiste et sa lutte contre les préjugés sexuels sont une des facettes de sa personnalité, son projet de société eugéniste en est une autre. Le présent article se concentre sur la logique de son discours: quels mots et quelles catégories emploie-t-il lorsqu'il parle de peuples non-européens? Quelles démarcations marque-t-il à l'intérieur de sa propre société? Les auteurs tentent de montrer que le langage d'Auguste Forel n'est pas «innocent». L'argumentation est la suivante: le langage de Forel indubitablement raciste n'est pas simplement le résultat de l'excentricité d'un philanthrope au caractère parfois un peu rugueux, mais plutôt un instrument très précis: le racisme de Forel sert à trancher, comme le dit Michel Foucault, à provoquer une coupure entre ce qui doit vivre et ce qui doit mourir. Forel tranche avec beaucoup de précision et d'énergie entre l'humanité civilisée («Kulturmenschheit») et les autres, c'est-à-dire les «barbares», à l'intérieur du «mélange des races» européen, perçu comme fondamentalement positif, et les étrangers, c'est-àdire les «races» de couleur ressenties fondamentalement comme une menace. C'est pour cette raison que Forel a pu être antiraciste et raciste à la fois: alors qu'il utilisait des arguments «purement» eugéniques pour l'Europe, ses déclarations relatives aux peuples non-européens s'ajustent parfaitement aux discours les plus sombres de ce racisme exterminateur qui suit le colonialisme européen comme son ombre. Dans les textes de Forel, on distingue aux limites de l'Europe une coupure qui acquiert un caractère exemplaire à travers les visions d'horreur de Noirs pri67 -- 25 of 29 -sonniers d'une sexualité excessive et fondamentalement incultes. Exemplaire en ce sens que Forel a répété cette même opération de coupe à l'intérieur de l'humanité civilisée pour en retrancher les parties qu'il qualifie «d'inférieurs». Ce «rêve» eugénique d'une «société saine» paraît très éloigné du racisme primitif et semble même scientifiquement fondé. L'analyse des textes de Forel montre toutefois que cette coupure profonde que le scalpel de son discours réalise aussi habilement que lorsqu'il procédait à des interventions sur un cerveau ou qu'il prescrivait une castration, ne serait pas envisageable sans racisme, au sens le plus étroit du terme. Compendio Lo psichiatra romando Auguste Forel (1848-1931) è considerato fino ad oggi come una figura «difficile» e piena di contraddizioni. Il suo impegno come pacifista e la sua lotta contro pregiudizi sessuali sono un aspetto della sua personalità, la sua concezione di una società retta da principi eugenici ne è un altro. Il presente contributo si concentra sulla logica del suo discorso: quali parole e categorie usa Forel quando scrive sui popoli extraeuropei? Quali demarcazioni vengono stabilite all'interno della propria società? Tentiamo di mostrare come il linguaggio usato da Auguste Forel non fosse «innocente», come la sua lingua visibilmente razzista non fosse unicamente la bizzarra caratteristica di un filantropo con un carattere un po' spigoloso, bensì un preciso strumento: il razzismo di Forel mirava a stabilire, come dice Foucault, una cesura, un discrimine fra ciò che può vivere e ciò che deve morire. Forel distingueva in modo molto preciso e molto energico fra l'umanità civilizzata («Kulturmenschheit») e gli altri: cioè da una parte i «barbari» all'interno di un «miscuglio di razze» europeo, percepito in modo fondamentalmente positivo, e dall'altra gli altri popoli, cioè le «razze» di colore, viste fondamentalmente come una minaccia. Per tale motivo Forel poteva essere contemporaneamente antirazzista e razzista: mentre in rapporto all'Europa egli argomentava «solo» con idee eugeniche, le sue formulazioni sui popoli extraeuropei si congiungevano senza soluzione di continuità ai discorsi più oscuri del razzismo con mire stermina68 -- 26 of 29 -trici, che accompagnò come un'ombra il colonialismo europeo. Nei testi di Forel veniva disegnata una cesura ai margini dell'Europa, che acquisiva un carattere esemplare attraverso le visioni angoscianti dei neri prigionieri di una sessualità eccessiva e fondamentalmente incapaci di civiltà. Esemplari, poiché Forel riproduceva precisamente questa operazione di cesura all'interno dell'«umanità civilizzata», per separarla da quelle parti che egli qualificava come «inferiori». Questo sogno eugenico di una «società sana» sembra molto distante dal razzismo grossolano, e appare addirittura motivato scientificamente. Tuttavia l'analisi dei testi di Forel mostra come il taglio profondo, che il suo bisturi discorsivo effettuava tanto abilmente quanto sapeva prescrivere interventi sul cervello e castrazioni, non è pensabile senza il razzismo in senso stretto. 69 -- 27 of 29 --- 28 of 29 -Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali Forel mit Foucault. Rassismus als "Zäsur" im Diskurs von August Forel In Studien und Quellen Dans Etudes et Sources In Studi e Fonti Jahr 2003 Année Anno Band 29 Volume Volume Autor Bugmann, Mirjam; Sarasin, Philipp Auteur Autore Seite 43-70 Page Pagina Ref. No 80 000 320 Das Dokument wurde durch das Schweizerische Bundesarchiv digitalisiert. Le document a été digitalisé par les. Archives Fédérales Suisses. Il documento è stato digitalizzato dell'Archivio federale svizzero.

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