Lexipedia

Entscheid

VSBES.2020.80

berufliche Eingliederungsmassnahmen und Invalidenrente

27. November 2020Deutsch35 min

3-Gefässerkrankung, hochgradige Stenose der Aorta, postoperatives Vorhofflimmern,

Source so.ch

Urteil vom 27. November 2020

Es wirken mit:

Vizepräsidentin Weber-Probst

Oberrichter Marti

Oberrichter von Felten

Gerichtsschreiberin Baltermia-Wenger

In Sachen

A.___ vertreten durch B.___

Beschwerdeführer

gegen

IV-Stelle Solothurn, Allmendweg 6, 4528 Zuchwil,

Beschwerdegegnerin

betreffend berufliche

Eingliederungsmassnahmen und Invalidenrente (Verfügung vom 27. März 2020)

zieht das

Versicherungsgericht in Erwägung:

Sachverhalt

I.

1. Der 1959 geborene Versicherte A.___

meldete sich am 4. Oktober 2016 bei der Invalidenversicherungsstelle des

Kantons Solothurn (nachfolgend: IV-Stelle) unter Hinweis auf eine koronare

3-Gefässerkrankung, hochgradige Stenose der Aorta, postoperatives Vorhofflimmern,

Diabetes mellitus Typ 2 und Dyslipämie zum Leistungsbezug an (IV-Stelle Beleg

Nr. [IV-Nr.] 2). Mit Verfügung vom 4. Oktober 2017 wies die IV-Stelle die Leistungsbegehren

in Bezug auf berufliche Eingliederungsmassnahmen und die Ausrichtung einer

Invalidenrente ab. Das Abklärungsergebnis habe ergeben, dass sich A.___

innerhalb der Wartezeit vollumfänglich in seiner Tätigkeit als Lokführer bei

der B.___ AG mit einem Pensum von 100 % eingegliedert habe (IV-Nr. 17).

2.

2.1 Am 20. August 2018 meldete sich A.___

erneut bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an (IV-Nr. 19). Geltend gemacht

wurde eine volle Arbeitsunfähigkeit vom 15. März 2018 bis 22. April 2018 und

eine bis auf Weiteres bestehende Arbeitsunfähigkeit von 50 % wegen einer

koronaren 3-Gefässerkrankung, hochgradiger Stenose der Aorta, postoperativem

Vorhofflimmern, Diabetes mellitus Typ 2 und Dyslipämie. Die Beeinträchtigungen

bestünden seit dem 11. Juni 2016. Bezüglich der aktuellen Erwerbstätigkeit gab A.___

an, seit 1. Juni 1981 als Lokführer zu arbeiten.

2.2 Mit Mitteilung vom 23. Oktober

2018 teilte die IV-Stelle A.___ mit, dass seine Leistungsbegehren erst nach

Ablauf des Wartejahres im März 2019 geprüft würden. Zu gegebener Zeit

unterbreitete die IV-Stelle die Aktenlage dem regionalen ärztlichen Dienst

(nachfolgend: RAD). Dieser hielt in der Stellungnahme vom 18. Juni 2019 fest,

dass spätestens seit dem kardiologischen Bericht von November 2018

kardiologischerseits keine dauerhaft invalidisierende Arbeitsunfähigkeit mehr

ausgewiesen sei (IV-Nr. 36). Daran hielt der RAD in der ergänzenden

Stellungnahme vom 18. Dezember 2019 fest (IV-Nr. 46). Gestützt darauf

lehnte die IV-Stelle nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (IV-Nr. 39) mit

Verfügung vom 27. März 2020 sowohl einen Anspruch auf berufliche Massnahmen

als auch auf eine Invalidenrente ab (A.S. 1 ff.).

3. Dagegen erhebt A.___ (fortan:

Beschwerdeführer), vertreten durch die B.___ AG, am 22. April 2020 Beschwerde

beim Versicherungsgericht des Kantons Solothurn (nachfolgend:

Versicherungsgericht) mit folgenden Rechtsbegehren (A.S. 6):

1. Die Verfügung vom 27. März 2020

sei aufzuheben.

2. Es sei ab März 2019 eine halbe

Rente auszurichten.

4. Die IV-Stelle (fortan:

Beschwerdegegnerin) verzichtet mit Eingabe vom 16. Juni 2020 auf eine

Beschwerdeantwort und beantragt die Abweisung der Beschwerde (A.S. 17).

5. Auf die weiteren Ausführungen

in den Rechtsschriften der Parteien wird, soweit erforderlich, in den

nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Im Übrigen wird auf die Akten verwiesen.

Erwägungen

II.

1.

Die Sachurteilsvoraussetzungen

(Einhaltung von Frist und Form, örtliche und sachliche Zuständigkeit des

angerufenen Gerichts) sind erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.

2.

Nach Art. 28 Abs. 1 Bundesgesetz

über die Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) haben jene Versicherte

Anspruch auf eine Rente, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im

Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen

wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a) und zusätzlich

während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens

40.

% arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) sowie nach Ablauf dieses

Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind. Gemäss Art. 28 Abs.

2.

IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Rente, wenn die versicherte Person

mindestens 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens

60.

% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %

besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von

mindestens 40 % ein solcher auf eine Viertelsrente.

3.

3.1

Wurde eine Rente wegen eines

fehlenden oder zu geringen Invaliditätsgrades bereits einmal verweigert bzw.

aufgehoben, so wird eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die versicherte

Person glaubhaft macht, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den

Anspruch erheblichen Weise geändert hat (Art. 87 Abs. 3 und 4 IVV). Dies gilt

in analoger Weise auch für Revisionsgesuche im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG

(BGE 130 V 351 E. 3.5.3) sowie dann, wenn die versicherte Person nach

vorausgegangener rechtskräftiger Ablehnung erneut eine Eingliederungsmassnahme

beantragt (BGE 113 V 27; ZAK 1991 S. 262 E. 1a). Mit dieser Bestimmung soll

verhindert werden, dass sich die Verwaltung nach vorausgegangener

rechtskräftiger Rentenverweigerung immer wieder mit gleichlautenden und nicht

näher begründeten, d.h. keine Veränderung des Sachverhalts darlegenden

Rentengesuchen befassen muss (BGE 130 V 68 E. 5.2.3, 125 V 412 E. 2b, 117 V 200

E. 4b).

3.2

Tritt die Verwaltung – wie im

vorliegenden Fall – auf eine Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache materiell

abzuklären und sich zu vergewissern, ob die von der versicherten Person

glaubhaft gemachte Veränderung des Invaliditätsgrades auch tatsächlich

Dispositiv

eingetreten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revisionsfall

nach Art. 17 Abs. 1 ATSG vorzugehen (AHI 1999 S. 84 E. 1b mit Hinweisen,

bezogen auf Art. 41 a.F. IVG). Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass

der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist

sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zusätzlich noch zu prüfen, ob die

festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr eine rentenbegründende Invalidität

zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche

materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (BGE 133 V 108, 117 V 198 E.

3a, 109 V 115 E. 2b).

Ob eine anspruchsbegründende Änderung in

den für den Invaliditätsgrad erheblichen Tatsachen eingetreten ist, beurteilt

sich im Neuanmeldungsverfahren – analog zur Rentenrevision nach Art. 17 Abs. 1

ATSG, s. BGE 105 V 30 – durch Vergleich des Sachverhaltes, wie er im Zeitpunkt

der Ablehnungsverfügung bestanden hat, mit demjenigen zur Zeit der streitigen

neuen Verfügung (BGE 130 V 73 E. 3.1 mit Hinweisen; AHI 1999 S. 84 E. 1b).

4.

4.1 Um den Invaliditätsgrad bemessen

zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen

angewiesen, die Ärztinnen und Ärzte sowie gegebenenfalls auch andere Fachleute

zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den

Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang

und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im

Weiteren sind ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung

der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet

werden können (BGE 132 V 99 f. E. 4, 125 V 261 E. 4).

4.2 Sowohl im Verwaltungsverfahren

wie auch im gerichtlichen Sozialversicherungsprozess gilt der

Untersuchungsgrundsatz (Art. 43 Abs. 1 und Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben

Verwaltung und Sozialversicherungsgericht den rechtserheblichen Sachverhalt von

Amtes wegen festzustellen. Diese Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über

die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen

hinreichende Klarheit besteht. Führen die im Rahmen des

Untersuchungsgrundsatzes von Amtes wegen vorzunehmenden Abklärungen den Versicherungsträger

oder das Gericht bei umfassender, sorgfältiger, objektiver und inhaltsbezogener

Beweiswürdigung (BGE 132 V 393 E. 4.1 S. 400) zur Überzeugung, ein

bestimmter Sachverhalt sei als überwiegend wahrscheinlich (BGE 136 I 229 E. 5.3

S. 236 f. mit weiteren Hinweisen) zu betrachten, und es könnten weitere

Beweismassnahmen an diesem feststehenden Ergebnis nichts mehr ändern, so liegt

im Verzicht auf die Abnahme weiterer Beweise keine Verletzung des Anspruchs auf

rechtliches Gehör (antizipierte Beweiswürdigung; BGE 134 I 140 E. 5.3 S.

148, 124 V 90 E. 4b S. 94). Bleiben jedoch erhebliche Zweifel an

Vollständigkeit und/oder Richtigkeit der bisher getroffenen

Tatsachenfeststellung bestehen, ist weiter zu ermitteln, soweit von

zusätzlichen Abklärungsmassnahmen noch neue wesentliche Erkenntnisse zu

erwarten sind (Urteile des Bundesgerichts 9C_360/2015 vom 7. April 2016

E. 3.1 mit Hinweis, 9C_662/2016 vom 15. März 2017 E. 2.2).

4.3 Im Sozialversicherungsverfahren

sind die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie

umfassend und pflichtgemäss zu würdigen (Art. 61 lit. c ATSG; BGE 125 V 352 E.

3a). Das Sozialversicherungsgericht hat alle Beweismittel, unabhängig davon,

von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die

verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen

Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden

medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte

Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und

nicht auf die andere medizinische These abstellt. Der Beweiswert eines

ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob er für die streitigen Belange umfassend

ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden

berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in

der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der

medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet

sind (BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232, 125 V 351 E. 3a S. 352).

4.4 Die Berichte

versicherungsinterner medizinischer Fachpersonen haben grundsätzlich

Beweiswert, doch kommt ihnen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft zu wie

einem Gutachten, das der Versicherungsträger im Verfahren nach Art. 44 ATSG von

einer externen Fachperson eingeholt hat oder einem Gerichtsgutachten. Zwar

lässt der Umstand, dass versicherungsinterne Fachpersonen in einem

Anstellungsverhältnis zum Versicherungsträger stehen, für sich allein noch

nicht auf mangelnde Objektivität und Befangenheit dieser Personen schliessen.

Soll ein Versicherungsfall jedoch ohne Einholung eines externen Gutachtens

entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu

stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und

Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind

ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 469 f. mit

Hinweisen).

5.

5.1 Die Beschwerdegegnerin verneinte

einen Leistungsanspruch des Beschwerdeführers in der angefochtenen Verfügung

vom 27. März 2020 (A.S. 1 ff.). Die eigenen Abklärungen hätten ergeben, dass

der Beschwerdeführer seit Beginn der einjährigen Wartezeit am 15. März 2018

vorübergehend in seiner Arbeitsfähigkeit als Lokführer eingeschränkt gewesen

sei. Aus versicherungsmedizinischer Sicht sei spätestens seit der Sprechstunde

in der C.___ am 7. November 2018 keine dauerhafte invalidisierende

Arbeitsunfähigkeit mehr ausgewiesen. In seiner angestammten Tätigkeit als Lokführer

bestehe seit diesem Zeitpunkt und somit vor Ablauf der einjährigen Wartezeit

eine Arbeitsfähigkeit von 100 %. Die erfolgte Pensenreduktion in der

angestammten Tätigkeit als Lokführer lasse sich aus versicherungsmedizinischer

Sicht nicht begründen. Die Stellungnahmen des RAD vom 18. Juni 2019 und vom 18.

Dezember 2019 bildeten einen integrierenden Bestandteil der angefochtenen

Verfügung.

5.2 Mit Beschwerde vom 22. April

2020 (A.S. 6 ff.) wendet der Beschwerdeführer ein, die Stellungnahmen des RAD

stünden im Widerspruch zu den Beurteilungen der behandelnden Ärzte, welche den

Versicherten persönlich gesehen und untersucht hätten. Im kardiologischen

Bericht vom November 2018 sei nirgends eine Stellungnahme betreffend Arbeitsfähigkeit

vorhanden. Daher könnten aus diesem Bericht keine Schlussfolgerungen zur

Arbeitsfähigkeit gezogen werden. Zudem habe sich der RAD mit den abweichenden

Beurteilungen der behandelnden Ärzte nicht auseinandergesetzt bzw. seine

abweichende Stellungnahme diesbezüglich nicht ausreichend begründet. Die

erwähnte Erschöpfbarkeit werde durch den RAD unnachvollziehbar als nicht

relevant und invalidisierend abgetan, da diese nicht weiter quantifiziert

worden sei. Im Bericht von Dr. med. D.___, FMH Allgemeine Innere Medizin, vom

4. September 2018 sei explizit darauf hingewiesen worden, dass im Rahmen der

genannten Multimorbidität die allgemeine Leistungsfähigkeit reduziert sei.

Zudem sei erwähnt, dass es nicht sinnvoll sei, den Beschwerdeführer im Rahmen seiner

Erkrankung zu überlasten und es seien diesbezüglich regelmässige Erholungen

notwendig. Es sei auch darauf hingewiesen worden, dass ein 100%-Pensum in der

angestammten Funktion als Lokführer aktuell und mittelfristig nicht möglich und

auch nicht anzustreben sei. Ein Arbeitspensum von 50 % sei sinnvoll. Im Bericht

des vom 11. März 2019 sei zur Frage von Funktionseinschränkungen vermerkt

worden, dass Palpitationen im Rahmen der Herzrhythmusstörungen vorlägen und

diese die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen könnten. Im Weiteren habe Dr.

med. D.___ in seinem Arztbericht vom 9. Mai 2019 bestätigt, dass die

angestammte berufliche Funktion neben der Schichtarbeit auch eine hohe

Anforderung an die kognitiven Fähigkeiten und die Konzentration voraussetze und

beim Beschwerdeführer aus gesundheitlichen Gründen eine erhöhte Erschöpfbarkeit

vorliege. Bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit aufgrund der

gesundheitlichen Einschränkungen sei zwingend die berufliche Belastung als

Lokführer einzubeziehen. Ein Lokführer müsse besondere

Fähigkeiten/Eigenschaften mit sich bringen, namentlich eine sehr hohe

Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit sowie eine gute Gesundheit. Aufgrund der

sehr hohen Anforderung an die kognitiven Fähigkeiten und die Konzentration

eines Lokführers sei es dem Beschwerdeführer aus gesundheitlichen Gründen nicht

mehr möglich, mehr als 50 % in seiner angestammten Funktion zu arbeiten.

6. Streitig und zu prüfen ist, ob

die Beschwerdegegnerin das im Rahmen der Neuanmeldung des Beschwerdeführers

beantragte Leistungsbegehren mit Verfügung vom 27. März 2020 zu Recht

abgewiesen hat. Ob eine anspruchsbegründende Änderung in den für den

Invaliditätsgrad erheblichen Tatsachen eingetreten ist, beurteilt sich im

Neuanmeldungsverfahren – wie unter vorstehender Erwägung II. 3 dargelegt –

durch Vergleich des Sachverhalts, wie er im Zeitpunkt der ersten

Ablehnungsverfügung – vorliegend am 4. Oktober 2017 – bestanden hat, mit

demjenigen zur Zeit der streitigen neuen Verfügung vom 27. März 2020.

7. Im Zeitpunkt der in Rechtskraft

erwachsenen ursprünglichen Verfügung vom 4. Oktober 2017 erfolgte die Ablehnung

des Leistungsbegehrens durch die Beschwerdegegnerin nicht aufgrund einer

Sachverhaltswürdigung der medizinischen Unterlagen, sondern aufgrund dessen,

dass der Beschwerdeführer noch vor Ablauf des Wartejahres per 1. April 2017

wieder in seiner angestammten Tätigkeit als Lokführer in einem 100%-Pensum

gearbeitet hatte (IV-Nr. 17). Es ist somit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit

davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer ab diesem Zeitpunkt zu 100 %

arbeitsfähig war. Im Rahmen des ersten Anmeldungsverfahren hatte die

Beschwerdegegnerin keine medizinischen Unterlagen eingeholt. Informationen zur medizinischen

Situation können daher einzig dem Anmeldungsformular und den Angaben im

Intake-Protokoll entnommen werden. Im Anmeldungsformular vom 4. Oktober

2016 wurden eine koronare 3-Gefässerkrankung, eine hochgradige Stenose der

Aorta, ein postoperatives Vorhofflimmern, ein Diabetes mellitus Typ 2 und eine

Dyslipämie geltend gemacht (IV-Nr. 2). Anlässlich des Intake-Gesprächs vom

8. November 2016 führte der Beschwerdeführer aus, dass wegen der Koronaren

3-Gefässerkrankung anfangs August 2016 die erste Operation (2 Bypässe) erfolgt

sei. Er habe sich rasch erholt. Zuhause habe er auf einmal Wasser in den Beinen

gehabt und unter Blutmangel gelitten. Innerhalb von 14 Tagen habe er sich

erholt. Danach sei die erste Reha im E.___ erfolgt. Aufgrund der hochgradigen

Stenose der Aorta sei er am 11. Oktober 2016 das zweite Mal operiert worden mit

anschliessender Reha im E.___. Das postoperative Vorhofflimmern sei nach dem

ersten operativen Eingriff aufgetreten. Durch die medikamentöse Behandlung könne

das Vorhofflimmern reguliert werden. Im Weiteren bestehe eine Dyslipidämie

(Fettstoffwechselstörung, Folge erhöhter Cholesterinspiegel) und ein Diabetes

mellitus Typ 2. Aktuell fühle er sich sehr häufig müde und schlafe sehr viel. Nach

beiden Operationen hätten ihm die Ärzte zugesichert, dass er wieder als Lokführer

arbeiten könne. Die medizinischen Unterlagen seien nun beim Vertrauensarzt der B.___.

Dieser habe zu entscheiden, ob er noch als Lokführer tätig sein könne (IV-Nr.

11).

8. Im Zeitpunkt der vorliegend

angefochtenen Verfügung vom 27. März 2020 präsentierte sich der medizinische

Sachverhalt im Wesentlichen wie folgt:

8.1 Mit Schreiben vom 26. März 2018

teilte Dr. med. F.___, Allgemeine Innere Medizin, Vertrauensarzt der G.___, dem

Hausarzt Dr. med. D.___ mit, dass eine Woche zuvor der Versuch einer

Elektroablation des Vorhofflimmerns stattgefunden habe. Der Versicherte bewege

sich in den letzten Tagen im Wechsel zwischen Sinusrhytmus und Vorhofflimmern.

In Phasen des Vorhofflimmerns sei die Leistungsfähigkeit des Versicherten

eingeschränkt. Der Versicherte sei aktuell 100 % arbeitsunfähig und solle dies

gemäss Empfehlungen des Bundesamtes für Verkehr für mindestens einen Monat nach

Elektroablation bzw. frühestens Mitte April 2018 bleiben. Bezüglich Arbeitswiederaufnahme

sei es sinnvoll, wenn der Versicherte nicht wieder ein 100%-Pensum anstrebe. In

Anbetracht der doch reich befrachteten Anamnese sei ein permanenter 50%iger

Einsatz als Lokführer durchaus denkbar (IV-Nr. 23, S. 1).

8.2 Im Bericht des H.___ vom 23.

April 2018 wurden folgende Diagnosen festgehalten:

· Hypertensive und koronare

3-Gefässerkrankung

-

Koronarangiographie

07/2016: Hauptstammplaque, grenzwertige proximale RIVA-Plaque, signifikante

Stenose mittlerer RIVA, signifikante Stenose RCX Mitte und 1. MA,

funktioneller Verschluss RCA Mitte, kollateralisiert von kontralateral

-

Status nach 2xAC-Bypass

(LIMA-RIVA und Vene-RIVPO) 08/2016, C.___

-

TTE 09/2016: LVEF 60 %,

keine LV-Hypertrophie, RV-Funktion normal

-

Ergometrie 05.09.2017: Gute

Leistungsfähigkeit (106% der Soll-Leistung), klinisch und elektrisch negativ,

eingeschränkte chronotrope Kompetenz unter Betablocker und Cordarone

-

09/2017: anamnestisch immer

noch intermittierende Palpitationsepisoden für einige Stunden, mehrmals pro

Woche, keine Dekompensation

-

TTE 22.02.2018: Leichte

linksventrikuläre Hypertrophie mit normaler Globalfunktion (EF 65%),

diastolische Dysfunktion, leicht vergrösserter linker Vorhof (45 mm); kein

relevantes Klappenvitium

-

CvRf: Status nach

Nikotinabusus bis 2014 (30py), Diabetes mellitus Typ 2 (aktuell keine

Antidiabetika mehr, diätisch), Adipositas, Dyslipidämie

· Hochgradige Stenosierung der Aorta

abdominalis vor der Bifurkation

-

Stenosierung oberhalb der

Bifurkation mit residuellem Lumen ca. 7 mm

-

Claudicatio-Beschwerden ab

200 m Wegstrecke

-

Status nach

Aorta-biliacaler Y-Prothese und Re-Implantation der A. mesenterica

inferior 11.10.2016 (C.___)

-

Postoperative

Blutungsanämie, Hb 109 g/l

-

Erneute

Claudicatio-Beschwerden rechts grösser als links

-

Duplex-sonographisch

21.07.2017: Mögliche Anastomosenstenose AIC rechts

-

Status nach Stenting

proximale AIC rechts bei relativer Stenose im Anastomosenbereich der Y-Prothese

25.08.2017; distal keine relative Stenose

-

Status nach Stenting

proximale AIC links

· Tachykardes Vorhofflimmern (ED 08/2016)

-

ED postoperativ, Status

nach erfolgloser EKV am 17.08.2016

-

CHA2DS2-VASc-Score 2 Punkte

-

Status nach Therapie mit

Amiodaron 08/2016-11/2016

-

09/2017: Dokumentiert

erneutes Vorhofflimmern, deshalb erneuter Beginn OAK mit Rivaroxaban und zur

Rhythmuskontrolle Amiodaron

-

R-Test vom 15.-22.02.2018:

Unter Betablocker und Cordarone Sinusrhythmus AV-Block I, intermittierend

tachykardes Vorhofflimmern mit Frequenzen bis 150/min (jeweils einige Stunden),

keine Pause > 3 Sekunden

-

PVI KARTO 16.03.2018 (I.___)

-

Postinterventionell kurze

Palpitationsepisoden, keine prä- oder synkopalen Ereignisse

§ R-Test 11.04.-18.04.2018: Sinusrhythmus,

intermittierende Episoden normokarden Vorhofflimmern, längste Konversion um 3

Sekunden, keine Bradykardien, keine Tachykardien, keine längeren Pausen.

· Diabetes mellitus Typ 2 unter OAD

Hinsichtlich der Befunde wurden unter

anderem ein BD 130/80mmHg, HF 71/Min, regelmässig, PQ-Zeit 180ms, R-Umkehr Vç

sowie QTc-Zeit unter Cordarone korrigiert 430 ms vermerkt. Der Versicherte

habe nach der Pulmonalvenenisolation (PVI) vom 16. März 2018 einige

unregelmässige Ereignisse verspürt, jedoch ohne Schwindel oder Präsynkopen und

keine längeren Palpitationsepisoden. Er sei aufgrund der Palpitationen vom

Hausarzt an die Kardiologie der H.___ zugewiesen worden. Die leitende Kardiologin,

med. pract. J.___, FMH Kardiologie, stellte im Rahmen der Beurteilung und dem Procedere

fest, dass nach einer Pulmonalvenenisolation kurze Vorhofflimmerphasen nicht aussergewöhnlich

seien. Hier sei eine erste Kontrolle einer allfälligen Änderung des Prozederes

nach drei Monaten sinnvoll. Somit sei hier ein zuwartendes Prozedere geplant,

der Versicherte werde in zwei Monaten, dann wie geplant sechs und zwölf Monate

nach Ablation einbestellt. Sollte der Versicherte dann längere Phasen von

weiterhin intermittierendem Vorhofflimmern haben, würde eine Redo Intervention

diskutiert. Aus kardiologischer Sicht spreche nichts gegen eine erneute

Aufnahme der Arbeitstätigkeit. Vorgeschlagen werde anfänglich 50 %. Da der

Versicherte kardial kompensiert sei, werde er die aktuelle Medikation in

unveränderter Dosierung weiter einnehmen (IV-Nr. 28, S. 13).

8.3 Im Kardiologiebericht des H.___

vom 12. Juni 2018 wurde die Diagnoseliste gemäss Vorbericht vom 23. April 2018

wiederholt (siehe Ziff. 5.2 hiervor) und bezüglich dem tachykarden Vorhofflimmern

und den postinterventionellen kurzen Palpitationsepisoden wie folgt ergänzt: «(-)

Holter EKG 08.06.-09.04.2018: Durchgehender Sinusrhythmus mit mittlerer Frequenz

von 66/min, kein Vorhofflimmern mehr». Unter Befunde wurden unter anderem ein

BD von 130/80mmHg und ein Puls von 65/min aufgeführt. Im Weiteren hielt die

Kardiologin med. pract. J.___ unter anderem fest, dass der Versicherte vier

Wochen nach der PVI arbeitsunfähig gewesen sei gemäss Vertrauensarzt der G.___.

Anschliessend habe er seine Arbeitstätigkeit zu 50 % aufgenommen. In der

heutigen Holter-EKG-Untersuchung finde sich gemäss der Anamnese kein

Vorhofflimmern mehr. Die Betablockertherapie sei heute auf Metoprolol 50 mg

reduziert worden, ebenso wie die Cordaronemedikation gestoppt. Betreffend

Risikofaktoren sei der aktuelle BD im Zielbereich (IV-Nr. 28, S. 10).

8.4 Im Abklärungsformular der G.___

vom 20. September 2018 hielt der Vertrauensarzt Dr. med. K.___, Facharzt Allgemeine

Innere Medizin und Arbeitsmedizin, unter anderem fest, dass im Rahmen der

bekannten Vorgeschichte eine Anpassung des Arbeitsvertrages aus medizinischer

Sicht bei einer Restarbeitsfähigkeit in Höhe von 50 % unterstützt werde (IV-Nr.

28, S. 7).

8.5 Im ärztlichen Bericht vom 4.

September 2018 stellte Dr. med. D.___ unter anderem fest, dass es beim

Versicherten 2016 zu einer generalisierten, ausgeprägten Arteriosklerose

gekommen sei. Sowohl die koronare Herzkrankheit wie die peripher arterielle

Verschlusskrankheit hätten mehrere Interventionen notwendig gemacht. Im Rahmen

der koronaren Herzerkrankung sei es postoperativ zu einem Vorhofflimmern

gekommen, welches ebenfalls therapeutisch habe angegangen werden müssen,

zuletzt mit einer Ablation im März 2018. Insgesamt sei der Verlauf insofern

erfreulich, als sich der Gesundheitszustand des Versicherten deutlich gebessert

habe und die Erkrankungen im Moment gut behandelt und gut eingestellt seien.

Jedoch müsse man klar erkennen, dass bei mehrfach chronischen Erkrankungen eine

Multimorbidität bestehe, sehr engmaschige Kontrollen stattfinden müssten und

eine gute medikamentöse Therapie der Erkrankungen nötig sei, auch zur Reduktion

der weiteren Arteriosklerosebildung. Der Versicherte sei gewissenhaft und

motiviert mit guter Compliance in den Selbstkontrollen und

Medikamenteneinnahme. Dies werde sicher dazu beitragen, dass man in der

Prognose davon ausgehen könne, dass die Situation unter Kontrolle bleiben könne

und nicht mit baldigen schwerwiegenden Verschlechterungen zu rechnen sei.

Trotzdem sei im Rahmen der Multimorbidität die allgemeine Leistungsfähigkeit

reduziert. Und es sei auch nicht sinnvoll im Rahmen der Erkrankungen den

Versicherten zu überlasten, regelmässige Erholungen seien notwendig. Es sei

wichtig, dass die Arbeitstätigkeit als Lokomotivführer bestehen bleibe, solange

keine Gefährdungen (Synkopen, Hypoglykämien) bestünden. Jedoch sei ein

100%-Pensum aktuell und mittelfristig nicht möglich und auch nicht anzustreben.

In der aktuellen Situation sei ein Arbeitspensum von 50 % sinnvoll (IV-Nr. 24,

S. 2).

8.6 Im Kardiologiebericht des H.___

vom 19. September 2018 wurde die Diagnoseliste gemäss Vorberichten vom 23.

April 2018 und 12. Juni 2018 wiederholt (siehe Ziff. 5.2 und 5.3 hiervor) und

in Bezug auf das tachykarde Vorhofflimmern und die postinterventionellen kurzen

Palpitationsepisoden wie folgt ergänzt: «(-) Holter EKG 17.-18.09.2018:

Durchgehender Sinusrhythmus mit mittlerer Herzfrequenz von 74/min, kein

Vorhofflimmern». Unter Befunden wurden unter anderem ein BD 130/80mmHg und HF

71/Min, regelmässig, aufgeführt. Ferner hielt die Kardiologin med. pract. J.___

unter anderem fest, dass nach einer PVI im März 2018 sich nach Sistierung der

Cordaronemedikation im Juni und Reduktion der Betablockertherapie ein

durchgehender Sinusrhythmus im aktuellen Holter-EKG finde. Sie habe eine

nochmalige Reduktion der Betablockertherapie auf 25 mg vorgenommen (IV-Nr. 28

S. 3).

8.7 Im Bericht des C.___ vom 13. November

2018 stellten Dr. med. L.___, Facharzt für Angiologie und Allgemeine Innere

Medizin, und Dr. med. M.___, Assistenzarzt, folgende Diagnosen:

1. Arterielle Verschlusskrankheit Stadium I

bds

-

Hochgradige Stenose der

Aorta abdominalis vor Bifurkation mit Abgangsstenose der A. mesenterica inferior

(ED 29.07.2016)

- 10.10.2016 aorto-biiliacaler

Y-Prothese Re-Implantation der A. mesenterica inferior, fecit Dr. N.___

-

25.08.2017 Direktstenting

der proximalen AIC rechts bei rel. Stenose im Anastomosen Bereich der

Y-Prothese,

-

29.11.2017

Duplexsonographie: Links: AIC proximal zeigt eine Flussbeschleunigung auf 2.6

m/s, einer 50 – 75%igen Stenose entsprechend, AFS distal zeigt eine

fokale mässiggradige Flussbeschleunigung auf 1.3 m/s, einer < 50%igen

Stenose entsprechend

-

11.01.2018 Angiographie:

Direktstenting der prox. AIC links

-

Arterielle Ausmessung

09.05.2018: Kompensierte Ruheperfusion bds

-

Duplexsonographie vom

09.05.2018: Stentingbereich A. iliaca communis links ohne Hinweise auf

relevante (Re-)Stenosen. Triphasisches Flussprofil in der A. femoralis

communis links.

Aktuell: Arterielle

Ausmessung vom 07.11.2018: kompensierte Ruheperfusion beidseits

2. Koronare 3-Gefässerkrankung

-

07/2016

Koronarangiographie: Hauptstammplaque, grenzwertige proximaler RIVA Plaque,

signifikante Stenose mittlere RIVA, signifikante Stenose RCX und 1. MA,

funktioneller Verschluss RCA, kollateralisiert von kontralateral.

-

08/2016 2x ACB (LIMA-RIVA

und Vena-RIFPO) C.___

-

09/2016 TTE: LVEF 60 %,

keine LV-Hypertrophie, RV-Funktion normal

3. Paroxysmales Vorhofflimmern (ED 08/2016)

-

ED postoperativ, St. N.

erfolgloser EKV am 17.08.2016

-

CHA2DS2 VASC Score 3 Punkte

-

Unter Rivaroxaban und

Amiodaron

-

03/2018: Ablation (I.___)

4. Diabetes mellitus Typ II

-

Diätisch eingestellt

-

HbA1c 6.3% (10.01.2018)

Hinsichtlich der Befunde wurde unter

anderem ein Blutdruck in Ruhe rechts von 135/89 mmHg, links 125/86 mmHg, in

Ruhe kardiopulmonal kompensiert, genannt. Die Herztöne seien rein, rhythmisch,

ohne signifikantes Herzgeräusch. In ihrer Beurteilung führten Dr. med. L.___

und Dr. med. M.___ unter anderem aus, dass sich weiterhin ein

zufriedenstellender Verlauf nach oben genannter Intervention finde. Der

Versicherte sei weiterhin beschwerdefrei. Die arterielle Ausmessung zeige eine

kompensierte Makroperfusion in Ruhe beidseits. Bei anamnestisch weiterhin

insuffizient eingestelltem LDL-Cholesterin und weiterhin Einnahme von 10 mg

Crestor solle die Statin-Therapie auf 20 mg Rosuvastatin erhöht werden mit

weiterer Therapieesklalation bis das Ziel-LDL kleiner als 1.8 mmol/l erreicht

sei. Bei beidseitigen Re-Stenosen der distalen Anastomosen mit Behandlungsbedürftigkeit

beidseits werde der Versicherte in sechs Monaten erneut klinisch und

duplexsonographisch nachkontrolliert. In der Zwischenzeit werde um eine

regelmässige hausärztliche Kontrolle der kardiovaskulären Risikofaktoren

gebeten, insbesondere der arteriellen Hypertonie und der Hypercholesterinämie (IV-Nr.

30).

8.8 Im Bericht des H.___ vom 11.

März 2019 beantwortete Dr. med. O.___, Facharzt Kardiologie und Allgemeine

Innere Medizin, die Fragen des IV-Fragebogens betreffend berufliche Integration

und Rente. Zu den allgemeinen Angaben gab Dr. med. O.___ an, dass die

erstmalige ambulante Behandlung im H.___ am 29. Juli 2016 und die letzte

Kontrolle am 8. März 2019 stattgefunden hätten. Frühere Kontrollen seien durch

Prof. P.___ und Dr. med. J.___ erfolgt, spätere Kontrollen durch ihn. Der

Versicherte sei routinemässig einmal pro Jahr in Behandlung. Hinsichtlich der

Frage zum Verlauf der bisher attestierten Arbeitsfähigkeit führte Dr. med. O.___

aus, es sei bisher keine Arbeitsunfähigkeit attestiert worden. In Bezug auf die

medizinische Situation hielt er unter anderem fest, dass es in der

Vorgeschichte des Versicherten im Jahr 2016 eine zweifache Bypassoperation

gegeben habe, postoperativ erstmaliges Auftreten von Vorhofflimmern. Zur

aktuellen medizinischen Symptomatik und Situation führte Dr. med. O.___ aus,

dass eine ausreichende körperliche Belastbarkeit bestünde, jedoch erneut

Herzklopfen. Als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er

Palpitationen im Rahmen der Herzrythmusstörungen. Ohne Auswirkung auf die

Arbeitsfähigkeit liege die Diagnose einer koronaren Herzerkrankung, stabil nach

Bypassoperation, vor. Die Prognose zur Arbeitsfähigkeit sei gut. Der weitere

Behandlungsplan sehe weitere Verlaufskontrollen mit Holter-EKG,

Echokardiographie und Fortsetzen der medikamentösen Behandlung vor. Hinsichtlich

der beruflichen Situation stellte Dr. med. O.___ zunächst fest, dass der

Versicherte gegenwärtig als Lokführer arbeite. Die Frage, welche Informationen

zur beruflichen Situation vorlägen, könne er nicht beantworten. Auch die Frage,

welche Anforderungen die aktuelle Tätigkeit an den Versicherten stelle, könne

er nicht beantworten. Auf die Fragen, welche Funktionseinschränkungen bestünden

und wie sich solche auf die bisherige Tätigkeit auswirkten, antwortete Dr. med.

O.___, dass Palpitationen möglicherweise die Konzentrationsfähigkeit

beeinträchtigen könnten. In der bisherigen sowie auch in einer dem Leiden

angepassten Tätigkeit seien dem Versicherten acht Stunden pro Tag zumutbar (IV-Nr. 32).

8.9 Im Kardiologiebericht des H.___ vom

11. März 2019 wurde die Diagnoseliste gemäss Vorberichten vom 23. April 2018,

12. Juni 2018 und 19. September 2019 (IV-Nr. 5.2, 5.3 und 5.6)

wiederholt und ergänzt mit den aktuellen Untersuchungsergebnissen: «(-) R-Test

01.03.-08.03.2019: Sinusrhythmus, mittlere Frequenz 78/min, keine Pausen > 3

sek, (-) Ergometrie 08.03.2019: Klinisch und elektrisch negativ; DP-Faktor 2.7».

Den Befunden lassen sich unter anderem ein Blutdruck von 158/91mmHg und ein Puls

von 69/min, rhythmisch, entnehmen. Gemäss Beurteilung und Procedere habe am

8. März 2019 eine Verlaufsevaluation bei koronarer Kardiopathie und

paroxysmalem Vorhofflimmern nach Pulmonalvenenisolation stattgefunden, wobei

sich der Versicherte in kompensiertem Zustand vorgestellt habe. Subjektiv sei

der Versicherte im Hinblick auf Angina pectoris und Belastungsintoleranz

beschwerdefrei. Seit wenigen Tagen träten jedoch beim Blutdruckmessen Pulsunregelmässigkeiten

auf, die ihn sehr beunruhigten. Bei der R-Test-Untersuchung, welche

routinemässig nach Pulmonalvenenisolation durchgeführt würden, zeige sich eine

mässig ausgeprägte supraventrikuläre Extrasystolie. Vorhofflimmern habe jedoch

nicht detektiert werden können. Bei ergometrisch ausreichender chronotroper

Kompetenz werde eine erneute Steigerung des Betablockerpräparats auf 50 mg

Metoprolol täglich vorgeschlagen (IV-Nr. 38, S. 4).

8.10 Am 9. Mai 2019 füllte Dr. med. D.___

den IV-Fragebogen betreffend berufliche Integration und Rente aus. Darin hielt

er unter anderem fest, der Versicherte stehe seit Januar 2014 bei ihm in

Behandlung, zuletzt am 21. März 2019. Der Verlauf der bisher attestierten

Arbeitsunfähigkeit sehe so aus, dass der Versicherte vom 15. März 2018 bis

22. April 2018 zu 100 % und vom 23. April 2018 bis 30. Juni 2019 zu 50 %

arbeitsunfähig geschrieben worden sei. In Bezug auf die medizinische Situation vermerkte

Dr. med. D.___ «Blutdruck 135/85 mmHg, kardiopulmonal kompensiert, Puls

normokard und regelmässig anlässlich Konsultation vom 21.3.2019». Hinsichtlich

der beruflichen Situation führte Dr. med. D.___ aus, die Tätigkeit als

Lokomotivführer erfordere Schichtarbeit und eine hohe Anforderung an die

kognitiven Fähigkeiten und Konzentration. Als Antwort auf die Fragen, welche

Funktionseinschränkungen bestünden und wie sich solche auf die bisherige Tätigkeit

auswirkten, nannte Dr. med. D.___ eine erhöhte Erschöpfbarkeit. Hinsichtlich

der Frage, in welchem Stundenrahmen dem Versicherten die bisherige und eine dem

Leiden angepasste Tätigkeit zumutbar seien, verwies Dr. med. D.___ auf den

beiliegenden Bericht vom 22. Januar 2019, welcher sich inhaltlich mit

jenem vom 4. September 2018 deckt (IV-Nr. 34, S. 7; A.S. 19).

8.11 In der Stellungnahme des RAD vom

18. Juni 2019 hielt Dr. med. Q.___, Fachärztin für Allgemeinmedizin und

Arbeitsmedizin, fest, dass sich der RAD bis November 2018 aufgrund der

durchgeführten kardiologischen Intervention den

Arbeitsunfähigkeitsbeurteilungen des Hausarztes anschliessen könne. Spätestens

seit dem kardiologischen Bericht vom November 2018 sei kardiologischerseits

keine dauerhaft invalidisierende Arbeitsunfähigkeit mehr ausgewiesen.

Kardiologischerseits sei der Versicherungsnehmer für acht Stunden in jedweder Tätigkeit

arbeitsfähig. Weitere medizinische Abklärungen seien nicht angezeigt (IV-Nr.

36).

8.12 In der ergänzenden

RAD-Stellungnahme vom 18. Dezember 2019 führte Dr. med. Q.___ zu den

Einwänden des Rechtsvertreters des Versicherten aus, diese könnten nicht

nachvollzogen werden. Offensichtlich habe der Rechtsvertreter den aktuellen

Hausarztbericht vom Mai 2019 nicht vollständig gelesen, in welchem auch dieser

den Versicherungsnehmer als kardiopulmonal kompensiert beschreibe und dies auch

anhand objektivierbarer Befunde darstelle: Regelrechte Blutdruckwerte, Puls

normokard und regelmässig. Zudem werde durch den Hausarzt explizit beschrieben,

dass keine Einschränkungen im Haushalt nachvollziehbar seien und keine Faktoren

benannt würden, die einer möglichen Eingliederung im Wege stünden. Erwähnt

werde lediglich eine erhöhte Erschöpfbarkeit, die nicht weiter quantifiziert

werde. Auch aus RAD-Sicht sei diese erhöhte Erschöpfbarkeit anhand der

klinischen Befunde nicht als relevant und dauerhaft invalidisierend anzusehen.

Insofern seien die vagen und zudem pauschalisierten Äusserungen des Kardiologen

des H.___: «Palpitationen könnten möglicherweise die Konzentrationsfähigkeit

beeinträchtigen» klinisch durch obengenannten und objektivierbaren und

aktuellen Befund durch den Hausarzt widerlegt, diese seien somit für den

kardial kompensierten Versicherungsnehmer nicht zutreffend. Der leitende

Kardiologe des H.___ bescheinige zudem selbst in seinem IV-Bericht sowohl in

der angestammten als auch in einer Verweistätigkeit eine 8 h – das heisse

eine volle – Arbeitsfähigkeit und gehe somit mit der RAD-Beurteilung konform.

Insofern halte der RAD weiterhin an der auch kardiologisch fachärztlich

gemachten Einschätzung einer vollen Arbeitsfähigkeit fest (IV-Nr. 46).

9. Die Beschwerdegegnerin hat das

im Rahmen der Neuanmeldung beantragte Leistungsbegehren mit Verfügung vom 27.

März 2020 abgewiesen. Dabei verzichtete sie auf einen Vergleich des

Sachverhalts, wie er im Zeitpunkt der ersten Ablehnungsverfügung am 4. Oktober

2017 bestand, mit demjenigen zur Zeit der Neuanmeldung. Die Beschwerdegegnerin

stützte ihren Entscheid auf die Stellungnahmen des RAD, welche dem

Beschwerdeführer eine volle Arbeitsfähigkeit attestieren. Nachfolgend ist daher

einerseits zu beurteilen, ob eine anspruchsbegründende Änderung des

Gesundheitszustands seit der letzten Rentenbeurteilung vorliegt. Anderseits

gilt es den Beweiswert der RAD-Stellungnahmen zu prüfen. Dabei ist zu

berücksichtigen, dass im Rahmen der Beweiswürdigung entscheidungsrelevanter

versicherungsinterner ärztlicher Feststellungen strenge Anforderungen gelten.

Bereits bei Vorliegen geringer Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit

derselben müssen ergänzende Abklärungen vorgenommen werden (vgl. Erwägung

4.4).

9.1 Beim Vergleichen des aktuellen

Sachverhalts mit jenem, wie er sich im Zeitpunkt der ersten Ablehnungsverfügung

präsentierte, muss mangels medizinischer Unterlagen auf die Diagnoseliste des

Versicherten gemäss dem ersten Anmeldungsformular vom 4. Oktober 2016 und dessen

Angaben im Intake-Gespräch vom 8. November 2016 zurückgegriffen werden sowie auf

die Annahme, dass der Versicherte infolge der Wiederaufnahme eines

Vollzeitpensums als Lokführer ab 1. April 2017 voll arbeitsfähig war. Werden

die ursprünglichen Diagnosen den aktuellen Diagnosen gegenübergestellt, fällt

auf, dass sich an der Diagnoseliste kaum etwas geändert hat. So hält denn auch

der langjährige Hausarzt des Versicherten, Dr. med. D.___, im Bericht vom 4.

September 2018 fest, dass sich der Verlauf insofern erfreulich gestalte, als

sich der Gesundheitszustand des Versicherten deutlich gebessert habe. Trotzdem

sei die allgemeine Leistungsfähigkeit reduziert angesichts der bestehenden

Multimorbidität und der mehrfach chronischen Erkrankungen. Derzeit sei ein

Pensum von 50 % sinnvoll (IV-Nr. 24 S. 3). Im späteren Bericht vom 9. Mai

2019 stellt Dr. med. D.___ eine erhöhte Erschöpfbarkeit fest (IV-Nr. 34, S.7).

Auch die weiteren spezialärztlichen Verlaufsberichte äussern sich prinzipiell

positiv zum Verlauf der gesundheitlichen Situation. Namentlich im Bericht des C.___,

vom 13. November 2018 wird ein zufriedenstellender Verlauf festgehalten

(IV-Nr. 30). Im Kardiologiebericht des H.___ vom 11. März 2019 wird zur

aktuellen medizinischen Situation ausgeführt, dass eine ausreichende

körperliche Belastbarkeit bestünde, jedoch erneut Herzklopfen. Die

Palpitationen im Rahmen der Herzrythmusstörungen könnten möglicherweise die

Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen und wirkten sich auf die Arbeitsfähigkeit

aus (IV-Nr. 32). Gestützt auf die vorgenannte Aktenlage lässt sich die Frage

einer allfälligen Verschlechterung des Gesundheitszustandes seit der ersten Rentenablehnung

nicht zuverlässig beantworten. Ob insbesondere aufgrund der Multimorbidität

eine Verschlechterung des bisherigen Leidens, welches sich auf die

Arbeitsfähigkeit auswirkt, eingetreten ist, bleibt zu wenig geklärt. Wie die

nachfolgenden Ausführungen zeigen, schaffen diesbezüglich auch die

Einschätzungen des RAD keine Abhilfe.

9.3 Zum Beweiswert der

RAD-Stellungnahmen ist folgendes festzuhalten: Gemäss Stellungnahme vom 18.

Juni 2019 sei der Beschwerdeführer bis November 2018 entsprechend der Arbeitsunfähigkeitsbeurteilungen

des Hausarztes zu 50 % arbeitsunfähig gewesen. Spätestens seit dem Bericht

vom November 2018 sei hingegen kardiologischerseits keine dauerhaft

invalidisierende Arbeitsunfähigkeit mehr ausgewiesen. Kardiologischerseits sei

der Beschwerdeführer für acht Stunden in jedweder Tätigkeit arbeitsfähig

(IV-Nr. 36). Daran hielt der RAD in der ergänzenden Stellungnahme vom 18. Dezember

2019 fest. Insbesondere der leitende Kardiologe des H.___ bescheinige dem

Versicherten sowohl in der angestammten als auch in einer Verweistätigkeit eine

volle Arbeitsfähigkeit und gehe mit der RAD-Beurteilung konform

(IV-Nr. 46). Diese reine Aktenbeurteilung des RAD überzeugt aus

nachstehenden Gründen nicht. Zunächst fehlt in den RAD-Stellungnahmen eine

Auseinandersetzung mit den abweichenden Einschätzungen des Hausarztes Dr. med.

D.___ und der Vertrauensärzte der B.___ AG von der G.___, welche von einer

mittelfristigen bzw. dauerhaften Arbeitsunfähigkeit von 50 % in der

angestammten Tätigkeit als Lokführer ausgehen. Als Begründung nennen besagte

Ärzte insbesondere die mehrfach chronischen Erkrankungen bzw. die

Multimorbidität bzw. die reich befrachtete Anamnese. Ihre Einschätzung

bezüglich der reduzierten Leistungsfähigkeit erfolgt zudem unter

Berücksichtigung der besonderen medizinischen Anforderungen an den

Gesundheitszustand eines Lokführers. Die Lokführertätigkeit zählt zu den

sicherheitsrelevanten Tätigkeiten im Eisenbahnbereich gemäss Art. 80 ff. Eisenbahngesetz

(SR. 742.101) und Art. 2 und 3 der Verordnung über die sicherheitsrelevanten

Tätigkeiten im Eisenbahnbereich (STEBV, SR. 742.141.22). Für die Ausübung einer

sicherheitsrelevanten Tätigkeit müssen unter anderem medizinische und

psychologische Voraussetzungen erfüllt sein (Art. 7 Abs. 1 lit. b STEBV). Das

Bundesamt für Verkehr (BAV) hat Richtlinien für die medizinischen

Tauglichkeitsuntersuchungen für Personen mit sicherheitsrelevanten Tätigkeiten

im Eisenbahnbereich nach VTE und ZSTEBV erlassen (Richtlinie Medizinische

Tauglichkeitsuntersuchungen). Die darin enthaltenen allgemeinen medizinischen

Anforderungen setzen namentlich voraus, dass Personen mit sicherheitsrelevanten

Tätigkeiten im Eisenbahnbereich nicht unter medizinischen Bedingungen leiden

oder Medikamente einnehmen dürfen, welche insbesondere die Verringerung der

Aufmerksamkeit oder der Konzentration zur Folge haben könnten (Art. 22

Abs. 1 lit. b Richtlinie Medizinische Tauglichkeitsuntersuchungen). Vor diesem

Hintergrund sind die erhöhte Erschöpfbarkeit, wie sie der Hausarzt feststellt,

sowie auch die mögliche Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit aufgrund

von Palpitationen, wie sie der Kardiologe Dr. med. O.___ feststellt, bei der

Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Lokführer

von massgeblicher Bedeutung. Die relativ knappe Argumentation des RAD, wonach

die bescheinigte erhöhte Erschöpfbarkeit aufgrund der fehlenden Quantifizierung

vernachlässigbar sei und die mögliche Beeinträchtigung der

Konzentrationsfähigkeit wegen Palpitationen mit Blick auf die kardiopulmonale

Kompensation nicht zutreffe, überzeugt angesichts der entscheidenden

Voraussetzung einer intakten Konzentrationsfähigkeit eines Lokführers nicht. Darüber

hinaus ist zu bemängeln, dass in der regionalärztlichen Stellungnahme die

verkehrsmedizinische Relevanz der konkreten Krankheitsbilder und die Multimorbidität

unberücksichtigt bleibt. Gemäss Anhang 4 zur Richtlinie Medizinische

Tauglichkeitsuntersuchungen, Empfehlungen zur Tauglichkeitsbeurteilung bei

verkehrsmedizinisch relevanten Krankheitsbildern, gelten unter anderem strenge

und spezifische medizinische Voraussetzungen für die Zulassung zum Führen eines

Triebfahrzeuges bei bestehenden Herz-Kreislauf-Krankheiten, insbesondere

koronaren Krankheiten und peripheren arteriellen Verschlusskrankheiten (PAVK),

sowie auch bei Erkrankung an Diabetes Mellitus. Den Kardiologieberichten des H.___

wie auch dem Bericht der C.___ lassen sich eine umfangreiche Diagnoseliste und

Anamnese entnehmen. Aufgeführt werden insbesondere eine hypertensive und

koronare 3-Gefässerkrankung, eine arterielle Verschlusskrankheit Stadium I

bds, ein tachykardes bzw. paroxysmales Vorhofflimmern (ED 08/2016) und ein Diabetes

Mellitus Typ 2. Die besagten Krankheitsbilder sind gemäss dem obengenannten Anhang 4

zur BAV-Richtlinie geeignet, die Tauglichkeit zum Führen eines Triebfahrzeuges

und damit die Arbeitsfähigkeit als Lokführer einzuschränken. Indem der RAD den

Einfluss der konkreten Erkrankungen des Beschwerdeführers – insbesondere auch

in ihrer Gesamtheit – in Bezug auf die Lokführertätigkeit nicht näher

berücksichtigt, bestehen zumindest geringe Zweifel an dessen Einschätzung der

Arbeitsfähigkeit. Gleiches gilt für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch

Dr. med. O.___ vom H.___. Dessen Einschätzung, wonach der Beschwerdeführer in

der angestammten Tätigkeit acht Stunden arbeitsfähig sei, erfolgt ohne Kenntnis

der Anforderungen an die Tätigkeit eines Lokführers. So gibt Dr. med. O.___ im IV-Fragebogen

an, die Frage, welche Informationen zur beruflichen Situation vorlägen, nicht

beantworten zu können. Auch die Frage, welche Anforderungen die aktuelle

Tätigkeit an den Versicherten stelle, könne er nicht beantworten. In Anbetracht

dessen, dass Dr. med. O.___ dem Beschwerdeführer eine mögliche

Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit wegen Palpitationen attestiert,

erweist sich seine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit als Lokführer mit Blick

auf das Erfordernis der intakten Konzentrationsfähigkeit bei Personen mit

sicherheitsrelevanten Tätigkeiten im Eisenbahnbereich (Art. 22 Abs. 1 lit.

b BAV-Richtlinie Medizinische Tauglichkeitsuntersuchungen) als nicht schlüssig.

Damit überzeugen die Beurteilungen der Arbeitsfähigkeit in der angestammten

Tätigkeit durch den RAD sowie auch durch Dr. med. O.___ mangels

Berücksichtigung der verkehrsmedizinisch relevanten Krankheitsbilder und deren

Einfluss auf die Fahrtauglichkeit eines Lokführers nicht. Im Weiteren wird die

angenommene volle Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit weder durch den

RAD noch durch den Kardiologen Dr. med. O.___ begründet. Dabei fehlt auch die Umschreibung

eines allfälligen Tätigkeitsprofils in einer angepassten Tätigkeit. In

Anbetracht dieser gänzlich fehlenden Begründung kann die angenommene volle

Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit nicht nachvollzogen werden. Schliesslich

leuchtet auch die Argumentation der RAD-Ärztin nicht ein, wonach spätestens

seit dem Bericht vom November 2018 kardiologischerseits keine invalidisierende

Arbeitsunfähigkeit mehr ausgewiesen werde. Im Bericht des C.___ vom 13.

November 2018 werden keine Angaben zur Arbeitsfähigkeit gemacht. Die

facharztfremde Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch die RAD-Ärztin erweist

sich damit als nicht überzeugend.

9.4 Zusammenfasend ist somit

festzuhalten, dass die regionalärztliche Beurteilung der medizinischen

Situation nicht einleuchtet. Damit bestehen Zweifel an der Zuverlässigkeit und

Schlüssigkeit der Einschätzung des RAD. Angesichts dessen, dass bereits geringe

Zweifel an den versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen ausreichen,

damit rechtsprechungsgemäss ergänzende Abklärungen vorzunehmen sind, lässt sich

im vorliegenden Fall die Beurteilung einer allfälligen Verschlechterung des

Gesundheitszustandes und der Arbeitsfähigkeit nicht auf die Stellungnahmen des

RAD abstützen. Da auch die übrigen medizinischen Akten nicht ausreichen, um

alleine gestützt darauf die gesundheitliche Situation und deren Auswirkung auf die

Arbeitsfähigkeit zu beurteilen, sind weitere Abklärungen in Form eines kardiologischen

Gutachtens zu veranlassen.

10.

10.1 Gemäss BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4

hat die Beschwerdeinstanz bei ungenügenden medizinischen Abklärungen im

Regelfall ein Gerichtsgutachten einzuholen. Eine Rückweisung an den

Versicherungsträger ist zulässig, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung

einer bisher vollständig ungeklärten Frage begründet liegt oder wenn lediglich

eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachtlichen Ausführungen

erforderlich ist.

10.2 Wie soeben in den Erwägungen 9.2 – 9.4

dargelegt, ist die medizinische Situation nicht beweiskräftig abgeklärt. Die

Frage der Verschlechterung des Gesundheitszustandes verglichen mit jenem im

Zeitpunkt der ersten Rentenablehnung wird seitens der Beschwerdegegnerin nicht

geprüft und lässt sich auch gestützt auf die Aktenlage nicht beantworten. Darüber

hinaus kann auch die Frage der Arbeitsfähigkeit weder gestützt auf die

Stellungnahmen des RAD noch gestützt auf die medizinischen Einschätzungen der

behandelnden Ärzte zuverlässig beurteilt werden. Insbesondere die Frage der

Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit blieb bisher nahezu vollständig

ungeklärt. Die Kardiologen des C.___ äussern sich im Bericht vom 13. November 2018

nicht zur Arbeitsfähigkeit. Den Kardiologieberichten des H.___ lassen sich

ebenfalls keine Angaben zur Arbeitsfähigkeit entnehmen. Einzig Dr. med. O.___,

Kardiologe im H.___, attestiert dem Versicherten im IV-Fragebogen-Bericht vom

11. März 2019 eine volle Arbeitsfähigkeit in der angestammten sowie in

einer angepassten Tätigkeit. Wie bereits ausgeführt, berücksichtigt er dabei

einerseits bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in der angestammten

Tätigkeit die verkehrsmedizinisch relevanten Krankheitsbilder nicht. Anderseits

fehlt eine Begründung für die angenommene volle Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit

gänzlich. Der Hausarzt schrieb den Versicherten vom 15. März 2018 bis

22. April 2018 zu 100 % und vom 23. April 2018 bis 30. Juni 2019 zu

50 % arbeitsunfähig. Die Begründung der attestierten Arbeitsunfähigkeit beschränkt

sich indessen auf die angestammte Tätigkeit. Eine hausärztliche Beurteilung der

Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit lässt sich den vorliegenden

Akten ebenfalls nicht entnehmen. Daraus folgt, dass die Frage der

Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit bisher nahezu vollständig ungeklärt

blieb. Vor diesem Hintergrund rechtfertigt es sich vorliegend ausnahmsweise,

die Angelegenheit zur vollständigen Abklärung der Arbeitsfähigkeit an die

Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese hat nach den erfolgten Abklärungen neu

über den Rentenanspruch des Beschwerdeführers zu befinden.

11. Somit ist die Beschwerde

gutzuheissen. Der Beschwerdeführer wird vorliegend nicht anwaltlich vertreten, weshalb

zu Recht keine Parteientschädigung verlangt wird. Eine solche ist vorliegend

nicht auszurichten.

Aufgrund von Art. 69 Abs. 1bis

IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die

Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht

kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig

vom Streitwert im Rahmen von CHF 200.00 – 1'000.00 festgelegt. Nach dem Ausgang

des vorliegenden Verfahrens hat die IV-Stelle die Verfahrenskosten von

CHF 600.00 zu bezahlen. Dem Beschwerdeführer ist der geleistete

Kostenvorschuss in gleicher Höhe zurückzuerstatten.

Demnach wird erkannt:

1. In Gutheissung der Beschwerde wird die Verfügung der IV-Stelle des Kantons Solothurn vom

27. März 2020 aufgehoben und die Sache an die IV-Stelle zurückgewiesen, damit

sie im Sinne der Erwägungen verfährt und hierauf neu entscheidet.

2. Die IV-Stelle des Kantons Solothurn hat

die Verfahrenskosten von CHF 600.00 zu bezahlen. Der geleistete Kostenvorschuss

von CHF 600.00 wird dem Beschwerdeführer zurückerstattet.

Rechtsmittel

Gegen diesen Entscheid kann innert 30

Tagen seit der Mitteilung beim Bundesgericht Beschwerde in

öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten eingereicht werden (Adresse: Bundesgericht,

Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern). Die Frist beginnt am Tag nach dem Empfang des

Urteils zu laufen und wird durch rechtzeitige Aufgabe bei der Post gewahrt. Die

Frist ist nicht erstreckbar (vgl. Art. 39 ff., 82 ff. und 90 ff. des

Bundesgerichtsgesetzes, BGG). Bei Vor- und Zwischenentscheiden (dazu gehört auch die

Rückweisung zu weiteren Abklärungen) sind die zusätzlichen Voraussetzungen nach

Art. 92 oder 93 BGG zu beachten.

Versicherungsgericht des Kantons

Solothurn

Die Vizepräsidentin Die Gerichtsschreiberin

Weber-Probst Baltermia-Wenger