ZKEIV.2017.8
Forderung aus Urheberrecht
29. August 2017Deutsch10 min
Source so.ch
Obergericht
Zivilkammer
Urteil vom 29. August 2017
Es wirken mit:
Präsident Frey
Oberrichter Müller
Oberrichterin Jeger
Rechtspraktikant Godat
In Sachen
ProLitteris, vertreten durch Rechtsanwältin Carmen
De la Cruz oder Rechtsanwalt Boris Inderbitzin,
Klägerin
gegen
A.
___ AG,
Beklagte
betreffend Forderung
aus Urheberrecht
zieht die Zivilkammer des
Obergerichts in Erwägung:
Sachverhalt
I.
1.1 Die ProLitteris ist die Schweizerische
Urheberrechtsgesellschaft für Literatur und bildende Kunst in der Rechtsform
einer Genossenschaft mit Sitz in Zürich Sie ist eine konzessionierte
Verwertungsgesellschaft im Sinne von Art. 40 ff. des Bundesgesetzes über das
Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urheberrechtsgesetz, URG, SR 231.1)
und bezweckt die Wahrung der Rechte an literarischen und dramatischen Werken
sowie an Werken der bildenden Kunst und der Fotografie für Urheber, Verlage und
andere Rechtsinhaber. Sie besitzt vom Eidgenössischen Institut für Geistiges
Eigentum (IGE) die Bewilligung für die Geltendmachung der gesetzlichen
Vergütungsansprüche. Die ProLitteris erhebt unter anderem gestützt auf die
sogenannten Gemeinsamen Tarife (GT) 8 und 9 entsprechende Gebühren. Der GT 8
befasst sich mit dem Herstellen von Vervielfältigungen auf Papier mittels dazu
geeigneter Geräte (Fotokopiergeräte, Multifunktionsgeräte, Drucker,
Telefaxgeräte usw.) ab einer Papier- oder digitalen Vorlage. Unter den GT 9
fallen demgegenüber digitale Vervielfältigungen und Nutzungen geschützter Werke
und geschützter Leistungen, d.h. das Speichern in Form einer digitalen Kopie
mit und ohne Verbreiten von geschützten Werken bzw. geschützten Leistungen
mittels internen Netzwerken eines Betriebs.
1.2 Bei der A.___ AG handelt es sich um
ein Immobilien- und Handelsunternehmen in der Rechtsform der Aktiengesellschaft
mit Sitz in [...].
2.1 Am 3. April 2017 reichte die ProLitteris
(nachfolgend: Klägerin) beim Obergericht des Kantons Solothurn Klage betreffend
Forderung aus Urheberrecht gegen die A.___ AG (nachfolgend: Beklagte) ein.
Darin stellte sie folgende Rechtsbegehren:
1. Die beklagte Partei sei zu verpflichten,
der Klägerin CHF 228.10 gemäss den Forderungen aus den Jahren 2012 bis 2014
nebst Zins zu 5 % seit 11. Mai 2015 zu bezahlen.
2. Die beklagte Partei sei zu verpflichten,
der Klägerin CHF 76.90 gemäss den Forderungen aus dem Jahre 2015 nebst Zins zu
5 % seit 11. November 2015 zu bezahlen.
3. Die beklagte Partei sei zu verpflichten,
der Klägerin CHF 76.90 gemäss den Forderungen aus dem Jahre 2016 nebst Zins zu
5 % seit 29. Juni 2016 zu bezahlen.
4. Unter Kosten und Entschädigungsfolgen
zuzüglich MwSt. zu Lasten der beklagten Partei.
2.2 Die Beklagte hat sich innert der
angesetzten Nachfrist bis zum 14. Juli 2017 nicht vernehmen lassen. Nach
unbenutzter Frist trifft das Gericht einen Endentscheid, sofern die
Angelegenheit spruchreif ist (Art. 223 Schweizerische Zivilprozessordnung [Zivilprozessordnung,
ZPO, SR 272]).
3. Für die Parteistandpunkte wird
grundsätzlich auf die Akten verwiesen. Soweit erforderlich, ist nachfolgend
darauf einzugehen.
Erwägungen
II.
1.
Die örtliche und sachliche
Zuständigkeit des angerufenen Gerichts für die vorliegende Klage ist gemäss
Art. 10 Abs. 1 lit. b ZPO und Art. 5 Abs. 1 lit. a ZPO i.V.m.
§ 30 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die
Gerichtsorganisation (GO, BGS 125.12) gegeben. Die übrigen
Prozessvoraussetzungen geben zu keinen Bemerkungen Anlass.
2.
Gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. c URG
dürfen urheberrechtlich geschützte und veröffentlichte Werke zum Eigengebrauch
verwendet werden. Als Eigengebrauch gilt insbesondere das Vervielfältigen von
Werkexemplaren in Betrieben, öffentlichen Verwaltungen, Instituten, Kommissionen
und ähnlichen Einrichtungen für die interne Information und Dokumentation. Wer
zum Eigengebrauch gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. c URG befugt ist, schuldet dem
Urheber oder der Urheberin dafür eine Vergütung (Art. 20 Abs. 2 URG). Diese
kann gemäss Art. 20 Abs. 4 URG nur durch eine zugelassene
Verwertungsgesellschaft geltend gemacht werden. Für die von ihnen geforderten
Vergütungen haben die Verwertungsgesellschaften Tarife aufzustellen, der
Eidgenössischen Schiedskommission zur Genehmigung vorzulegen und nach erfolgter
Genehmigung zu veröffentlichen (Art. 46 Abs. 1 und Abs. 3 URG). Die
Verwertungsgesellschaften haben für die gleiche Verwendung von Werken und
Darbietungen einen gemeinsamen Tarif nach einheitlichen Grundsätzen
aufzustellen und eine unter ihnen als gemeinsame Zahlstelle zu bezeichnen, wenn
mehrere im gleichen Nutzungsbereich tätig sind (Art. 47 Abs. 1 URG).
Der GT 8/VI 2012 bis 2016 umschreibt den
Verwendungsbereich, die Bedingungen und die Vergütungen für das Vervielfältigen
urheberrechtlich geschützter und veröffentlichter Werke auf Papier. Unter dem
GT 8/VI schulden die tarifpflichtigen Nutzer grundsätzlich eine pauschale oder
individuelle Vergütung für das Herstellen von Kopien geschützter und
veröffentlichter Werke oder Teilen davon sowie eine individuelle Vergütung für
das Herstellen von Pressespiegeln. Der GT 9/VI 2012 bis 2016 regelt gesetzlich
erlaubte, vergütungspflichtige Nutzungen geschützter Werke zum Eigengebrauch
durch betriebsinterne Netzwerke gemäss Art. 19 und 20 URG, soweit diese Nutzungen
nicht bereits in anderen Tarifen geregelt sind. Der GT 9/VI bezieht sich auf
Nutzer mit betriebsinternen Netzwerken, die über die entsprechenden technischen
Einrichtungen wie Terminals, Workstations, Computer-Bildschirme, Scanner oder
ähnliche Geräte verfügen (Ziff. 1 GT 9/VI).
Um die Höhe der geschuldeten Vergütung
eruieren zu können, stellt die Klägerin den Nutzern Erhebungsformulare zu,
welche von diesen ausgefüllt mit Angaben zur Mitarbeiterzahl und Branche
zurückgesandt werden müssen, um gestützt darauf die Urheberrechtsvergütungen
als Pauschalvergütungen gemäss dem besagten Gemeinsamen Tarif in Rechnung zu
stellen. Werden die notwendigen Angaben nach einer schriftlichen Mahnung auch
innert Nachfrist nicht eingereicht, kann die Klägerin die Angaben schätzen und
gestützt darauf Rechnung stellen. Die Schätzung gilt als anerkannt, wenn der
Nutzer die für die Berechnung notwendigen Angaben innerhalb von 30 Tagen nach
Zustellung der Schätzung nicht schriftlich bekannt gibt (Ziff. 8.3 von GT 8/VI
und GT 9/VI).
3.1
Die Klägerin ist als konzessionierte
Verwertungsgesellschaft gemäss Art. 44 URG verpflichtet, die zu ihrem
Tätigkeitsgebiet gehörenden Rechte wahrzunehmen. Sie verfügt über die
Bewilligung zur Geltendmachung der gesetzlichen Vergütungsansprüche gemäss dem
Urheberrechtsgesetz. Sie ist damit aktivlegitimiert.
3.2
Die Beklagte ist Nutzerin im Sinne
der GT 8/VI und 9/VI. Sie wurde von der Klägerin unbestritten in die Kategorie
«Rechtsanwälte, Notariate, Wirtschafts- und Unternehmensberatung, Immobilienverwaltung,
Treuhand, Revision und Inkasso» gemäss Ziff. 6.3.3 GT 8/VI und GT 9/VI
eingestuft. Die Beklagte ist damit passivlegitimiert.
4.
Die Ausführungen der Klägerin
hinsichtlich der Bemühungen gegenüber der Beklagten und der Einschätzung derselben
vor Einleitung dieses Verfahrens blieben unbestritten. Es ist demnach von
folgendem Sachverhalt auszugehen:
Für die Berechnung des
Vergütungsanspruchs hat die Klägerin der Beklagten ein entsprechendes
Erhebungsformular zugestellt. Aufgrund der ausgebliebenen Rücksendung des
Erhebungsformulars durch die Beklagte, hat die Klägerin die
Fotokopier-Vergütung sowie die betriebsinterne Netzwerkvergütung insbesondere
gestützt auf Ziff. 8.3 von GT 8/VI sowie Ziff. 8.3 von GT 9/VI eingeschätzt und
geht von zwei bis fünf Angestellten aus. Die Beklagte hat die Schätzung innert
Frist von 30 Tagen nicht beanstandet.
Die Klägerin stellte gestützt auf den GT
8/VI folgende Beträge in Rechnung:
Rechnung 2012 vom 11. April 2012 über
CHF 51.25
Rechnung 2013 vom 20. März 2013 über
CHF 51.25
Rechnung 2014 vom 13. März 2014 über
CHF 51.25
Rechnung 2015 vom 30. März 2015 über
CHF 51.25
Rechnung 2016 vom 8. April 2016 über
CHF 51.25
Gestützt auf den GT 9/VI stellte die
Klägerin folgende Beträge in Rechnung:
Rechnung 2012 vom 11. April 2012 über
CHF 23.05
Rechnung 2013 vom 20. März 2013 über
CHF 25.65
Rechnung 2014 vom 13. März 2014 über
CHF 25.65
Rechnung 2015 vom 30. März 2015 über
CHF 25.65
Rechnung 2016 vom 8. April 2016 über
CHF 25.65
Der Betrag der offenen
Forderungen für die Jahre 2012 bis 2016 beläuft sich auf gesamthaft CHF 381.90.
Die Schätzung der Klägerin für den genannten Zeitraum hat zufolge
unterbliebener Beanstandung durch die Beklagte als anerkannt zu gelten (Ziff.
8.3
von GT8/VI und GT 9/VI).
5.1
Die Klägerin macht für die
ausstehenden Forderungen Verzugszinse geltend. Voraussetzung für Verzugszinse
ist der Zahlungsverzug des Schuldners. Dabei gilt je nach Grund des
Verzugseintritts ein anderer Zeitpunkt für den Beginn der Zinsdauer, z.B. analog
Art. 77 Abs. 1 Ziff. 1 Schweizerisches Obligationenrecht (OR, SR 220) bei
Mahnung ab dem Tag nach ihrem Eintreffen (Wolfgang Wiegand in: Heinrich Honsell
et al. [Hrsg.], Obligationenrecht I, Basler Kommentar, 5. Auflage, Basel 2015,
Art. 104 N 3; vgl. auch Art. 102 Abs. 1 OR).
5.2
Die Klägerin legt Mahnungen vom 20.
April 2015 (für die Forderung aus den Jahren 2012 bis 2014), vom 11. November
2015.
(für die Forderungen aus dem Jahre 2015) und vom 29. Juni 2016 (für die
Forderungen aus dem Jahre 2016) ins Recht. Ausgehend davon, dass die Beklagte
die Mahnungen jeweils am Folgetag in Empfang genommen hat, hat sie sich demnach
ab 22. April 2015 bzw. 13. November 2015 bzw. 1. Juli 2016 mit den jeweiligen
Forderungen in Verzug befunden.
5.3
Ein Schuldner, der sich mit der
Zahlung einer Geldschuld in Verzug befindet, hat einen Verzugszins von 5 % zu
bezahlen (Art. 104 OR).
5.4
Die Beklagte hat der Klägerin
deshalb 5 % Zins seit dem 11. Mai 2015 auf dem Betrag von CHF 228.10, einen
solchen von 5 % seit dem 13. November 2015 auf dem Betrag von CHF 76.90 sowie
einen solchen von 5 % seit 1. Juli 2016 auf dem Betrag von CHF 76.90 zu
bezahlen.
6.
Zusammenfassend ist daher
festzuhalten, dass die Beklagte zu verpflichten ist, der Klägerin für die Jahre
2012.
bis 2014 den Betrag von CHF 228.10 zuzüglich Zins zu 5 % seit dem 11. Mai
2015, für das Jahr 2015 CHF 76.90 zuzüglich Zins zu 5 % seit dem 13. November
2016.
und für das Jahr 2016 CHF 76.90 zuzüglich Zins zu 5 % seit dem 1. Juli
2016.
zu bezahlen.
7.1
Entsprechend dem Verfahrensausgang
(Obsiegen der Klägerin) hat die Beklagte die Prozesskosten zu tragen.
7.2
Die Gerichtskosten werden auf CHF
500.00
festgesetzt. Sie werden mit dem von der Klägerin geleisteten
Kostenvorschuss in gleicher Höhe verrechnet. Die Beklagte hat die CHF 500.00
der Klägerin direkt zu bezahlen.
7.3
Die Klägerin macht eine
Parteientschädigung in der Höhe von CHF 1‘500.00 (5 Std. à CHF 300.00)
zuzüglich MwSt. geltend. Die Höhe dieser Entschädigung ist (sowohl in Bezug auf
den Stundenansatz als auch auf den Stundenaufwand) angesichts des geringen
Streitwerts, des Umfangs der Rechtsschrift und der Tatsache, dass von der
Klägerin 12 Parallelfälle eingereicht worden sind, unangemessen hoch angesetzt.
Daran vermögen auch die im begründeten Schreiben hinsichtlich
Parteientschädigung vom 8. August 2017 geltend gemachten Argumente nichts zu
ändern. Nachdem die Klägerin keine detaillierte Honorarnote eingereicht hat,
ist eine pauschale Kürzung vorzunehmen. Für die Ausarbeitung der 13
Klageschriften plus Instruktion erscheint ein Aufwand von 9 Stunden à CHF
250.00
zuzüglich MwSt. und Auslagen angemessen, was einen Anteil pro Fall von
rund CHF 200.00 ausmacht. Folglich ist die Parteientschädigung welche die
Beklagte der Klägerin zu entrichten hat, auf CHF 200.00 festzusetzen.
Dispositiv
Demnach wird erkannt:
1. Die A.___ AG hat der ProLitteris CHF
228.10 nebst Zins zu 5 % seit dem 11. Mai 2015 zu bezahlen.
2. Die A.___ AG hat der ProLitteris CHF
76.90 nebst Zins zu 5 % seit dem 13. November 2015 zu bezahlen.
3. Die A.___ AG hat der ProLitteris CHF
76.90 nebst Zins zu 5 % seit dem 1 Juli 2016 zu bezahlen.
4. Die A.___ AG hat die Gerichtskosten in
der Höhe von CHF 500.00 zu tragen. Sie werden mit dem geleisteten
Kostenvorschuss verrechnet. Die A.___ AG hat der ProLitteris den von ihr
bevorschussten Betrag von CHF 500.00 zu ersetzen.
5. Die A.___ AG hat der ProLitteris eine
Parteientschädigung in der Höhe von CHF 200.00 zu bezahlen.
Rechtsmittel: Der Streitwert beträgt
weniger als CHF 30'000.00.
Gegen
diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit Eröffnung des begründeten Urteils
beim Bundesgericht Beschwerde in Zivilsachen eingereicht werden (Adresse: 1000
Lausanne 14). Die Frist wird durch rechtzeitige Aufgabe bei der Schweizerischen
Post gewahrt. Die Frist ist nicht erstreckbar. Die Beschwerdeschrift hat die
Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift des
Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten. Für die weiteren
Voraussetzungen sind die Bestimmungen des Bundesgerichtsgesetzes massgeblich.
Im Namen der Zivilkammer
des Obergerichts
Der
Präsident Der
Rechtspraktikant
Frey Godat