RRB Nr. 41/2010
Dringliche Anfrage Thomas Ziegler, Elgg, Matthias Hauser, Hüntwangen, und Ruth Kleiber, Winterthur, betreffend Förderpreis für "innovative" Entwicklungsprojekte an Schulen, Beantwortung
Rubrum
Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich KR-Nr. 382/2009
Sitzung vom 13. Januar 2010
41. Dringliche Anfrage (Förderpreis für «innovative» Entwicklungsprojekte an Schulen) Die Kantonsräte Thomas Ziegler, Elgg, und Matthias Hauser, Hüntwangen, sowie Kantonsrätin Ruth Kleiber, Winterthur, haben am 7. Dezember 2009 folgende dringliche Anfrage eingereicht: Der Preis «Schulen lernen von Schulen» ist dieses Jahr von der Pädagogischen Hochschule Zürich PHZH u. a. der Sekundarschule Neftenbach zugesprochen worden für ihr neues Schulmodell «Altersdurchmischtes individuelles Lernen» Adil, das in der Laborschule Bielefeld (De) erfunden wurde. Die Einführung dieser Schulform, die Klassenverbände weitgehend auflöst und durch individualisierten Unterricht ersetzt, hat im November zum «ersten schulhausweiten Schülerstreik gegen ein Schulprojekt» (Zitat Chef kantonales Volksschulamt), zu Protesten und einer Flut von Leserbriefen besorgter oder empörter Eltern geführt (vgl. Landbote vom 11., 13., 14. November und 2. Dezember). Etwas anders liegen die Verhältnisse an der «Problem-Sek» Uetikon, die ein ähnliches Projekt eingeführt und damit für grosse Verunsicherung unter Schülern und Lehrern gesorgt hat. Nachdem Lernziele und Themenpläne gestrafft und neue Regeln geschaffen worden sind, seien nun die von ehemaligen Schülern publik gemachten «chaotischen Zustände» behoben worden – und die Schule ist nun prompt «dafür von der PHZH ausgezeichnet» worden (Zitate Tagesanzeiger 1. und 3. Dezember). Die Lehrkräfte mögen diesen Preis für ihren ausserordentlichen Arbeitsaufwand und Idealismus verdient haben. Aber offensichtlich ist es nicht gelungen, trotz grossem Einsatz des Lehrerteams, dieses Schulexperiment praxistauglich vorzubereiten. Aufwand und Ertrag stehen in einem totalen Missverhältnis. Angesichts der Probleme mit Adil, auch andernorts, stellt sich die Frage, ob damit Schüler- und Lehrerschaft nicht überfordert sind – ganz abgesehen vom erhöhten finanziellen Aufwand, den solche Schulformen bedingen; dafür sind die nötigen Mittel offensichtlich nicht vorhanden, bzw. müssten anderswo abgezweigt werden (Landbote, 3. Dezember). Werden so Schülerinnen und Schüler nicht zu Versuchskaninchen degradiert? Fühlen Eltern sich so wirklich ernst genommen?
Tausende von Lehrkräften, die sich – auch mit vollem Engagement – für die Umsetzung der Reformen des Volksschulgesetzes (VSG) einsetzen, sind angesichts solcher Vorgänge konsterniert und fühlen sich weder anerkannt noch ernst genommen. Gilt nur als auszeichnungswürdig, wer mit «Innovationen» ein grosses Aufsehen erregt, aber wenig zur Verbesserung oder Sicherung der Unterrichtsqualität und eines angenehmen Schulklimas beiträgt? Wir bitten den Regierungsrat in diesem Zusammenhang zusätzlich auch um die Beantwortung folgender konkreter Fragen:
Erwägungen
1. Wie hoch ist der Preis dotiert, gesamthaft und pro Schule?
2. Welche Mehrkosten im Vergleich zu konventionellem Schulbetrieb bedingt eine erfolgversprechende Durchführung dieser Schulform?
3. Der Preis soll Schulen animieren, von andern Schulen zu lernen. Ist es nach Meinung des Regierungsrates wünschenswert, dass in weiteren Schulen – wenn vielleicht auch nur vorübergehend – Unruhen wie in den beschriebenen Fällen entstehen?
4. Kann der Regierungsrat nachvollziehen, dass Eltern aus den betroffenen Schulgemeinden sich durch diese provokative Preisverleihung nicht ernst genommen fühlen?
5. Warum werden grundsätzlich vor allem Schulen ausgezeichnet und hervorgehoben, die fast ausschliesslich auf individualisierenden Unterricht setzen? Sind Schulen, die den Frontalunterricht nicht aus ihrem Unterricht verbannen, schlechtere Schulen?
6. Erachtet es der Regierungsrat als richtig, dass Schulen ausdrücklich dafür ausgezeichnet werden, dass sie ein selbst verursachtes Chaos wieder behoben haben, während andere Schulen, die pragmatischer funktionieren, leer ausgehen?
7. Noch sind die Reformen des VSG nicht alle umgesetzt, und dort, wo sie umgesetzt sind, nicht alle Anlaufprobleme behoben. Und bereits sind weitere Versuche, die über das VSG hinausgehen (z. B. Grundstufe), am Laufen. Ist es da sinnvoll und gerechtfertigt, dass die PHZH Schulen dazu animiert, weitere Experimente mit zum Teil grossen Änderungen zu forcieren?
8. In Uetikon sind wegen dieses Experimentes viele Schüler in Privatschulen übergetreten. Wir bitten um Offenlegung dieser Zahlen.
9. Sind sich BiD und PHZH bewusst, dass solche Experimente den Stimmen, die nach voller Anerkennung von Privatschulen und freier Schulwahl rufen, mehr Gewicht und Berechtigung verleihen? Wollen sie das?
Dispositiv
Auf Antrag der Bildungsdirektion beschliesst der Regierungsrat:
I. Die dringliche Anfrage Thomas Ziegler, Elgg, Matthias Hauser, Hüntwangen, und Ruth Kleiber, Winterthur, wird wie folgt beantwortet: Zu Frage 1: Ziel des Projektes «Schulen lernen von Schulen» (Projekt sls) ist es, den Austausch zwischen den Schulen zu fördern, Schulentwicklungsprojekte auszuzeichnen und für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Die Preisgelder werden durch die Stiftung Mercator Schweiz finanziert. Im Jahr 2009 wurden folgende Schulen ausgezeichnet: 1. Preise: je Fr. 40 000 – Gesamtschule Unterstrass in Zürich und die Hinwiler Mehrklassenschulen – Sekundarschule Neftenbach 2. Preise: je Fr. 20 000 – Primarschule Wolfsmatt Dietikon – Sekundarschule Uetikon a. S. – Middle School der Zurich International School Anerkennungspreis: Fr. 10 000 – Schule Villa Büel in Winterthur Zu Frage 2: Den Sekundarschulen in Neftenbach und Uetikon a. S. wurden für die Durchführung ihrer Projekte keine zusätzlichen Vollzeiteinheiten (VZE) zugesprochen. Für den Kanton entstehen deshalb keine Mehrkosten. Zu Frage 3: Das Volksschulgesetz vom 7. Februar 2005 (LS 412.100) bezweckt u. a., den Schulen mehr Gestaltungsraum einzuräumen, um auf lokale Anforderungen besser reagieren zu können. Die infrage stehenden Projekte in Uetikon a. S. und in Neftenbach stellen den Versuch dar, Probleme und Herausforderungen auf kommunaler Ebene anzugehen und zu lösen. Beide Schulen verfügen über Schulkonzepte, die vom ganzen Lehrteam und von der Schulpflege mitgetragen werden. Zu Frage 4: Eine Jury, die sich aus Expertinnen und Experten verschiedener Pädagogischer Hochschulen, der Praxis und der Verwaltung zusammensetzt, entscheidet über die Auszeichnungen unabhängig und in eigener Verantwortung.
Zu Fragen 5 und 6: Es ist Sache der Schulen bzw. der Schulpflegen, darüber zu entscheiden, ob sie sich am Projekt sls beteiligen. Es können deshalb nur Vorhaben von Schulen beurteilt bzw. ausgezeichnet werden, die im Rahmen des Projektes sls eingereicht werden. Die Teilnahmebedingungen und Kriterien, nach denen entschieden wird, ob eine Auszeichnung vorgenommen werden kann, sind öffentlich und der interessierten Lehrerschaft bekannt (vgl. www.projekt-sls.ch). Viele der eingereichten Projekte behandeln das Thema Individualisierung. Wie aus der nachfolgende Liste der bisher ausgezeichneten Schulen ersichtlich ist, werden jedoch nicht nur Schulen ausgezeichnet, die auf individualisierenden Unterricht setzen: Brühlberg Schule Winterthur Altersdurchmischtes Lernen Sekundarschule Ossingen Offener Unterricht an der Sekundarstufe Primarschule Obermeilen Förderzentrum für Schüler + Lehrpersonen Sekundarschule Meilen Lernatelier an der Sekundarstufe Primarschule Chappelistein Ottenbach Elternmitwirkung konkret Sekundarschule Im Birch Zürich Niveaudurchmischte Jahrgangsgruppen Primarschule Dättlikon Eine Kleinstschule überlebt Gesamtschulen Hinwil und Unterstrass Entwicklung eines Kompetenzpasses Sekundarschule Neftenbach Alterdurchmischtes individuelles Lernen Zurich International School Sinnvoller IT-Einsatz im Unterricht Sekundarschule Uetikon am See Wege zum selbstgesteuerten Lernen Primarschule Wolfsmatt Dietikon Seitenwechsel, schulergänzende Betreuung und Begegnung Schule Villa Büel Winterthur Forschendes Lernen im Primarschulalter Zu Frage 7: Im Rahmen des Projektes sls soll in erster Linie das lokale Expertenwissen der Schulen genutzt werden, indem die an einer Schule gemachten Erfahrungen auch anderen Schulen zugänglich gemacht werden. Die Pädagogische Hochschule Zürich stellt dabei eine Plattform zur Verfügung, auf der die Schulen ihre Schulkonzepte vorstellen können. Andere Schulen können davon lernen und so vermeiden, die gleichen Fehler wie die Pioniere zu machen. Darum soll die Initiative, das eigene Schulprojekt zu veröffentlichen, Wissen und Erfahrungen zu teilen, mit einer Auszeichnung belohnt werden können. Zu Frage 8: In der Gemeinde Uetikon a. S. ist der Prozentsatz der Schülerinnen und Schüler in Privatschulen von 2,8% (2000) auf 18% (2008) gestiegen. Allerdings zeichnet sich aufgrund der provisorischen Zahlen für 2009
bereits wieder eine Abnahme dieses Wertes auf 14,3% ab. Die Gründe dafür sind im Einzelnen nicht bekannt. Weil die Privatschulquote seit 2000 stetig zunahm, kann dieser Anstieg nicht allein dem infrage stehenden Projekt der Sekundarschule Uetikon zugerechnet werden. Zu Frage 9: Privatschulen können in der Regel den Unterricht ausgeprägter individualisieren und auf die Stärken und Schwächen ihrer Schülerinnen und Schüler eingehen, weil sie vielfach kleinere Klassen führen. In einigen der ausgezeichneten Schulkonzepte streben die Schulen eine stärkere individuelle Förderung ohne zusätzliche Mittel, dafür mit innovativen Formen an.
II. Mitteilung an die Mitglieder des Kantonsrates und des Regierungsrates sowie an die Bildungsdirektion.
Vor dem Regierungsrat Der Staatsschreiber: Husi