21.3009
Landesverweisungen per Strafbefehl bei leichten, aber eindeutigen Fällen
Fluri Kurt · Mit-M · Nationalrat · Solothurn · FDP-Liberale Fraktion
Im Zusammenhang mit der Umsetzung der Ausschaffungs-Initiative ist im Jahr 2016 in Artikel 66a StGB nach dem Katalog von Straftaten, die zu einer obligatorischen Landesverweisung für fünf bis fünfzehn Jahre führen, ein Absatz 2 eingefügt worden, der als "Härtefallklausel" bekannt ist. Die Frage, wie häufig diese obligatorische Landesverweisung unter Berücksichtigung der Härtefallklausel von unseren Gerichten angewendet wird, war immer wieder ein Thema in der Öffentlichkeit und auch in der SPK unseres Rates.
Nachdem im Juni 2020 vom Bundesamt für Statistik die Strafurteilsstatistik 2017-2019, gestützt also auf Daten von drei Verurteilungsjahren, publiziert worden war, konnte in der Kommission konkreter über dieses Thema diskutiert werden. Zu reden gab natürlich die nun statistisch nachweisbare Tatsache, dass über alle Straftaten gemäss Artikel 66a StGB hinweg betrachtet, also von der schwersten Straftat wie Mord bis hin zur leichtesten Straftat wie der Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, die Gerichte und die Staatsanwaltschaften in 39 Prozent der Fälle auf eine Ausschaffung verzichtet hatten; dies umso mehr, als in der erwähnten Härtefallklausel bloss von einem "ausnahmsweisen" Verzicht auf eine Landesverweisung die Rede ist.
Bei näherem Hinsehen zeigte sich allerdings, dass die Anwendungsrate der obligatorischen Landesverweisung bei Vergehen, also den leichteren Straftaten, 3 Prozent beträgt. Bei den Verurteilungen mit einer Strafe von bis zu sechs Monaten liegt die Anwendungsrate bei 9 Prozent, bei Verbrechen mit einer Strafandrohung bis zu fünf Jahren bei 21 Prozent. Am höchsten ist die Anwendungsrate bei den schwersten Straftaten, d. h. bei den Verbrechen mit einer Mindeststrafe und einer Höchststrafe von über fünf Jahren. Hier beträgt die Anwendungsrate der Landesverweisung 86 Prozent.
Betrachtet man also die Praxis der urteilenden Instanzen differenziert, ersieht man daraus sehr schön die vom Gesetzgeber beabsichtigte Anwendung des Verhältnismässigkeitsprinzips. Selbstverständlich ist das öffentliche Interesse an der Landesverweisung bei schweren Verbrechen höher als bei leichten. Umgekehrt ist natürlich das private Interesse am Verbleiben in der Schweiz bei den schweren Verbrechen massiv leichter zu gewichten als bei leichten Straftaten. Bei Letzteren ist die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit weniger hoch als bei den schweren Delikten.
Der Kommission stellte sich somit die Frage, wie damit umzugehen sei. Sie entschloss sich, zu diesem Zweck die Schweizerische Vereinigung der Richterinnen und Richter, die Schweizerische Staatsanwälte-Konferenz sowie die Vereinigung der kantonalen Migrationsbehörden anzuhören. Gestützt auf diese Anhörungen hat sich die Kommission zu den drei Anträgen entschlossen, die Sie in der Motion vorfinden:
1. Es wird beantragt, dass die Staatsanwaltschaften dort, wo sie eine Katalogstraftat zu beurteilen haben, ebenfalls eine Landesverweisung aussprechen können. Diese Revision des Gesetzes soll dazu führen, dass durch die Staatsanwaltschaften Landesverweisungen ausgesprochen werden können, ohne dass sie zu diesem Zweck das Gericht bemühen müssen. Der Gesetzestext spricht nämlich von einem "Gericht", das diese Klausel anwenden könne. Nach Auffassung einiger Kantone sind auch die Staatsanwaltschaften in diesem Sinn ein Gericht, weil sie eben abschliessend auch im Strafbefehlsverfahren entscheiden können. Andere Kantone legen das Wort "Gericht" wörtlich aus und meinen damit auch bloss solche; in diesen Kantonen muss die Staatsanwaltschaft den Fall vor Gericht bringen und dort den Antrag auf Landesverweisung stellen.
2. Die Kommission schlägt vor, dass eine Verteidigung nur dann als notwendig bestellt werden muss, wenn auch eine der übrigen gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt ist, und nicht bloss deswegen, weil eine Landesverweisung droht.
3. Dieser Antrag bezieht sich auf die Katalogstraftaten nach Artikel 66a Absatz 1 Buchstaben d, f und h StGB. Wir sind der Auffassung, dass diese geringfügigeren Verstösse und Übertretungen ausdrücklich von der obligatorischen Landesverweisung ausgenommen werden sollen. Es geht dabei um Diebstahl in Verbindung mit Hausfriedensbruch, um verschiedene Betrugsdelikte sowie um Vergehen im Zusammenhang mit der strafbaren Pornografie. Für diese Delikte käme dann aber immerhin die noch immer mögliche fakultative Landesverweisung infrage.
Die Kommission ist der Auffassung, dass das Strafgesetz mit diesen drei Revisionsvorschlägen in Bezug auf die obligatorische Landesverweisung konkretisiert, verbessert und differenzierter wird.
Ich bitte Sie deshalb namens der SPK Ihres Rates, diese Motion anzunehmen.
Romano Marco · Mit-M · Nationalrat · Tessin · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP.
Lo scorso 16 ottobre 2020, la Commissione delle istituzioni politiche ha svolto un'audizione e successivamente una discussione sul tema della realizzazione pratica dell'iniziativa popolare "per l'espulsione di stranieri che commettono reati".
L'attuazione delle nuove regole, in vigore dal 1° ottobre 2016, ha infatti generato discussioni e divergenze di applicazione nei cantoni, che imponevano la necessità di mettere già mano al Codice penale per migliorare l'attuazione dell'espulsione degli stranieri che commettono reati. A tale fine, la commissione ha ascoltato rappresentanti dell'Associazione svizzera dei magistrati e della Conferenza dei procuratori della Svizzera, accompagnati dai competenti servizi dell'amministrazione federale.
Fondamentalmente, le nuove regole vengono applicate dalle autorità giudiziarie conformemente alla Costituzione e alle leggi, quindi non c'è un problema di rispetto del quadro normativo, ma piuttosto un problema di applicazione uniforme, omogenea e coerente della volontà popolare, che è stata stabilita e confermata anche dal Parlamento. L'espulsione giudiziaria costituisce la regola, mentre il ricorso alla clausola per i casi di rigore è l'eccezione.
Grazie agli spunti concreti e mirati ricevuti durante l'audizione - cosa che non capita spesso - la commissione ha deciso di adottare, nel gennaio di quest'anno, la mozione che è stata accolta dal Consiglio federale. Dunque si tratta di un esercizio ben riuscito: audizione, discussione, proposta al Consiglio federale, e Consiglio federale che propone successivamente di adottare la mozione.
La mozione mira a modifiche puntuali del Codice penale fondate sulle esperienze acquisite e sulle incongruenze emerse in questi primi anni di applicazione. Sostanzialmente, la commissione invita il Consiglio federale a muoversi in tre ambiti al fine di ottimizzare il sistema.
1. Spesso non è un tribunale a giudicare i reati figuranti nell'elenco dei reati di cui all'articolo 66a capoverso 1 lettere d, f, h del Codice penale, ma direttamente il Ministero pubblico nell'ambito di una procedura di decreto d'accusa.
La commissione ritiene che la legge vada modificata in modo che il Ministero pubblico possa pronunciare direttamente, mediante il decreto d'accusa, l'ordine di espulsione giudiziaria in questi casi lievi ma evidenti. Nel concreto, si pensa soprattutto a persone senza statuto di soggiorno e ai cosiddetti turisti criminali o criminali turisti.
2. Il Codice di procedura penale prevede che ciascun imputato debba essere difeso qualora rischi di subire un'espulsione giudiziaria. In base alle esperienze maturate, la commissione ritiene che questo non debba valere per gli imputati stranieri che non hanno mai avuto un permesso di soggiorno o che sono giunti in Svizzera unicamente allo scopo di compiervi un reato, i cosiddetti turisti criminali, come già detto. In questi casi, la difesa obbligatoria dev'essere esclusa. Il semplice fatto che vi sia un rischio di espulsione giudiziaria non giustifica infatti una difesa obbligatoria. Queste persone non erano e non sono in Svizzera, e non devono restarci.
3. L'elenco dei reati di cui all'articolo 66a capoverso 1 lettera d, "furto in combinazione con violazione di domicilio", lettera f, "diversi reati di truffa", nonché lettera h, "pornografia", del Codice penale dev'essere riesaminato e precisato in merito ai casi di lieve entità che si verificano con elevata frequenza. Le infrazioni e le contravvenzioni di lieve entità devono essere espressamente escluse dall'espulsione obbligatoria, in particolare qualora siano commesse da giovani stranieri cresciuti in Svizzera. In casi estremi può comunque essere pronunciata un'espulsione non obbligatoria.
Infine, la commissione auspica, come il Consiglio federale, che la Confederazione e i cantoni armonizzino al più presto il rilevamento dei dati relativi alle espulsioni giudiziarie e all'applicazione della clausola relativa ai casi di rigore.
La commissione ha accolto questa mozione con 16 voti contro 8, ai punti 1 e 2, e all'unanimità al punto 3, e auspica che anche il consiglio proceda in questo senso.
Keller-Sutter Karin · BR-F · Bundesrat · St. Gallen
Der Bundesrat begrüsst die von der SPK-N eingereichte Motion zur Änderung des Strafrechts in Bezug auf die Landesverweisung und empfiehlt Ihnen ebenfalls Annahme der Motion.
Wie gehört, nennt die Motion der SPK-N folgende konkret zu prüfende Punkte:
1. Anordnung einer Landesverweisung durch die Staatsanwaltschaften per Strafbefehl bei leichten, aber eindeutigen Fällen;
2. Präzisierung der Katalogstraftaten nach Artikel 66a Absatz 1 Buchstaben d, f und h des Strafgesetzbuches in Fällen mit besonders vielen Bagatellfällen;
3. Verzicht auf Anordnung einer notwendigen Verteidigung alleine aufgrund einer drohenden Landesverweisung.
Durch die Motion der SPK-N soll der Auftrag der bereits angenommenen Motion 18.3408, "Konsequenter Vollzug von Landesverweisungen", von alt Ständerat Müller Philipp erweitert und präzisiert werden. Auf der Basis der Motion Müller Philipp hat das EJPD bereits Vorschläge ausgearbeitet, wie die Motion der SPK-N eingepasst werden kann, sodass die geforderten Umsetzungen letztlich sowohl im Strafgesetzbuch wie auch in der Strafprozessordnung gemacht werden können. Die Arbeiten, die angelaufen sind, sollen nun im EJPD mit Expertinnen und Experten aus der Praxis diskutiert werden.
Der Bundesrat empfiehlt Ihnen Annahme der Motion.
Aebi Andreas · P-M · Nationalrat · Bern · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Präsident (Aebi Andreas, Präsident): Der Bundesrat beantragt die Annahme der Motion. Es wurde eine getrennte Abstimmung über die drei Ziffern verlangt.
Abstimmung
Ziff. 1 - Ch. 1
Abstimmung - Vote
Für Annahme der Motion ... 119 Stimmen
Dagegen ... 66 Stimmen
(0 Enthaltungen)
Abstimmung
Ziff. 2 - Ch. 2
Abstimmung - Vote
Für Annahme der Motion ... 118 Stimmen
Dagegen ... 66 Stimmen
(0 Enthaltungen)
Abstimmung
Ziff. 3 - Ch. 3
Abstimmung - Vote
Für Annahme der Motion ... 184 Stimmen
(Einstimmigkeit)
(0 Enthaltungen)