21.4403
Unabhängige Kommission für NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter
Pult Jon · Mit-M · Nationalrat · Graubünden · Sozialdemokratische Fraktion
Was passiert mit Kunstwerken, die jüdischen oder anderen von den Nazis verfolgten Menschen zwischen 1933 und 1945 geraubt wurden oder auf der Flucht unfreiwillig verkauft werden mussten? Welche Verantwortung tragen wir als neutrales Land, das während des Zweiten Weltkriegs ein wichtiger Umschlagplatz für Kunstgüter war? Wie gehen wir mit diesem historischen Unrecht um? Wie wollen wir heute Transparenz und Gerechtigkeit für so lange zurückliegendes Unrecht herstellen? Die Geschehnisse rund um die Kunstsammlung des Waffenhändlers Emil Bührle im Zürcher Kunsthaus haben diese Fragen wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Dabei wurde klar: Der Schweiz fehlen zweckmässige Instrumente für den Umgang mit Kulturgütern, die im Kontext historischen Unrechts den Besitzer wechselten.
Es ist darum erfreulich und richtig, dass wir soeben die Motion 22.3023 der WBK, "Plattform für Provenienzforschung bei Kulturgütern in der Schweiz", angenommen haben. Ein zweites zentrales Instrument ist die Einsetzung einer unabhängigen Kommission, wie sie in unserer von 34 Kolleginnen und Kollegen aus allen Parteien unterzeichneten Motion gefordert wird. Die Kommission soll für Kunstwerke, die im Zusammenhang mit der Nazi-Diktatur den Besitzer wechselten und bei denen die Besitzansprüche ungeklärt sind, gerechte und faire Lösungen im Sinne der internationalen Verpflichtungen suchen, welche die Schweiz eingegangen ist - faire und gerechte Lösungen, wie dies in den Washingtoner Prinzipien von 1998 und in der Erklärung von Terezin von 2009 verankert ist. Im Streitfall würde die Kommission die Fakten aufarbeiten und eine fachlich fundierte Empfehlung abgeben. Vergleichbare Kommissionen in Deutschland, Österreich, Frankreich, Grossbritannien und in den Niederlanden haben sich bewährt. Sie konnten neben der Lösung konkreter Fälle auch zu einer Verbesserung der Erinnerungskultur beitragen. Es soll auch geprüft werden, ob Kulturgüter aus kolonialem Kontext ebenfalls zum Aufgabenfeld der Kommission gehören sollten.
Der Bundesrat ist mit der Einsetzung einer Kommission einverstanden und beantragt im Grundsatz die Annahme der Motion. Der nächste Schritt muss sein, die Kommission - im besten Fall gemäss den im Motionstext skizzierten Rahmenbedingungen - bald einzurichten, wobei ich mich damit einverstanden erkläre, dass die genauen Rahmenbedingungen nach einer sorgfältigen Gesamtanalyse zu einem späteren Zeitpunkt festgelegt werden.
Unbestritten muss aber sein, dass die Kommission und der Bund in Zukunft mit klaren Begrifflichkeiten arbeiten. Es darf keinen Unterschied mehr ausmachen, ob die Nazis ein Gemälde direkt entwendet haben oder ob jemand das Gemälde verkaufen musste, um seine Flucht zu finanzieren. Es darf nicht mehr zwischen sogenannter Raubkunst und sogenannter Fluchtkunst unterschieden werden. In beiden Fällen geht es darum, dass Menschen ihre Kunstgegenstände verloren haben, weil sie von den Nazis verfolgt wurden. Der im Wortlaut des vom Bundesrat befürworteten Motionstexts verwendete Begriff des "NS-verfolgungsbedingten Entzugs" bringt auf den Punkt, worum es geht. Das ist auch im Sinne der Erklärung von Terezin aus dem Jahre 2009, in der geklärt wird, dass die Verfolgung und nichts anderes das entscheidende Tatbestandsmerkmal ist.
Wir freuen uns, dass der Bundesrat die von der Schweiz angenommenen internationalen Grundsätze der historischen Verantwortung im Umgang mit Kulturgütern konkret umsetzen will. Wir wollen nicht länger hinter dem Einsatz anderer Staaten zurückstehen. Die Kultur und die aussenpolitische Glaubwürdigkeit der Schweiz werden so gestärkt.
Darum bitte ich Sie, diese Motion anzunehmen. Sie schaffen so die Grundlage für gerechte und faire Lösungen bei NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kunstgegenständen. Diesen Beitrag zur Gerechtigkeit sollten wir heute, genau 77 Jahre und drei Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, leisten wollen.
Ich danke Ihnen für die Annahme dieser Motion.
Kälin Irène · P-F · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion
Präsidentin (Kälin Irène, Präsidentin): Die Motion wird von Herrn Glarner bekämpft.
Glarner Andreas · Mit-M · Nationalrat · Aargau · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Die SVP-Fraktion widersetzt sich selbstverständlich keineswegs dem Ansinnen von Kollege Pult, zu Unrecht annektierte Kunst aus der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten den ursprünglichen Besitzern oder ihren Rechtsnachfolgern wieder zukommen zu lassen. Wir wehren uns aber dagegen, wie übrigens auch der Bundesrat, diese Motion entgegen dem Titel auch auf Kulturgüter aus kolonialen Kontexten auszudehnen. Wir geben das hier zu Protokoll, damit der Ständerat die Motion dann bei der Behandlung anpassen kann, was uns hier anlässlich der Beratung leider nicht möglich ist.
In diesem Sinne bekämpfen wir nicht die Motion, sondern deren unsinnige Ausdehnung auf andere Bereiche.
Berset Alain · VPBR-M · Bundesrat · Freiburg
Je commence peut-être par quelques éléments historiques pour replacer le contexte. En 1998, sur la base de la Conférence de Washington sur les oeuvres d'art volées par les nazis, le Conseil fédéral avait institué un bureau de l'art spolié auprès de l'Office fédéral de la culture. Dans ce cadre, il a régulièrement réaffirmé la grande importance accordée au traitement actif de la thématique de l'art volé par les nazis. Onze ans plus tard, en 2009, la Suisse a adopté la déclaration de Terezin qui renforce les principes de Washington. Nous estimions dans ce cadre, et c'est toujours valable aujourd'hui évidemment, qu'une gestion juridiquement et éthiquement responsable du patrimoine culturel est une tâche importante.
Nous sommes donc, comme c'est indiqué dans l'avis du Conseil fédéral, favorables à l'institution d'une commission indépendante. Dans ce contexte, la recherche de solutions justes et équitables pour les litiges relatifs aux biens culturels revêt une importance capitale, que ce soit en apport avec l'art spolié à l'époque du national-socialisme ou en ce qui concerne les biens culturels issus d'un contexte colonial.
Cela dit, le Conseil fédéral estime que cette commission a une grande importance et qu'il convient de prendre le temps nécessaire pour étudier en détail son mode de fonctionnement, sa composition ainsi que l'étendue de ses compétences. C'est la raison pour laquelle le Conseil fédéral propose d'accepter le premier paragraphe de la motion, mais de rejeter tous les détails de fonctionnement de cette commission. Il faut nous laisser un peu de marge de manoeuvre.
En ce qui concerne la question de la terminologie, celle-ci sera bien sûr débattue. La Confédération s'appuie sur les déclarations des conférences internationales de Washington en 1998, comme je viens de le dire, et de Terezin en 2009, pour le faire. Une conférence internationale de suivi de la déclaration de Terezin est prévue à Prague en automne de cette année. La Suisse pourra s'y engager activement en faveur de l'adoption de définitions allant dans le sens demandé dans le texte de la motion. Par ailleurs, la commission prévue contribuera elle-même à préciser les notions utilisées et à développer le cadre conceptuel, par exemple en élaborant des critères pour permettre de déterminer quand on a affaire à une saisie susceptible de donner lieu à une solution juste et équitable.
Par conséquent, le Conseil fédéral vous invite à accepter la première partie de la motion, concernant l'institution d'une telle commission, mais il propose de rejeter les principes déjà proposés dans le texte pour régir l'action de la commission.
Abstimmung
Präsident (Nussbaumer Eric, zweiter Vizepräsident): Herr Glarner bekämpft die Motion nicht mehr. Der Bundesrat beantragt, die Einleitung anzunehmen, die Ziffern 1 bis 6 hingegen abzulehnen.
Einleitung - Introduction
Angenommen - Adopté
Ziff. 1-6 - Ch. 1-6
Abstimmung - Vote
Für Annahme der Motion ... 92 Stimmen
Dagegen ... 90 Stimmen
(4 Enthaltungen)