22.3360 · Interpellation · 2022-03-18
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Erledigt
Wortlaut
Der Bundesrat ist gebeten, folgende Fragen zur Versorgungssicherheit durch eine Förderung der nachhaltigen Produktion und zu den Auswirkungen des von der SVP geforderten Plans für eine "Anbauschlacht 2.0" zu beantworten:
1. Wenn auf Schweizer Ackerflächen kein Tierfutter mehr hergestellt würden (heute auf 43 Prozent der Ackerflächen), dafür aber Nahrungsmittel für die direkte menschliche Ernährung: um wie viel würde sich der Selbstversorgungsgrad steigern?
2. Wie viel Kraftfutter wird für Wiederkäuer verwendet, die grösstenteils mit Raufutter ernährt werden könnten? Wie viel Ackerfläche wird dafür verwendet? Wie würde sich das auf den Selbstversorgungsgrad auswirken?
3. Um wie viel steigt der Selbstversorgungsgrad, wenn die Lebensmittelverschwendung (Food Waste) von heute einem Drittel auf 10 Prozent gesenkt werden kann?
4. Welchen Einfluss auf die Erhöhung der Ernährungssicherheit hätte die Förderung von Produktionsformen, die mit weniger importiertem Futtermittel, Kunstdünger und Pestiziden auskommen?
5. In welchem Umfang würde eine Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion wie sie die "Anbauschlacht 2.0" fordert, die Auslandabhängigkeit unserer Lebensmittelversorgung vergrössern und um wie viel verteuern? Was wären die Folgen für den grenzüberschreitenden Handel (Import, Export, Veredelungsverkehr)?
6. Wie gross wäre bei einer intensiven Produktion der Kollateralschaden auf Umwelt und Klima? Welches
wären die Folgen für die Umweltziele Landwirtschaft, den Absenkpfad Pestizide und Nährstoffe (19.475)?
Stellungnahme des Bundesrates
1. Da mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Schweiz nur als Dauergrünland bewirtschaftet werden kann, ist eine Tierhaltung mit raufutterverzehrenden Nutztieren für die Versorgungssicherheit wichtig. In Bezug auf den Selbstversorgungsgrad (SVG) gilt zu beachten, dass die Produktion einer tierischen Kalorie ein Vielfaches an pflanzlichen Kalorien in Form von Futter benötigt. Der SVG kann erhöht werden, wenn auf den 60 Prozent der Ackerfläche, die heute für die Futtermittelproduktion verwendet werden, mehr pflanzliche Kalorien direkt dem menschlichen Konsum zugeführt werden. Bei einer schweren Mangellage von mehr als einem Jahr sieht die Strategie der wirtschaftlichen Landesversorgung gemäss Landesversorgungsgesetz (LVG; SR 531) deshalb vor, vermehrt Kulturen zur direkten menschlichen Ernährung (Kartoffeln, Weizen, Zuckerrüben, Ölsaaten, Gemüse) anzubauen und die Veredelungsproduktion (Geflügel, Schweine) entsprechend stark zu reduzieren. In welchem Umfang der SVG steigt, wenn auf sämtlichen Ackerflächen in der Schweiz Nahrungsmittel für die direkte menschliche Ernährung statt Futtermittel hergestellt werden, hängt davon ab, welche Nahrungsmittel produziert werden, und ob diese auch nachgefragt und konsumiert werden. Zudem würde die tierische Kalorienproduktion, die auf inländischen Futtermitteln basiert, zurückgehen, was sich auf den Netto-SVG auswirkt. Die Auswirkungen auf den Brutto-SVG dürften geringer sein, da davon auszugehen ist, dass die fehlenden inländischen Futtermittel durch importierte ersetzt würden und damit die Produktion tierischer Kalorien nicht stark beeinflusst wird. Für eine Quantifizierung wären Berechnungen mit dynamischen Modellen notwendig.
2. Der gesamte Kraftfutterverbrauch beträgt in der Schweiz jährlich rund 1,6 Millionen Tonnen Trockenmasse, davon werden 60 Prozent importiert. Etwa 0,45 Millionen Tonnen werden an Rindvieh verfüttert. Bei unterstellten Anteilen von 70 Prozent Getreide und 30 Prozent eiweissreichen Produkten wie Sojaschrot (Nebenprodukt aus der Sojaölgewinnung) resultiert ein Bedarf an Getreide von rund 315'000 Tonnen und an Sojabohnen von rund 170'000 Tonnen. Bei mittleren Erträgen von 7 Tonnen Futtergetreide und 3 Tonnen Sojabohnen je Hektar entspricht dies einer Getreideanbaufläche von 45'000 Hektaren und einer Sojabohnenanbaufläche von 57'000 Hektaren. Ein Verzicht auf Kraftfuttergaben an Rindvieh ginge mit tieferen Fleisch- und Milchleistungen einher. Auf der freigewordenen Ackerfläche liessen sich Nahrungsmittel für den direkten menschlichen Konsum produzieren und, wenn diese nachgefragt werden, auch der SVG erhöhen. Bei unverändertem Konsum wäre mit einer Zunahme der Fleischimporte und Überschüssen bei den produzierten pflanzlichen Produkten zur menschlichen Ernährung zu rechnen.
3. Lebensmittelabfälle entstehen entlang der ganzen Wertschöpfungskette und im Konsum. Können Abfälle auf Stufe Gross- und Detailhandel, Gastronomie und Konsum reduziert werden, sinkt die inländische Nachfrage nach Lebensmittel, was sich auf das inländische Angebot und den Import auswirkt. Können die Verluste auf Stufe Produktion und Verarbeitung verringert werden, muss weniger importiert werden. Nimmt man an, dass eine Reduktion der Abfälle auf Stufe Gross- und Detailhandel, Gastronomie und Konsum sich zu gleichen Teilen auf eine Abnahme des inländischen Angebots und der Importe verteilt und eine Reduktion auf Stufe Produktion und Verarbeitung zu einem Mehrangebot führt, das entsprechende Importmengen verdrängen kann, dann würde ein Rückgang der vermeidbaren Lebensmittelabfälle um zwei Drittel zu einem SVG brutto führen, der schätzungsweise 11 Prozentpunkte höher liegt als heute. Er würde also von gegenwärtig 57 Prozent (Mittel der Jahre 2018-2020) auf 68 Prozent steigen. Für eine präzisere Quantifizierung wären Berechnungen mit dynamischen Modellen notwendig und die hier getroffenen Annahmen zu differenzieren.
4. Bei der Versorgung der Bevölkerung mit inländischen Lebensmitteln ist zu unterscheiden zwischen der kurzfristigen Kalorienproduktion (aktueller SVG) und der längerfristigen Ernährungssicherheit gemäss Artikel 104a der Bundesverfassung. Eine ökologischere Inlandproduktion kann sich kurzfristig negativ auf die Kalorienproduktion auswirken, da ein Verzicht oder ein reduzierter Einsatz von Futtermitteln, Kunstdünger und Pestiziden das Ertragsniveau senken kann. Längerfristig wirken sich ökologische Produktionsformen aber positiv auf die Ernährungssicherheit aus, da essenzielle Produktionsgrundlagen (fruchtbarer Boden, Biodiversität etc.) erhalten bleiben und für eine Produktionssteigerung in Krisensituationen zur Verfügung stehen. Wichtig ist sowohl aus kurz-, wie auch aus langfristiger Sicht, dass die Produktionsmittel (z.B. Dünger) möglichst effizient eingesetzt werden.
5. Der Bundesrat überprüft die Versorgungssicherheitslage fortlaufend. Aufgrund der derzeitigen Lage sieht er keinen Bedarf für eine Optimierung der Produktion. Für das laufende Jahr kann die Produktion nicht mehr wesentlich verändert werden, da die meisten Kulturen bereits angesät sind. Eine kurzfristige und massive Erhöhung des SVG wäre mit einem Abbau der Nutztiere, einer konsequenten Umstellung der Inlandproduktion von Futtermitteln zu pflanzlichen Nahrungsmitteln oder einer Intensivierung der Inlandproduktion möglich. Zudem müsste das Konsummuster angepasst werden. Bei Letzterem könnte die Abhängigkeit von importierten Produktionsmitteln wie Dünger, Energie, Pflanzenschutzmitteln oder Saatgut zunehmen. In welchem Umfang die Abhängigkeit steigt, hängt vom Ausmass der Intensivierung ab.
6. Die Produktionsintensität in der Schweiz liegt heute teilweise über dem ökologisch tragbaren Niveau, was sich mittel- und langfristig negativ auf die Produktivität der Landwirtschaft auswirken kann. Eine Produktionssteigerung durch einen erhöhten Einsatz von Produktionsmitteln wie Dünger und Pflanzenschutzmitteln könnte den Druck auf die Ökosysteme und das Klima zusätzlich erhöhen. Dies könnte sich negativ auf den Erhalt der Produktionsgrundlagen auswirken, was die längerfristige Ernährungssicherheit schwächt. Eine intensivere Produktion stünde auch im Widerspruch zu den Absenkpfaden für Pflanzenschutzmittel und Nährstoffverluste, die das Parlament im Rahmen der parlamentarischen Initiative 19.475 "Das Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren" im Frühling 2021 beschlossen hat.
Antwort des Bundesrates.