22.3843 · Postulat · 2022-06-17
Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation
Überwiesen an den Bundesrat
Wortlaut
Der Bundesrat wird beauftragt, einen Bericht zum Potenzial der Geothermie zur Wärmeversorgung vorzulegen (besonders im mitteltiefen Bereich mit der hydrothermalen Geothermie).
Der Bericht soll insbesondere aufzeigen:
1. das Potenzial,
2. die praktischen Hürden/Probleme, die den Ausbau ausbremsen.
3. welche zusätzlichen Massnahmen - über das aktuelle Fördersystem hinaus - zur Ausnutzung dieses Potenzials notwendig sind,
4. welche Standorte, die bereits heute über thermische Netze verfügen oder solche planen, sich besonders für Geothermie-Anlagen zur Wärmeversorgung eignen,
5. einen Überblick über die Erfahrungen u. Technologien, die im Ausland bereits im Einsatz sind
6. einen realistischen Zeitplan / eine Roadmap für die Umsetzung der Massnahmen u. die Ausschöpfung des Potenzials,
Begründung
Hat man bisher vor allem auf die Stromproduktion gesetzt, sind die Forschenden des "Kompetenzzentrums für Energieforschung" überzeugt, dass die Wärme aus dem Boden direkt zum klimafreundlichen Heizen genutzt werden sollte (vgl. Ammann, srf, 11.9.21, "Geothermie hat Potenzial aber einen schlechten Ruf"). In mittleren Tiefen vorhandenes warmes Wasser lässt sich für unterschiedlichste Zwecke nutzen, z.B. für die Versorgung von Quartieren oder grösseren Stadtgebieten über Nah- bzw. Fernwärmenetze. Weiter können auch Gewerbe und Industrie mit Wärme oder Kälte beliefert werden. In der Landwirtschaft lassen sich Gewächshäuser heizen, Lebensmittel verarbeiten oder zum Beispiel Gras trocknen. Je nach Temperatur des geförderten Wassers und der gewünschten Nutztemperatur werden bei der mitteltiefen Geothermie ergänzend Wärmepumpen eingesetzt.
Dieses Potenzial wird z.B. in den Regionen von Paris und München breit genutzt, leider aber noch nicht in der Schweiz. Lediglich die Geothermieanlage in Riehen im Kanton Basel-Stadt nutzt seit 27 Jahren diese Erdwärme erfolgreich. Die Nutzung der Geothermie in mittleren Tiefen hat eigentlich ein grosses Potenzial, über thermische Netze vor allem Agglomerationen mit erneuerbarer, CO2-freier, bei jedem Wetter und übers ganze Jahr hinweg kontinuierlich verfügbaren Wärme zu versorgen. Leider ist ihr Ruf schlecht und das Potenzial liegt brach. Aufwand und Risiko bei der Geothermie zur Wärmegewinnung sind jedoch deutlich tiefer als zur Stromgewinnung, denn das Risiko von Erdbeben bei Bohrungen in diesen Tiefen ist gering.
Um dieses ungenutzte Potenzial endlich erschliessen zu können, müssen die Rahmenbedingungen aufgezeigt, analysiert und verbessert sowie transparent informiert werden. Die mitteltiefe Geothermie zur Wärmenutzung insbesondere in städtischen Verbundnetzen ist enorm effizient und kann nicht nur einen entscheidenden Beitrag zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung in den Städten und Agglomerationen leisten, sondern auch unsere Abhängigkeit von russischem Erdgas verringern und Winterstrom für andere Bereiche freigeben. Es ist Zeit dies zu nutzen.
Antrag des Bundesrates
Der Bundesrat beantragt die Ablehnung des Postulates.
Stellungnahme des Bundesrates
Der Bundesrat ist sich bewusst, dass nebst der etablierten Nutzung der untiefen Geothermie mit Wärmepumpen, auch die Nutzung der tiefen Geothermie in der Schweiz ein grosses Potenzial aufweist. Der Bund hat kein quantifiziertes Ziel für die Wärmebereitstellung aus der tiefen Geothermie ausgearbeitet. Der Geothermieverband geht für das Jahr 2050 von einem wirtschaftlich nutzbaren Potenzial von 8 Terrawattstunden pro Jahr aus bei einem geschätzten jährlichen Wärmebedarf von rund 70 Terrawattstunden. Die wichtigsten Hürden für die Nutzung dieses Potenzials wurden bereits identifiziert: 1) Unsicherheit zur Beschaffenheit des Untergrunds (Fündigkeitsrisiko); 2) Mangel an angemessenen und vorteilhaften kantonalen regulatorischen Rahmenbedingungen; 3) Kompetenzdefizit vieler Akteure aufgrund fehlender heimischer Erfahrung mit Rohstoffextraktion. Vor diesem Hintergrund sind die Investitionsrisiken für Projekte sehr hoch. Es wurden bereits Massnahmen getroffen, um das Fündigkeits- und Investitionsrisiko abzubauen: Der Bund hat 2018 ein Förderprogramm für Projekte zur direkten Nutzung von Geothermie eingeführt. Indem bis zu 60 Prozent der Investitionskosten vom Bund übernommen werden, sinkt einerseits das Investitionsrisiko und andererseits werden durch die Veröffentlichung der gewonnen Daten die geologischen Unsicherheiten laufend reduziert. Seit Einführung dieses Instruments haben fünf Wärmeprojekte eine finanzielle Zusicherung erhalten. Die damit verbundenen Erkundungsarbeiten sind am Laufen und etliche weitere Projekte sind geplant.
Für Projekte zur direkten Wärmenutzung stehen durch dieses Programm 30 Millionen Schweizer Franken pro Jahr zur Verfügung, welche bis anhin noch nicht komplett ausgeschöpft wurden. Die Effizienz der bestehenden, projektspezifischen Fördermassnahmen könnten durch eine datenbasierte überregionale Übersicht zum Potenzial der tiefen Geothermie gesteigert werden. Die Industrie würde dadurch motiviert, in den Regionen mit den höchsten Erfolgschancen Erkundungsprojekte zu entwickeln. Die Ausarbeitung einer derartigen Potenzialstudie wird bereits im Rahmen der Beantwortung der Motion 20.4063 angegangen. Das in der Motion geforderte nationale Erkundungsprogramm könnte zwischen 2025 und 2030 durchgeführt werden. Weitere direkte Massnahmen durch den Bund zum Risikotransfer werden als nicht notwendig erachtet.
Der Bundesrat hat für die Vernehmlassung zur Revision des CO2-Gesetzes vorgeschlagen, auch eine Unterstützung für die Energieplanung (Art. 34a Abs. 1 Bst. b) auf verschiedenen Ebenen vorzusehen, wodurch die Durchdringung des Wärmemarktes mit Geothermie verbessert werden kann. Der Bund realisiert zudem indirekte Unterstützungsmassnahmen, die den Kantonen bei der Rolle als Regulator helfen, Forschung und Innovation fördern, Ausbildungsgänge unterstützen oder bei der Kommunikation ansetzen.
Die Identifizierung geeigneter Standorte für die Entwicklung von Geothermieprojekten zur direkte Wärmenutzung, hängt von zwei Faktoren ab: 1. Vom Wärmebedarf an der Oberfläche. Die Kantone, Regionen und Gemeinden haben durch ihre Energieplanung den besten Überblick diesbezüglich. 2. Von der Verfügbarkeit der geothermischen Ressourcen im Untergrund. Sie kann nur durch Erkundungsarbeiten beantwortet werden. Ein gutes Beispiel ist der Tiefengeothermie-Kataster des Kantons Waadt. Die Technologien, welche zur Nutzung der Geothermie benötigt werden, sind erprobt und es gibt international viel Erfahrung in deren Anwendung. Die Schwierigkeit liegt im Transfer des Fachwissens in die Schweiz. Der Bund unterstützt innovative Technologien wie geschlossene Systeme ("closed-loop systems") oder die Nutzung von petrothermalen Systemen ("Enhanced Geothermal Systems") zur Wärmeerzeugung wie das st1-Projekt in Finnland.
Aus diesen Gründen erachtet der Bundesrat die im Postulat 22.3843 gestellten Anliegen als bereits erfüllt oder als Teil von bereits laufenden Arbeiten.
Der Bundesrat beantragt die Ablehnung des Postulates.