23.3190 · Interpellation · 2023-03-15
Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Erledigt
Wortlaut
Gemäss Berechnungen des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes haben sich in den letzten zwei Jahren die Reallöhne der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Schweiz unterschiedlich entwickelt. Die Löhne der Lohnabhängigen ohne abgeschlossene Ausbildung und mit tertiärem Abschluss sind zwischen 2016 und 2020 real gestiegen. Jene der Beschäftigten mit einem Fachhochschulabschluss, mit einem Abschluss der höheren Berufsbildung oder mit Berufslehre hingegen sind gesunken. Angesicht der Einkommensverluste und der gestiegenen Lebenshaltungskosten seit 2020 dürfte sich dieser Effekt eher noch verstärkt haben. In diesem Zusammenhang bitte ich den Bundesrat, folgende Fragen zu beantworten:
- Teilt der Bundesrat die Ansicht, dass die negative Entwicklung der Reallöhne für Beschäftigte mit einer abgeschlossenen Berufsbildung, mit höherer Berufsbildung oder Fachhochschulabschluss die Attraktivität der Berufsbildung schmälert?
- Teilt der Bundesrat die Ansicht, dass dies weder aus Perspektive der Beschäftigten noch der Unternehmen noch volkswirtschaftlich wünschbar ist?
- Sieht der Bundesrat Handlungsbedarf? Wenn ja, was tut er, um die Berufsbildung zu stärken? Wenn nein, warum nicht?
- Verschiedene vom Bund unterstützte Foren wie die verbundspartnerschaftliche Initiative "Berufsbildung 2030" oder das Nationale Spitzentreffen Berufsbildung beschäftigen sich mit wichtigen Instrumenten zur Stärkung der Berufsbildung. Kein Diskussionsthema ist die Lohnentwicklung. Wir der Bundesrat die Frage der Lohnentwicklung in diesen Foren in Zukunft traktandieren?
Stellungnahme des Bundesrates
Für den Bundesrat ist das Lohnniveau ein wesentlicher Aspekt der Arbeitsbedingungen, der zusammen mit anderen Faktoren wie Karrieremöglichkeiten, Work-Life-Balance, Arbeitsplatzsicherheit, Arbeitszeit oder Beschäftigungsfähigkeit betrachtet werden muss. Gemeinsam mit den betroffenen Partnern setzt sich der Bund proaktiv für die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für die Bildung und insbesondere die Berufsbildung ein. Diese Bestrebungen widerspiegeln sich im Bildungssystem in vielfältigen Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Daraus ergibt sich eine hohe berufliche Mobilität. Dank der Erhebungen des Bundesamts für Statistik (BFS) verfügen die interessierten Akteure im Bereich Bildung und Arbeitsmarkt über regelmässig aktualisierte Daten. Letztere zeigen keine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen von Absolventinnen und Absolventen der Berufsbildung und unterstreichen die Durchlässigkeit des Systems.
Die Publikation des BFS "Berufliche Situation von Absolventinnen und Absolventen der höheren Berufsbildung 2020, vier Jahre nach dem Abschluss" bestätigt denn auch die Wettbewerbsvorteile auf dem Arbeitsmarkt. Die Absolventinnen und Absolventen sind sehr gefragt und üben mehrheitlich eine Tätigkeit aus, die einen Bezug hat zu ihrer Ausbildung. Karrierebrüche kommen bei ihnen weniger häufig vor als bei Hochschulabgängerinnen und -abgängern, ausserdem ist die Arbeitslosigkeitsrate tiefer.
Inhaberinnen und Inhaber eines universitären Abschlusses verdienen zwar durchschnittlich mehr als jene mit einem Abschluss der höheren Berufsbildung. Sie haben jedoch fünf Jahre (häufig auch mehr) in ihr Studium investiert und dabei auf einen Lohn verzichtet. Der Bildungsbericht Schweiz 2023 zeigt überdies, dass die Inhaberinnen und Inhaber eines Abschlusses der höheren Berufsbildung pro Ausbildungsjahr die höchste Bildungsrendite aufweisen. Des Weiteren belegt der Bericht, dass sich die Lohnunterschiede zwischen den Abgängerinnen und Abgängern einer Hochschule und der höheren Berufsbildung in den vergangenen zehn Jahren verringert haben.
Darüber hinaus weist eine Analyse der Zahlen des BFS nach Branchen nicht auf ein tieferes Lohnniveau hin zwischen Inhaberinnen und Inhabern eines Abschlusses der höheren Berufsbildung und Inhaberinnen und Inhabern eines Hochschulabschlusses. Ein Vergleich der Medianlöhne in verschiedenen Branchen ein Jahr nach Ende der tertiären Ausbildung zeigt beispielsweise, dass Abgängerinnen und Abgänger der höheren Berufsbildung in Branchen wie dem Bauwesen oder Information und Kommunikation vergleichbare oder gar höhere Löhne erzielen als Hochschulabgängerinnen und -abgänger.
Löhne werden über den Markt und den Einsatz der Sozialpartner geregelt. Der Bund unterstützt die Berufsentwicklung im Rahmen seiner Kompetenzen und fördert insbesondere die Durchlässigkeit, die sowohl der Wirtschaft als auch den Arbeitnehmenden zugutekommt. Die Initiative "Berufsbildung 2030" ist eines der Instrumente, das den Verbundpartnern zur Verfügung steht und die Umsetzung von Projekten ermöglicht, um Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft Rechnung zu tragen. Das Spitzentreffen der Berufsbildung befasst sich übergreifend mit allen politischen Aspekten, die von den Verantwortlichen der Berufsbildung vertreten werden. Diesbezüglich können die Arbeiten zur besseren Positionierung der höheren Fachschulen und ihrer Abschlüsse genannt werden. Für Lohnfragen gibt es indes andere Verhandlungsmöglichkeiten, beispielsweise im Rahmen von Gesamtarbeitsverträgen.
Antwort des Bundesrates.