24.4689 · Postulat · 2024-12-20
Departement des Innern
Stellungnahme zum Vorstoss liegt vor
Wortlaut
Der Bundesrat wird beauftragt, einen Bericht über die Fruchtbarkeit von Männern und Frauen in der Schweiz vorzulegen, der ein differenziertes Bild der aktuellen Lage zeichnet. Der Bericht soll sich mit der Entwicklung der Fruchtbarkeit seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs befassen und versuchen, die Ursachen zu identifizieren, die zu ihrer Abnahme führen.
Begründung
Auch heute noch ist Unfruchtbarkeit ein erstaunlich wenig diskutiertes Thema. Eigentlich jedoch betrifft sie nicht nur die Intimsphäre von Paaren: Sie wirkt sich auch auf das Gesundheitssystem, die Arbeitswelt und das allgemeine demografische Gleichgewicht aus. Da die Betroffenen oft stigmatisiert werden, ist es schwierig, über Unfruchtbarkeit zu sprechen. Es ist jedoch an der Zeit, Stereotypen zu durchbrechen und ein besseres Verständnis des Themas zu fördern.
Die medizinisch unterstützte Fortpflanzung (assistierte Reproduktionstechnologie; ART) wird in der Schweiz immer alltäglicher: Die Zahl der Paare, die sie in Anspruch nahmen, hat sich zwischen 2002 und 2010 verdoppelt. Sie ist in dieser Zeit von 3000 auf über 6000 Paare pro Jahr angestiegen. Warum?
Die ART bietet zwar eine Reihe von Verfahren, um unfruchtbaren Paaren zu helfen, sie ist jedoch kein Patentrezept; vor allem auch, weil nicht alle Paare solche Behandlungen gleichermassen in Anspruch nehmen können. Vor diesem Hintergrund darf die Prävention nicht unterschätzt werden, insbesondere die Früherkennung von Krankheiten, die zu Unfruchtbarkeit führen können. Wir müssen wissen, wie viele Menschen im fortpflanzungsfähigen Alter von Unfruchtbarkeit betroffen sind, die Ursachen dafür verstehen und sie erfassen.
Bei der weiblichen Unfruchtbarkeit sind mehrere medizinische Ursachen bereits gut bekannt (höheres Alter der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes, Zyklusstörungen, Endometriose usw.). Aber was ist mit den gesellschaftlichen Ursachen und den Umweltfaktoren und welche Rolle spielen sie?
Da männliche Unfruchtbarkeit in unserem Land nahezu tabu ist, weiss man über ihr Ausmass und ihre Ursachen sehr wenig. Nur eines ist sicher: Das Schweizer Sperma ist von schlechter Qualität. Das zeigt die erste nationale Studie zur Spermienqualität, eine Studie der Universität Genf in Zusammenarbeit mit der Armee, die 2019 veröffentlicht wurde.
Der Bericht muss somit alle Ursachen für die Abnahme der Fruchtbarkeit sowohl bei Männern als auch bei Frauen in der Schweiz identifizieren. Es geht um eine Situationsanalyse, anhand derer die notwendigen Massnahmen zur Lösung des Problems ergriffen werden können. Es muss auch möglich sein, die Fruchtbarkeit in der Schweiz mit jener in anderen Ländern zu vergleichen.
Antrag des Bundesrates
Ablehnung
Stellungnahme des Bundesrates
Tatsächlich lässt sich eine Abnahme der Fruchtbarkeit sowohl bei Frauen als auch bei Männern beobachten – auch in der Schweiz. In der Schweiz werden keine systematischen Daten zur Unfruchtbarkeit erhoben. Gemäss Schätzungen sind jedoch 10-15% der Paare davon betroffen. Die Statistik zur Reproduktionsmedizin (www.bfs.admin.ch > Statistiken > Gesundheit > Gesundheitszustand > Reproduktive Gesundheit > Medizinisch unterstützte Fortpflanzung) erfasst seit 2002 jene Paare, die aus Gründen der Unfruchtbarkeit eine medizinische Behandlung in Anspruch nehmen. Wie von der Postulantin festgehalten, ist die Anzahl Paare zwischen 2002 und 2010 stark angestiegen; seither ist sie hingegen relativ stabil geblieben. Bei diesen Paaren liegt zu ca. 25% eine Sterilität der Frau, zu ca. 35% des Mannes und in 10-15% eine Sterilität beider vor. In weiteren ca. 30% der Fälle ist die Ursache unklar oder anderen Gründen geschuldet. Weitere Angaben zur Diagnosestellung werden in dieser Statistik nicht erfasst. Pro Jahr kommen unter 3% aller lebendgeborener Kinder nach einer IVF-Behandlung zur Welt. Die Abnahme der Fruchtbarkeit bei Männern wie auch bei Frauen lässt sich auf eine Vielzahl von Faktoren zurückführen. Die Familienplanung findet oftmals zu einem späteren Zeitpunkt statt. Das Durchschnittsalter der Frauen bei der Geburt des ersten Kindes lag 2023 gemäss Statistiken des Bundesamtes für Statistik bei 31.3 Jahren. Da die Fruchtbarkeit bei Frauen ab 30 Jahren abnimmt, sinkt die Chance auf eine erfolgreiche Schwangerschaft. Weitere medizinische und psychosoziale Faktoren wie veränderte Konsumgewohnheiten, Tabakkonsum, Übergewicht und auch Umweltfaktoren können zu Unfruchtbarkeit führen. Beispielsweise liegen von der Universität Genf Studien zur Spermienqualität Schweizer Rekruten vor, die festhält, dass bei 60% der Männer die Spermienqualität unterhalb des WHO-Grundwertes für eine gute männliche Zeugungsfähigkeit liegt (www.archive-ouverte.unige.ch > search > semen quality). Wie der Bundesrat in seiner Stellungnahme zur Interpellation Revaz 24.3174 «Auswirkungen von Mikroplastik auf die Fruchtbarkeit» festgehalten hat, ist es jedoch schwierig, einen direkten Zusammenhang zwischen der Exposition mit Chemikalien und einer verminderten Fruchtbarkeit herzustellen und abzuschätzen, wie bedeutend dieser Faktor im Vergleich zu anderen ist. Der Bund verfolgt mit der nationalen Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD-Strategie) die Verminderung von Risikofaktoren für Unfruchtbarkeit (unausgewogene Ernährung, Tabak- und Alkoholkonsum, mangelnde Bewegung etc.). Auch Substanzen, welche eine schädliche Auswirkung auf das Hormonsystem haben (sog. endokrine Disruptoren) werden bereits heute durch das Schweizer Recht reguliert. Durch eine interdepartementale Koordinationsgruppe «endokrin aktive Substanzen» (IKOG EAS) werden eine kompetente Beratung der Schweizer Bevölkerung sichergestellt und die internationalen wissenschaftlichen und regulatorischen Entwicklungen mitverfolgt. Der Bundesrat anerkennt die Problematik der sinkenden Fertilität. Ein Bericht des Bundesrates hätte jedoch nicht den erhofften Mehrwert, sondern wäre lediglich eine Zusammenfassung der wenigen bestehenden wissenschaftlichen Studien und Daten. Der Bundesrat setzt zudem wie dargelegt bereits heute in seinem Zuständigkeitsbereich Massnahmen zur Verminderung von Infertilität um. Die Förderung und Durchführung weiterer Forschung obliegt aus Sicht des Bundesrates zudem den Universitäten und einschlägigen Fachgesellschaften. Zuletzt würde es die Datenlage nicht erlauben, eine Analyse vom Zeitraum seit dem zweiten Weltkrieg zu erstellen.
Der Bundesrat beantragt die Ablehnung des Postulates.