Kreisschreiben Nr. 24 der SSK vom 17. Dezember 2003
Schweizerische Steuerkonferenz KS 24
Verrechnung von Vorjahresverlusten in der interkantonalen Steuerausscheidung
Kreisschreiben vom 17. Dezember 2003
1. Bisherige Praxis
Die Berücksichtigung von Verlusten, die in früheren Steuerperioden entstanden sind, kann nach zwei Methoden er- folgen: der sog. Teilverlustverrechnung (Beispiel 3.6.1.6.1.2) und der sog. Gesamtverlustverrechnung (Beispiel 6.1.3). Bei der ersten Methode anerkennt jeder betroffene Kanton nur die durch ihn ermittelten Teilverluste und verrechnet sie mit dem ihm zur Besteuerung zugewiesenen Teilgewinn. Bei der Gesamtverlustverrechnung wird der verrechenbare Gesamtverlust aus früheren Perioden vom Gesamtgewinn in Abzug gebracht, und erst der Rest- betrag wird nach den zuvor definierten Quoten den einzelnen Kantonen zur Besteuerung zugewiesen. Gemäss bisheriger Lehrmeinung war bei der interkantonalen Steuerausscheidung der Teilverlustverrechnungsme- thode der Vorrang einzuräumen (Höhn/Mäusli, Interkantonales Steurrecht, 4. Auflage, § 27 Rz. 7). Diese, aus theo- retischer Sicht bei der quotenmässig-direkten Ausscheidung wohl richtigere Methode liess sich in der Praxis schon bisher nur in einfachen Verhältnissen mit wenigen beteiligten Kantonen umsetzen, nicht aber in den komplexen Ausscheidungen von grossen Unternehmungen.
2. Neue Praxis unter dem Vereinfachungsgesetz
Mit dem Vereinfachungsgesetz werden die Zuzugskantone verpflichtet, bei Verlegung des Sitzes oder des Ge- schäftsortes innerhalb der Schweiz auch ausserkantonal erlittene und noch nicht verrechnete Vorjahresverluste mit späteren Gewinnen zu verrechnen (Art. 10 Abs. 2 und 4 bzw. Art. 25 Abs. 2 und 4 StHG; SSK KS 15, Ziff. 312). Dies kann bei Sitzverlegungen nach dem 1. Januar 2001 dazu führen, dass Kantone Verluste anrechnen müssen, die nicht in ihrem Hoheitsgebiet entstanden sind. Nichtbetriebsstättekantone mit Kapitalanlageliegenschaften müssen jedoch auch weiterhin keine Betriebsstätteverluste übernehmen. Die Argumente, die zuvor gegen die Methode der Gesamtverlustverrechnung zu Recht angeführt worden sind, ha- ben unter dem Vereinfachungsgesetz seit dem 1. Januar 2001 ihre Grundlage verloren oder sind doch stark relati- viert worden. Für die Frage der Verlustübernahme durch andere Kantone spielt der Umstand, ob ein Steuerdomizil verlegt oder ganz aufgegeben wird, keine Rolle mehr, sofern diese Tatbestände nach dem 1. Januar 2001 verwirk- licht worden sind. Die Anwendung der Gesamtverlustverrechnungsmethode bewirkt für den Steuerpflichtigen eine – vom Vereinfa- chungsgesetz beabsichtigte – rechnerische Vereinfachung. Durch die Anwendung dieser Methode wird dem Grundsatz der interkantonalen Freizügigkeit am besten nachgelebt. Dies rechtfertigt es, nach dem 1. Januar 2001 einzig auf die Gesamtverlustverrechnungsmethode abzustellen, wie dies bisher schon für Banken (SSK KS 5 ), Telekommunikationsunternehmungen (SSK KS 20) und Versicherungsgesellschaften (SSK KS 23) galt. Schwierigkeiten treten bei dieser Methode einzig durch das (bis heute) harmonisierungsmässig zulässige Nebenein- ander von monistischem und dualistischem Grundstückgewinnsteuersystem auf. Diesem Aspekt wird Rechnung getragen, indem der Wertzuwachsgewinn der Steuerperiode dem Kanton der gelegenen Sache zugewiesen wird und dieser Kanton u.U. aufgrund kantonalen Rechts in der gleichen Steuerperiode einen anteiligen Verlust gemäss sei- ner kantonalen Quote übernehmen muss. Dieser angerechnete Teilverlust wird in den folgenden Jahren korrigiert. Diese Lösung entspricht auch dem vom Bundesgericht aufgestellten Grundsatz der objektmässigen Zuweisung der Liegenschaftsgewinne an den Belegenheitskanton. Als Nachteil muss in Kauf genommen werden, dass die betrof-
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fenen Kantone in solchen Fällen immer in eigener Regie die noch | nicht voll besteuerten Wertzuwachsgewinne | |||
nachführen müssen. Vgl. dazu Anhang 3 zu SSK KS 23 betreffend Interkantonale Steuerausscheidung von Versi-
cherungs-gesellschaften und Beispiel 6.6.2.
3. Zeitpunkt der Anwendung der neuen Methode und Übergang
Die Methode der Gesamtverlustverrechnung findet Anwendung auf alle Veranlagungen ab Steuerperiode 2001. Sie gilt sowohl für juristische Personen als auch sinngemäss für Unternehmen von natürlichen Personen. Bestehen im Zeitpunkt des Methodenwechsels in einzelnen Kantonen noch verrechenbare Verlustvorträge, die bisher nach der Teilverlustverrechnungsmethode ermittelt worden sind, wird ab Steuerperiode 2001 die Summe der noch nicht
verrechneten Vorjahresverluste mit dem Gesamtgewinn verrechnet (Beispiel 6.6.3).
4. Verrechnung von Vorjahresverlusten | bei Fusionen mit ausserkantonalen Gesellschaften | |||
Die gleiche Regelung, die für die Übernahme ausserkantonal erlittener Vorjahresverluste bei Sitzverlegungen gilt,
ist auch bei Fusionen von Gesellschaften mit Geschäftsorten in verschiedenen Kantonen | anwendbar. Unter dem | |||
Vorbehalt der Steuerumgehung und der Fusion mit einer liquidationsreifen Gesellschaft | müssen bei Fusionen nach | |||
dem 1. Januar 2001 auch ausserkantonal erlittene, noch nicht verrechnete Vorjahresverluste eines Fusionsobjekts
angerechnet werden, auch dann, wenn sie vor dem 1. Januar 2001 erlitten worden sind.
5. Beweislast
Nach Lehre und Praxis hat die Steuerbehörde die Verlustverrechnung vom Amtes wegen vorzunehmen, namentlich dort, wo sie mit Aufrechnungen in der aktuellen Steuerperiode Verrechnungssubstrat schafft. Der Steuerpflichtige hat dennoch die Pflicht, die Verlustvorträge als steuermindernde Tatsache geltend zu machen. Dabei obliegt ihm der Nachweis, dass frühere Verluste nicht bereits verrechnet worden sind. Als Grundlage dazu dienen die Veranla-
gungen des Wegzugkantons. Zwar lautet die Veranlagung bei einem | Jahresendverlust, soweit er nicht mit übrigem | |||
Einkommen kompensiert werden kann, in der Regel auf Null. Der Betrag eines Jahresendverlustes kann jedoch aus
den der Veranlagungsverfügung zugrunde liegenden Berechnungen – | namentlich bei Aufrechnungen – oder aus ei- | |||
ner separaten Mitteilung der Steuerbehörde | an den Steuerpflichtigen ersichtlich sein. | |||
6. Beispiele
6.1. Teilverlust- vs. Gesamtverlustverrechnung | ||||
6.1.1. Ausgangslage: | ||||
Steuerperiode | Total | Kanton A | Kanton B | Kanton C |
Vorperioden | -100 | -35 | -45 | -20 |
2001 | 40 | 10 | 20 | 10 |
2002 | 60 | 10 | 30 | 20 |
2003 | 50 | 15 | 15 | 20 |
Total | 50 | 0 | 20 | 30 |
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6.1.2. Bisherige Methode: Teilverlustverrechnung
Steuerperiode | Total | Kanton A | Kanton B | Kanton C | |
Vorperioden | -100 | -35 | -45 | -20 | |
2001 Gewinn | 40 | 10 | 20 | 10 | |
Verlustverrechnung | -40 | -10 | -20 | -10 | |
steuerbar | 0 | 0 | 0 | 0 | |
2002 Gewinn | 60 | 10 | 30 | 20 | |
Verlustverrechnung | -45 | -10 | -25 | -10 | |
steuerbar | 15 | 0 | 5 | 10 | |
2003 Gewinn | 50 | 15 | 15 | 20 | |
Verlustverrechnung | -15 | -15 | 0 | 0 | |
steuerbar | 35 | 0 | 15 | 20 | |
Total | 50 | 0 | 20 | 30 |
6.1.3. Neue Methode: Gesamtverlustverrechnung
Steuerperiode | Total | Kanton A | Kanton B | Kanton C | |
Vorperioden | -100 | -35 | -45 | -20 | |
2001 Gewinn | 40 | ||||
Verlustverrechnung | -40 | ||||
steuerbar | 0 | 0 | 0 | 0 | |
2002 Gewinn | 60 | ||||
Verlustverrechnung | -60 | ||||
steuerbar | 0 | 0 | 0 | 0 | |
2003 Gewinn | 50 | 15 | |||
steuerbar | 50 | 15 | 15 | 20 | |
Total | 50 | 15 | 15 | 20 | |
6.2. Gesamtverlustverrechnung mit Wertzuwachsgewinnen aus dem Verkauf von Liegenschaften | |||||
6.2.1. Ausgangslage | |||||
Steuerperiode 2001 | Total | Sitz Kanton A | Kanton B | Kanton C | Kanton D |
Ausscheidungsquote | 100% | 45% 5% | 10% | 25% | 15% |
Gewinn 2001 gemäss ER | 10'000 | ||||
Davon Wertzuwachsge- | 40'000 | 13'000 7'000 | 20'000 | ||
winn auf Liegenschaften | |||||
Steuerperiode 2002 | Total | Sitz Kanton A | Kanton B | Kanton C | Kanton D |
Ausscheidungsquote | 100% | 47% 7% | 11% | 22% | 13% |
Gewinn 2002 gemäss ER | 50'000 | ||||
Davon Wertzuwachsge- | 15'000 | 15'000 | |||
winn auf Liegenschaften | |||||
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Der Sitzkanton und die Kantone A und D kennen das dualistische System (mit Verlustverrechnung). Die Kantone
B und C kennen das monistische System (ohne Verlustverrechnung).
6.2.2 Lösung
Veranlagung 2001 | Total | Sitz | Kanton A | Kanton B | Kanton C | Kanton D |
Ausscheidungsquote | 100% | 45% | 5% | 10% | 25% | 15% |
Gewinn 2001 gemäss ER | 10'000 | |||||
./. objektmässiger Wertzu- | -40'000 | 13'000 | 7'000 | 20'000 | ||
wachsgewinn | ||||||
Gesamtverlust | -30'000 | |||||
Anteil am Gesamtverlust | -13'000 | -1'500 | ||||
(gemäss Quote)* | ||||||
Steuerbarer Reingewinn | ***25'500 | 0 | 5'500 | 0 | **20'000 | 0 |
*) Sitzkanton 45% von Fr. 30'000, maximal aber Wertzuwachsgewinn | ||||||
Kanton A 5% von Fr. 30'000, maximal aber Wertzuwachsgewinn | ||||||
**) mangels gesetzlicher | Regelung können keine Verlustanteile mit dem objektmässigen Wertzuwachsge- | |||||
winn verrechnet werden. | ||||||
***) Entspricht nicht dem | satzbestimmenden Reingewinn, welcher nach kantonalem Recht zu | ermitteln ist. | ||||
Veranlagung 2002 | Total | Sitz | Kanton A | Kanton B | Kanton C | Kanton D |
Ausscheidungsquote | 100% | 47% | 7% | 11% | 22% | 13% |
Gewinn 2002 | 50'000 | |||||
./.objektmässiger Wertzu- | -15'000 | 15'000 | ||||
wachsgewinn | ||||||
./. Gesamtverlustvortrag | -30'000 | |||||
2001 | ||||||
Steuerbarer Gesamtgewinn | 5'000 | |||||
./. Vorausanteil (Annahme) | -1'000 | 1'000 | ||||
Zu verteilen nach aktuellen | 4'000 | 1'880 | 280 | 440 | 880 | 520 |
Quoten | ||||||
Zuzüglich bereits verrech- | 13'000 | 1'500 | ||||
neter Teilverlust * | ||||||
Steuerbarer Reingewinn | ***34'500 | 15'880 | 1'780 | 15'440 | 880 | 520 |
*) Hier muss jeder Kanton separat für sich eine Berechnung der noch nicht | voll besteuerten Wertzuwachs- | |||||
gewinne führen. | ||||||
***) Entspricht nicht dem | satzbestimmenden Reingewinn, welcher nach kantonalem Recht zu | ermitteln ist. | ||||
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Kontrollrechnung | Total | Sitz | Kanton A | Kanton B | Kanton C | Kanton D |
Besteuerter Gewinn 2001 | 25'500 | 5'500 | 20'000 | |||
Besteuerter Gewinn 2002 | 34'500 | 15'880 | 1'780 | 15'440 | 880 | 520 |
Kontrolle: total besteuert | 60'000 | 15'880 | 7'280 | 15'440 | 20'880 | 520 |
Davon | ||||||
- Wertzuwachsgewinne | 55'000 | 13'000 | 7'000 | 15'000 | 20'000 | 0 |
Gewinne aus Ge- schäftstätigkeit 5'000 2'880 280 440 880 520
6.3. Übergang von der Teilverlust- zur Gesamtverlustverrechnung | ||||||
6.3.1 Ausgangslage | ||||||
Die interkantonale Unternehmung X AG mit Betriebsstätten in den Kantonen A, B, C und D hat | in den Jahren 1998 | |||||
2002 folgende Ergebnisse ausgewiesen:
1998 - 3‘000 | ||||||
1999 - 1‘000 | ||||||
2000 2‘000 | ||||||
2001 2'400 | ||||||
2002 1'000 | ||||||
Die Betriebsstätte im Kanton | C wurde anfangs | 1999, jene | im Kanton D | im Jahr 2000 eröffnet. | Die Verlustverrech- | |
nung erfolgte im interkantonalen Verhältnis nach der Methode der Teilverlustverrechnung gemäss nachfolgender
Veranlagung und Ausscheidung | für die Steuerperiode 2000: | |||||
6.3.2 Teilverlustverrechnungsmethode (bis 2000)
Steuer- | Total | Sitz | Kanton A | Kanton B | Kanton C | Kanton D |
periode | ||||||
1998 Quote | 100% | 60% | 15% | 25% | ||
Verlust | -3000 | -1800 | -450 | -750 | ||
Steuerbar | 0 | 0 | 0 | 0 | ||
1999 Quote | 100% | 50% | 10% | 20% | 20% | |
Verlust | -1000 | -500 | -100 | -200 | -200 | |
Steuerbar | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 |
2000 | Quote Gewinn Steuerbar | 100% 2000 600 | 45% 900 0 | 5% 100 0 | 10% 200 0 | 25% 500 300 | 15% 300 300 |
Die Gesamtunternehmung verfügt per 1.1.2001 noch über einen Verlustvortrag von 2'000; da aber die Betriebs-
stättekantone C und D in der | Steuerperiode 2000 bereits | Gewinne von | insgesamt 600 besteuert haben, können noch | |||
Verluste vom 2‘600 verrechnet werden. | ||||||
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6.3.3 Uebergang zur Gesamtverlustverrechnungsmethode (ab Beginn der Steuerperiode 2001)
Geschäftsjahr | 2002 | 2001 | 2000 | 1999 | 1998 | |
Reingewinn bzw. Verlust | 1000 | 2400 | 2000 | -1000 | -3000 | |
Im Steuerjahr 2000 versteuert | -600 | |||||
Verlustverrechnung | -200 | -1600 -800 | -1400 | 800 200 | 1400 1600 | |
Steuerbarer Gesamgewinn | 800 | 0 | 0 | 0 | 0 | |
Steuerperiode | Total | Sitz | Kanton A | Kanton B | Kanton C | Kanton D |
2002 | Quote Gewinn | 100% 1000 | 40% 400 | 10% 100 | 25% 250 | 10% 100 | 15% 150 |
Verlustverrechnung | -200 | ||||||
steuerbar | 800 | 320 | 80 | 200 | 80 | 120 | |
Für den Vorstand der Steuerkonferenz | ||||||
Der Präsident: | Der Sekretär | |||||
Bruno Knüsel | Erwin Widmer | |||||