20.4331
Misshandlungen im Schweizer Sport. Schaffung einer unabhängigen nationalen Anlauf- oder Meldestelle
Kuprecht Alex · P-M · Ständerat · Schwyz · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Antrag der Mehrheit
Annahme der Motion
Antrag der Minderheit
(Stark, Gmür-Schönenberger, Noser)
Ablehnung der Motion
Proposition de la majorité
Adopter la motion
Proposition de la minorité
(Stark, Gmür-Schönenberger, Noser)
Rejeter la motion
Präsident (Kuprecht Alex, Präsident): Der Bundesrat beantragt, die Motion anzunehmen.
Germann Hannes · Mit-M · Ständerat · Schaffhausen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Ständerates möchte eine unabhängige nationale Anlauf- oder Meldestelle für Opfer von Missständen im Sportbereich schaffen. Sie hat zu diesem Zweck die entsprechende Motion 20.4331 eingereicht.
Auslöser des heute zur Debatte stehenden Vorstosses waren die jüngsten Vorkommnisse respektive Meldungen über psychische und physische Gewalt gegenüber jungen Sportlerinnen und Sportlern. In diesem Zusammenhang sei auf die sogenannten Magglingen-Protokolle verwiesen. Diese sind am 31. Oktober 2020 im "Magazin" des "Tages-Anzeigers" erschienen, und sie haben uns alle aufgerüttelt, auch und gerade die für den Sportbereich auf nationaler Ebene zuständige WBK-S.
Auf jeden Fall haben wir daraufhin, also nach dem 31. Oktober 2020, ein Hearing anberaumt. Das war am 9. November 2020. An diesem Hearing teilgenommen haben Erwin Grossenbacher, der Präsident des Schweizerischen Turnverbandes (STV), aber auch Roger Schnegg, Direktor von Swiss Olympic. Wir wollten uns ihre Sicht der Dinge anhören, nebst natürlich auch jener des Vertreters von Magglingen, Matthias Remund, Direktor des Bundesamts für Sport.
Nun ist es dem Präsidenten des STV durchaus gelungen, einen Einblick zu geben, und er hat auch seinem Bedauern über die Vorkommnisse Ausdruck verliehen. Immerhin hat der STV 310 000 Aktivmitglieder. Sie sind in 3000 Vereinen aus allen möglichen Regionen organisiert, auch aus Dörfern, wo es nicht viele Vereine gibt; wir wissen das alle. Hinzu kommen 60 000 Ehren-, Frei- und anders verbundene Mitglieder. Von diesen insgesamt 370 000 Mitgliedern des STV sind rund 60 Prozent Frauen. Fast 70 000 Turnerinnen und Turner nahmen 2019 am grossen Eidgenössischen Turnfest in Aarau teil.
Der STV ist also in erster Linie ein Breitensportverband, aber der Spitzensport hat natürlich ebenso einen wichtigen Stellenwert. Die Hauptdisziplinen sind Kunstturnen, rhythmische Gymnastik und Trampolin. Etwa 2 Prozent der STV-Mitglieder sind im Spitzensport eingebunden. Die Finanzierung erfolgt nebst Beiträgen von der Sport-Toto-Gesellschaft und Bundesgeldern über Swiss Olympic und Sponsoring, in erster Linie aber über den Breitensport.
Wir reden jetzt heute eigentlich nicht vom Breitensport, sondern von jenen 2 Prozent, die im Spitzensport aktiv sind, und das ist natürlich eine ganz besondere Welt. Die Vorgeschichte ist bekanntlich schon etwas länger: Der Turnverband hat bereits im Jahr 2013 aufgrund von Hinweisen aus dem BASPO beide Trainerinnen der rhythmischen Gymnastik fristlos entlassen. Der Prozess dauerte Monate und endete in einem Vergleich. Was damals nicht geschehen ist, ist die Aufarbeitung der bekannten Fälle von Turnerinnen und Turnern. Anfang 2019 hat das BASPO den STV erneut über gravierende Verfehlungen orientiert, aus Persönlichkeitsgründen aber keine Namen nennen können. Auch hat der STV das Gastrecht für die rhythmische Gymnastik in Magglingen verloren. Immerhin konnte eine Ersatzlösung in einer Halle in Biel gefunden werden. Es wurden dann zwar auch weitere Schritte eingeleitet, aber die Situation hat sich trotzdem zugespitzt, bis eben die Magglingen-Protokolle erschienen sind.
Im Frühjahr 2020 hat es weitere Vorwürfe zu Verstössen gegen die Ethik-Charta gegeben, und wiederum sind Trainerinnen aufgrund von internen Untersuchungen des STV entlassen worden. Der STV hat dann auch eine externe Untersuchung durch einen Rechtsanwalt eingeleitet. Dieser betreibt die Meldestelle von Swiss Olympic.
Es ist also durchaus etwas gemacht worden, aber es hat natürlich am Schluss doch nicht gereicht. Die Spitze des Eisberges ist nun endgültig aufgetaucht. Hinweise gab es ja schon länger. Ich erinnere Sie an das Buch unserer ehemaligen Spitzenturnerin Ariella Kaeslin, das ja bereits 2008 publiziert wurde und das eigentlich bereits genug Indizien enthalten hätte.
Vonseiten Swiss Olympic hat man das Ganze in diesem Sinne mitverfolgt. Es sind aber eben auch nicht die grossen Schritte passiert. Swiss Olympic ist der Dachverband des Schweizer Sports. Er hat uns auch seine Sicht der Dinge zum Thema Meldestelle dargestellt. Swiss Olympic entschied sich 2013, keine nationale Meldestelle einzurichten. Stattdessen wollte Swiss Olympic die Autonomie der Verbände respektieren. Diese wurden aber ab 2016 mit einer Leistungsvereinbarung verpflichtet, einen Code of Conduct zu erstellen und eine eigene Meldestelle einzurichten. Die Verbände sind auch entsprechend bei der Erarbeitung des Code of Conduct durch Swiss Olympic unterstützt worden.
Schliesslich wollte man überprüfen, ob das gewählte System genügt oder optimiert werden müsste. Swiss Olympic hat dann im Frühling 2020, also noch bevor die neusten Fälle auftauchten, drei renommierte Kanzleien gebeten, Gutachten mit Empfehlungen zu erstellen. Diese Gutachten liegen inzwischen vor.
Nun haben wir natürlich auch gefragt, warum nicht mehr passiert oder vielleicht früher etwas passiert ist. Sie wissen es auch: Im Nachhinein ist man meistens schlauer. Aber es sind auf jeden Fall Absprachen und Analysen zwischen Swiss Olympic und dem Schweizerischen Turnverband gemacht worden. Ich gebe Ihnen auch noch ein paar Zahlen zu den jüngsten Untersuchungen, die eingeleitet worden sind. An einer anonymen Online-Befragung durch die zuständige Anwaltskanzlei nahmen über 370 Personen teil. Angeschrieben worden sind alle Athletinnen, die in den letzten acht Jahren in einem regionalen oder nationalen Leistungszentrum trainiert haben. Die Antworten kamen dabei von 117 Athletinnen, 147 Eltern, 26 Trainern und 72 Funktionären. Zudem sind 48 Interviews mit Direktbetroffenen geführt worden, die jeweils zwischen zwei und sechs Stunden gedauert haben sollen. Die Resultate der Befragung sind leider noch nicht bekannt. Sie werden aktuell von einer Expertengruppe diskutiert, und dieser Expertengruppe gehört auch alt Bundesrätin Calmy-Rey an.
Wir sind natürlich gespannt auf die Ergebnisse, wenn sie denn an die Öffentlichkeit kommen, und auf die Form, in welcher das geschieht. Gleichwohl wollte die Kommission eben nicht untätig bleiben. So ist es gekommen, dass wir uns entschieden haben, eine Motion zu machen, obwohl wir auch positiv zur Kenntnis nehmen durften, dass sehr viel passiert und in die Wege geleitet worden ist. Dies verdient durchaus auch Respekt. Die Kommission schlägt Ihnen also nun nach den Hearings mit Vertretern von STV, Swiss Olympic, aber auch dem Direktor des BASPO vor, die Motion trotzdem anzunehmen und eine unabhängige nationale Anlauf- oder Meldestelle aufzubauen oder zumindest in die Wege zu leiten.
Dieses kulturbedingte Systemversagen wird künftig wohl nie ganz verhindert werden können; Ziel ist primär, dass es zumindest minimiert wird. Die Trainingskultur soll so geändert werden, dass Missstände eher verhindert werden können. Daher begrüsst die Kommission auch ausdrücklich die bereits angelaufenen Bestrebungen zur Einhaltung der Ethik-Charta von Swiss Olympic sowie des Code of Conduct für Trainerinnen und Trainer sowie die eingeleitete Untersuchung zu den jüngsten Vorwürfen. Zur Unterstützung dieser Bestrebungen - so wollen wir es verstanden wissen - hat Ihre WBK dann aber mit 10 zu 3 Stimmen beschlossen, eine Motion einzureichen zur Schaffung einer unabhängigen Anlauf- oder Meldestelle für Opfer von Missständen im Sportbereich. Dies ist nämlich eine Erkenntnis: Es funktioniert nur, wenn die Sportlerinnen und Sportler nicht gleich aus einem Kader ausgeschlossen werden, nachdem sie sich irgendwo beschwert haben.
Die Spitze der Pyramide - das wissen wir - ist sehr, sehr dünn. Dort wird mit Ellbogeneinsatz und mitunter hart gekämpft. Es braucht zwar eine gesunde Härte gegenüber den Athletinnen und Athleten, das weiss man, aber trotzdem gibt es Grenzen. Dass diese Grenzen nicht mehr oder nicht mehr systematisch verletzt werden, dazu soll auch diese Motion einen Beitrag leisten.
Es gibt einen Minderheitsantrag, der von Kollege Stark begründet wird. Die Minderheit beantragt, auf die Einreichung einer Motion zu verzichten. Man muss sagen, dass dies an jenem Tag nicht traktandiert gewesen ist. Vielmehr resultierte dies im Anschluss an die Anhörungen wie auch die Überlegung, das zu unterstützen, was in die Wege geleitet worden ist. Man wollte dies für einmal nicht bürokratisch, sondern sehr direkt tun; diese Überlegung hat dann obsiegt.
Ich möchte mich bei den Kolleginnen und Kollegen der WBK, namentlich bei Kollegin Eva Herzog, ausdrücklich und herzlich für dieses Engagement und die Unterstützung bedanken. Bei Ihnen bedanke ich mich für Ihr Verständnis für das ungewöhnliche Vorgehen. Ich hoffe natürlich, dass Sie diese Motion gleichwohl annehmen. Damit könnte das Parlament für einmal zeigen, dass es auch rasch handeln kann.
Stark Jakob · Mit-M · Ständerat · Thurgau · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Ich bin mir bewusst, dass ich mich vielleicht dem Vorwurf der Verharmlosung der in den Magglinger Protokollen beschriebenen Zustände aussetze, wenn ich Ihnen mit meiner Minderheit empfehle, die Motion abzulehnen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass die Betroffenheit über die alarmierenden Berichte der ehemaligen Spitzenturnerinnen mindestens gleich überzeugend in einer vertieften Beschäftigung mit der Thematik zum Ausdruck kommen kann, wie wenn man einen in der Kommission im Dringlichkeitsverfahren beschlossenen Vorstoss durchwinkt.
Missbräuche und Misshandlungen, wie sie die jungen Spitzenturnerinnen erlebt haben, sind auch die Folge eines fokussierten Leistungsdenkens im Spitzensport. Dieses Leistungsprimat ist gesellschaftlich breit anerkannt; da müssen wir alle auch in den Spiegel schauen. Wer es dann schafft, international mit seinen Leistungen zu glänzen, erhält grosse Aufmerksamkeit und viel Beifall. Das Gleiche gilt auch für das Umfeld der Athletinnen und Athleten. Dadurch können die Trainerinnen und Trainer dazu verleitet werden, für den Erfolg auch menschenunwürdige Methoden anzuwenden. Diese Gefahren sind nicht neu, weshalb Swiss Olympic und das Bundesamt für Sport eine Ethik-Charta mit neun Prinzipien für gesunden, respektvollen, fairen und erfolgreichen Sport erlassen haben. Wir haben es vom Kommissionspräsidenten gehört: Als Dachverband des organisierten Sports in der Schweiz hat Swiss Olympic alle 81 angeschlossenen Sportverbände verpflichtet, jeweils eine unabhängige Meldestelle für Verstösse gegen diese Ethik-Charta sowie gegen den Code of Conduct einzurichten.
Dass dies nicht gut funktioniert, ist nicht erst seit dem Versagen des Schweizerischen Turnverbandes im Falle der Spitzenturnerinnen bekannt. Der Kommissionspräsident hat darauf hingewiesen, dass Swiss Olympic schon vorher drei Gutachten in Auftrag gegeben hat, deren Ergebnisse mittlerweile vorliegen. Die drei Gutachten sind übereinstimmend zum Schluss gekommen, dass auf Meldestellen in jedem der 81 Verbände verzichtet und eine einzige, unabhängige, nationale Meldestelle geschaffen werden soll.
Die vorliegende Motion rennt also offene Türen ein. Sollte man, frau ihr dennoch zustimmen, im Sinne von "doppelt genäht hält besser"? Nein, es gibt zwei gute Gründe, dies nicht zu tun.
Der erste Grund ist die Respektierung der Subsidiarität. Swiss Olympic, der Dachverband des Schweizer Sports, hat die Vorarbeiten zur Schaffung einer unabhängigen nationalen Meldestelle für Missbräuche und Misshandlungen im Spitzensport bereits aufgenommen. Da braucht es den Bund beziehungsweise das Bundesamt für Sport als guten Partner und kritischen Begleiter, aber nicht als Lokomotive. Es ist nicht nötig, dass der Bund eine nationale Meldestelle schafft. Swiss Olympic hat bei der Schaffung der Stiftung Antidoping Schweiz seine Umsetzungsstärke bewiesen.
Der zweite Grund ist: Wir sollten Swiss Olympic jetzt nicht bremsen und sollten einen Zeitverlust vermeiden. Es darf davon ausgegangen werden, dass die unabhängige nationale Meldestelle im Jahr 2022 starten wird. Dazu sind diverse Arbeiten auf verschiedenen Stufen nötig, unter anderem voraussichtlich auch diverse Statutenanpassungen aller 81 Verbände. Bei einer Annahme der Motion wäre nun plötzlich der Bund im Lead, was die Eigenverantwortung von Swiss Olympic empfindlich schwächen würde. Die Zuständigkeiten müssten zuerst neu geklärt werden, wodurch viel wertvolle Zeit verloren ginge und sich der Start der Meldestelle voraussichtlich deutlich verzögern würde. Das wäre genau das Gegenteil dessen, was die Motion will.
Ich beantrage Ihnen deshalb namens der Minderheit, diese Motion abzulehnen.
Herzog Eva · Mit-F · Ständerat · Basel-Stadt · Sozialdemokratische Fraktion
Wir haben in der WBK in den letzten Monaten viel über Sport gesprochen, und ich hätte nicht gedacht, dass wir so viele Sportspezialistinnen und -spezialisten hätten mit eigener Erfahrung im Breiten- und Spitzensport, als Schiedsrichterinnen, als ehemalige Vorsteherinnen von kantonalen Sportbereichen, mit Kindern im Spitzensport oder als Verwaltungsratsmitglieder grosser professioneller Clubs mit ihrer ganzen wirtschaftlichen Bedeutung. Entsprechend immer grosszügiger sind vielleicht auch die Beiträge an den Sport aufgrund von Corona ausgefallen. Ich selber habe vor ewigen Zeiten eine Doktorarbeit geschrieben über die Anfänge des Frauenturnens im Kanton Basel-Landschaft, und ich habe damals gestaunt, wie sehr die Männer den Frauen schon bei einfachsten turnerischen Betätigungen dreingeredet haben und wie sie so lange wie möglich verhindern wollten, dass auch Frauen Wettkämpfe austrugen, da dies doch dem weiblichen Geschlecht nicht gut anstehe und körperliche Schäden hervorrufen könne, was dann die wahre Bestimmung der Frau, nämlich gesunde Kinder zu gebären, gefährden könne.
Mit Bevormundung und Nicht-ernst-Nehmen haben wir es auch hier zu tun, aber in einem Ausmass, das ich mir nie hätte vorstellen können. Ich war erschüttert, als ich Ende Oktober die sogenannten Magglinger Protokolle gelesen habe, in denen acht ehemalige Sportlerinnen des STV über ihre Zeit in Magglingen zwischen 2005 und 2020 Auskunft geben. Ich bin dankbar, dass auf unseren Wunsch in der Sitzung der WBK vom 9. November umgehend Vertreter des STV, von Swiss Olympic und des BASPO zu den geschilderten Vorfällen Red und Antwort standen. Sie waren erstaunlich offen, was wir geschätzt haben, was uns aber noch einmal erschüttert hat. Mindestens seit der Publikation des bereits erwähnten Buches der ehemaligen Spitzenturnerin Ariella Kaeslin 2007 oder 2008 waren die Missstände im Training der rhythmischen Gymnastik und des Kunstturnens bekannt. Von 2007 bis heute wurde sporadisch mit Trainerentlassungen reagiert, aber geändert hat sich offenbar nichts.
Alle Anwesenden sagten: "Wir haben dies und jenes probiert, aber es war nicht genug. Wir dachten, mit einer Trainerentlassung ist es getan, aber das war nicht so." Die Turnerinnen wurden erniedrigt und beleidigt, es wurde physische und psychische Gewalt ausgeübt. Die Turnerinnen mussten verletzt trainieren, haben teilweise bis heute bleibende physische und psychische Schäden. Ich sage dies so klar, weil immer wieder die Bemerkung fällt: "Leistungssport ist halt anstrengend, da wird etwas gefordert. Wenn man das nicht will oder kann, soll man es bleibenlassen." Das ist - mit Verlaub - Quatsch. Mit Motivation, Begeisterung, Respekt und einer Atmosphäre des Vertrauens macht es Spass, Leistung zu erbringen, denn nach Magglingen zu gehen, ist tatsächlich freiwillig.
Die unabhängige nationale Anlauf- oder Meldestelle, die wir Ihnen beantragen, wird die Probleme nicht von alleine und nicht von heute auf morgen lösen. Aber sie ist ein wichtiger erster Schritt. Seit 2013, auch das wurde schon gesagt, gibt es auf Anregung von Swiss Olympic Meldestellen bei den einzelnen Verbänden. Aber es hat nichts gebracht, das hat uns der Vertreter von Swiss Olympic auch ganz klar gesagt. Die Angst der Turnerinnen vor Repression ist zu gross. Auch den Schritt über die Medien an die Öffentlichkeit, den diese jungen Frauen nun unternommen haben, das zu wagen, hat sie enorm viel Überwindung gekostet. Weil sie es eben doch gewagt haben, dürfen wir sie jetzt nicht hängenlassen.
Die Vertreter der Verbände und der Vertreter des BASPO haben uns klar gesagt, dass wir mit einer solchen Stelle offene Türen einrennen und dass sie bereits daran sind, eine solche Anlauf- oder Meldestelle aufzugleisen. Deshalb erschien es der überwiegenden Mehrheit der Kommission auch kein Schnellschuss, dass wir die Motion auf den Weg geschickt haben. Dass der Bund diese Stelle aufbauen soll und nicht die Verbände, dieser Meinung sind wir wirklich. Es hat sich auch klar gezeigt, dass die Verbände hier Unterstützung brauchen, dass sie dies nicht alleine tun können. Natürlich muss der Bund das in Zusammenarbeit mit den Verbänden tun, aber er muss jetzt den Lead übernehmen.
Was kann eine Meldestelle? Sie kann erstens wirklich individuelles Leid verhindern. Zweitens soll sie eine präventive Wirkung haben. Was wir als Parlament drittens mit unserer Meinungsbekundung machen können, ist, bei den bereits bestehenden Bemühungen Druck aufzusetzen, damit nicht nur wieder über Jahre geredet wird, sondern auch nachhaltig etwas geschieht.
Parallel dazu soll eine wirklich unabhängige Untersuchung eingeleitet werden. Es soll klar definiert werden, wer für die Einhaltung der Ethik-Charta von Swiss Olympic und des Code of Conduct für Trainerinnen und Trainer verantwortlich ist. Nicht zuletzt soll geprüft werden, ob sich die Vergabe von Geldern an die Vereine künftig weiterhin am sportlichen Erfolg alleine oder auch an der Einhaltung ethischer Richtlinien messen soll.
Zur Einrichtung der Anlauf- und Meldestelle gehört es, klar zu definieren, welche Sanktionen ergriffen werden, wenn Missbräuche gemeldet werden. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass man seitens des VBS wirklich gewillt ist, die Sache anzugehen und unsere Motion als Unterstützung zu begreifen, wofür ich auch der Departementsvorsteherin explizit danken möchte.
Ich bitte Sie also, der Mehrheit zu folgen und diese Motion anzunehmen.
Baume-Schneider Elisabeth · Mit-F · Ständerat · Jura · Sozialdemokratische Fraktion
J'aimerais brièvement revenir sur les notions de courage, d'indépendance, de nécessité d'agir et de reconnaissance. Je souhaite relever le courage des personnes qui se sont exprimées et les remercie d'avoir rendu leur parole publique. Il n'est pour le moins pas anodin de s'exprimer sur un pan de sa vie qui recèle un malaise, voire une emprise, une relation que l'on pourrait qualifier de toxique à un âge où l'on est fragile, que ce soit la préadolescence, l'adolescence, ou que l'on soit jeune adulte, un pan de sa vie, également, qui se termine par un échec, malgré les nombreux sacrifices consentis par les sportives et les sportifs, mais aussi par leur famille et leur entourage sportif.
Certes, cela a été dit, différentes démarches ont été mises en place. Il existe une charte éthique, élaborée par Swiss Olympic et l'Office fédéral du sport, un code de déontologie et une commission d'éthique dans le cadre de la Fédération suisse de gymnastique, et pourtant. Pourtant, des situations de blessure physique et psychologique ont perduré. Et la réalité montre désormais à quel point l'indépendance - j'en viens à cette notion - d'un organe spécifique est indispensable afin d'éviter que la parole des personnes concernées ne soit perdue ou confisquée dans le cadre des structures actuelles.
Je suis désolée, collègue Stark, mais la subsidiarité, dans cette situation, ne fonctionne pas. L'indépendance est indispensable, de même que la visibilité, pour l'accès à un tel organe, tant pour les personnes concernées que, comme l'a dit Mme Herzog, pour soutenir les associations qui sont parfois tétanisées par rapport à leurs responsabilités dans des situations difficiles.
Les jeunes femmes ont montré des zones d'ombre de la gymnastique rythmique, un climat d'entraînement archaïque que l'on ne saurait tolérer. Si le dégât d'image est massif pour les structures et les instances concernées - j'ose le dire ainsi, pour la marque Macolin -, il convient de ne pas négliger le vécu, la situation passée et présente des personnes concernées. Certes, les cadres suisses de la gymnastique artistique ont récemment réagi dans une lettre ouverte. J'en cite un extrait: "Selon nous, un certain niveau de hiérarchie est inévitable afin que l'entraîneur puisse faire son travail. Cela consiste à nous aider à atteindre le sommet, parce que nous voulons tous arriver au sommet, volontairement. Nous n'avons aucune obligation de rester à Macolin."
Des relations de hiérarchie, des exigences, du travail ne sont à mes yeux aucunement antagonistes avec le respect, la prise en considération de l'évolution physique des gymnastes, en particulier les réalités hormonales des jeunes filles. Il convient par ailleurs de mentionner que si la situation des femmes est désormais plus médiatisée, les hommes ne sont pas en reste, et, hors du contexte spécifique de la gymnastique, les témoignages existent.
En préparant mon petit propos ce matin, j'ai eu une pensée pour le chef des sports jurassien de l'époque, Jean-Claude Salomon, qui, dans le cadre des structures "Sport-art-études", affirmait chaque année aux jeunes qu'il n'y a que dans le dictionnaire que le mot succès précède le mot travail. Bien sûr, pour transformer le talent en virtuosité, en résultats sportifs exceptionnels, les entraînements sont exigeants, et bon nombre d'espoirs ne résisteront pas à la compétition. Bon nombre de parents seront déçus, bon nombre de clubs sportifs seront contrariés, mais rien ne justifie l'humiliation, les menaces, bref la culture de la peur ou la course aveugle aux résultats ou à la performance, avec - comme on l'a mentionné - à la clé des souffrances physiques et psychologiques, parfois, malheureusement, durables.
Enfin, il est temps d'agir également pour montrer qu'il est possible de travailler différemment et de rendre hommage - j'en viens à la notion de reconnaissance - à toutes les personnes qui s'engagent de manière adéquate et responsable à tous les niveaux du sport pour que les jeunes atteignent ces sommets tant convoités, mais pour que le sport demeure ce fabuleux contexte de vie si intense et jubilatoire et que cessent les situations et les pseudométhodes intolérables.
Je remercie par ailleurs le Conseil fédéral qui propose l'acceptation de la motion, qui n'est pas dans une logique de rupture ou de combat, mais dans une logique de soutien.
Je vous invite donc à adopter la motion et je vous remercie de votre attention.
Carobbio Guscetti Marina · Mit-F · Ständerat · Tessin · Sozialdemokratische Fraktion
Non è forse abituale intervenire in tanti per una mozione. Ma il tema è talmente importante che non solo lo farò ma lo farò in italiano. È un tema di portata nazionale che merita delle risposte a livello nazionale.
I racconti delle otto giovani donne, racchiusi nei cosiddetti protocolli di Macolin - ne abbiamo parlato prima -, hanno mostrato il grave quadro: le massicce e sistematiche pressioni psicologiche e fisiche sono durate per molti anni e hanno calpestato la dignità delle giovani atlete con delle gravi conseguenze fisiche e psicologiche, in molti casi anche irreversibili. Nonostante questo sia avvenuto per molti anni e ci siano stati molti indizi non è cambiato niente. Oggi ci vuole quindi una svolta, alla quale deve contribuire anche la politica, accogliendo la mozione e onorando così il coraggio di queste giovani donne per le denunce che hanno portato.
Certo, l'abbiamo sentito, è stata introdotta una carta etica da parte di Swiss Olympic, esiste un codice di condotta per gli allenatori e ci sono delle inchieste in corso. Ma tutto questo non può bastare. La politica è chiamata a dare delle risposte ed a riconoscere il coraggio di queste giovani donne, che, come diceva la collega prima, vanno ringraziate per aver avuto questo grande coraggio, per aver preso la parola e denunciato quanto subito.
Non dobbiamo però dare loro solo ascolto. È un nostro dovere fare di tutto per evitare che situazioni simili abbiano a ripetersi. Ecco perché è necessaria una struttura come la richiede la maggioranza della commissione. Questa struttura deve essere professionale, indipendente e in grado di ascoltare le segnalazioni delle giovani e dei giovani sportivi; dev'essere una struttura, presso la quale le atlete e gli atleti possano segnalare qualsiasi tipo di abuso che sia fisico, psichico, sessuale o che sia mobbing o un abuso di potere, come avvenuto nell'ambito dello sport; dev'essere una struttura che riesca a garantire la protezione della personalità di questi giovani atleti e atlete; dev'essere una struttura presente in maniera indipendente a livello nazionale. Insomma, questa struttura deve essere la base per ripartire e per lavorare sul rispetto delle atlete e degli atleti.
Vi invito quindi a sostenere questa mozione.
Noser Ruedi · Mit-M · Ständerat · Zürich · FDP-Liberale Fraktion
Wir sind bei einem emotionalen Thema. Eigentlich kann ich Ihnen sagen, dass mir die Debatte hier sehr gut gefällt, weil sehr viele Leute auch zuhören. Es ist mir natürlich etwas peinlich, dass ich jetzt erst als zweiter Mann rede und auf der Seite von Herrn Stark stehe, der diese Motion nicht annehmen will. Ich möchte aber meine Worte wirklich in vollem Respekt insbesondere vor dem aussprechen, was wir von den drei Vorrednerinnen gehört haben. Ich teile vieles von dieser Analyse. Aber es gibt zwei Punkte, einen objektiven und einen subjektiven, die wir auch diskutieren müssen.
Ich bin der Erste, der sich hier im Rat für Kinderrechte einsetzt. Wir haben eine Motion angenommen, dass es eine Ombudsstelle generell für Kinderrechte geben soll. Wenn wir darüber reden, was Aufgabe des Staates ist, müssen wir dann subsidiär für jede einzelne Disziplin eine eigene Ombudsstelle schaffen? Oder reicht die Motion für eine Ombudsstelle für Kinderrechte, die wir vor ein paar Monaten in beiden Räten angenommen haben und zu welcher uns der Bundesrat eine Vorlage unterbreiten muss? Diese Ansprechstelle müsste eigentlich auch für das vorliegende Thema funktionieren. Wir können nicht für jedes Spezialgebiet eine staatliche Ombudsstelle schaffen. Ich habe nichts dagegen, wenn die Sportverbände so etwas machen, das ist mir egal. Aber wir als Staat sollten nur eine Ansprechstelle für Kinderrechte schaffen.
Persönlich bin ich der Ansicht: Wenn Sie die Motion annehmen, sollte es der Auftrag sein, sie an die Motion anzuhängen, die wir schon angenommen haben. Wenn wir die Motion heute nicht annehmen, dann ist der Auftrag schon gegeben, und die Sportverbände sollen gefälligst auf ihrem Niveau subsidiär handeln, wie das der Minderheitssprecher gesagt hat.
Es gibt aber noch einen Punkt. Das, was ich jetzt sage, ist etwas Persönliches: Ich glaube nicht, dass man diese Debatte führen kann, ohne je die Eltern zu erwähnen. Keiner meiner Vorredner hat bis jetzt die Eltern erwähnt. Wer ist denn zuständig für das Wohl des Kindes? Ich bin der Ansicht, dass auch Sporteltern, die einen sehr hohen Ehrgeiz haben, das Kindeswohl an vorderste Stelle stellen müssen. Ich kann mir nicht vorstellen - das sage ich als Vater von zwei Mädchen, die Sport gemacht haben -, dass man Kinder während Wochen irgendwohin in ein Trainingslager gibt und nicht hinschaut. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen! Das ist auch eine Aufgabe. Ich glaube, die Eltern wären die erste Stelle, die die Kinder ansprechen müssten. Das müssen wir auch diskutieren.
Denken Sie mal daran - ich weiss nicht, ob Sie es mitbekommen haben; ich habe es nur in der Zeitung gelesen -, was beim Schweizer Fernsehen in der Romandie abgegangen ist. Da wurden anscheinend über längere Zeit junge Menschen in irgendeiner Art und Weise sexuell belästigt oder gedemütigt - ich möchte mich hier nicht auf einen Ausdruck festlegen; ich habe das nur in der Zeitung gelesen. Schlussendlich wurde gesagt, der Druck sei so gross gewesen, dass sie sich nicht bei den Meldestellen, die es gab, melden konnten. Das waren Menschen mit einer Berufsbildung, das waren Menschen mit einem Studium, die vollständig mündig waren. Sie sagten, sie hätten sich nicht an so eine Meldestelle wenden können, weil sie das Gefühl hatten, der Druck sei zu hoch. Und jetzt erwarten wir, dass achtjährige, zehnjährige, zwölfjährige Kinder zu einer solchen Meldestelle gehen. Diese Schwelle scheint mir sehr hoch zu sein.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir mit dieser Motion hier in erster Linie unsere Betroffenheit ausleben oder wirklich helfen wollen. In der Pflicht stehen meiner Ansicht nach diejenigen Leute, die die Obhutspflicht über diese Kinder haben: wenn es Tagesschulen sind, dann die Tagesschulen, nicht der Trainer; und wenn es die Eltern zusammen mit einem Trainer sind, dann die Eltern. Sie müssen wir in die Pflicht nehmen, davon bin ich felsenfest überzeugt, wenn wir das Problem lösen wollen.
Frau Herzog hat zu Recht gesagt, dass das Problem seit Langem besteht. Meldestellen gibt es seit Langem. Meiner Ansicht nach haben diese Meldestellen nicht das gebracht, was man sich gewünscht hatte. Also bitte, liebe sportfanatische Eltern, liebe sportfanatische Kinder: Nach jedem Training braucht es ein Gespräch, und zwar ein ganz einfaches: "Du, het's gfägt?" Hat es Freude gemacht? Wenn das Kind nicht sagt, dass das Training Freude gemacht habe, dann muss man genau hinschauen. Das ist meine Haltung zu dieser Sache. Die Ombudsstelle haben wir schon beschlossen.
Gmür-Schönenberger Andrea · Mit-F · Ständerat · Luzern · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP.
Wenn es Kollege Noser peinlich ist, dass er sich erst als zweiter Mann gegen die Motion äussert, so ist es mir als Frau noch peinlicher, dass ich mich als Einzige dagegen äussere.
Ich glaube, wir sind uns alle einig. Die Vorkommnisse, die unter dem Titel "Magglinger Protokolle" subsumiert werden, haben uns alle schockiert und aufgerüttelt, ja tief betroffen gemacht. Solche Ereignisse sollen und dürfen nicht mehr stattfinden. Auch die Öffentlichkeit hat enorm stark reagiert. Der Druck auf das Parlament steigt, dass man da sofort und unmittelbar darauf reagiert, wie wir es damals gemacht haben - auch das war ein absolut aussergewöhnlich tragischer Fall -, als ein Hund im Kanton Zürich ein Kind getötet hat. Man hat damals diesen Hundefachkundeausweis eingeführt. In der Zwischenzeit haben wir ihn wieder abgeschafft. Ich weiss nicht, ob es richtig ist, wenn wir als Parlament jedes Mal regulieren, wenn etwas passiert, wenn wir nicht einfach versuchen, die Probleme an der Wurzel zu packen und in erster Linie dort zu lösen.
Kollege Noser hat es gesagt: Bei Kindern sind in erster Linie die Eltern, Mutter und Vater, zuständig. Die Eltern haben in 99,9 Prozent der Fälle auch bei Sportlerinnen und Sportlern ein gutes Verhältnis, sind in engem Kontakt mit den Kindern und spüren, wenn etwas falsch läuft. Dann haben wir ja schlussendlich Swiss Olympic. Die sind zuständig. Auch da haben wir bereits gehört, dass sie eine Anlaufstelle machen wollen, dass sie von den Anlaufstellen der einzelnen Verbände weg zu ihrer eigenen nationalen Anlaufstelle gehen wollen. Swiss Olympic hat absolut ein Interesse daran, dass ihre eigene Anlaufstelle, die 2022 in Betrieb genommen werden soll, auch funktioniert, denn sonst schadet dies einmal mehr nicht nur der Reputation von Swiss Olympic, sondern generell dem Sport.
Kollegin Herzog, das hat nichts mit Bevormundung zu tun. Auch für mich dreht sich die Welt teilweise zu wenig schnell. Gegenüber der Zeit, als Sie Ihre Dissertation zum Thema Frauenturnen gemacht haben, habe ich dennoch massive Fortschritte festgestellt.
Ich glaube, wir alle wollen dasselbe: Wir wollen, dass solche Vorfälle nicht mehr vorkommen. Einmal mehr geht es um den richtigen Weg. Aus Sicht der Minderheit ist der richtige Weg die Anlaufstelle von Swiss Olympic.
In diesem Sinn bitte ich Sie, die Motion abzulehnen.
Müller Damian · Mit-M · Ständerat · Luzern · FDP-Liberale Fraktion
Ich erlaube mir, hier ebenfalls das Wort zu ergreifen, dies als Vizepräsident des Schweizerischen Verbandes für Pferdesport, eines der erfolgreichsten Verbände, wenn es um Medaillen an Olympischen Sommerspielen geht. Ich glaube, die Thematik, über die wir heute sprechen, ist eben auch eine Thematik, bei der nicht einfach tel quel eine Lösung niedergeschrieben werden kann, weil unser Sport ganz viele verschiedene Disziplinen kennt. Unser Sport ist vielfältig. Deshalb geht es nach meiner Auffassung einerseits um die Trainerausbildung - egal, welche Sportart es betrifft -, aber andererseits auch um die Ausbildung der Funktionäre.
Weshalb sage ich Ihnen das? Weil wir gleichzeitig auch den Unterschied machen müssen: Geht es hier und heute um Trainingseinheiten, oder geht es auch darum, an Wettbewerben und im Wettbewerb zu sein? Wenn wir von Wettbewerben sprechen, dann stehen eben auch die Funktionäre der entsprechenden Sportarten in der Verantwortung: Sie müssen, wenn es um eine Athletin oder um einen Athleten geht, den gesamten Staff beaufsichtigen. Es kommt aber auch wieder darauf an, um welche Sportart es geht. Aus meiner ganz persönlichen Erfahrung, wenn es darum geht, Sport mit Tieren zu betreiben oder selber Sport zu betreiben, z. B. auf dem Fussballplatz, hat Kollege Noser einen ganz wichtigen Aspekt aufgegriffen, nämlich die Rolle der Eltern. Die Rolle der Eltern habe ich in meiner Kindheit, aber auch in der aktuellen Situation, wenn ich auf Sportplätzen bin, sehr differenziert wahrgenommen. Meistens ist der Ehrgeiz der Eltern grösser als der Ehrgeiz der Athletinnen und Athleten. Der psychische Druck, der von den Eltern auf die Athletinnen und Athleten ausgeübt wird - weil sie Zeit investieren, weil sie Geld in das Hobby investieren, sei es in Material, in Tiere oder in weitere Trainingseinheiten -, ist massiv.
Wenn ich das jetzt alles sage, dann, weil ich aus dieser Motion nicht ganz herausspüren kann, ob es jetzt hier um den Breitensport oder um den Spitzensport geht. Auch dort haben wir differenzierte Haltungen, weil der Breitensport halt wirklich für eine ganz grosse Breite da ist. Viele Jugendliche machen Sport, weil sie einen Ausgleich wollen. Sie kommen plötzlich in den Rausch des Erfolges und wehe, sie sind dann am Schluss nicht erfolgreich, sei das in einer Mannschaftssportart oder in einer Einzelsportart. Das macht es eben nicht einfacher.
Was ich aber aus dieser Motion herausnehme, ist, dass die Ombudsstelle unter dem Strich eigentlich vom Bund finanziert wird. Sie wird vom Bund mitfinanziert, und natürlich stehen auch die Sportverbände in der Verantwortung. Ich habe grosses Verständnis, Frau Bundesrätin, dass man hier mit einer Ombudsstelle eine Kluft wieder schliessen will, die im Moment wahrscheinlich da ist. Aber dass es dann wirklich das Ei des Kolumbus ist, das glaube ich eben nicht.
Warum glaube ich das nicht? Auch wenn wir eine unabhängige Ombudsstelle haben, frage ich Sie: Was ist unabhängig? Wir brauchen ja in dieser Ombudsstelle Ansprechpersonen, die diese Sportart auch kennen. Wenn am Schluss - und die Schweiz ist halt einfach klein - wieder Leute aus dieser Sportart in der Ombudsstelle sind, dann werden wieder die Eltern kommen und sagen, dass die Ombudsstelle nicht unabhängig sei, weil es eben wieder Leute sind, die ihre Kompetenz aus diesem Sportbereich in der Ombudsstelle darlegen. Sie sehen, es ist also weit komplizierter, als man denkt.
Deshalb glaube ich einfach, es ist unsere Aufgabe, dass wir vielleicht koordinieren. Ich glaube aber nicht, dass eine Ombudsstelle nachher das beste aller Heilmittel ist, mit dem wir alles lösen. Nein, das ist sie nicht. Wir müssen die Eltern in die Verantwortung nehmen; dann machen die Verbände einen grossartigen Job; wir müssen gleichzeitig auch die Athletinnen und Athleten mit auf den Weg nehmen, und was wir insbesondere machen müssen - und das sage ich aus eigener Erfahrung im Pferdesport -, ist, in der Trainerausbildung die sozialen und psychischen Kompetenzen eins zu eins mitzugeben. Aber ich sage es Ihnen hier auch deutsch und deutlich: Ich kann nicht beurteilen, was am Schluss der Trainer in der Trainingshalle, auf dem Fussballplatz oder im Leichtathletikstadion den Athletinnen und Athleten eins zu eins mit auf den Weg gibt. Ein kleines Wort kann einen psychischen Druck auslösen, der vielleicht bei den Eltern ganz anders ankommt als bei der Athletin oder dem Athleten. Deshalb glaube ich, dass wir hier sehr stark in der ethischen, aber auch in der psychologischen Debatte drin sind, und auch der Ehrgeiz der Eltern ist nicht zu vergessen.
Frau Bundesrätin, ich neige wirklich dazu, diese Motion nicht anzunehmen; nicht, weil ich per se dagegen bin, sondern weil ich wirklich grosse Angst und Respekt davor habe, dass wir hier etwas schaffen und den Leuten draussen irgendwo sagen, dass wir jetzt das Heilmittel gefunden haben, aber dann früher oder später damit beschäftigt sein werden, dass diese Ombudsstelle, auch wenn sie unabhängig ist, nicht den Nutzen bringt. Den Nutzen bringt sie nur dort, wo wir die Trainer, die Funktionäre und die Verbände damit beauftragen, spezifisch für ihre einzelnen Sportarten Lösungen zu erarbeiten.
Graf Maya · Mit-F · Ständerat · Basel-Landschaft · Grüne Fraktion
Ich möchte Sie gerne zur Motion zurückführen. Wir haben jetzt von vielen Aspekten gehört, die im Schweizer Sport auch noch angegangen werden müssen, aber selbstverständlich von den dort Verantwortlichen. Ich finde es sehr gut, dass Sie auch die Eltern erwähnt haben. Selbstverständlich sind die Eltern wie auch die Leiterinnen und Leiter in den verschiedenen Sportorganisationen extrem wichtig. Jeder und jede hat ihren Beitrag zu leisten.
Ich bin auch überhaupt nicht der Ansicht, dass das eine Mann-Frau-, Frau-Mann-Diskussion ist. Es ist im Ansatz eine emotionale Diskussion, aber sie ist auch sehr sachlich, denn wir alle sind uns einig: Wir wollen fairen Sport, und in diesem fairen Sport darf es keine Kultur der Unterdrückung geben, wie sie sich in diesen Fällen manifestiert hat, wie es protokolliert wurde. Vor allem in gewissen Sportarten sind die Mädchen und Knaben immer jünger. Es darf nicht passieren - und da beziehe ich die Eltern ein, das ist wahr -, dass die Kinder in ein System geraten, wo es zur Kultur gehört, dass unter Schmerzen trainiert wird und dass nur unter Schmerzen Leistungen erbracht werden können.
Ich denke, wir alle wollen keinen solchen Sport, das haben alle gesagt. Das Erbringen von Leistung soll Freude machen. Das ist unser Ziel. Dieser Vorstoss mit dieser unabhängigen nationalen Anlauf- und Meldestelle ist nicht das Ei des Kolumbus, Herr Müller. Es ist ein Puzzleteil, um zu einer entsprechenden Kultur im Leistungssport zu gelangen. Wir alle wollen den Spitzensport, ich habe mich immer dafür eingesetzt; wir wollen aber auch den Breitensport. Es soll vielen jungen Menschen richtig Freude machen, in den Spitzensport zu investieren und viel Freizeit dafür herzugeben. Die Eltern müssen immer einbezogen werden, denn ohne sie geht es nicht.
Nun haben wir politisch die Möglichkeit, dem Bundesrat den Auftrag zu geben, die Meldestelle zusammen mit Swiss Olympic und selbstverständlich den involvierten Sportorganisationen aufzubauen. Swiss Olympic ist einverstanden, weil - das müssen wir konstatieren - ihre Idee, dies an die Sportorganisationen zu delegieren, eben nicht funktioniert hat; das ist nicht meine Aussage, das ist die Aussage von Swiss Olympic. Es ist ein kleiner Teil betroffen, und Sie haben es vielleicht gehört: In der Zwischenzeit haben sich aber viele Sportlerinnen organisiert. Sie stellen noch andere, weitergehende Forderungen, die in dieselbe Richtung gehen: Sie wollen einen fairen Sport, der allen mit gleichen Chancen offensteht, um gemeinsam unseren Schweizer Sport vorwärtszubringen. Ich bitte Sie in diesem Sinne, der Motion zuzustimmen.
Sie haben auch noch gesagt, Herr Noser - ich hoffe, Sie haben es gesagt, sonst korrigieren Sie mich -, der Bund müsse hier nicht die Verantwortung übernehmen. Doch, wir haben eine Verantwortung. Der Bund unterstützt diesen Bereich mit sehr viel Geld, zu Recht, das habe ich immer befürwortet. Wir finanzieren den Schweizer Sport mit grossen Summen. Wir haben es jetzt auch in der Krise getan. Daher tragen wir auch eine Verantwortung, zum Beispiel dafür, ob die Ethik-Charta umgesetzt wird und ob wirklich die vorgegebenen Regeln für die finanziellen Mittel, die wir zu Recht einsetzen, eingehalten werden.
Ich möchte Sie daher wirklich darum bitten, hier nicht nur ein Zeichen zu setzen - ich finde, Zeichen setzen alleine reicht nicht -, sondern dem Bundesrat die Möglichkeit zu geben, zusammen mit den Verantwortlichen diese Anlauf- und Meldestelle für alle aufzubauen. Es wäre ein sehr wichtiges Signal, auch an all die jungen Männer und Frauen, die sich melden sollten - und ich denke, sie werden sich auch melden, wenn die Politik hier aktiv wird -, wenn es irgendwo Schwierigkeiten geben sollte; das ist einfach sehr, sehr wichtig.
Germann Hannes · Mit-M · Ständerat · Schaffhausen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Ich danke für die offene Debatte. Sie ist so, wie wir sie eigentlich auch in der Kommission geführt haben. Es gibt natürlich tatsächlich alles, Für und Wider. Wir sind in einem ganz schwierigen Umfeld, in einem Spannungsfeld.
Ich ergreife das Wort, weil die Eltern angesprochen worden sind. Ja, es ist der Kommission selbstverständlich auch klar, dass die Eltern eine wichtige Rolle spielen. Eigentlich hat es aber auch Herr Müller erwähnt, obwohl er sich dagegen ausgesprochen hat: Die Eltern sind natürlich ein wichtiger Part, sie können aber auch das Problem sein. Vielleicht sind sie es auch hie und da, weil sie zu oft wegschauen oder weil sie zu grossen Druck aufbauen und gar nicht wissen wollen, was läuft. Sie müssen wissen, dass die Athletinnen dann, wenn sie im Intensivtraining sind, nicht täglich zuhause sind. Das Feedback hat man halt nicht immer. Dieses Spannungsfeld zwischen Eltern und Kindern bleibt natürlich.
Wir reden aber nicht nur von Kindern. Wir reden primär von Athletinnen und Athleten. Die Athletinnen können junge Mädchen sein, es können aber auch junge Frauen oder Frauen sein, wie es bei den Männern jugendliche oder erwachsene Spitzensportler sein können.
Diesen Widerspruch bzw. dieses gesamte Spannungsfeld können wir natürlich nicht ändern, das ist natürlich so.
Noch eine Randbemerkung auf die Hinweise zu den Hundekursen: Ich weiss nicht, ob es letztlich eine gute Idee gewesen ist, das so schnell wieder abzuschaffen, wo doch die Zahl der Bissunfälle dramatisch zunimmt. Ich wäre da etwas vorsichtig. Zum Pferdesport, den auch ich liebe und mag - bei uns zuhause reiten alle -, noch dies: Ich bin manchmal froh, dass die Pferde an diesen Anlässen nicht sprechen können. Wir würden wahrscheinlich ob dem erschrecken, was das eine oder andere Pferd zu erzählen hätte. Das nur eine kleine Randbemerkung. Auch dort hat der Spitzensport eben seinen Preis.
Es ist jetzt noch die Frage aufgeworfen worden, wer zahle oder wer zuständig sei. So explizit hat die Kommission die Diskussion nicht geführt. Wir haben aber bewusst Offenheit signalisiert, auch mit Swiss Olympic zusammenzukommen und Lösungen zu entwickeln, wie sich eine solche Ombudsstelle sinnvollerweise aufbauen liesse. Hier sollte man sich, denke ich, wirklich finden können. Es ist nämlich ganz richtig, was Frau Graf gesagt hat: Wir von der Eidgenossenschaft stehen sehr wohl auch in der Verantwortung. Wir geben Geld aus, viel Geld, und sind stolz, dass wir Magglingen haben. Wir sind dann aber nicht stolz, wenn sich dort Dinge ereignen, die weder Magglingen noch sonst jemand von uns will. Darum haben wir diese Möglichkeit geschaffen.
Sehen Sie, noch etwas: Wenn man sich bei der Spitze des Verbands oder bei der Meldestelle beschwert, wird das zurückgespielt, sodass als Nächstes der Athlet oder die Athletin dann nicht mehr Mitglied des Kaders ist oder er oder sie zwar beim Training anwesend sein darf, aber keines Blickes mehr gewürdigt wird usw. Solches kann sich eben auch abspielen. Daher ist, meine ich, eine gewisse Unabhängigkeit nicht nur wünschbar, sondern geradezu notwendig.
Weil wir in der Kommission diesen Handlungsbedarf sehen und wir anerkennen, dass unsererseits auch Verantwortung zu tragen ist, und weil wir gegenüber der Einrichtung dieser Institution offen eingestellt sind, wäre es richtig, diese Motion jetzt anzunehmen. Denken Sie einfach daran, welches Signal wir senden würden, wenn wir das ablehnen würden.
Amherd Viola · BR-F · Bundesrat · Wallis
Ich war nach der Lektüre der Magglingen-Protokolle sehr betroffen. Es ist für mich unverständlich, dass in der Schweiz Trainingsmethoden angewendet werden, die mich an eigentlich längst vergangene Zeiten erinnern. Es verschlägt einem die Sprache, wenn man hört, dass Kinder und Jugendliche mit massivem psychischem Druck zu Höchstleistungen getrieben werden. Das darf nicht sein.
Aus diesem Grund habe ich den Auftrag erteilt, eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle vorzunehmen. Der Bericht soll eine Aufarbeitung beinhalten, soll aber auch mögliche Instrumente vorschlagen, wie man in Zukunft solche Fälle verhindern kann. Es ist uns klar, das wurde auch jetzt in der Debatte gesagt, dass eine Meldestelle natürlich nicht ausreicht. Es braucht verschiedene Massnahmen, die man treffen muss, dass man beispielsweise ein Früherkennungssystem einführt, damit man wirklich kontrollieren kann, ob die bestehende Ethik-Charta auch umgesetzt wird. In der Trainer- und Trainerinnen-Ausbildung wird in diesem Bereich bereits viel gemacht. Aber gibt es da noch Verbesserungsmöglichkeiten? All das muss angeschaut werden. Es gibt verschiedene Ansatzpunkte: Sollen die Verbände nur nach sportlichen Erfolgen finanziert werden? Auch diese Frage muss untersucht werden. Muss nicht auch die Komponente der Ethik bewertet werden und nicht nur die Medaillenränge? All das soll auch Teil dieser Untersuchung sein.
Damit wir uns richtig verstehen: Spitzensport verlangt den vollen Einsatz. Athletinnen und Athleten müssen auf viele Annehmlichkeiten verzichten, die andere Gleichaltrige haben. Es darf jedoch nicht sein, dass Höchstleistung mit einer unmenschlichen Trainingsgestaltung angestrebt wird. Kinder und Jugendliche müssen ihrem Alter entsprechend behandelt werden.
Nous soutenons généreusement le sport au moyen de fonds publics. Cela est justifié, car le sport déploie de multiples effets positifs, mais nous attendons aussi, en contrepartie, que les valeurs figurant dans la charte éthique soient respectées et défendues. La charte pose le principe essentiel selon lequel les mesures permettant d'atteindre les objectifs sportifs ne doivent nuire ni à l'intégrité physique ni à l'intégrité psychique des sportives et des sportifs. Les fédérations sportives sont tenues de veiller et d'agir en conséquence. Il convient de réagir rapidement en cas d'irrégularité. Il est donc nécessaire de mettre en place un centre d'aide ou un service indépendant de signalement des abus.
Es ist für mich klar, dass es eine Meldestelle braucht. Das BASPO hat Swiss Olympic schon vor mehr als einem Jahr beauftragt, eine solche nationale Meldestelle aufzubauen; die Arbeiten dazu laufen.
Die Motion, die von der WBK erarbeitet wurde, lässt offen, wie eine solche Stelle konkret aufgebaut werden soll. Das belässt uns den notwendigen Spielraum, um auch die Rolle des Bundes festzulegen. Es ist klar, dass der Bund, das heisst das BASPO, beim Aufbau der Stelle mitwirken und Unterstützung leisten muss. Bis anhin hat es der Sport nicht alleine geschafft, eine nationale unabhängige Meldestelle zu installieren. Deshalb braucht es hier den Bund. Der Sport hat zunächst die dezentrale Methode - wenn ich das so sagen darf - angestrebt: Er hat gesagt, jeder Verband solle für sich eine Meldestelle aufbauen. Das wurde von vielen Verbänden gemacht, jedoch noch nicht von allen. Aber eben: Das funktioniert offenbar zu wenig. Deshalb sind wir der Meinung, dass hier Handlungsbedarf besteht.
Wenn jetzt der Bund diese Arbeiten unterstützt, stehen Fragen im Zusammenhang mit den Kompetenzen einer Meldestelle im Vordergrund: Kann sie durchgreifen oder kann sie nur Meldungen entgegennehmen? Letzteres würde wahrscheinlich wenig nützen. Das muss man genau studieren und anschauen. Dann geht es natürlich auch um die Festlegung der finanziellen Ausgestaltung. Allenfalls ist es möglich, dass sogar rechtliche Grundlagen auf Bundesebene angepasst werden müssen. Es ist jetzt in diesen Arbeiten enthalten, dass man das anschaut.
Die Motion schreibt auch nicht vor, wie die Finanzierung, wie die Organisation, wie die Struktur einer solchen Meldestelle aussehen muss. Die Partner, die hier zusammenarbeiten müssen - insbesondere Swiss Olympic und das BASPO -, sind in der Festlegung, was sinnvoll ist, frei. Der Bundesrat ist überzeugt, dass es eine unabhängige Meldestelle braucht und dass wir diese Arbeiten fortführen müssen.
Abschliessend kann ich sagen: Wie auch immer Ihr Rat jetzt entscheidet, ob er die Motion annimmt oder ablehnt, die Arbeiten sind am Laufen. Für uns ist klar, dass der Bund gemeinsam mit Swiss Olympic mit Hochdruck vorangehen und in Richtung dieser unabhängigen Meldestelle arbeiten muss - ich habe gesagt, sie müsse am 1. Januar 2022 in Betrieb sein. Diese Arbeiten müssen weitergeführt werden können. Das geschieht auch im Wissen, dass das nur ein Teil eines gesamten Massnahmenpaketes ist. Wir vom Departement und ich persönlich sind sehr interessiert daran, dass wir hier gute Lösungen finden.
Abstimmung
Abstimmung - Vote
Für Annahme der Motion ... 26 Stimmen
Dagegen ... 17 Stimmen
(1 Enthaltung)