22.4464
Sprachenvielfalt der Schweiz stärken. Auch im Nationalrat
Candinas Martin · P-M · Nationalrat · Graubünden · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP.
Antrag der Mehrheit
Ablehnung der Motion
Antrag der Minderheit
(Aeschi Thomas, Büchel Roland)
Annahme der Motion
Proposition de la majorité
Rejeter la motion
Proposition de la minorité
(Aeschi Thomas, Büchel Roland)
Adopter la motion
Reimann Lukas · Mit-M · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Das Schweizerdeutsche ist für uns die Muttersprache, es ist für uns aber auch Identität. Es stellt für uns viel dar, es stellt die Vielfalt der Schweiz, die verschiedenen Regionen, dar. Ich glaube, wenn jemand volksnah zu den Bürgerinnen und Bürgern sprechen will, dann spricht er im Dialekt. Die Dialekte prägen den Charakter, sie sind Ausdruck und Symbol der Schweiz. Nichts drückt die Vielfalt unseres Landes besser aus. Die Dialekte prägen. Dialekte müssen auch weiterentwickelt werden. Wenn man etwas weiterentwickeln will: Wo, wenn nicht in diesem Parlament, soll das möglich sein?
Ich staune etwas über das Büro und seine Antwort, in der gesagt wird, man könne das nicht machen, das sei sehr kompliziert, auch wegen der Übersetzungen. Da muss ich dem Büro sagen, dass es in den Nachhilfeunterricht in den Grossen Rat des Kantons Bern gehen könnte. Der Grosse Rat des Kantons Bern hat seit Langem ein zweisprachiges Parlament: Man spricht schweizerdeutsch und französisch. Das funktioniert beim Protokollieren - sogar mit Spracherkennung -, das funktioniert bei der Übersetzung, und das ist in diesem Sinne kein Problem. Im Kanton Luzern sind Schweizerdeutsch und Hochdeutsch möglich, so wie ich das hier als Möglichkeit beantrage. Gemäss Staatskanzlei des Kantons Luzern nutzen 70 Prozent der Kantonsräte Schweizerdeutsch und nur 30 Prozent Hochdeutsch. Auch in den Kantonen Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Glarus, Basel-Landschaft und den beiden Appenzell wird schweizerdeutsch gesprochen.
Ich möchte vielleicht noch eine Person zitieren, nämlich Christiane Brunner, die 1994 in der Debatte zur Verbesserung der Verständigung zwischen den Sprachgebieten Folgendes gesagt hat:
"[...] les Romands, d'autre part, doivent accepter que le schwytzertütsch est la langue maternelle des compatriotes alémaniques et l'expression de leur culture propre, je trouve qu'il y a une contradiction massive entre ces deux conclusions. Pour ma part, j'estime que les Suisses romands devraient apprendre le suisse alémanique." (BO 1994 N 383)
Mesdames et Messieurs les députés romands, le suisse alémanique, pour parler, est bien plus facile que l'allemand. Cette langue n'a que deux temps.
Später sagt sie auf Schweizerdeutsch: "Wül ich jetz vo Schwytzerdütsch gredt han, will ich das au no uf Schwytzerdütsch säge. Grad do inne im Saal, dr Herr Borer Roland het's scho gseit, het's en Röschtigrabe. Ich weiss nöd, wer emol bestimmt hät, dass d'Dütschschwytzer uf dr einte und d'Welschschwytzer uf dr andere Syte sölled sitze [...]." (AB 1994 N 383) Uf jede Fall söllemer schwyzerdütsch und französisch rede. Das sind die Worte von Christiane Brunner.
Auch im Ausland gibt es verschiedene Dialekte, und es käme keinem bayerischen CSU-Abgeordneten in den Sinn, nicht bayerisch zu sprechen. Auch Bayerisch und Schriftdeutsch sind sehr unterschiedlich.
Die Mundart ist die Sprache der ganzen Bevölkerung. Sie ist unabhängig vom gesellschaftlichen Status. Sie wird von allen gesprochen und verstanden, und es ist letztendlich für uns Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer die Sprache, zu der wir eine enge emotionale Beziehungen haben und in der wir uns am differenziertesten ausdrücken können. Zu ihr werden wir immer eine besondere Beziehung und ein besonderes Verhältnis haben.
Standardsprache und Mundart haben beide ihre Bedeutung, ihren Reichtum und ihren sinnvollen Anwendungsbereich. Es zeugt aber von einem Dünkel, wenn behauptet wird, schwierige wissenschaftliche Zusammenhänge könnten nur in der Standardsprache ausgedrückt werden. Das stimmt nicht. Schweizerdeutsch und die Mundarten sind so reichhaltig und differenziert, dass mit ihnen alles ausgedrückt werden kann. Wenn aber anderssprachige Leute und Leute, die die Mundart nicht verstehen, anwesend sind, kann man selbstverständlich auch zu Hochdeutsch wechseln, und wir haben ja die Übersetzungen. Das funktioniert im Kanton Bern, und das würde auch hier funktionieren.
Ich freue mich über Ihre Zustimmung.
Marra Ada · Mit-F · Nationalrat · Waadt · Sozialdemokratische Fraktion
Cher collègue, vous êtes convaincu que les Romands devraient apprendre le suisse allemand. Ne croyez-vous pas que les Suisses allemands devraient apprendre le français?
Reimann Lukas · Mit-M · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Je suis d'accord avec vous. Nous devrions comprendre le français, mais je ne veux pas le parler, parce que ce n'est pas joli. (Hilarité)
Je n'ai pas dit que les Romands devaient apprendre le suisse allemand, j'ai dit que Christiane Brunner l'avait dit en 1994.
Weber Céline · Mit-F · Nationalrat · Waadt · Grünliberale Fraktion
Cher collègue, pour savoir comment voter, que conseilleriez-vous aux Suisses romands d'apprendre: le "Bärndütsch" ou le "Oberwalliserditsch"?
Reimann Lukas · Mit-M · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Es wird ja auch an den Schulen so gehandhabt, dass man im Deutschunterricht noch ein paar Lektionen Schweizerdeutsch hat. Ich finde es schon wichtig, dass man auch Schweizerdeutsch verstehen kann und nicht nur das Schwabendeutsch.
Addor Jean-Luc · Mit-M · Nationalrat · Wallis · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Une petite question non polémique, cher collègue: si nos collègues alémaniques s'expriment à la tribune en "Schwyzerdütsch" - encore faut-il savoir lequel - dans quelle langue le mémorial sera-t-il rédigé? (Zwischenruf Reimann Lukas: Was ist "mémorial"?) Le Bulletin officiel. (Hilarité)
Reimann Lukas · Mit-M · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Ich habe ja heute aus dem Protokoll von 1994 zitiert. Das ist alles schön in Schweizerdeutsch aufgeschrieben, und das wird, soviel ich weiss, auch im Kanton Bern so gehandhabt, sogar mit Computererkennung.
Regazzi Fabio · Mit-M · Nationalrat · Tessin · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP.
Collega Lukas Reimann, nel suo atto parlamentare parla di "rafforzare la pluralità linguistica della Svizzera". Ora, prima di imporre a noi di comprendere lo svizzero tedesco non sarebbe il caso che lei impari non dico il dialetto ticinese ma almeno l'italiano?
Reimann Lukas · Mit-M · Nationalrat · St. Gallen · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Ich möchte einfach Folgendes betonen: Die Romands und die Tessiner sind wichtig, sie gehören dazu. Das richtet sich nicht gegen sie, sondern es ist für uns wichtig, dass auch wir unsere Dialekte pflegen und ausüben können.
Candinas Martin · P-M · Nationalrat · Graubünden · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP.
Präsident (Candinas Martin, Präsident): Wenn Sie eine schöne Sprache sprechen möchten, können Sie auch Rätoromanisch lernen, Herr Reimann. (Heiterkeit)
Aeschi Thomas · Mit-M · Nationalrat · Zug · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Ich bitte Sie, diese Motion unseres Ratskollegen Reimann Lukas zu unterstützen. Ich bin überzeugt, er meinte nicht, dass Französisch keine schöne Sprache sei, sondern er meinte, dass seine Aussprache des Französischen eben nicht so schön tönen würde. Deshalb hat er Ihnen nahegelegt, dass seine Aussprache auf "Schwyzerdütsch" schöner wäre, als wenn er mit seinem Dialekt Französisch spricht.
An die Adresse unserer Kollegin aus dem Waadtland: Sie haben ja einen Zuger Elternteil, dann würden Sie natürlich "Zugerdütsch" sprechen, wenn Sie hier Schweizerdeutsch sprechen würden.
Ich bin überzeugt, es wäre möglich, es würde gehen; wir haben ja unterdessen sehr gute Spracherkennungssoftware. Entsprechend wäre es mit Sicherheit möglich, das so abzudrucken. Es liegt jetzt in Ihren Händen, hier richtig abzustimmen.
Ich danke Ihnen für die Unterstützung dieser Motion.
Bühler Manfred · Mit-M · Nationalrat · Bern · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Kollege Reimann sagte, das Tagblatt des Grossen Rates des Kantons Bern sei in Schweizerdeutsch verfasst. Dem ist nicht so, ich habe das noch kontrolliert. Es wird schriftlich in Hochdeutsch festgehalten. Können Sie das bestätigen?
Aeschi Thomas · Mit-M · Nationalrat · Zug · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Ich habe keine Ahnung, wie das Tagblatt des Grossen Rates des Kantons Bern verfasst ist.
Matter Thomas · Mit-M · Nationalrat · Zürich · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Herr Kollege Aeschi, ist es nicht so, dass die Romands in ihrer Muttersprache sprechen und schreiben können, die Ticinesi in ihrer Muttersprache sprechen und schreiben können und wir "Suisses totos" unsere Sprache verstellen müssen? Ist das nicht so?
Aeschi Thomas · Mit-M · Nationalrat · Zug · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Das ist die Tragik, und deshalb möchte ich Ihnen beliebt machen, der Motion zuzustimmen.
Candinas Martin · P-M · Nationalrat · Graubünden · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP.
Präsident (Candinas Martin, Präsident): Herr Aeschi beantwortet keine weiteren Fragen.
Bregy Philipp Matthias · Mit-M · Nationalrat · Wallis · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP.
Je vous donne la preuve que ce n'est pas possible.
Fascht üsser Atu heintsch alli glosut,
was ds Tunisch Ettro da tschudlut;
und ds Tschifra-Muri het nimu gitosut,
und ds Kathri unner ds Chritz schi gstellt.
Und d'Müehma Sänza faht schwär a churru,
sälbscht d'Luwisa äschubleichi chunt;
wa's z'glicher Zit vam Chilchuturru
grad zwelfi schlaht, zer Geischterstund!
Was Moritz Gertschen in seinem Gedicht "Abusitz" geschrieben hat, tönt schön. Es stammt aus der Chronik zum 100-jährigen Jubiläum des St. Jakobsvereines, verfasst von Stefan Eggel. Für unsere tägliche Arbeit ist es aber nicht geeignet. Ihr Büro hat diese Frage geklärt und die Motion Reimann Lukas 22.4464 mit 11 zu 2 Stimmen bei 0 Enthaltungen abgelehnt.
Ich sage Ihnen auch noch, warum wir zu dieser Entscheidung gekommen sind - nicht, weil dieses Gedicht nicht schön wäre, sondern weil es Gründe gibt. Ich selbst stamme aus einem zweisprachigen Kanton, in dem die Deutschsprachigen die Minderheit stellen. Ich weiss, dass selbst die Romands verschiedene Patois sprechen. Ich kann Ihnen sagen, dass sie für einen Deutschsprechenden bedeutend unverständlicher sind als das Oberwalliserdeutsch. So kann man miteinander nicht kommunizieren; es braucht einen gemeinsamen Nenner. Im zweisprachigen Kanton Wallis ist es selbstverständlich, dass die Romands Französisch und die Deutschsprachigen Deutsch sprechen - aber eben: ein gutes Französisch, ein gutes Hochdeutsch, damit man einander versteht. Ich mag die verschiedenen Dialekte, mir sind sie sympathisch, abends beim Bier. Gleich geht es den anderen Mitgliedern des Büros. Wenn wir aber hier drinnen seriöse Arbeit leisten wollen, müssen wir uns auf einen Nenner einigen, der es den Medien, der Übersetzung, den Zuschauerinnen und Zuschauern ermöglicht, die Kommunikation nachzuverfolgen. Es hat auch mit Respekt zu tun, seine Sprache so anzupassen, dass sie nicht nur schön, sondern auch verständlich tönt.
Aus diesem Grunde, aus den Erfahrungen heraus, die wir in zweisprachigen Kantonen wie dem Kanton Wallis haben, bitten wir Sie vonseiten des Büros, die Motion abzulehnen - nicht, weil uns das schöne St.-Galler-Deutsch von Lukas Reimann nicht gefallen würde, sondern weil wir möchten, dass wir - Romands, Ticinesi, Bündner wie auch Deutschschweizer - uns verstehen und uns einer Sprache bedienen, die für alle verständlich ist.
In diesem Sinne danke ich Ihnen, wenn Sie Ihrem Büro folgen und den Vorstoss ablehnen.
Candinas Martin · P-M · Nationalrat · Graubünden · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP.
Präsident (Candinas Martin, Präsident): Die Mehrheit des Büros beantragt die Ablehnung der Motion. Eine Minderheit Aeschi Thomas beantragt die Annahme der Motion.
Abstimmung
Abstimmung - Vote
Für Annahme der Motion ... 20 Stimmen
Dagegen ... 164 Stimmen
(2 Enthaltungen)